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Roman
Der Roman ist eine literarische Gattung, und zwar die Langform der schriftlichen Erzählung. Das Wort Roman ist ein Lehnwort aus dem Französischen [1] und …
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Begriff und Grundmerkmale
Der Roman ist eine literarische Gattung und die Langform der schriftlichen Erzählung. Seit dem 17. Jahrhundert meint „Roman“ vor allem Prosatexte; zuvor war für solche Werke häufig das Wort „Historie“ üblich. Eine genaue Definition ist schwierig, weil der Roman in der antiken Gattungslehre nicht vorkam und bis heute viele Formen aufnehmen kann.
In der Romantheorie gelten zwei Grundannahmen: Erstens ist der Roman eine Synthese verschiedener Gattungen, weil es außer der Prosaform kaum feste formale Vorgaben gibt. Zweitens verändert sich der Roman ständig, weil er offen gegenüber anderen Formen und Genres ist.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Geschichtsschreibung: Der Roman ist in der Regel fiktional, also künstlerisch erfunden, während faktuale Erzählungen ein wirkliches Geschehen möglichst getreu darstellen wollen. Diese Unterscheidung wurde erst im 18. Jahrhundert klarer. Vor 1700 konnten Romane noch als Schlüsselromane oder „Historia“ auftreten und mit einem gewissen historischen Anspruch gelesen werden.
Typisch für den Roman sind oft private Stoffe und subjektive Erzählpositionen. Bis ins 18. Jahrhundert waren Liebesgeschichten besonders prägend; weitere private Stoffe finden sich etwa im Schelmenroman und im satirischen Roman. Von Novelle, Märchen, Legende und Kurzgeschichte unterscheidet sich der Roman vor allem durch seine Länge und dadurch, dass er eine kontingente, also offene und nicht fest geordnete Welt darstellen kann. Anders als das Epos setzt er keinen für alle gültigen Sinnhorizont voraus, sondern zeigt Welt aus der Erfahrung einzelner Menschen.
Entstehung und frühe Formen
Romanhaftes Erzählen gab es schon früh in vielen Hochkulturen, etwa in Japan, China, Indien und im arabisch-orientalischen Kulturkreis. Beispiele sind die Genji Monogatari aus dem 11. Jahrhundert von Murasaki Shikibu, Ḥayy ibn Yaqẓān von Ibn Tufail vor 1185 und die Geschichte der Drei Reiche von Luo Guanzhong. Für die Entwicklung des modernen europäischen Romans waren diese Traditionen und auch der antike Roman jedoch zunächst weniger wichtig als das antike Epos.
Im europäischen Mittelalter bezeichnete das altfranzösische Wort „romanz“ seit dem 12. Jahrhundert Erzählungen in romanischer Volkssprache. Diese Texte waren noch häufig in Versen geschrieben. Nordfrankreich wurde mit Werken wie dem Roman de Thèbes, Roman d’Énéas, Roman de Troie und Roman d’Alexandre zu einem wichtigen Zentrum. Später verbreiteten sich Stoffe wie Tristan, Artus und der Gral. Höfische Liebesbeziehungen, Abenteuer und Prüfungen des Helden waren zentrale Motive.
Vom 13. Jahrhundert an entstanden Prosavarianten wie Prosa-Lancelot, Prosa-Perceval und Prosa-Tristan. Parallel entwickelte sich die Novelle als kurze Erzählform. Bedeutende Erzählzyklen wie Boccaccios Decamerone und Chaucers Canterbury Tales verbanden einzelne Geschichten durch eine Rahmenhandlung. Die Novelle arbeitete stärker mit Anlass, Pointe, Intrige und Kommentaren über das Erzählen selbst. Sie wurde dadurch eine realistischere Alternative zur älteren Versromanze.
Der frühe Buchdruck veränderte den Markt. Billige Historien, Rittererzählungen, Schelmengeschichten wie Till Eulenspiegel, Heiligenlegenden und erbauliche Fiktionen erreichten neue Lesergruppen. Diese später als „Volksbücher“ bezeichneten Titel bildeten jedoch nicht einfach den Ursprung moderner Trivialliteratur. Sie waren ein eigenes Marktsegment, das im Übergang zum 19. Jahrhundert weitgehend verschwand.
Roman, Novelle und Öffentlichkeit bis 1800
Zwischen 1600 und 1750 entstanden wichtige Untergattungen. Der höfisch-historische Roman reagierte auf die Kritik am Amadis-Roman: Die Handlung sollte wahrscheinlicher wirken, indem sie sich stärker an historischen Ereignissen orientierte. Gleichzeitig übernahm diese Form oft die große Länge älterer Romane. Im 17. Jahrhundert wurden galante Umgangsformen, Briefe, Reden und Dialoge zu wichtigen Verkaufsargumenten, besonders für ein gebildetes städtisches Publikum.
Satirische Romane und Romansatiren knüpften an antike Satiren, mittelalterliche Schwankgeschichten und Schelmenfiguren an. Beispiele sind Lazarillo de Tormes, Grimmelshausens Abenteuerlicher Simplicissimus und Cervantes’ Don Quixote von 1605 und 1615. Solche Texte stellten gesellschaftliche Laster bloß, verspotteten ältere Heldenmuster und zeigten Figuren, die häufig aus einfachen Milieus stammen oder durch wechselnde Rollen überleben.
Die Novelle wurde im 17. Jahrhundert zu einer wichtigen Alternative zum langen Roman. Sie war kürzer, pointierter und stärker auf ein Beispiel, eine überraschende Wendung oder eine moralische Beobachtung ausgerichtet. Cervantes’ Novelas exemplares von 1613 standen für diesen Anspruch. Im Englischen setzte sich später „novel“ als allgemeiner Begriff für den Roman durch, während „romance“ stärker mit abenteuerlicher und erfundener Erzählkunst verbunden blieb.
Im 17. und frühen 18. Jahrhundert überschritten Romane häufig die Grenze zur Historie. Schlüsselromane konnten scheinbar erfunden sein, aber reale Personen und Ereignisse meinen. Andere Werke, etwa Defoes Robinson Crusoe von 1719, traten als wahre Geschichte auf, wurden aber als Roman gelesen. Gerade diese Unsicherheit machte den Roman zu einem Medium für Skandal, Kritik und politische Andeutungen.
Im 18. Jahrhundert stieg die Romanproduktion deutlich. Bis in die 1730er erschienen in Sprachen wie Deutsch und Englisch jährlich etwa 20 bis 60 Romane; ab etwa 1750 wuchs der Markt stark. Zugleich gewann der Roman gesellschaftliche Anerkennung. Moralische Wochenschriften und Literaturzeitschriften kritisierten und reformierten ihn. Der Roman wurde vom skandalösen Seitenzweig historischer Erzählungen zu einem Medium der öffentlichen Sittenreform und der privaten Lektüre.
Aufklärung, Empfindsamkeit und Nationalliteratur
Ende des 17. und im 18. Jahrhundert entstand ein Kanon von Klassikern. Huets Traitté de l’origine des romans von 1670 spielte dabei eine wichtige Rolle, weil es Romane verschiedener Zeiten und Kulturen als deutbare fiktionale Werke verstand. Antike und internationale Texte wie Heliodor, Petron, Lucian und die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht wurden nun als Klassiker gelesen. Fénelons Telemach galt als Beispiel dafür, dass der Roman das moderne Gegenstück zum Epos werden konnte.
Die Reform des Romans im 18. Jahrhundert hing eng mit Aufklärung und Empfindsamkeit zusammen. An die Stelle von Figuren, die vor allem ihren Ruf verteidigen und geschickt mit Geheimnissen umgehen, traten empfindsame Figuren, die Scham, Offenheit, Vertrauen und moralisches Gefühl zeigen. Samuel Richardsons Pamela or Virtue Rewarded von 1740/41 stellte exemplarisch eine tugendhafte Heldin in den Mittelpunkt und verband Unterhaltung mit moralischer Belehrung.
Dadurch entstanden neue Interessen: Psychologie, Entwicklung, Kindheit und Jugend wurden zu wichtigen Themen. Bildungs- und Entwicklungsromane untersuchten, wie Menschen reifen und wie sie sich zur Gesellschaft verhalten. Goethes Werther von 1774 wurde ein europäischer Maßstab für den tragischen Helden, dem die Integration in gesellschaftliche Verhältnisse misslingt.
Der Roman wurde im 18. Jahrhundert auch eine experimentelle Textform. Philosophische Romane wie Voltaires Zadig von 1747 und Candide von 1759 sowie Rousseaus Émile von 1762 zeigten, dass philosophische Fragen im Roman verhandelt werden konnten. Laurence Sternes Tristram Shandy von 1759 bis 1767 brach spielerisch mit fortlaufender Handlung, Erzählerrolle und Buchgestaltung.
Zwischen 1780 und 1860 wurde der Roman Teil der Nationalliteraturen. Literatur wurde nun im modernen Sinn als Bereich fiktionaler und poetischer Schriften verstanden. Seit den 1830er Jahren wurde sie in Westeuropa als Unterrichtsgegenstand institutionalisiert. Romane erhielten dadurch eine neue Rolle: Sie konnten nationale Identität mitprägen, in Literaturgeschichten kanonisiert werden und im Schulunterricht behandelt werden. Zugleich entstand ein modernes literarisches Leben mit Rezensionen, Autorenlesungen, Urheberrecht, literarischen Karrieren und öffentlicher Kritik.
Moderne Entwicklungen und Genres
Im 19. Jahrhundert setzte sich der Roman intensiv mit Gesellschaft und Geschichte auseinander. Der historische Roman, besonders seit Walter Scotts Waverley von 1814, wollte Fiktion in das kollektive Geschichtsbewusstsein einbringen. Romane machten historische und soziale Prozesse als individuelles Erleben erfahrbar: Dickens zeigte Kinderarbeit, Zola die Proletarisierung der Großstädte, Tolstoi in Krieg und Frieden von 1868/69 persönliche Schicksale im Zusammenhang militärischer Konflikte, Harriet Beecher-Stowe in Uncle Tom’s Cabin von 1851/52 die Sklaverei.
Der Roman wurde außerdem zur Gattung subjektiven Erlebens. Seit dem späten 18. und besonders im 19. und 20. Jahrhundert rückten individuelle Wahrnehmung, innere Konflikte und die Spannung zwischen Einzelperson und Gesellschaft stärker ins Zentrum. Bildungsromane wie Goethes Wilhelm Meister und Gottfried Kellers Grüner Heinrich zeigen diesen Weg. Im 20. Jahrhundert führten Autorinnen und Autoren wie Virginia Woolf und James Joyce neue Erzählweisen wie den stream of consciousness ein, der Gedanken und Empfindungen möglichst unmittelbar darstellen soll.
Im 20. und 21. Jahrhundert blieb der Roman weltweit bedeutsam. Trotz Konkurrenz durch Fernsehen, Kino, Internet und Videospiele florierte er weiter. Romane spielten in politischen Konflikten eine wichtige Rolle, etwa bei den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen 1933, bei Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch von 1962 oder bei Salman Rushdies Satanischen Versen von 1988. Der Roman verbindet private Lektüre mit öffentlicher Debatte: Er wird allein gelesen, kann aber durch Kritik, Preise, Schule, Medien und Politik große gesellschaftliche Wirkung entfalten.
Der moderne Buchmarkt zeigt die wirtschaftliche Bedeutung der Gattung. In Großbritannien erschienen 2001 insgesamt 119.001 Titel; der Roman hatte daran 11 %. 1986 erschienen dort 5.992 Romane, 2001 waren es 13.076. Nach Nielsen BookScan kamen 2008 in Großbritannien geschätzt 236,8 Millionen Bücher in den Druck; Romane für Erwachsene machten mit 75,3 Millionen Büchern 32 Prozent aus.
Seit dem 20. Jahrhundert lassen sich drei große Bereiche unterscheiden: experimentelle Romane, die mit Literaturtheorie und Erzählformen arbeiten; Romane, die öffentliche Debatten auslösen; und Belletristik beziehungsweise Trivialliteratur, die vor allem direkt ein großes Publikum erreicht. Trivialliteratur umfasst strukturierte Genres wie Arzt-, Heimat-, Berg-, Abenteuer-, Spionage-, Liebes- und Kriminalroman; der größte Umsatz wird mit Liebesromanen gemacht. Die Grenzen zwischen hoher Literatur und Trivialliteratur werden vor allem durch Literaturkritik und Literaturwissenschaft mitbestimmt.
Zu den vielen Gattungen und Genres des Romans zählen unter anderem Abenteuerroman, Bildungsroman, Briefroman, Detektivroman, Dokumentarroman, Fantasyroman, Gesellschafts- oder Sozialroman, historischer Roman, Horrorroman, Jugendroman, Kriminalroman, Liebesroman, psychologischer Roman, Schauerroman, Schelmenroman, Science-Fiction-Roman, Spionageroman, Thriller, utopischer Roman und Zeitroman.
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