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Dependenztheorie
Dependenztheorie. insbesondere in den 1960er und 1970er Jahren stark von lateinamerikanischen Linken vertretene Theorie über die Abhängigkeitsbeziehungen …
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Grundidee der Dependenztheorie
Die Dependenztheorie bezeichnet eine seit Mitte der 1960er Jahre, zunächst in Lateinamerika entwickelte Gruppe verwandter Entwicklungstheorien. Ihr Kern ist die Annahme hierarchischer Abhängigkeiten zwischen Industrieländern als „Metropolen“ und Entwicklungs- bzw. Rohstoffländern als „Peripherien“. Diese Abhängigkeiten begrenzen nach dieser Sicht die Entwicklungsmöglichkeiten der Dritten Welt.
Anders als Modernisierungstheorien erklärt sie Unterentwicklung nicht hauptsächlich durch innere Ursachen wie Kapitalmangel, kulturelle Einstellungen oder traditionelle Prägungen. Entscheidend seien äußere, dauerhaft wirkende Strukturen der Weltwirtschaft: Entwicklungsländer hätten darin eine nachrangige Position, während die Metropolen profitieren. Unterentwicklung gilt somit nicht als bloßes Zurückbleiben auf einem gemeinsamen Entwicklungsweg, sondern als Folge des internationalen Wirtschaftssystems.
Abhängigkeit in der Weltwirtschaft
Als historische Ursache gilt vor allem der Kolonialismus. Er habe die Wirtschaft kolonialisierter Gesellschaften auf die Bedürfnisse der Kolonialmächte ausgerichtet und eigenständige Entwicklung blockiert. Nach der Dekolonialisierung bestehe dieses Machtverhältnis fort: Ehemalige Kolonialregionen blieben wirtschaftliche Peripherien der klassischen Industrieländer.
Die Einbindung in den Weltmarkt, multinationale Unternehmen und die Rolle als bloße Rohstoffexporteure festigten nach dieser Theorie die Abhängigkeit. Beim „ungleichen Tausch“ liefern Länder der Dritten Welt Rohstoffe, während die industrialisierte Welt weiterverarbeitete Produkte herstellt. Dies untergrabe das von David Ricardo beschriebene Theorem der komparativen Kostenvorteile. Nach der Prebisch-Singer-These verschlechtert sich außerdem die Wettbewerbssituation der Entwicklungsländer fortlaufend.
Auch einheimische Eliten könnten die Abhängigkeit verstärken, wenn sie den Interessen der Metropolen dienten und deren kulturellen Einfluss sicherten. Als Antwort wurde eine teilweise Abschottung von Weltmärkten vorgeschlagen, damit sich die Binnenstruktur benachteiligter Volkswirtschaften entwickeln könne. Dabei gab es sowohl national-kapitalistische als auch sozialistische Lösungswege; die Dependenztheorien bilden daher kein einheitliches Modell. Wichtige Vertreter waren unter anderem Fernando Henrique Cardoso, Enzo Faletto, André Gunder Frank, Theotônio dos Santos, Dieter Senghaas und Volker Bornschier. Die Befreiungstheologie griff den Ansatz als auf Lateinamerika zugeschnittene sozioökonomische Analyse auf.
Voraussetzungen und Krise der Entwicklungsideologie
Schon im 19. Jahrhundert beruhte die Wirtschaft lateinamerikanischer Staaten auf der massenhaften Ausfuhr von Rohstoffen und Agrargütern, zunächst vor allem nach Großbritannien, seit dem frühen 20. Jahrhundert in die USA. Bis ins 20. Jahrhundert dominierte die Erklärung, Unterentwicklung gehe auf spanischen Kolonialismus oder ein Fortbestehen des Feudalismus zurück. Marxistische Theoretiker erwarteten zunächst einen nationalen Kapitalismus, getragen von nationalen Bourgeoisien, und später sozialistische Revolutionen. Bürgerliche Ökonomen setzten auf Importsubstitution, also den Aufbau eigener Industrien für Konsumgüter. José Carlos Mariátegui widersprach der Annahme, ein „nationaler Kapitalismus“ schaffe wirtschaftliche Unabhängigkeit, und wurde damit zum Vorläufer späterer Dependenztheoretiker.
Ab den 1950er Jahren verbreitete sich die Entwicklungsideologie (desarrollismo). Infrastrukturgroßprojekte wie Brasília galten als Fortschrittszeichen. 1961 rief US-Präsident John F. Kennedy ein „Jahrzehnt der Entwicklung“ aus und startete die Allianz für den Fortschritt: Entwicklungshilfe und Investitionen sollten zugleich eine engere Zusammenarbeit lateinamerikanischer Länder mit der Sowjetunion verhindern. Die Erwartungen erfüllten sich jedoch nicht. Statt Armutsreduktion kam es vielfach zu einer „Modernisierung der Armut“ nach Ivan Illich; Rohstoffexporte, Konsumgüterimporte und Inflationsprobleme blieben bestehen. Militärdiktaturen übernahmen ab Mitte der 1960er Jahre in mehreren Ländern die Macht, darunter 1964 in Bolivien und Brasilien sowie 1966 in Argentinien.
Ausarbeitung und neuere Ansätze
Linke Intellektuelle flohen nach Militärputschen nach Santiago de Chile, dem Sitz der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL). CEPAL-nahe Ökonomen wie Raúl Prebisch und Celso Furtado hatten, beeinflusst von Gunnar Myrdal, eine strukturalistische Wirtschaftstheorie entwickelt. Sie untersuchte erstmals Ungleichheiten zwischen Lateinamerika und den Ländern des Nordens, hielt aber teilweise am älteren Entwicklungsmodell fest.
Unter dem Einfluss der Kubanischen Revolution, der Befreiungstheologie und unorthodoxer marxistischer Strömungen kritisierten Dependenztheoretiker Importsubstitution und die Rolle nationaler Bourgeoisien. Sie befürworteten radikale Maßnahmen gegen ökonomische Ungleichheit und unterstützten linke Regierungen Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre, etwa Salvador Allende in Chile, Juan José Torres in Bolivien und Héctor Cámpora in Argentinien. Autoritär-repressive Regimes, darunter Augusto Pinochet in Chile und die Argentinische Militärdiktatur (1976–1983), beendeten diese Hoffnung; eine neoliberale Wirtschaftspolitik prägte Lateinamerika bis in die frühen 1990er Jahre.
Spätere Ansätze stehen im Dialog mit Immanuel Wallersteins Weltsystem-Theorie. Postkoloniale Theorien beeinflussten sie ebenfalls stark. Zentral ist Aníbal Quijanos Konzept der „Herrschaftskolonialität“ (coloniality of power): Kolonialismus und die Rassifizierung afrikanischer Sklaven sowie der indigenen Bevölkerung Amerikas seien konstitutiv für Entstehung und Verfasstheit der Moderne. María Lugones kritisierte dieses Konzept aus feministischer Perspektive. Damit gingen die Theorien über einen rein ökonomiekritischen Rahmen hinaus und wurden in kritischen Gesellschafts- und Kulturwissenschaften verortet. Im deutschen Sprachraum führte Dieter Senghaas sie ab 1974 ein; sie beeinflussten den entwicklungstheoretischen Diskurs bis in die späten 1980er Jahre.
Stellenwert und Kritik
Kritisiert wird, dass Dependenztheorien Ursachen des niedrigeren Entwicklungsstands vor allem in Außenhandelsbedingungen suchen und interne Bedingungen sowie politische Entscheidungen der Entwicklungsländer zu wenig berücksichtigen. Sie sollten die anhaltende Unterentwicklung Afrikas und Lateinamerikas gegenüber klassischen Industrieländern erklären. Der Erfolg verschiedener Schwellenländer und Regionen, insbesondere der Tiger- und Pantherstaaten in Asien, widerspricht jedoch der Annahme einer grundsätzlich notwendigen Auseinanderentwicklung von Industrie- und Entwicklungsländern.
Zudem erfassen und erklären die Theorien die sehr unterschiedlichen, eigenständigen Entwicklungsprozesse der Länder der sogenannten Dritten Welt nicht ausreichend. Sie gelten deshalb teilweise als empirisch unbelegte Umkehrung modernisierungstheoretischer Grundannahmen und sind heute vor allem theoriegeschichtlich interessant. Ihr wichtiger Beitrag liegt in der Fragestellung: Sie stellten den linearen Fortschrittsoptimismus der Modernisierungstheorien infrage. Ulrich Menzel sprach von einem „Scheitern“ der Großtheorien; Franz Nuscheler forderte Entwicklungstheorien, die mehrere Ursachen für Entwicklung und Unterentwicklung zulassen statt nur eine Ursache anzunehmen.
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