Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Modernisierung (Soziologie)
Modernisierung beschreibt und erklärt in der Soziologie den sozialen Wandel als Übergang von einer traditionalen Form von Gesellschaft oder Kultur hin zu …
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und Bedeutung
Modernisierung bezeichnet in der Soziologie den sozialen Wandel von einer traditionalen Gesellschaft oder Kultur zu moderneren Formen. Als mögliche Merkmale gelten unter anderem Industriegesellschaft, Demokratisierung, Verstädterung, soziale Differenzierung, Individualisierung, Bürokratisierung und Globalisierung. Umstritten ist, welche dieser Merkmale entscheidend sind und wie sie zusammenhängen. Dieter Goetze definiert Modernisierung deshalb 2004 rein formal als „Auf-Dauer-Stellung und Beschleunigung des Wandels“.
Modernisierungstheorien sollen erklären, wie und warum Gesellschaften sich verändern. Viele ältere Modelle betrachten diesen Wandel als einheitlichen, unumkehrbaren Prozess mit einer festen Richtung. Daran wird kritisiert, dass sie häufig unilinear, ethnozentrisch oder monokausal sind: Sie nehmen nur einen Entwicklungsweg an, machen Europa beziehungsweise den Westen zum allgemeinen Vorbild oder führen den Wandel hauptsächlich auf eine einzelne Ursache zurück. Neuere Ansätze betonen dagegen die Vielfalt, Wechselwirkungen, Widersprüche und unbeabsichtigten Folgen der Modernisierung.
Klassische Erklärungen
Die soziologischen Klassiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts benutzten den Begriff Modernisierung noch nicht, beschrieben aber den grundlegenden gesellschaftlichen Wandel ihrer Zeit.
Auguste Comte formulierte ein Drei-Stadien-Gesetz: Der menschliche Geist entwickle sich vom theologischen oder fiktiven über das metaphysische oder abstrakte zum positiven oder wissenschaftlichen Stadium.
Karl Marx erklärte den Wandel im Historischen Materialismus durch die Entwicklung der Arbeit und der Produktionsverhältnisse. Der Kapitalismus erlange wirtschaftliche und politische Vorherrschaft und spalte die Gesellschaft in Bourgeoisie und Proletariat. Dieser Klassengegensatz solle in eine Revolution und schließlich in die Aufhebung aller Klassengegensätze münden.
Ferdinand Tönnies unterschied in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ von 1887 zwei Formen des Zusammenlebens. Vormoderne Gemeinschaften beruhten auf Familie, Gemeinsinn, Tradition und Glauben. In der modernen Gesellschaft dominierten dagegen künstlich geschaffene, vertraglich geregelte Formen wie Betriebe und Verbände; Verwissenschaftlichung und Kommerzialisierung verdrängten traditionelle Werte.
Georg Simmel beschrieb 1890 die Individualisierung als Folge zunehmender struktureller Differenzierung. Gesellschaftliche Funktionen, Aufgaben und Tätigkeiten verselbstständigten sich; traditionelle Bindungen würden schwächer, während die von bürokratischen Organisationen geschaffenen neuen Bindungen wenig intensiv blieben.
Émile Durkheim sah 1893 die Arbeitsteilung als wichtigsten Antrieb. Die „mechanische Solidarität“ vormoderner Gesellschaften beruhe auf ähnlichen Lebensbedingungen und gemeinsam anerkannten Normen. Sie werde durch „organische Solidarität“ ersetzt, bei der Menschen aufgrund ihrer unterschiedlichen Funktionen aufeinander angewiesen seien. Weil diese Bindung schwächer sei, befürchtete Durkheim Hyperindividualisierung und Anomie, also einen Verlust verbindlicher gesellschaftlicher Normen.
Max Weber verstand Modernisierung vor allem als Rationalisierung: Vernunft und berechenbare Verfahren verdrängten Tradition, Autorität, Mythos und Magie. Die Welt werde „entzaubert“ und als verstandesmäßig beherrschbar angesehen. Zugleich wachse die Abhängigkeit der Menschen von der technisch und wirtschaftlich geprägten modernen Ordnung.
Gemeinsam ist diesen Ansätzen die Vorstellung eines praktisch unumkehrbaren Prozesses. Weil die Entwicklung Europas seit der industriellen und der Französischen Revolution zum Maßstab für alle Weltregionen erhoben wird, gelten sie als unilinear und ethnozentristisch. Wo ein Faktor alle anderen erklären soll, etwa bei Marx das Verhältnis von Basis und Überbau, werden sie zusätzlich als monokausal kritisiert.
Modernisierung nach 1945
Seit der Dekolonisierung, ungefähr ab 1960, diente der Modernisierungsbegriff zunächst vor allem dazu, den Entwicklungsrückstand der sogenannten Dritten Welt zu erklären. Für die Selbstbeschreibung westlicher Industriegesellschaften wurde er bis zum Ende der 1970er Jahre kaum benutzt; das „Wörterbuch der Soziologie“ enthielt 1969 noch kein Lemma „Modernisierung“.
Anknüpfend an Daniel Lerner sollte „Modernisierung“ wertender wirkende Begriffe wie Fortschritt, Entwicklung, Unterentwicklung oder Rückständigkeit ersetzen. Die entsprechenden Theorien hatten eine Doppelfunktion: Sie sollten Unterentwicklung wissenschaftlich erklären und zugleich Handlungsstrategien zu ihrer Überwindung liefern. Ihre Verbreitung stand im Zusammenhang mit dem Ost-West-Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg und der Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien.
In der Entwicklungspolitik wurden häufig historische Vorbilder angenommen: das Vereinigte Königreich für die Jahrzehnte um 1800 und die USA für das 20. Jahrhundert. Diese Amerikanisierung oder Westernisierung wurde oft mit einer Konvergenztheorie verbunden, nach der sich Gesellschaften einem gemeinsamen modernen Zustand annähern. Kritisiert werden daran die Annahme, Industrialisierung beziehungsweise Wirtschaftswachstum und Demokratisierung verliefen stets parallel, sowie der Ethnozentrismus eines westlichen Entwicklungsmodells.
Seit den 1970er Jahren wurde Modernisierung zunehmend auch auf den Wandel der Industrieländer angewandt. Peter Flora nannte unter anderem Bevölkerungsentwicklung, Urbanisierung, Überwindung des Analphabetismus, allgemeine Schulpflicht, Wirtschaftswachstum, soziale Sicherheit, bürokratische Organisationen, technische Kommunikation, politische Beteiligung, Demokratie sowie Partei- und Verbandsstrukturen.
Hans-Ulrich Wehler unterschied sechs miteinander verbundene Subprozesse: dauerhaftes industrielles Wirtschaftswachstum; strukturelle Differenzierung durch Arbeitsteilung, Staatsorganisation und Trennung der Privat- und Intimsphäre vom öffentlichen Leben; Wertewandel zu allgemeinen und funktional bestimmten Wertemustern; räumliche und soziale Mobilität; zunehmende politische Partizipation; sowie die Institutionalisierung von Konflikten, die durch geregelte Verfahren legalisiert, begrenzt und weniger gewaltsam ausgetragen werden. Dieses Modell ist dichotomisch und optimistisch: Tradition und Moderne erscheinen als Gegensätze, und der Übergang zur Moderne gilt als unausweichlich, unumkehrbar und grundsätzlich begrüßenswert.
System, Lebenswelt und Differenzierung
Jürgen Habermas bestimmte Modernisierung in seiner „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981 als „Entkoppelung von System und Lebenswelt“. Die Lebenswelt ist die unmittelbar erfahrene soziale Umgebung, die durch persönliche Beziehungen und gemeinsam anerkannte Werte und Normen geprägt wird. Das System umfasst dagegen vor allem die bürokratischen Apparate, den Staat und die Wirtschaft. Mit der Rationalisierung werde das System wichtiger und „kolonisiere“ die Lebenswelt. Beziehungen würden stärker rechtlich geregelt und Menschen nach allgemeinen Verfahren behandelt. Zweckrationalität, also die Auswahl wirksamer Mittel für vorgegebene Ziele, verdränge Tradition und Wertrationalität. Der Einzelne werde zunehmend zum Klienten staatlicher Fürsorge oder zum Konsumenten von Waren und Dienstleistungen.
Niklas Luhmann stellte nicht die Rationalisierung, sondern die gesellschaftliche Differenzierung in den Mittelpunkt. In „Soziale Systeme“ von 1984 definierte er Modernisierung als „funktionale Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Teilsystemen“. Traditionale Gesellschaften seien hierarchisch und segmentär gegliedert: Kleine, räumlich getrennte und ähnlich aufgebaute Einheiten wie Stämme oder Dörfer kommunizierten unmittelbar; ihre Mitglieder hätten ähnliche Rollen, und gesellschaftliche Prozesse würden zentral gesteuert.
Moderne Gesellschaften seien dagegen funktional gegliedert. Sie bildeten zunehmend eigenständige Teilsysteme aus, die jeweils nach einer eigenen Logik arbeiten. Das politische System unterteile sich beispielsweise in Parteipolitik, Verwaltung und Öffentlichkeit. Eine zentrale Steuerungsinstanz für die gesamte Gesellschaft gebe es nicht mehr. Daraus erklärt Luhmann die große Dynamik moderner Gesellschaften.
Vier Dimensionen und ihre Paradoxa
Hans van der Loo und Willem van Reijen entwickelten ein Modell, das weder teleologisch, ethnozentrisch noch einseitig wertend sein sollte. Es unterscheidet vier idealtypische, miteinander verflochtene Teilprozesse:
• Domestizierung der inneren und äußeren Natur: Technosoziale Innovationen erschließen neue Ressourcen, verbessern ihre Nutzung und steigern menschliche Arbeitspotenziale durch Qualifizierung, Spezialisierung und Disziplinierung. Die Entlastung durch Technik verlangt zugleich Abstimmung mit anderen sowie Selbst- und Sozialdisziplin.
• Differenzierung der gesellschaftlichen Struktur: Die Arbeitsteilung nimmt innerhalb einzelner Gesellschaften und international zu. Besonders sichtbar wird dies im Markt, dem Produktion und Reproduktion zunehmend überlassen werden. Einer Spezialisierung in immer kleineren Gemeinschaften steht die weltweite Ausdehnung des Austauschs im „globalen Dorf“ gegenüber. Zugleich gehen Aufgaben des Nationalstaats auf supranationale oder weltweite Organisationen über.
• Rationalisierung der Kultur: Vernunft erhält Vorrang. Menschen kalkulieren Handlungen und Folgen; Normen werden nicht mehr allein durch Autorität oder Tradition, sondern mit überprüfbaren Argumenten begründet. Wissenschaft übernimmt die Beschreibung und Deutung der Welt von der Religion. Dadurch vervielfältigen sich Lebensformen, während Werte zugleich verallgemeinert werden. Solche allgemeinen Werte, etwa die Menschenrechte, können jedoch im Alltag an konkreter Orientierungskraft verlieren.
• Individualisierung der Person: Menschen lösen sich aus örtlichen und verwandtschaftlichen Bindungen und gewinnen neue Handlungsspielräume sowie größere soziale und geografische Mobilität. Gleichzeitig steigt das Risiko des Scheiterns. Die Befreiung von unmittelbaren Zwängen geht außerdem mit einer neuen, schwer durchschaubaren Abhängigkeit von bürokratischen Kollektiven einher.
Keiner dieser Prozesse ist die alleinige Ursache der anderen. Nina Degele entwickelte das Modell weiter und ergänzte Beschleunigung und Globalisierung.
Geschichtswissenschaft und reflexive Moderne
In den 1960er und 1970er Jahren übernahm die historische Sozialwissenschaft Modernisierungskonzepte aus der Soziologie. In Deutschland war besonders die Bielefelder Schule wichtig. Hans-Ulrich Wehler gab 1975 „Modernisierungstheorie und Geschichte“ heraus und legte auch seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ Modernisierungskriterien zugrunde. In der Wirtschaft sah er das Entwicklungsziel in Kapitalismus und Industriegesellschaft, in der Sozialstruktur in der Entstehung marktbedingter und politisch handlungsfähiger Klassen, politisch im bürokratisierten Anstaltsstaat und kulturell in Rationalisierung, Säkularisierung und Entzauberung.
Ulrich Beck entwarf 1996 das Konzept der „reflexiven Modernisierung“ oder „zweiten Moderne“. Die Radikalisierung von Individualisierung und Globalisierung habe die Grundlagen der „einfachen Modernisierung“ selbst untergraben. Institutionen und Kategorien wie Industriegesellschaft, Nationalstaat, Nationalökonomie, Klasse, Schicht, Geschlechterrolle und Kernfamilie würden grundsätzlich infrage gestellt.
Die zweite Moderne müsse sich mit den unbeabsichtigten Nebenfolgen des früheren Fortschrittsstrebens beschäftigen. Beck nennt Umweltverschmutzung, die Veränderung des Familienlebens durch die zunehmende Emanzipation der Frau, die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und unerwünschte Folgen sozialstaatlicher Leistungen. Reflexive Modernisierung ist offener, risikoreicher und widersprüchlicher als die erste Moderne. Fortschritt bildet keinen endgültig erreichbaren Zustand; moderne, vormoderne und gegenmoderne Erscheinungen können gleichzeitig bestehen.
Lernvideos zu Modernisierung (Soziologie)
3:23
Modernisierung der Gesellschaft I Differenzierung-Rationalisierung-Individualisierung-Domestizierung
Study History · 21.704 Aufrufe
5:38
Dependenztheorie vs Modernisierungstheorie
Geographie - simpleclub · 81.396 Aufrufe
4:19
Dependenztheorie & Modernisierungstheorie (Konvergenztheorie)
Zukunft voraus · 31.771 Aufrufe
7:20
Dependenztheorie & Modernisierungstheorie - Entwicklungstheorien [Erdkunde, Oberstufe]
TeacherToby · 27.425 Aufrufe