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Befreiungstheologie
Die Befreiungstheologie oder Theologie der Befreiung ist eine in Lateinamerika entstandene Richtung der christlichen Theologie. Sie versteht sich als …
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Grundidee und Entstehung
Die Befreiungstheologie (auch Theologie der Befreiung) ist eine in Lateinamerika entstandene Richtung der christlichen Theologie. Sie versteht sich als „Stimme der Armen“ und will Menschen von Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung befreien. Biblische Texte werden aus der Lebenslage sozial benachteiligter Gruppen ausgelegt und als Anstoß zu umfassender Gesellschaftskritik verstanden. Dabei stützt sie sich auf Analysen politisch-ökonomischer Abhängigkeit, besonders auf die Dependenztheorie. Sie verbindet Glauben im Diesseits mit dem Ziel einer basisdemokratischen, teilweise sozialistischen Gesellschaftsordnung.
Wichtige Voraussetzungen waren katholische Basisgemeinden, die sich seit etwa der kubanischen Revolution von 1959 vor allem in armen, meist katholisch geprägten Bevölkerungsschichten bildeten. Landlose Bauern, Landarbeiter, Slumbewohner und Analphabeten versuchten dort, Alltagsprobleme gemeinsam zu bewältigen. Sie bezogen die Bibel direkt auf ihre eigene Wirklichkeit und legten sie selbst aus.
Die Grundkonzepte entstanden seit etwa 1960 aus der Selbstorganisation von Basisgemeinden in Brasilien. 1968 wurde die Richtung durch die zweite allgemeine lateinamerikanische Bischofskonferenz (CELAM) in Medellín breiter bekannt. Unter Dom Hélder Câmara prangerten die Bischöfe „gewaltige soziale Ungerechtigkeiten in Lateinamerika“ an. Sie verurteilten sowohl liberal-kapitalistische als auch marxistische Gesellschaftssysteme und befürworteten einen gewaltlosen, reformistischen „Dritten Weg“. Im Anschluss an Populorum progressio von Papst Paul VI. wurde die Option für die Armen zur Leitlinie. Den Namen prägte Gustavo Gutiérrez mit seinem im Dezember 1971 erschienenen Buch Teología de la liberación.
Unterdrückung als geschichtlicher Hintergrund
Die Befreiungstheologie entwickelte sich in einer Zeit schwerer sozialer Konflikte. Seit dem Militärputsch in Brasilien 1964 kamen in vielen lateinamerikanischen Ländern, häufig mit ökonomischer und militärischer Unterstützung der USA, Militärdiktaturen an die Macht. In den 1970er- und 1980er-Jahren betrieben diese Regime laut Artikel meist eine Politik zugunsten kleiner Oberschichten. Forderungen nach Reformen oder Kritik an Herrschaftsverhältnissen wurden oft gewaltsam unterdrückt; in mehreren Ländern kam es zu „Schmutzigen Kriegen“.
Menschenrechtsorganisationen schätzen die Folgen der staatlichen Repression in den 1970er- und 1980er-Jahren auf etwa 50.000 direkt Ermordete, rund 350.000 dauerhaft gewaltsam „Verschwundene“ (Desaparecidos) und 400.000 zeitweise aus politischen Gründen Inhaftierte. Ein Teil der Kirchenhierarchie stand den jeweiligen christlich und antikommunistisch auftretenden Machthabern nahe. Andere Christengemeinden und Kirchenvertreter entwickelten aus Erfahrungen von Elend, Rechtlosigkeit, Folter und Polizeistaat Solidarität mit den armen Mehrheiten.
Als früher Vorläufer wird Costa Rica genannt: Präsident Rafael Ángel Calderón Guardia, Erzbischof Víctor Sanabria Martínez und der Kommunistenführer Manuel Mora Valverde setzten 1943 ein Sozialgesetz zum Schutz der Arbeiter durch. Die Reformen blieben auch nach dem Bürgerkrieg von 1948 erhalten. Ähnliche eigenständige Ansätze entstanden außerhalb Lateinamerikas: die Schwarze Theologie in den USA im Umfeld der Bürgerrechtsbewegung, die Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika sowie seit 1968 eine „Theologie des Kampfes“ auf den Philippinen, in Sri Lanka und Indien.
Bibelauslegung und gesellschaftliches Programm
Befreiungstheologen sehen sich nicht als Erfinder einer neuen Lehre, sondern als Sprachrohr der Unterdrückten. Befreiung gilt ihnen als durchgehendes Hauptthema der Bibel. Besonders wichtig ist die Exodustradition: Gott sieht „das Elend seines Volkes“ und hört dessen Schreie über die Bedränger (Ex 3,7 EU). Auch Lk 1,53 wird als Beleg gelesen: Gott stößt Mächtige vom Thron, erhebt Niedrige, füllt Hungrige mit Gütern und lässt Reiche leer ausgehen.
Erlösung und Heil werden daher nicht ausschließlich spirituell oder auf das Jenseits bezogen. Sie bedeuten auch eine sozialpolitische und ökonomische, teils revolutionär gedachte Veränderung im Diesseits. Daraus folgt die Forderung, Kirche und Ökumene an der Zukunft der Armen auszurichten.
Die Methode heißt kontextuelle Bibelexegese. Exegese bedeutet Auslegung biblischer Texte. Zuerst wird die gegenwärtige sozialpolitische Lage untersucht. Diese Analyse lenkt die Textauslegung; deren Ergebnisse werden anschließend wieder auf die eigene Situation bezogen. Dieser wechselseitige Vorgang heißt hermeneutischer Zirkel.
Politisch bevorzugen viele befreiungstheologische Entwürfe sozialistische Modelle, betonen aber basisdemokratische und genossenschaftliche Elemente und grenzen sich von sowjetisch gelenkten Parteien sowie neuen Diktaturen ab. Die Dependenztheorie erklärt Ausbeutung unter anderem durch die Verflechtung nationaler Eliten mit Eliten reicher Industrieländer sowie durch das internationale Wohlstandsgefälle. Die Theorie wurde kritisiert, weil sie muslimische Länder, Asien und zunehmende Ungleichheit in Europa und Nordamerika zu wenig erfasse; sie reagierte mit einem kritischen Dialog mit der Weltsystem-Theorie. Ivan Petrella fordert zudem mehr Auseinandersetzung mit Sexismus und Umweltverschmutzung.
Verhältnis zu Judentum und Kirchen
Viele Befreiungstheologen bezogen bis etwa 1990 den jüdisch-christlichen Dialog, historisch-kritische Bibelforschung und Erkenntnisse jüdischer Theologen nur wenig oder spät ein. Die Auslegung mit den Augen aktuell Unterdrückter konnte die historische Entstehungssituation biblischer Texte und ihren Bezug zum Volk Israel übergehen. Dadurch wurden teils antijudaistische Klischees aus älterer europäischer Theologie übernommen. Hermann Brandt kritisierte 1990 bei der Aneignung der Zehn Gebote und der Rechtsvorschriften durch Basisgemeinden eine faktische „Enterbung Israels“. Heute führen Befreiungstheologen stärker Dialoge mit jüdischen und muslimischen Theologen und Soziologen.
In der römisch-katholischen Kirche löste die Befreiungstheologie heftige Konflikte aus. Sie kritisierte die politische Allianz von Kirchenhierarchie und rechten Parteien oder Regimen in Lateinamerika, die sie als Verbindung von „Thron und Altar“ bezeichnete. Der Vatikan lehnte die Befreiungstheologie in den 1970er-Jahren offiziell ab; einigen Vertretern wurde die Lehrbefugnis entzogen. Papst Johannes Paul II. ging unter anderem durch Versetzungen und Bischofsernennungen gegen sie vor, verschärfte aber nach 1990 zugleich die Kapitalismuskritik.
Joseph Höffner empfahl statt ihrer die römisch-katholische Soziallehre. Kardinal Joseph Ratzinger kritisierte politische Theologie und warf der Befreiungstheologie vor, Marxismus im christlichen Gewand zu sein und künftige Diktaturen zu begünstigen. Als Vorsitzender der Glaubenskongregation war er maßgeblich an Maßnahmen gegen Leonardo Boff beteiligt. Ein offener Bruch blieb jedoch wegen der in Medellín beschlossenen Option für die Armen aus. 2007 wurde in Aparecida gemeinsam über religiöse und sozialreformerische Fragen beraten; im selben Jahr kritisierte eine Notifikation der Glaubenskongregation Aspekte der Christologie Jon Sobrinos. Heute reicht das Spektrum von Annäherungsversuchen an die Hierarchie bis zu feministischen, ökologischen und kapitalismuskritischen Befreiungstheologien.
Auch protestantische, besonders methodistische und lutherische Kirchen, prägten die Entwicklung. Ihre Variante setzte sich kritisch mit europäischer dialektischer Theologie auseinander und fragte nach glaubwürdigem politischen Engagement. Diskutiert wurden revolutionäre Aufbrüche und die Haltung zur Guerilla. Friedenskirchen übernahmen Anregungen, lehnen revolutionäre Gewalt jedoch ab. Viele Evangelikale und die charismatische Bewegung grenzen sich von der Gesellschaftskritik ab und betonen individuelles Heil; die „Integrale Mission“ fordert dagegen stärkeres soziales Bewusstsein und versteht sich als Alternative zur Befreiungstheologie.
Wirkungen, politische Konflikte und Beispiele
Die Befreiungstheologie förderte soziale Initiativen in Lateinamerika, Südafrika, Südasien und der westlichen Welt. In der Ökumene verstärkte sie die Aufmerksamkeit für drei Bereiche: Bewahrung der Schöpfung, soziale Gerechtigkeit – etwa fairer Handel und Entschuldung – sowie Menschenrechte. Frieden wurde in der christlichen Friedensbewegung als Weg der Erlösung und Befreiung verstanden.
Politisch wurde sie als Bedrohung angesehen. Der Rockefeller-Bericht von 1969 erklärte, bei Umsetzung der Vereinbarungen von Medellín seien Interessen der USA in Gefahr. Ein Geheimdokument des „Komitees von Santa Fe“ nach der Bischofskonferenz von Puebla 1980 forderte die psychologische, politische und militärische Bekämpfung der Befreiungstheologie durch die USA. Der Artikel nennt Kooperationen mit lateinamerikanischen Militärdiktaturen, Waffenlieferungen sowie Ausbildung im Waffengebrauch und in Foltermethoden.
Zugleich hatten Basisgemeinden und Befreiungstheologen zeitweise Einfluss auf politische Entwicklungen. Óscar Romero, Erzbischof von El Salvador, forderte in seiner letzten Predigt am 23. März 1980 ein Ende der Repression und wurde 1980 während einer Messe ermordet. Ebenfalls 1980 wurden die US-Missionarinnen Maura Clarke, Jean Donovan, Ita Ford und Dorothy Kazel von salvadorianischen Soldaten entführt, vergewaltigt und ermordet. Am 16. November 1989 ermordete das vom US-Militär ausgebildete Bataillon Atlacatl in San Salvador befreiungstheologisch orientierte Jesuiten, darunter Ignacio Ellacuría.
Als beeinflusste Bewegungen nennt der Artikel die Landlosenbewegung und die Partido dos Trabalhadores in Brasilien, die Indigenenbewegung in Ecuador und die Zapatisten in Mexiko. Jean-Bertrand Aristide wurde 1990 Präsident Haitis; der frühere Bischof und Befreiungstheologe Fernando Lugo gewann 2008 die Präsidentschaftswahlen in Paraguay.