Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gesinnungsethik

Die Gesinnungsethik ist eine der moralischen Theorien, die Handlungen nach der Handlungsabsicht und der Realisierung eigener Werte und Prinzipien bewertet, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Typische Entscheidungskonflikte
  3. 3. Vorformen in der Antike
  4. 4. Kant und der gute Wille
  5. 5. Max Webers politische Warnung

Grundidee und Abgrenzung

Gesinnungsethik ist eine moralische Theorie, die Handlungen vor allem nach der Handlungsabsicht und nach der Verwirklichung eigener Werte und Prinzipien bewertet. Entscheidend ist also, aus welcher Gesinnung heraus jemand handelt. Die Folgen, die nach oder mit der Handlung eintreten, sind für die Rechtfertigung der Handlung nicht das ausschlaggebende Kriterium.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Gesinnungsethiker Folgen einfach ignorieren dürfen. Auch sie müssen vor einer Handlung die erwartbaren Folgen gründlich und angemessen beurteilen und in ihr moralisches Urteil einbeziehen. Der Unterschied liegt darin, dass die moralische Bewertung nicht allein vom Erfolg oder Nutzen der Handlung abhängt.

Der Ausdruck wurde als Fachbegriff von Ernst Troeltsch, Max Scheler und besonders Max Weber in die ethische Diskussion eingeführt, jeweils mit leicht unterschiedlicher Bedeutung. Bei Scheler steht der Gesinnungsethik die „Erfolgsethik“ gegenüber, bei Weber die „Verantwortungsethik“. Troeltsch stellte ihr besonders eine objektiv-theologische Güterethik gegenüber, die sich am Handlungserfolg orientiert. Weber definierte Gesinnungsethik so, dass „der Eigenwert des ethischen Handelns [...] allein zu seiner Rechtfertigung genügen soll“. In der christlichen Ethik spielte die Gesinnungsethik im 18. und 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle.

Typische Entscheidungskonflikte

Ein Beispiel für Gesinnungsethik ist die Haltung der Zeugen Jehovas. Sie lehnen Bluttransfusionen ab und verweigern den Kriegsdienst kategorisch, selbst wenn sie dadurch ihr eigenes Leben gefährden. Hier steht ein religiös oder moralisch begründeter Grundsatz im Mittelpunkt, nicht die Frage, welche Folgen das Verhalten im Einzelfall hat.

Ein Gegensatz entsteht besonders in moralischen Dilemmata. Damit sind Situationen gemeint, in denen verschiedene moralische Pflichten oder Werte miteinander in Konflikt geraten. Eine Ethik, die vor allem auf Folgen achtet, wird konsequentialistische Ethik, Verantwortungsethik oder Erfolgsethik genannt.

Ein politisch-rechtliches Beispiel ist die Frage, ob Menschenleben gegeneinander aufgewogen werden dürfen. Dem deutschen Staat ist dies grundsätzlich untersagt. Nach § 14 Luftsicherheitsgesetz gab es jedoch eine Sonderregelung für Terroranschläge mit Flugzeugen: Ein bewaffneter Eingriff sollte auch dann möglich sein, wenn dadurch der Tod Unbeteiligter in Kauf genommen würde. Das Bundesverfassungsgericht erklärte diese Bestimmung aber für unvereinbar mit dem Grundgesetz und daher für nichtig.

Als weiteres Beispiel nennt der Artikel die Frage der Abtreibung und die Entscheidung über den Erhalt ungeborenen Lebens. Auch hier treffen Grundsätze, Absichten und erwartbare Folgen aufeinander.

Vorformen in der Antike

Die Idee, Handlungen nach der Gesinnung zu beurteilen, findet sich bereits in der Antike. Bei Platon gilt schon der Versuch einer guten Handlung als gut, etwa im „Phaidros“ 274 a/b. Damit wird nicht nur das äußere Ergebnis betrachtet, sondern auch die Ausrichtung des Handelns.

Bei Aristoteles kann man Gesinnung als eine durch Tugend erarbeitete Haltung verstehen. Tugend meint dabei eine eingeübte charakterliche Qualität, die gutes Handeln ermöglicht. Der Artikel verweist hierzu auf Stellen in der Nikomachischen Ethik: EN 1103 a, 9–10; 1106 a, 6–7; 1120 b, 7–9.

Besonders wichtig war die Absicht einer Handlung in der Stoa. Dort galt die „intentio“, also die Absicht, als Maßstab der Glückseligkeit. Auch Augustinus vertrat eine Form der Gesinnungsethik.

Kant und der gute Wille

Immanuel Kant vertrat zweifellos eine Art von Gesinnungsethik. Diese steht aber nach dem Artikel nicht im Gegensatz zu einer Verantwortungsethik, sondern höchstens zu einer bloßen „Erfolgsethik“. Wichtig ist außerdem: Max Weber führte Kant nicht als Beispiel für Gesinnungsethik an; diese Zuordnung stammt erst von späteren Kommentatoren. Andere Kommentatoren haben die Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik allgemein und besonders mit Blick auf Kant zurückgewiesen.

Kants Position ergibt sich aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“. Dort schreibt er: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Der gute Wille ist für Kant nicht deshalb gut, weil er etwas Bestimmtes bewirkt oder einen Zweck erreicht, sondern „allein durch das Wollen“. Der kategorische Imperativ gebietet ein Verhalten unmittelbar, ohne dass ein weiterer Zweck als Bedingung zugrunde liegt. Kant schreibt, das Wesentlich-Gute einer Handlung bestehe „in der Gesinnung, der Erfolg mag sein, welcher er wolle“.

Diese Aussagen wurden oft so verstanden, als interessiere Kant nur der gute Wille und nicht die Wirkung einer Handlung. Max Scheler kritisierte dies scharf und sprach von einer falschen Gesinnungsethik, die fast bis zur Absurdität gesteigert sei.

Der Artikel betont jedoch, dass diese Kritik Kant nicht vollständig trifft. Kant ging grundsätzlich davon aus, dass eine beabsichtigte Handlung im Blick auf den erwarteten Erfolg beurteilt wird und dass dieser Erfolg als gut gilt. Seine eigentliche Frage lautet: Ist eine Handlung, die im Ergebnis gut ist, auch moralisch gut? Wenn jemand einem ledigen, altersschwachen Onkel hilft, ist das an sich gut. Moralisch gut ist die Handlung aber erst, wenn sie aus dem Motiv geschieht, dem Onkel das Leben zu erleichtern, und nicht vor allem aus Eigennutz, etwa um ein Erbe zu sichern.

Für Kant reicht es deshalb nicht, dass eine Handlung äußerlich dem sittlichen Gesetz entspricht. Sie muss auch „um desselben willen“ geschehen. Deshalb kann Kants Ethik nicht auf eine reine Gesinnungsethik reduziert werden. Der absehbare Handlungserfolg spielt bei ihm eine maßgebliche Rolle.

Max Webers politische Warnung

Max Weber analysierte die Gesinnungsethik in seiner Rede „Politik als Beruf“. Er hielt sie am 25. Januar 1919 vor Münchener Studenten, unter dem Eindruck der Münchner Räterepublik. Die Rede entwickelt keine vollständige ethische Theorie. Sie ist vor allem eine Mahnung, in politischen Auseinandersetzungen nicht der Ideologie den Vorrang vor dem politisch Vertretbaren zu geben.

Weber wandte sich besonders gegen die Auffassung, der Zweck heilige die Mittel. Eine Politik, die aus einer starken Gesinnung heraus handelt, kann für ihn legitim sein. Politisches Handeln soll sich aber wegen seiner Wirkungen vor allem an Verantwortungsethik orientieren. Verantwortungsethik bedeutet hier, dass Handelnde für die absehbaren Folgen ihres Handelns Verantwortung übernehmen.

Weber beschreibt den überzeugten gesinnungsethischen Syndikalisten als jemanden, der sich durch Hinweise auf negative Folgen seines Handelns nicht beeindrucken lässt. Selbst wenn man ihm darlegt, dass seine Taten die Chancen der Reaktion steigern, seine Klasse stärker bedrücken oder ihren Aufstieg hemmen könnten, mache das auf ihn keinen Eindruck. Der Gesinnungsethiker fühle sich nur dafür verantwortlich, dass die „Flamme der reinen Gesinnung“, etwa des Protestes gegen die Ungerechtigkeit der sozialen Ordnung, nicht erlischt. Solche Handlungen können nach Weber vom möglichen Erfolg her irrational sein und nur exemplarischen Wert haben.

Lernvideos zu Gesinnungsethik

Weiterlesen

Max Weber Mit Webers Namen sind die Protestantismus-Kapitalismus-These, das Prinzip der Werturteilsfreiheit, der Begriff Charisma, das Gewaltmonopol des Staates sowie die … Ethik Ein aussichtsreiches Beispiel für eine nachpositivistische Ethik ist die am Kriterium des zwangfreien Konsenses orientierte Diskursethik. Mit der … Bluttransfusion Bluttransfusion bezeichnet die intravenöse Gabe (Übertragung bzw. Infusion) von Erythrozytenkonzentraten (Erythrozyten = rote Blutzellen) oder (heute sehr … Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Bundesverfassungsgericht Höchstes deutsches Gericht ist das Bundesverfassungsgericht, weil es Handlungen aller Verwaltungsebenen aufheben beziehungsweise bei Unterlassungen zum Handeln … Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Der von September 1948 bis Mai 1949 in Bonn tagende Parlamentarische Rat arbeitete das Grundgesetz im Auftrag der drei westlichen Besatzungsmächte aus und … Platon Diese stellt er der Mathematik entgegen, die auf Axiome angewiesen sei und als Geometrie gezeichneter Figuren bedürfe. ... Winkelarten und sinnlich … Aristoteles Das Organon · Bedeutungstheorie · Prädikate und Eigenschaften · Deduktion und Induktion: Argumenttypen und Erkenntnismittel · Dialektik: Theorie der Argumentation. Tugend Das Wort Tugend (von mittelhochdeutsch tugent ‚Kraft, Macht, [gute] Eigenschaft, Fertigkeit, Vorzüglichkeit' – ursprünglich, etwa als ‚Heilkraft', … Nikomachische Ethik Die Nikomachische Ethik (altgriechisch ἠθικὰ Νικομάχεια, ēthikà Nikomácheia) ist die bedeutendste der drei unter dem Namen des Aristoteles überlieferten … Stoa Die Stoa (auch stoische Philosophie oder Stoizismus) ist eine der einflussreichsten Richtungen der hellenistischen und römischen Philosophie. Immanuel Kant Hier wird der kategorische Imperativ als grundlegendes Prinzip der Ethik entwickelt und die Idee der Freiheit, die in der ersten Kritik für die theoretische …