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Baruch de Spinoza

Er wird dem Rationalismus zugeordnet und gilt als einer der Begründer der modernen Bibel- und Religionskritik. Neben René Descartes und Gottfried Wilhelm …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Leben und zentrale Bedeutung
  2. 2. Einheit von Gott und Natur
  3. 3. Ethik, Affekte und Glück
  4. 4. Erkenntnis und Staat
  5. 5. Werke, Nachwirkung und Gedenken

Leben und zentrale Bedeutung

Baruch de Spinoza, latinisiert Benedictus de Spinoza und portugiesisch Bento de Espinosa, war ein niederländischer Philosoph des Rationalismus. Er wurde am 24. November 1632 in Amsterdam geboren und starb am 21. Februar 1677 im Alter von 44 Jahren in Den Haag. Als Sohn sephardischer Immigranten aus Portugal war Portugiesisch seine Erstsprache. Neben René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz zählt er zu den einflussreichsten Philosophen des 17. Jahrhunderts und gilt als einer der Begründer der modernen Bibel- und Religionskritik.

Spinoza wuchs in der portugiesisch-jüdischen Gemeinde Amsterdams auf. Über seine Jugend ist wenig zuverlässig bekannt. Er besuchte wahrscheinlich nicht die höheren Klassen der Gemeindeschule, die vor allem zur Ausbildung von Rabbinern und Gemeindevorstehern dienten. Nach dem Tod seines Vaters im März 1654 übernahm er zunächst dessen Handelsunternehmen. Wegen dessen Verschuldung ließ er sich 1655 als Vollwaise einen Vormund bestellen und lehnte die Erbschaft gerichtlich wirksam ab.

Am 27. Juli 1656 wurde Spinoza wegen seiner religiösen Auffassungen und Handlungen aus der Amsterdamer portugiesischen Synagoge mit dem Cherem, dem Bann, ausgeschlossen. Jeder mündliche und schriftliche Kontakt mit ihm sowie jede Unterstützung, die Nähe zu ihm und die Lektüre seiner Schriften wurden verboten. Zuvor hatte er unter anderem mit Juan de Prado und Manuel Ribeira Zweifel an zentralen Glaubenslehren geäußert. Nach dem Bann vertiefte er seine Bibel- und Religionskritik. In der Lateinschule des Ex-Jesuiten Franciscus van den Enden lernte er Latein und setzte sich mit Descartes, der Spätscholastik und jüdischen Rationalisten wie Maimonides und Gersonides auseinander.

Spinoza lebte ehelos und zurückgezogen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit dem Drehen und Schleifen optischer Linsen; zusätzlich erhielt er Zuwendungen von zwei Gönnern. Er entwickelte eine eigene Linsenschleif-Maschine und baute Mikroskope und Teleskope. 1663 erschien die Schrift über Descartes’ Philosophie, das einzige zu seinen Lebzeiten unter seinem Namen veröffentlichte Werk. Der 1670 anonym publizierte Tractatus theologico-politicus wurde 1674 verboten. Einen Ruf an die Universität Heidelberg von 1673 lehnte Spinoza ab.

Er starb wahrscheinlich an einer chronischen Lungenerkrankung, möglicherweise an Tuberkulose, die damals als Schwindsucht bezeichnet wurde. Am 25. Februar 1677 wurde er auf einem christlichen Friedhof beigesetzt. Freunde veröffentlichten seine nachgelassenen Manuskripte noch 1677 als B. D. S. Opera Posthuma. Darin enthalten waren unter anderem die Ethik, der Tractatus politicus, der Tractatus de intellectus emendatione, Briefe und eine unvollendete hebräische Grammatik. Der Tractatus politicus selbst blieb unvollendet.

Einheit von Gott und Natur

Spinozas Philosophie verbindet Metaphysik, Ethik, politische Philosophie und Erkenntnistheorie. Sie verfolgt ein praktisches Ziel: Der Mensch soll zwischen täuschenden Lebenszielen und demjenigen unterscheiden, das dauerhafte und wirkliche Freude ermöglicht. Die Ethik wird dabei auf metaphysische Grundlagen gestützt und in der Form eines Geometrielehrbuchs entwickelt. Die Ethica, ordine geometrico demonstrata arbeitet mit „Grundbegriffen“, „Axiomen“, „Theoremen“, „Demonstrationen“ und „Korollarien“ nach dem Vorbild von Euklids Elementen.

Im Mittelpunkt steht der Begriff der Substanz. Spinoza definiert: „Unter Substanz verstehe ich das, was in sich ist und durch sich begriffen wird, das heißt, dessen Begriff, um gebildet werden zu können, den Begriff eines anderen Dinges nicht bedarf.“ Eine Substanz existiert also in sich selbst und wird aus sich selbst verstanden. Daraus folgert Spinoza, dass es nur eine einzige Substanz geben kann. Mehrere Substanzen müssten etwas Gemeinsames besitzen, durch das sie unterschieden werden könnten; dann wären sie aber nicht mehr vollständig aus sich selbst begreifbar. Eine endliche Substanz müsste außerdem an eine andere grenzen oder einen kausal vorhergehenden Verursacher haben. Deshalb gilt: „Eine Substanz kann nicht von einer anderen Substanz hervorgebracht werden.“

Diese einzige Substanz setzt Spinoza mit Gott gleich. Er definiert Gott als „ein absolut unendliches Wesen, das heißt eine Substanz, die aus unendlichen Attributen besteht, von denen jedes eine ewige und unendliche Essenz ausdrückt“. Um die wirkliche Existenz dieser Substanz zu begründen, greift er auf den ontologischen Gottesbeweis zurück: Die Substanz ist Ursache ihrer selbst, causa sui; ihr Wesen schließt ihre Existenz ein.

Gott ist bei Spinoza nicht ein persönlicher Schöpfer außerhalb der Welt. Der Kosmos selbst ist die eine Substanz; alles Einzelne sind Eigenschaften oder Erscheinungsformen dieser Substanz. Diese Auffassung wird häufig Pantheismus genannt. Alles folgt notwendig aus der göttlichen Natur. Gott war daher nicht frei, die Welt zu erschaffen oder es zu unterlassen.

Die dem menschlichen Intellekt erkennbaren Eigenschaften der Substanz heißen Attribute. Zwei davon sind „Denken“ und „Ausdehnung“, also Geist und Materie. Anders als Descartes betrachtet Spinoza Geist und Materie nicht als zwei Substanzen, sondern als Attribute einer einzigen Substanz. Das ist ein Monismus. Zwischen Ideen und Körpern besteht deshalb kein Gegensatz der Substanzen. Die Ordnung und Verknüpfung der Ideen entspricht vielmehr der Ordnung und Verknüpfung der Dinge: „ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum“. Aus der notwendigen Ordnung der Natur folgt, dass auch jeder Willensentschluss ein Motiv hat. Spinoza verneint daher die Willensfreiheit, einschließlich einer freien Entscheidung Gottes. Alles geschieht aus kosmischer Notwendigkeit.

Ethik, Affekte und Glück

Spinozas Ethik folgt aus seiner Ontologie. Die Substanz besitzt weder Intelligenz noch Willen im persönlichen Sinn; daher gibt es keine göttliche Vorsehung und keinen Heilsplan. Zugleich gibt es kein blindes Verhängnis, weil alles aus der Naturordnung notwendig folgt. Der Mensch soll die Dinge ganzheitlich und „unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“ (sub specie aeternitatis) betrachten, also als Bestandteile eines einheitlichen Weltganzen.

Spinoza lehnt Zweckursachen ab. Es gibt keine von außen gesetzten Zwecke, sondern wertneutrale wirkende Ursachen, die notwendig miteinander verbunden sind. Die Natur besitzt eine Dynamik zur Lebenserhaltung und zum Nutzen. Das Gute ist keine welttranszendente Idee, sondern das, was tatsächlich zur Erhaltung und Mehrung des eigenen Lebens beiträgt. Nur der „wahre Nutzen“ ist wirklich gut. Ein Ziel kann zwar erstrebenswert erscheinen, aber in Wahrheit schlecht sein, wenn es das eigene Sein vermindert oder zerstört.

Ein zentraler Bestandteil der Ethik ist die Affektenlehre. Affekte und Leidenschaften werden als Formen der „Bejahung des Lebens“ untersucht. Spinoza unterscheidet adäquate Ideen, die mit eigenem Handeln verbunden sind, von inadäquaten Ideen, unter denen der Mensch leidet. Ziel ist, die Ursachen der Affekte zu verstehen und nicht ihr Knecht zu werden. Durch Vernunft lassen sich Ideen ordnen und Affekte besser beherrschen. Demut gilt dabei nicht als Tugend, sondern als „eine Trauer, die daraus entspringt, daß der Mensch seine Ohnmacht oder Schwachheit betrachtet“.

Der Mensch soll immer adäquatere Erkenntnis gewinnen und dadurch eine höhere Vollkommenheit erreichen. Da Gott vollkommen ist und in allem Seienden gegenwärtig ist, besteht das höchste Ziel darin, eins mit der Natur beziehungsweise mit Gott zu werden. Daraus entstehen Frieden und die intellektuelle Liebe zu Gott (amor intellectualis Dei). Sie ist mit der Ergebung in die Naturnotwendigkeit verbunden. Spinozas Glücksverständnis lautet: „Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern selbst Tugend.“ Wahre Lebenserhaltung ist für ihn nur in Gemeinschaft möglich. Der Weg zu dieser rationalen, leidenschaftslosen Ethik ist nach Spinoza schwierig, aber gangbar. Gegen unbegründete Berufungen auf den göttlichen Willen wendet er ein: „Ignorantia non est argumentum“ – Unwissenheit ist kein Argument.

Erkenntnis und Staat

In der Erkenntnistheorie unterscheidet Spinoza zwischen unzuverlässiger Erfahrung und wahrer rationaler Einsicht. Die experientia vaga, die zufällige und unvollständige Sinneserfahrung, liefert nur ein oberflächliches und vergängliches Bild. Auch Erinnerung und Wissen aus Zeichen (ex signis) geben keine sichere Einsicht in das Wesen der Dinge. Sie führen zu konfusem und verstümmeltem Wissen, zu Vorstellungen von Zufall und zu Aberglauben.

Wahre Erkenntnis entsteht durch Ratio, also durch deduktive logische Schlussfolgerungen. Man muss nicht nur beobachten, wie ein Gegenstand mit anderen Dingen zusammenhängt, sondern sein Verhältnis zu den göttlichen Attributen und den daraus folgenden Modi, den Naturgesetzen, verstehen. Wahres Wissen erklärt, warum etwas existiert und warum es nicht anders sein kann. Es wird „unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“ gewonnen und ist daher unwandelbar. Spinoza vertrat einen starken Optimismus gegenüber dem menschlichen Geist: „Die menschliche Seele hat eine adäquate Erkenntnis der ewigen und unendlichen Wesenheit Gottes.“

Seine politische Philosophie entwickelte Spinoza vor allem im Tractatus theologico-politicus und im unvollendeten Tractatus politicus. Menschen, die durch Vernunft frei geworden sind, handeln nach seiner Auffassung wohltätig und tolerant. Da die meisten Menschen jedoch von Leidenschaften bestimmt werden, muss der Staat Regeln setzen und durchsetzen. Das Individuum überträgt seine Rechte der Gemeinschaft und muss den staatlichen Anordnungen grundsätzlich gehorchen, auch wenn es innerlich anderer Meinung ist. Eine Grenze bilden Befehle, die dem universellen Moralgefühl widersprechen, etwa „Töte deine Eltern!“.

Spinoza befürwortet die Demokratie, weil es unwahrscheinlich sei, dass die Mehrheit einer großen Wählerschaft irrational entscheide. Gedanken- und Redefreiheit, insbesondere die Freiheit zu philosophieren, seien mit Frömmigkeit und Frieden im Staat vereinbar. Für die Bibel fordert er eine historisch-kritische Lektüre: Sie sei nicht fehlerfrei und nicht wörtlich von Gott inspiriert. Ihre Autoren und Widersprüche müssten aus ihrem historischen Zusammenhang heraus verstanden werden. Die Heilige Schrift lehre vor allem Gehorsam und die Liebe zu Gott und den Mitmenschen, nicht die Natur Gottes oder einen Heilsplan. Damit wurde Spinoza zu einem Begründer der modernen historisch-kritischen Bibelanalyse.

Werke, Nachwirkung und Gedenken

Zu Spinozas wichtigsten Schriften gehören der um 1660 entstandene, nur in niederländischer Übersetzung erhaltene Kurze Traktat über Gott, den Menschen und dessen Glück, die 1661 begonnene und unvollendete Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes, die 1663 veröffentlichte Darstellung von Descartes’ Prinzipien, der 1670 anonym erschienene Tractatus theologico-politicus, die postum 1677 veröffentlichte Ethica und der 1675 begonnene, ebenfalls 1677 postum erschienene Tractatus politicus. Der Tractatus theologico-politicus wurde 1674 zusammen mit Thomas Hobbes’ Leviathan verboten. Ein 2010 in der vatikanischen Bibliothek entdecktes Ethik-Manuskript scheint sich nach Einschätzung von Yitzhak Melamed nur geringfügig von der Erstausgabe zu unterscheiden, könnte aber für die Entstehungsgeschichte des Werkes wichtig sein.

Die maßgebende textkritische Gesamtausgabe ist die von Carl Gebhardt im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften herausgegebene Spinoza Opera von 1925; sie wurde später um einen fünften Ergänzungsband erweitert. Daneben erschienen lateinisch-deutsche Ausgaben, unter anderem bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, sowie die siebenbändige Gesamtausgabe des Felix Meiner Verlags. Einzelne Werke wurden in verschiedenen deutschen Übersetzungen und zweisprachigen Ausgaben veröffentlicht.

Spinozas Denken stieß zunächst auf einen kleinen Kreis von Anhängern in Holland, wurde aber im 18. und 19. Jahrhundert von Lessing, Herder, Goethe, den Frühromantikern, Fichte, Schelling und Hegel aufgenommen oder kontrovers diskutiert. Die Auseinandersetzung zwischen Friedrich Heinrich Jacobi, Lessing und Moses Mendelssohn wurde als Pantheismusstreit bekannt. Auch Nietzsche, Ferdinand Tönnies und verschiedene Sozialpsychologen griffen einzelne Gedanken auf, während andere Autoren seine Philosophie scharf ablehnten.

Mehrere Autoren verglichen Spinozas Lehre mit der indischen Vedanta-Philosophie. Theodor Goldstücker, Max Müller und Helena Blavatsky sahen besonders in der Einheit von göttlicher Wirklichkeit und Natur Ähnlichkeiten zur vedantischen Vorstellung des Brahman; ein historischer Einfluss wurde im Artikel jedoch nicht behauptet.

Zu seinem 250. Todestag wurde 1927 auf dem Friedhof der Nieuwe Kerk in Den Haag eine Gedenktafel angebracht. Die Diskussion über eine Aufhebung des Cherems wurde 1927, 1953, 1956 und erneut 2015 geführt, blieb aber ohne formale Aufhebung; 2012 lehnte der Oberrabbiner der Amsterdamer portugiesisch-israelitischen Gemeinde eine Aufhebung ab. 1956 wurde eine weitere Gedenktafel mit Spinozas Porträt, dem Wort caute und der Inschrift amcha („dein Volk“) enthüllt. Straßen, eine Banknote zu 1000 NLG aus den Jahren 1968–1985 und der Asteroid (7142) Spinoza erinnern an ihn. Eine Ausstellung zu seinem Werk und Wirken fand 2010 in Halle statt.

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