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Dalai Lama

Allgemeines. Der Dalai Lama wird im tibetischen Buddhismus als Bodhisattva verstanden, als erleuchtetes Wesen, das aus Mitgefühl reinkarnierte, das heißt: …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und religiöse Stellung
  2. 2. Auffinden und Ausbildung einer Reinkarnation
  3. 3. Entstehung des Titels und politische Herrschaft
  4. 4. Schwächerer chinesischer Einfluss und internationale Konflikte
  5. 5. Unabhängigkeitsanspruch und Modernisierung
  6. 6. Reihe der Dalai Lamas

Bedeutung und religiöse Stellung

Der Dalai Lama ist der Titel des höchsten Trülku, also eines hochrangigen „Wiedergeborenen“, innerhalb der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus. Häufig wird der mongolisch-tibetische Titel als „ozeangleicher Lehrer“ übersetzt. Die formelle Bezeichnung lautet „Seine Heiligkeit“, die direkte Anrede „Eure Heiligkeit“.

Dalai Lamas gelten als Bodhisattvas: erleuchtete Wesen, die aus Mitgefühl bewusst wieder in eine Existenz, etwa als Mensch, eintreten. Nach dem Bodhisattva-Gelübde nehmen sie Wiedergeburt freiwillig auf sich, um das Leid anderer fühlender Wesen zu mindern. Sie werden als Emanationen Avalokiteshvaras beziehungsweise Chenresigs verstanden, des Bodhisattva des Mitgefühls, der als Mensch auf der Erde erscheint.

Entgegen einem verbreiteten Missverständnis ist der Dalai Lama nicht das spirituelle Oberhaupt der Gelug-Schule; dieses Amt hat der Ganden Thripa inne. Der gegenwärtige 14. Dalai Lama ist der buddhistische Mönch Tenzin Gyatso. Er gilt seit dem 20. Februar 1940 als aktuelle Inkarnation. Bis 1959 war der Potala-Palast in Tibet sein Amtssitz, seitdem Dharamsala in Indien. Seit 1959 ist er de facto Oberhaupt der tibetischen Exilregierung; zuvor war er de jure und de facto Oberhaupt Tibets.

Auffinden und Ausbildung einer Reinkarnation

Nach tibetischer Tradition kann nach dem Tod eines Dalai Lama seine Wiedergeburt aufgefunden werden. Die Ordensführung beauftragt dazu häufig mehrere Findungskommissionen aus hochrangigen Mönchen. Beim 14. Dalai Lama führten eine Vision des Regenten Jampel Yeshe Gyeltshen am Lhamo Lhatso sowie weitere Vorzeichen dazu, dass eine von drei Kommissionen ihn fand und erkannte.

Nach der Entscheidung wird das Kind offiziell als Reinkarnation des vorherigen Dalai Lama erklärt. Es erhält eine klösterliche Ausbildung in tibetischem Buddhismus sowie in tibetischer Kultur, Sprache, Schrift, Kalligrafie und Allgemeinwissen. Dabei spielte auch der Penchen Lama eine Rolle. Seit Lobsang Chökyi Gyeltshen bestand zwischen Penchen Lama und Dalai Lama ein Lehrer-Schüler-Verhältnis der Gelug-Schule.

Unter chinesischem kaiserlichem Einfluss wurde für die Auswahl großer Inkarnationen später ein Verfahren mit der Goldenen Urne angeordnet: Das Staatsorakel von Nechung sollte drei Jungen auswählen; der Regent sollte unter Aufsicht eines kaiserlichen Ambans durch Los aus diesen Namen wählen. Außerdem durfte nicht auf nahe Verwandte des Verstorbenen oder auf Kinder hochgestellter Personen hingewiesen werden. Diese Regeln wurden wiederholt umgangen oder beanstandet. Die 9. bis 12. Dalai Lamas starben teilweise unter nie geklärten Umständen jung; dadurch kam das Verfahren mehrfach zur Anwendung.

Entstehung des Titels und politische Herrschaft

Den Ehrentitel erhielt Sönam Gyatsho 1578 vom Fürsten der Tümed-Mongolen, Altan Khan, während einer Missionsreise. „Dalai“ und das tibetische „Gyatso“ bedeuten jeweils „Ozean“. Sönam Gyatsho verlieh Altan Khan seinerseits einen Ehrentitel. Damit gewann seine Ordensrichtung mongolische Unterstützung gegen rivalisierende lamaistische Schulen. Seine Vorgänger Gendün Drub (1391–1475) und Gendün Gyatsho (1475–1542) wurden nachträglich als Dalai Lamas anerkannt; Sönam Gyatsho gilt deshalb als 3. Dalai Lama.

1642 eroberte der westmongolische Fürst Gushri Khan Zentraltibet. Nach der Einnahme von Shigatse erklärte er am 3. Mai 1642 Ngawang Lobsang Gyatsho, den 5. Dalai Lama, zur obersten Autorität ganz Tibets, von Dajianlu im Osten bis Ladakh im Westen. Die Regierung Ganden Phodrang sollte praktisch durch einen Desi, einen mit Befugnissen eines Premierministers ausgestatteten Regenten, ausgeübt werden.

Nach dem Tod des 5. Dalai Lama am 2. April 1682 hielt Desi Sanggye Gyatsho den Tod bis 1696 geheim, um ein Machtvakuum zu vermeiden und den Potala-Palast fertigzustellen. Öffentliche Auftritte wurden inszeniert. Die Täuschung erschütterte das Vertrauen verbündeter Mongolen und des Kaisers Kangxi. Beim 6. Dalai Lama Tshangyang Gyatsho verschärften sich die Konflikte: Er ließ sich 1702 von seinen Gelübden entbinden, behielt aber die Würde. 1706 wurde er wegen angeblicher Häresie abgesetzt und starb am 14. November 1706 unterwegs nach Peking.

1720 geleitete ein kaiserliches Heer den 7. Dalai Lama Kelsang Gyatsho nach Lhasa. Tibet geriet unter direkte Oberhoheit des Kaiserreichs; das Amt des Desi wurde durch den Kashag, einen Ministerrat, ersetzt. 1751 erhielt der 7. Dalai Lama neben der geistlichen erneut politische Herrschaft, doch die Ambane, kaiserliche Residenten, konnten entscheidend in die Politik eingreifen. Der 8. Dalai Lama Jampel Gyatsho übte die weltliche Macht nur von 1781 bis 1788 aus. Danach führten für mehr als hundert Jahre überwiegend Regenten die Staatsgeschäfte.

Schwächerer chinesischer Einfluss und internationale Konflikte

Der 13. Dalai Lama Thubten Gyatsho übte von 26. September 1895 bis 17. Dezember 1933 wieder weltliche Macht aus. Zuvor hatte der Kashag den kaisertreuen Regenten gestürzt. Die kaiserliche Schutzmacht war bereits geschwächt: Nach 1792 konnte sie Tibet kaum noch gegen äußere Bedrohungen schützen. In Tibet kam es unter anderem zu Unruhen, Einfällen der Sikh und Gurkhas, Konflikten in Osttibet und einem Grenzkonflikt mit britisch-indischen Gurkhatruppen.

Russland und das Britische Empire interessierten sich für Tibet. Der burjätisch-mongolische Mönch Ngawang Dorje (Agvan Dorzhiev) wurde Hilfstutor des jungen 13. Dalai Lama und ab 1897 inoffizieller Sekretär für auswärtige Angelegenheiten. 1900 entsandte ihn der Dalai Lama zu Zar Nikolaus II.; 1901 bestand laut Artikel Einigkeit über das Ziel, Tibet dem russischen Reich anzugliedern.

Nach gescheiterten diplomatischen Bemühungen begann Großbritannien 1903 einen Tibetfeldzug unter Francis Younghusband. Als die Expedition 1904 Lhasa erreichte, floh Thubten Gyatsho in die Äußere Mongolei. Der Vertrag vom 7. September 1904 bestätigte die Oberhoheit des Kaiserreichs über Tibet und untersagte Tibet eigenständige Beziehungen zu fremden Staaten; britische Handelsinteressen wurden berücksichtigt. Ein kaiserliches Dekret setzte den Dalai Lama am 13. September 1904 ab, doch Tibeter ignorierten dies.

China bekräftigte 1906 seinen Hoheitsanspruch. Nach der Rückkehr des Dalai Lama Ende 1909 rückten chinesische Truppen in Lhasa ein; am 12. Februar 1910 wurden Polizeieinheiten und Regierungsgebäude beschossen. Der Dalai Lama floh nach Sikkim, wurde am 25. Februar 1910 abgesetzt und suchte britische Hilfe. Nach Beginn der Chinesischen Revolution im Oktober 1911 wurden die Soldaten abgezogen. Am 12. Juni 1912 kehrte er nach Lhasa zurück.

Unabhängigkeitsanspruch und Modernisierung

Drei Wochen nach seiner Rückkehr verbreitete Thubten Gyatsho eine Erklärung, die häufig als tibetische Unabhängigkeitserklärung bewertet wird, zugleich aber seinen eigenen Machtanspruch ausdrückt. Sie gilt als Schlüsselpunkt der Tibetfrage. Die Republik China übte ab 1912 de facto keine Souveränität mehr über Tibet aus, erkannte die Erklärung jedoch nicht an und wollte Tibet in einem chinesischen Nationalstaat vereinigen.

Angeregt durch Charles Alfred Bell versuchte der 13. Dalai Lama, Tibet mit Merkmalen eigener Staatlichkeit auszustatten und es teilweise nach britischem Vorbild zu modernisieren. Eingeführt wurden ein nationales Steuersystem und eine Polizei. Die Todesstrafe wurde abgeschafft, Haftbedingungen wurden verbessert und körperliche Züchtigung reduziert.

Besonders wichtig war ihm eine moderne Armee. Ihre Finanzierung erhöhte Steuern und Abgaben drastisch. Armee und Polizeitruppe sollten seine Machtbasis gegenüber Gegnern sichern und das von Lhasa kontrollierte Gebiet nach Osten ausdehnen; dort kam es zu Gefechten mit chinesischen Truppen und wechselnden Grenzen. 1924 erwogen Offiziere jedoch einen Putsch. Danach schwächte Thubten Gyatsho das Militär und suchte die Unterstützung konservativer Mönchskreise. Er starb am 17. Dezember 1933 im Alter von 58 Jahren, fünf Tage nach einer zunächst für banal gehaltenen Erkrankung. Weil er keinen Nachfolger bestimmt hatte und sein Tod überraschend kam, wurde Gift vermutet; die Suche nach einem Schuldigen begann einen erbitterten Nachfolgekonflikt.

Reihe der Dalai Lamas

Die Zählung beginnt rückwirkend mit Gendün Drub und Gendün Gyatsho. Staatliche Herrschaft übten vor allem der 5. Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho von 1642 bis 1682, der 7. Kelsang Gyatsho von 1751 bis 1757, der 8. Jampel Gyatsho von 1781 bis 1788 und der 13. Thubten Gyatsho von 1895 bis 1933 aus. Bei Minderjährigkeit oder Vakanz führten Regenten die Regierung.

Der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso wurde 1935 geboren. Seine in der Übersicht angegebene Regierungszeit in Tibet beträgt 1950–1959. Seine letzte Inthronisierung als Reinkarnation fand am 22. Februar 1940 statt.

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