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Avalokiteshvara
Avalokiteshvara (Sanskrit, m., अवलोकितेश्वर, avalokiteśvara) ist im Mahayana-Buddhismus der Bodhisattva des universellen Mitgefühls (Sanskrit …
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Grundbedeutung
Avalokiteshvara ist im Mahayana-Buddhismus der Bodhisattva des universellen Mitgefühls. Ein Bodhisattva ist ein Wesen, das anderen auf dem Weg zur Befreiung vom Leiden hilft. Im tibetischen Buddhismus heißt Avalokiteshvara Chenrezig und gilt als Schutzpatron Tibets. Sein Reines Land, also ein buddhistischer Bereich besonderer Reinheit, wird Potala genannt. Tara gilt als eine Ausstrahlung von ihm.
In Ostasien ist Avalokiteshvara besonders unter weiblichen Formen bekannt: in China als Guanyin, in Japan als Kannon und in Vietnam als Quan Âm. Im tibetischen Buddhismus gilt er außerdem als Verkörperung des Mitgefühls aller Buddhas aller Zeiten. Viele Meister, besonders der Dalai Lama, werden als Verkörperungen oder Emanationen Avalokiteshvaras angesehen.
Name und Verbreitung
Der Name Avalokiteshvara wird wörtlich als „der Herr, der (die Welt) betrachtet“ erklärt. Er setzt sich aus ishvara, „Herr“ oder „Herrscher“, und avalokita, „betrachtend“, zusammen. Das Wort loka, „Welt“, steht nicht im Namen, wird aber sinngemäß ergänzt. Nach aktuellem Forschungsstand lautete der Name ursprünglich Avalokitasvara: aus avalokita und svara, „Klang“ oder „Ton“. Das bedeutet etwa „Wahrnehmer der Töne“, gemeint als Hörer der Klagen leidender Lebewesen. Diese Bedeutung entspricht der chinesischen Übersetzung Guanyin. Die Form Avalokitasvara ist schon im 5. Jahrhundert nachgewiesen, die spätere Sanskritform mit ishvara erst im 7. Jahrhundert.
Die spätere Deutung als „Herrscher“ zeigt einen starken Einfluss des Shivaismus, in dem Ishvara als weltbeherrschender Gott verstanden wird. Trotzdem hielten die Verehrer Avalokiteshvaras weitgehend an der buddhistischen Ablehnung eines Schöpfergottes fest.
Avalokiteshvara ist in vielen Ländern unter eigenen Namen bekannt: chinesisch Guanyin oder Guanshiyin, koreanisch Kwan(se) Um oder Gwan(se)-eum, japanisch Kannon oder Kanzeon, tibetisch Spyan ras gzigs, ausgesprochen Chenrezi oder Chen rezig, mongolisch Nidubarüsheckchi beziehungsweise Dschanraisig und vietnamesisch Quán Thế Âm.
Erscheinungsformen
Avalokiteshvara ist der Bodhisattva mit den meisten bekannten Erscheinungsformen. Als irdische Verkörperungen gelten der erste tibetische Herrscher Songsten Gampo, die Dalai Lamas und die Karmapas.
Bodhisattvas haben eigentlich keine Geschlechtszugehörigkeit, weil in ihnen alle Gegensätze als überwunden gelten. Außerdem gibt es in den kanonischen Texten des Buddhismus keine Hinweise auf weibliche Bodhisattvas. Trotzdem entwickelten sich in China, Vietnam und Japan weibliche Darstellungen Avalokiteshvaras, nämlich Guanyin, Quan-âm und Kannon, die sehr populär wurden.
Weitere Formen sind Lokeshvara und Padmapani. Lokeshvara bedeutet wörtlich „Herrscher der Welt“ und war bis zum 14. Jahrhundert besonders im historischen Khmer-Reich von Angkor verbreitet. Danach wechselte die Bevölkerung zum Theravada-Buddhismus, der als einzigen Bodhisattva Maitreya kennt. Padmapani bedeutet „der den Lotos (Padma) in der Hand hält“.
Elfköpfige Gestalt und Legende
In esoterischen, also tantrischen, Traditionen wird Avalokiteshvara häufig mit elf Köpfen und 1000 Armen dargestellt. Die Arme halten viele verschiedene Attribute oder lassen Blumen regnen.
Die Legende erzählt, Avalokiteshvara habe sich schon als Prinz vorgenommen, allen Wesen bei ihrer Befreiung beizustehen. Er schwor, darin niemals nachzulassen; andernfalls würde er in tausend Stücke zerspringen. Im Bardo, dem Zwischenzustand zwischen Leben und Tod, durchstreifte er alle Bereiche des lebenden Seins: Götter, Menschen, Tiere und Dämonen. Überall half er den Wesen, sich vom Leiden zu befreien.
Als er sah, dass trotz seiner Arbeit unzählige leidende Wesen nachströmten, zweifelte er für einen Moment an der Erfüllung seines Gelübdes und zersprang in tausend Teile. Buddhas aus allen Himmelsrichtungen sammelten die Teile auf. Buddha Amitabha, der Buddha der unterscheidenden Weisheit, setzte Avalokiteshvara wieder zusammen. Er gab ihm diesmal tausend Arme mit jeweils einem Auge in den Handinnenflächen und elf Köpfe, damit er den Wesen noch wirksamer dienen konnte.
Symbolik und Ritual
Die 1000 Arme stehen für die mitfühlende Aktivität aller 1000 Buddhas, die nach der Überlieferung in diesem glücklichen Kalpa erscheinen werden. Kalpa bezeichnet ein buddhistisch-mythologisches Zeitalter.
Im tibetischen Kulturkreis ist das Ritual auf den elfköpfigen Avalokiteshvara, das Nyungne-Ritual, besonders wichtig. Es wurde im 10. Jahrhundert von der indischen Nonne Palmo in Tibet verbreitet. Dem Ritual werden starke Heilwirkungen zugeschrieben, weshalb es auch „Allgegenwärtiges Heil“ genannt wird. Palmo erlangte durch die Praxis auf Avalokiteshvara Erleuchtung.
Mantra des Mitgefühls
Die bekannteste Anrufungsformel Avalokiteshvaras ist das Mantra „Om mani padme hum“, genauer „Om Manipadme hum“. Ein Mantra ist eine heilige Formel, die wiederholt gesprochen oder gedacht wird. Manipadma wird oft ungenau als „Juwel in der Lotusblüte“ übersetzt. Im Artikel wird erklärt, dass Manipadma ursprünglich ein weiblicher Name war, der im Vokativ steht und deshalb die Endung -e hat. Manipadma bedeutet „Juwelen-Lotus“ und ist in Indien noch heute als weiblicher Vorname gebräuchlich. Gemeint war offenbar eine weibliche Erscheinungsform des Bodhisattva oder eine weibliche Gottheit.
Das Juwel steht für allumfassendes Mitgefühl. Deshalb wird dieses Mantra auch als Mantra des Mitgefühls bezeichnet. Es ist erstmals im Karandavyuha-Sutra bezeugt, das vermutlich im späten 4. oder frühen 5. Jahrhundert in Kaschmir verfasst wurde. Einer legendenhaften Überlieferung zufolge erreichte es den Hof des tibetischen Königs Lha Thothori Nyantsen im 5. Jahrhundert.
Die sechs Silben werden traditionell mit sechs Daseinsbereichen des Samsara verbunden: OM befreit vom Leid der Götterbereiche, MA vom Leid der Halbgötterbereiche, NI vom Leid der menschlichen Lebensbereiche, PAD vom Leid der Tierbereiche, ME vom Leid der Hungergeister und HUM vom Leid der Höllenbereiche. Der Verfasser des Karandavyuha-Sutra kannte diese Zuordnung jedoch noch nicht.