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Buddhismus in Tibet

Die Entwicklung des Buddhismus in Tibet bzw. im Hochland von Tibet geht auf erste Kontakte im 5. Jahrhundert n. Chr. zurück. Zur offiziellen Einführung des …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und frühe Entwicklung
  2. 2. Erste Übersetzungen und Nyingma
  3. 3. Zweite Verbreitung und neue Schulen
  4. 4. Sakya und Gelug
  5. 5. Nichtsektiererische Bewegung und Lage seit 1950

Grundzüge und frühe Entwicklung

Der Buddhismus in Tibet bezeichnet die Entwicklung und Ausprägung buddhistischer Lehren im Hochland von Tibet. Erste Kontakte mit buddhistischen Lehren werden auf das 5. Jahrhundert n. Chr. zurückgeführt. Zur offiziellen Einführung als Staatsreligion kam es im 8. Jahrhundert durch König Thrisong Detsen. Im Lauf der Zeit entstanden mehrere tibetisch-buddhistische Schulen, die sich vor allem durch Überlieferungslinien, Übersetzungen, Praxisformen und Klostertraditionen unterscheiden.

Vor dem Buddhismus war in Tibet die Bön-Religion vorherrschend. Sie breitete sich vom westtibetischen Königreich Shang Shung nach Zentraltibet und in weitere Regionen aus. Durch jahrhundertelange Koexistenz und synkretistische Vermischung mit dem tibetischen Buddhismus enthalten Bön-Traditionen naturreligiöse und animistische Praktiken, aber auch Lehren und Übungen, die buddhistischen Yanas, Tantra und Dzogchen ähneln. Besonders das „Yungdrung Bön“ und das „Neue Bön“ sind dem tibetischen Buddhismus, vor allem der Nyingma-Schule, sehr ähnlich. Die Bönpo führen ihre Tradition jedoch nicht auf Buddha Shakyamuni zurück, sondern auf Buddha Shenrab Miwoche, der vor 18.000 Jahren gelebt haben soll.

Ein früher Kontakt wird mit dem 28. König Tibets, Lha Thothori Nyentsen, im 5. Jahrhundert verbunden. Einer Legende zufolge erschien auf dem Dach des Königspalastes Yumbu Lagang eine Schatulle mit buddhistischen Sutra-Texten, darunter dem „Karandavyuha-Sutra“, einer goldenen Miniatur-Stupa, dem Mantra „Om mani padme hum“ und weiteren heiligen Objekten. Der König verstand ihren Inhalt nicht, erkannte aber ihre besondere Bedeutung. Eine weniger wundersame Darstellung berichtet, ein indischer Mönch habe diese Gegenstände gebracht, aber mangels gemeinsamer Sprache und Übersetzer keine Lehre vermitteln können.

Unter König Songtsen Gampo, der von 617 bis 649 regierte, fasste der Buddhismus erstmals wirklich Fuß. Seine nepalesische Frau Bhrikuti und seine chinesische Frau Wen Cheng waren Buddhistinnen und brachten ihm die Lehre Buddhas nahe. Auf ihr Drängen gründete er in Lhasa zwei Heiligtümer, darunter den Jokhang-Tempel. Dennoch war der Buddhismus damals noch nicht die vorherrschende Religion; Bön blieb weiterhin wichtig. Songtsen Gampo wird zusammen mit Thrisong Detsen und Relpacen zu den „Drei Dharma-Königen“ Tibets gerechnet.

Erste Übersetzungen und Nyingma

Die eigentliche landesweite Verbreitung des Buddhismus begann im 8. Jahrhundert während der ersten großen Übersetzungsphase. Dabei wurden buddhistische Schriften aus dem Sanskrit ins Tibetische übertragen. Diese Übersetzungsarbeit wurde zur Grundlage für die spätere buddhistische Kultur Tibets.

König Thrisong Detsen lud in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts die indischen Meister Padmasambhava und Shantarakshita nach Tibet ein. Sie sollten den Buddhismus verbreiten und gründeten das erste buddhistische Kloster Samye-Ling, das zum wichtigsten Lehrzentrum der Zeit wurde. Padmasambhava lehrte besonders die tantrischen Aspekte des Buddhismus. Tantra bezeichnet im Buddhismus spezielle Lehr- und Praxisformen, die im tibetischen Vajrayana eine zentrale Rolle spielen. Nach der Überlieferung bezwang Padmasambhava die Geister und Dämonen Tibets, was erklären soll, warum sich der Vajrayana-Buddhismus dort durchsetzte.

Aus dieser ersten Übersetzungsphase entstand die Nyingma-Tradition, wörtlich „Die Alten“. Sie wird auch Schule der „Alten Übersetzungen“ genannt. Grundlage ihrer Lehren sind unter anderem Übersetzungen des Tripitaka und der äußeren Tantras. Die Nyingma unterscheidet sich von späteren Schulen besonders durch die sogenannten inneren Tantras. Vom 8. bis zum 11. Jahrhundert war sie die einzige buddhistische Schule Tibets. Neben Samye wurden später Kathog, Dorje Drag, Mindrölling, Pelyül, Dzogchen und Shechen als die „Sechs großen Sitze“ der Nyingma wichtige Zentren ihrer Verbreitung.

Unter König Lang Darma, der von 836 bis 842 regierte und Anhänger des Bön war, wurde der Buddhismus stark unterdrückt. Sein Bruder Relpacen hatte zuvor Reformen eingeführt, die den Landadel schwächten und den Klöstern großen Einfluss gegeben hätten; nach seiner Ermordung bestieg Lang Darma den Thron. Während seiner Herrschaft wurde die klösterliche Form des Buddhismus stark zurückgedrängt. Buddhistische Yogis wurden nach der Überlieferung jedoch nicht verfolgt, weil einer von ihnen Lang Darma mit Wunderkräften, sogenannten Siddhi, beeindruckt haben soll. Deshalb überstanden mündliche Überlieferungslinien der Nyingma, die vor allem von Yogis getragen wurden, diese Zeit. Außerdem sollen Padmasambhava und seine Schüler zahlreiche tantrische Lehren verborgen haben, die später als „Verborgene Schätze“ wiederentdeckt wurden und neue Überlieferungslinien begründeten.

Zweite Verbreitung und neue Schulen

Ab dem 11. Jahrhundert setzte die „zweite Verbreitung“ des Buddhismus in Tibet ein. Eine zentrale Gestalt war der indische Mönch Atisha (982–1054), ein Gelehrter der buddhistischen Universität Vikramashila. Er reiste 1042 nach Guge und brachte Lehren des Mahayana sowie verschiedene Vajrayana-Praktiken mit. Mahayana bedeutet „Großes Fahrzeug“ und bezeichnet eine wichtige buddhistische Richtung; Vajrayana ist eine tantrische Form des Buddhismus. Atisha betonte die Bedeutung der Vinaya-Regeln, also der klösterlichen Disziplin, und stützte seine Belehrungen besonders auf Sutra-Lehren der zweiten Lehrperiode Buddha Shakyamunis.

Auf Atisha geht die Schule der „Alten Kadam-Meister“ zurück. Die Kadam-Schule wurde eine Vorläufertradition der drei neueren Hauptschulen des tibetischen Buddhismus: Kagyü, Sakya und Gelug. Diese Schulen stammen aus der zweiten Übersetzungsphase tantrischer Lehren von Indien nach Tibet und werden als Traditionen der „Neuen Übersetzungen“ oder Sarma bezeichnet. Die Kadam-Tradition wurde durch Atishas Schüler und spätere Lehrer an alle buddhistischen Traditionen Tibets weitergegeben. Als eigenständige Schule blieb sie nicht erhalten, sondern ging im 14. Jahrhundert in der Gelug-Schule auf.

Die Kagyü-Schulen gehen auf Marpa den Übersetzer (1012–1097) zurück. Er führte die Mahamudra-Übertragungslinie von Tilopa und Naropa weiter, studierte bei Maitripa und Kukuripa, traf auf seiner dritten Indienreise Atisha und lernte Kadampa-Lehren. Aus Indien brachte er viele tantrische Schriften mit und übersetzte sie ins Tibetische. Sein Hauptschüler war Milarepa (1042–1123), ein Yogi, der durch seine harte Lehrzeit und seine spirituellen Gesänge bekannt wurde. Milarepas Schüler Rechungpa und Gampopa prägten die Tradition weiter. Gampopa verband die klösterliche Kadampa-Tradition mit der Yogi-Tradition indischer Meister. Heute existieren unter anderem Barom-, Karma-, Drigung-, Drugpa-, Rechung-, Shangpa-, Taglung- und Surmang-Kagyü.

Die Cö- oder Chöd-Lehren, das „Abschneiden“, sind eng mit Macig Labdrön verbunden. Sie stammen aus der Shiche-Tradition und wurden 1092 von Phadampa Sanggye nach Tibet gebracht. 1097 gründete er das Kloster Dingri. Cö zielt darauf, Ego-Anhaftung, die als Wurzel weltlichen Leidens gilt, durch ein spezielles Ritual zu durchtrennen. Grundlage sind Lehren der Prajnaparamita, der höchsten transzendenten Weisheit. Die Überlieferung blieb in allen Schulen erhalten, besteht aber nicht mehr als eigene Schultradition.

Sakya und Gelug

Sakya war ursprünglich der Name eines Klosters, das Khön Könchog Gyelpo (1034–1102) im Kreis Sakya nahe Shigatse in Südtibet gründete. Die tantrischen Lehren der Sakyapa wurden im 11. Jahrhundert von Bari Lotsawa aus dem Sanskrit übersetzt. Er reiste nach Indien und brachte verschiedene tantrische Lehren nach Tibet. Die Sakya-Tradition wurde durch die „fünf ehrwürdigen höchsten Meister“ zur Blüte gebracht: Sachen Künga Nyingpo, Sönam Tsemo, Dragpa Gyeltshen, Sakya Pandita Künga Gyeltshen und Chögyel Phagpa. Ihre Lehren stützten sich auf den indischen Gelehrten und Siddha Virupa. Siddha bezeichnet einen verwirklichten Meister. Wichtig waren die Mahamudra-Übertragungslinie und die Lamdre-Lehren, die eng mit dem Hevajra-Tantra verbunden sind. Die Sakya übernahmen auch Lehren der Alten Kadampa. Um 1264 erhielt Chögyel Phagpa von Kublai Khan die Lehnsherrschaft über Tibet; die Sakya übten sie bis 1354 aus. Oberhaupt der Tradition ist der Sakya Thridzin. Aus Sakya entwickelten sich mehrere Untertraditionen, darunter Ngor, Tshar, Bulug, Bodong, Dzong und Jonang.

Die Gelug-Schule, die „Schule der Tugendhaften“, wurde von Tsongkhapa (1357–1419) gegründet. Sie griff stark die Ideale der Kadam-Schule auf und legte großen Wert auf Mönchsdisziplin und Zölibat, also Ehelosigkeit, im Sinne der Vinaya-Regeln. Anders als andere tibetische Schulen entstand Gelug nicht aus einer eigenen neuen Übersetzungsphase. Zur Zeit ihrer Gründung war die buddhistische Kultur Indiens bereits durch die islamische Invasion ausgelöscht, und die „neuen tantrischen Schriften“ waren schon Jahrhunderte zuvor durch Bari Lotsawa, Marpa Lotsawa und andere nach Tibet gelangt.

Der Kern der Gelug-Übertragungen liegt in den Kadampa-Lehren, besonders in den Mahayana-Lehren Atishas. Tsongkhapa fasste sie im „Lamrim Chenmo“, der „Großen Darlegung des Stufenwegs“, zusammen. Der Lamrim-Stufenweg zur Erleuchtung blieb die Grundlage des von Gelug gelehrten Erleuchtungsweges. Schon zu Tsongkhapas Zeit wurden auch verschiedene Tantras der Neuen Übersetzungen in Gelug aufgenommen, später kamen weitere hinzu, auch Tantras der Nyingma. Die Dalai Lamas sind wichtige Lamas der Gelug. Sie hatten eine bedeutende geistliche Rolle und seit dem 5. Dalai Lama bis zur chinesischen Besetzung Tibets, die 1950 begann, zeitweise auch weltliche Herrschaft über Tibet. Geistliches Oberhaupt des Gelug-Ordens ist der Ganden Thripa. Die drei wichtigsten Klöster sind Ganden, Sera und Drepung.

Nichtsektiererische Bewegung und Lage seit 1950

Im 19. Jahrhundert entstand die Rime-Bewegung, eine nichtsektiererische Bewegung. Ihre wichtigsten Meister waren Jamyang Khyentse Wangpo, Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye und Orgyen Choggyur Lingpa. Sie sammelten gruppenübergreifende Lehren aus allen Gegenden Tibets und von Meistern aller Traditionen. Ziel war es, Konkurrenz und Sektierertum zwischen den buddhistischen Schulen Tibets zu überwinden.

Seit den 1950er Jahren veränderte sich die Situation des tibetischen Buddhismus stark. Religiöse Würdenträger wurden verfolgt und inhaftiert. Die meisten der 500.000 Mönche kamen entweder in Arbeitslagern oder Gefängnissen um oder wurden zwangsverheiratet. Die Identifikation mit sogenannten lebenden Buddhas, den Trülkus, galt als „konterrevolutionär“ und „abergläubisch“. Nach 1959 wurden die traditionellen Strukturen Tibets beseitigt. Zwischen 1959 und 1976 wurden 99 % der Sakralbauten in Tibet zerstört. Während der „Kulturrevolution“ wurden praktisch alle Bildungs-, Kultur- und Religionsinstitutionen Tibets vernichtet.

Nach chinesischen Quellen gab es 1976 in Tibet nur noch acht Klöster mit insgesamt 800 Mönchen. 1958 waren es noch 2711 Klöster mit insgesamt 114.103 Mönchen gewesen. Nach Mao Zedongs Tod führte eine Liberalisierung der Religionspolitik in der Volksrepublik China dazu, dass die Zahl der Klöster und Mönche bis in die 1990er Jahre wieder anstieg. Für 1986 werden 234 Klöster mit 6466 Mönchen genannt; 1990 soll es 34.680 Mönche in Tibet gegeben haben. Im Zusammenhang mit Protesten zum 30. Jahrestag des Aufstands von 1959 verhängte die chinesische Regierung das Kriegsrecht, und das Wachstum an Klöstern kam zum Erliegen. Trotz einzelner Verbesserungen ist religiöse Praxis in der Volksrepublik China weiterhin an Bedingungen gebunden und nicht uneingeschränkt möglich.

Für das Jahr 2000 nennt der Artikel Zahlen zur Verbreitung des tibetischen Buddhismus in der Volksrepublik China. Zu den Anhängern werden unter anderem Tibeter mit 5.416.000, Mongolen mit 5.813.000, etwa 500.000 Han-Chinesen in tibetischen Siedlungsgebieten, Qiang mit 306.000, Naxi mit 300.800, Tu mit 241.000, Xibe mit 190.000, Primi mit 33.000, Yugur mit 13.000, Monba mit 8.900 und Kirgisen mit 1.500 gezählt. Insgesamt werden ungefähr 16.000.000 Anhänger angegeben.

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