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Britisches Weltreich

Das Britische Weltreich (englisch British Empire) war das vom 17. bis zum 20. Jahrhundert bestehende, größte Kolonialreich der Geschichte und vom Ende der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Wesen und größte Ausdehnung
  2. 2. Entstehung und Erstes Britisches Weltreich
  3. 3. Aufstieg des Zweiten Weltreichs
  4. 4. Imperiales Jahrhundert und Weltkriege
  5. 5. Dekolonisation und Ende des Empire
  6. 6. Nachwirkung und heutige Verbindungen

Wesen und größte Ausdehnung

Das Britische Weltreich (British Empire) war vom 17. bis zum 20. Jahrhundert das größte Kolonialreich der Geschichte. Vom Ende der Napoleonischen Ära bis zum Ersten Weltkrieg war Großbritannien die führende Weltmacht. 1922, zum Zeitpunkt seiner größten Ausdehnung, umfasste das Empire etwa 33,67 Millionen km² und hatte 458 Millionen Einwohner. Damit lebte ungefähr ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung auf etwa einem Viertel der Landfläche der Erde.

Zum Reich gehörten unter britischer Herrschaft Dominions, Kronkolonien, Protektorate, Mandatsgebiete und andere abhängige Territorien auf allen Kontinenten. Es entstand aus englischen und später britischen Überseebesitzungen, Handelsposten und Strafkolonien. Seine Macht beruhte auf Handel, militärischer Kontrolle, der Royal Navy, privaten Handelsgesellschaften und der politischen Verwaltung von Kolonien und abhängigen Gebieten.

Großbritannien war seit dem 19. Jahrhundert die erste Industrienation und verfügte über viele Jahrzehnte über die größten Handels- und Kriegsflotten der Welt. Nach 1815 beherrschte es die Weltmeere nahezu unangefochten. Mehrere Siedlerkolonien erhielten zunehmend Selbstverwaltung und wurden zu Dominions. Viele frühere Kolonien sind heute im Commonwealth of Nations verbunden. Politische, rechtliche, sprachliche und kulturelle Folgen der britischen Herrschaft wirken bis heute fort; koloniale Grenzziehungen tragen in manchen Regionen zu Konflikten bei.

Entstehung und Erstes Britisches Weltreich

Die englische Expansion begann zunächst auf den Britischen Inseln. Wales wurde 1283 endgültig unterworfen, Irland ab 1171 schrittweise unter englische Herrschaft gebracht. Schottland geriet 1296 unter englische Herrschaft, erlangte jedoch nach den Unabhängigkeitskriegen seine Eigenständigkeit zurück. 1707 entstand durch den Act of Union das Königreich Großbritannien.

Nach den Erfolgen Spaniens und Portugals im Zeitalter der Entdeckungen begann England, eigene Handelsnetzwerke und Kolonien aufzubauen. Giovanni Cabot landete 1497 an der Küste Neufundlands. Unter Elisabeth I. unterstützte die Krone Freibeuter und Angriffe auf spanische Besitzungen und Schiffe. 1583 nahm Humphrey Gilbert Neufundland formell für England in Besitz; Walter Raleigh gründete 1584 Roanoke, dessen Besiedlung scheiterte.

Das „Erste Britische Weltreich“ bezeichnet die Zeit vom frühen 17. Jahrhundert bis zum Verlust der Dreizehn Kolonien 1783. Nach dem Ende der Feindseligkeiten mit Spanien 1604 verlagerte sich der Schwerpunkt von Beutezügen zum planmäßigen Kolonialaufbau. In Nordamerika entstanden unter anderem Jamestown (1607), Plymouth (1620), Maryland (1634), Rhode Island (1636), Connecticut (1639), Carolina (1663), New York (ab 1664) und Pennsylvania (1681). Die Hudson’s Bay Company erhielt 1670 ein Monopol für den Pelzhandel in Ruperts Land.

Besonders lukrativ waren die karibischen Kolonien St. Kitts (1624), Barbados (1627) und Nevis (1628). Ihre Zuckerrohrplantagen beruhten auf der Arbeit aus Afrika verschleppter Sklaven. Die Royal African Company erhielt 1672 das Monopol für die Versorgung der britischen Kolonien mit afrikanischen Sklaven. Bis zum Verbot des Sklavenhandels 1807 waren Briten für die Verschleppung von 3,5 Millionen afrikanischen Sklaven verantwortlich, etwa ein Drittel aller über den Atlantik transportierten Menschen. Auf der Überfahrt starb infolge von Enge, Missbrauch und schlechter Versorgung jeder siebte Deportierte.

In Asien konkurrierte die 1600 gegründete Englische beziehungsweise Britische Ostindien-Kompanie mit der 1602 gegründeten Niederländischen Ostindien-Kompanie. Die Niederländer dominierten zunächst den Gewürzhandel, während die Engländer in Indien Fuß fassten. Um 1720 hatte die britische Gesellschaft durch den Textilienhandel die niederländische übertroffen. In den Kriegen gegen die Niederlande und Frankreich baute Großbritannien seine Stellung weiter aus. Der Frieden von Utrecht (1713/14) brachte unter anderem Neufundland, Akadien, Gibraltar und das Asiento-Recht. Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763) war Großbritannien die führende Kolonialmacht; Frankreich verlor seine Herrschaft in Nordamerika weitgehend und musste seine Stellung in Indien einschränken.

Aufstieg des Zweiten Weltreichs

Der Verlust der Dreizehn Kolonien im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) leitete den Übergang vom Ersten zum Zweiten Britischen Weltreich ein. Ursache des Konflikts waren unter anderem britische Steuern ohne angemessene parlamentarische Vertretung der Siedler. Nach dem Sieg bei Yorktown 1781 erkannte Großbritannien im Frieden von Paris 1783 die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten an.

Der Schwerpunkt verlagerte sich nun auf Asien, den Pazifik und später Afrika. In Indien nutzte die Britische Ostindien-Kompanie den Machtverlust des Mogulreichs. Nach dem Sieg bei Plassey 1757 beherrschte sie Bengalen und wurde zur führenden militärischen und politischen Macht. Nach dem Dritten Marathenkrieg 1817/18 kontrollierte sie große Teile Südindiens direkt oder über streng überwachte indische Fürstenstaaten. Zu den weiteren Eroberungen gehörten Rohilkhand (1801), Delhi (1803), Sindh (1843), Punjab und die Nordwestliche Grenzprovinz (1849), Berar (1854) und Oudh (1856).

Australien wurde nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien zum Ziel britischer Straftransporte. James Cook nahm 1770 die Ostküste für Großbritannien in Besitz. Die First Fleet erreichte 1788 Australien; die Deportationen nach New South Wales dauerten bis 1840. Damals lebten dort 56.000 Menschen, mehrheitlich Sträflinge, Freigelassene und deren Nachkommen. Neuseeland wurde 1769 und 1770 von Cook beansprucht. Der Vertrag von Waitangi von 1840 gilt als Gründungsdokument Neuseelands, ist wegen unterschiedlicher englischer und Maori-Versionen jedoch bis heute Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen.

In den Napoleonischen Kriegen behauptete Großbritannien seine Stellung. Der Sieg der Royal Navy bei Trafalgar 1805 und die Niederlage Frankreichs 1815 führten zu weiteren britischen Gebietsgewinnen, darunter Malta, die Seychellen, Mauritius, St. Lucia, Tobago, Trinidad, die Kapkolonie und Guayana. Der Slave Trade Act von 1807 verbot den Sklavenhandel im Empire. Der Slavery Abolition Act von 1833 verbot die Sklaverei selbst; am 1. August 1834 erhielten alle Sklaven im Empire die Freiheit.

Imperiales Jahrhundert und Weltkriege

Die Zeit von 1815 bis 1914 wird als britisches „imperiales Jahrhundert“ bezeichnet. Großbritannien beherrschte die Meere und verfolgte häufig eine Politik der „splendid isolation“. Als „Pax Britannica“ wird die britische Rolle als eine Art Weltpolizist bezeichnet. Neben dem formellen Empire übte Großbritannien durch Handel und Finanzmacht auch Einfluss auf nominell unabhängige Staaten wie China, Argentinien und Siam aus. Dampfschiffe und Telegrafie erleichterten Verwaltung, Verteidigung und Kommunikation; bis 1902 verband die All Red Line sämtliche Kolonien durch Telegrafenkabel.

Indien blieb der Mittelpunkt der Asienpolitik. Die Ostindien-Kompanie beteiligte sich am Opiumhandel mit China. Die Beschlagnahmung von über 20.000 Kisten Opium durch chinesische Behörden führte 1839 zum Ersten Opiumkrieg; 1841 eroberten die Briten Hongkong. Nach dem Sepoy-Aufstand von 1857 übernahm die britische Regierung 1858 die direkte Herrschaft über Britisch-Indien. Die Ostindien-Kompanie stellte ihre Tätigkeit ein und wurde 1873 aufgelöst. Königin Victoria wurde 1876 Kaiserin von Indien. Im 19. Jahrhundert forderten Hungersnöte in Indien rund 10 Millionen Tote; Jason Hickel und Dylan Sullivan schätzen für 1880 bis 1920 eine Übersterblichkeit von 165 Millionen Menschen aufgrund des britischen Kolonialismus.

Im „Great Game“ konkurrierte Großbritannien mit Russland um Zentralasien und den Zugang zu Indien. Die britischen Kriege in Afghanistan waren erfolglos; nach dem Dritten Anglo-Afghanischen Krieg von 1919 musste Großbritannien die Souveränität Afghanistans anerkennen. Im „Wettlauf um Afrika“ erwarb Großbritannien unter anderem die Kapkolonie, Natal, Ägypten, Sudan, Goldküste, Teile Ostafrikas und Rhodesien. 1875 kaufte die britische Regierung für vier Millionen Pfund 44 % der Anteile an der Suezkanal-Gesellschaft. 1882 wurde Ägypten besetzt; den Kanal kontrollierten die Briten de facto bis 1954.

Siedlerkolonien erhielten zunehmend Selbstverwaltung: Kanada entstand 1867 als weitgehend eigenständiger Bundesstaat, Australien 1901, Neuseeland und Neufundland 1907 sowie die Südafrikanische Union 1910. Der Begriff Dominion wurde 1907 offiziell eingeführt. Die Balfour-Deklaration von 1926 erklärte die Dominions zu autonomen, dem Vereinigten Königreich gleichgestellten Gemeinschaften; das Statut von Westminster von 1931 verlieh ihren Parlamenten vollständige Gesetzgebungsfreiheit.

Im Ersten Weltkrieg unterstützten Kolonien und Dominions Großbritannien militärisch, finanziell und materiell. Mehr als 2,5 Millionen Soldaten dienten in den britischen Streitkräften. Nach dem Versailler Vertrag wuchs das Empire um 4,662 Millionen km² und 13 Millionen Untertanen. Ehemalige deutsche und osmanische Gebiete wurden als Mandate des Völkerbunds verteilt. Im Zweiten Weltkrieg erklärten Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland eigenständig den Krieg. Die japanische Eroberung von Malaya, Hongkong und Singapur 1941 beschädigte das britische Prestige nachhaltig.

Dekolonisation und Ende des Empire

Nach 1945 war Großbritannien durch den Krieg finanziell stark geschwächt und entging 1946 nur knapp dem Staatsbankrott; eine US-Anleihe betrug 3,5 Milliarden Dollar. Zugleich gewannen antikoloniale Bewegungen an Stärke. Die Zahl der Menschen außerhalb des Vereinigten Königreichs unter britischer Herrschaft sank von 700 Millionen im Jahr 1945 auf fünf Millionen im Jahr 1965.

Indien und Pakistan wurden am 15. August 1947 unabhängig. Die von Großbritannien festgelegte Teilung nach religiösen Mehrheiten löste große Flüchtlingsbewegungen, Gewalt und Krieg aus. Burma und Ceylon folgten 1948; Burma trat dem Commonwealth nicht bei. Palästina wurde nach dem britischen Rückzug 1948 zum Schauplatz des Palästinakriegs und der Gründung Israels. Malaya wurde 1957 unabhängig, Malaysia entstand 1963; Singapur trat 1965 wieder aus. Brunei blieb bis 1984 britisches Protektorat.

Die Sueskrise von 1956 zeigte die Grenzen britischer Macht. Nach der Verstaatlichung des Suezkanals durch Gamal Abdel Nasser griffen Großbritannien, Frankreich und Israel Ägypten an. Die militärisch erfolgreiche Invasion musste auf Druck der Vereinigten Staaten beendet werden; Premierminister Anthony Eden trat Anfang 1957 zurück. Großbritannien war ohne amerikanische Zustimmung nicht mehr allein handlungsfähig. Der Rückzug aus Aden 1967 und Bahrain 1971 beendete die britische Präsenz im Nahen Osten weitgehend.

Harold Macmillan bezeichnete 1960 den „Wind der Veränderung“ in Afrika. Die meisten afrikanischen Kolonien wurden bis 1968 unabhängig. Südrhodesien erklärte 1965 einseitig seine Unabhängigkeit; nach Bürgerkrieg und dem Lancaster-House-Abkommen von 1979 entstand 1980 Simbabwe. Zypern wurde 1960, Malta 1964 unabhängig. Die Westindische Föderation zerfiel nach dem Austritt Jamaikas 1961 sowie Trinidads und Tobagos 1962. Weitere karibische Kolonien, Fidschi und Vanuatu erlangten in den folgenden Jahrzehnten die Unabhängigkeit.

1982 eroberte Großbritannien die von Argentinien besetzten Falklandinseln zurück. Kanada wurde durch das Kanada-Gesetz 1982, Australien und Neuseeland 1986 verfassungsrechtlich vollständig vom Mutterland getrennt. Die Übergabe Hongkongs an China am 30. Juni 1997 unter dem Prinzip „Ein Land, zwei Systeme“ gilt als weitgehendes Ende des Empire.

Nachwirkung und heutige Verbindungen

Großbritannien besitzt weiterhin 14 Britische Überseegebiete. Einige sind unbewohnt oder nur militärisch beziehungsweise wissenschaftlich genutzt, andere verwalten sich teilweise selbst und bleiben bei Außenpolitik und Verteidigung von Großbritannien abhängig. Ansprüche auf einzelne Gebiete erheben unter anderem Spanien gegenüber Gibraltar, Argentinien gegenüber den Falklandinseln sowie Mauritius und die Seychellen gegenüber dem Britischen Territorium im Indischen Ozean. Mit der 2024 vereinbarten Übergabe des Chagos-Archipels an Mauritius soll das Vereinigte Königreich ein 99-jähriges Nutzungsrecht an den Militärbasen auf Diego Garcia behalten.

Die meisten ehemaligen Kolonien gehören zum Commonwealth of Nations, einem freiwilligen Zusammenschluss gleichberechtigter Staaten. Fünfzehn Commonwealth Realms teilen mit Großbritannien den britischen Monarchen als Staatsoberhaupt. Die englische Sprache ist für über 300 Millionen Menschen Hauptsprache und für mehr als 400 Millionen Zweitsprache. Das Westminster-System, das Common Law, anglikanische Einrichtungen, koloniale Architektur sowie Sportarten wie Fußball, Cricket, Rugby, Hockey, Tennis und Golf verbreiteten sich weltweit.

Die Folgen der Herrschaft sind ambivalent: Britische Institutionen und Sprache prägten viele Staaten, zugleich entsprachen koloniale Grenzen oft nicht ethnischen oder religiösen Verhältnissen. Konflikte werden unter anderem mit Kaschmir, Palästina, Sudan und Nigeria verbunden. Das Empire verursachte außerdem große Migrationsbewegungen, darunter die Besiedlung der USA, Kanadas, Australiens und Neuseelands sowie die Verschleppung und Wanderung von Afrikanern, Indern und Chinesen zwischen den Kolonien. Spannungen zwischen europäischen oder indischen Minderheiten und indigenen Mehrheiten bestehen besonders in Südafrika und Simbabwe fort; in Nordirland wirkt die durch die britische Besiedlung entstandene Kluft zwischen Katholiken und Protestanten nach.

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