Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Tenzin Gyatso
Dalai Lama der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus und Befürworter der Rime-Bewegung. Seit seiner Inthronisierung war er, wie viele seiner Vorgänger, …
Inhalt6 Abschnitte
Rolle und Bedeutung
Tenzin Gyatso, geboren am 6. Juli 1935 als Lhamo Döndrub in Taktser in der osttibetischen Provinz Amdo, ist der 14. Dalai Lama der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus und ein Befürworter der religionsübergreifenden Rime-Bewegung. Als Dalai Lama war er sowohl religiöses Oberhaupt als auch, wie viele seiner Vorgänger, Leiter der tibetischen Regierung. 2011 gab er seine politischen Ämter ab; seither gilt er nur noch als geistliches Oberhaupt der Tibeter, bleibt aber weltweit eine wichtige Identifikationsfigur.
Bekannt wurde er international durch sein Eintreten für Gewaltlosigkeit, Mitgefühl, religiösen Dialog und eine friedliche Lösung des Tibetkonflikts. Am 10. Dezember 1989 erhielt er in Oslo den Friedensnobelpreis. Tibeter nennen ihn häufig Kundün, also „Gegenwart“, oder Yishin Norbu, das „Wunscherfüllende Juwel“. Sein formeller deutscher Titel lautet „Seine Heiligkeit“.
Kindheit, Herrschaft und Abkommen mit China
Lhamo Döndrub stammte aus einer Bauernfamilie. Im Alter von knapp zwei Jahren wurde er aufgrund einer Vision des Regenten, von Orakelsprüchen und weiteren Vorzeichen als Wiedergeburt des 1933 verstorbenen 13. Dalai Lama bestimmt. Berichten zufolge erkannte er einen verkleideten hohen Lama und wählte Gegenstände aus dem Besitz seines Vorgängers aus. Nach langen Verhandlungen mit dem Provinzgouverneur kam er im Alter von etwa vier Jahren nach Lhasa. Am 22. Februar 1940 wurde er im Potala-Palast als 14. Dalai Lama inthronisiert und erhielt den Namen Jetsün Jampel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso.
Von 1948 an war der österreichische Bergsteiger Heinrich Harrer mit ihm befreundet und unterrichtete ihn unter anderem in Englisch, Geografie und westlichem Rechnen. Am 17. November 1950 wurde dem 15-Jährigen angesichts des Vormarschs der Volksrepublik China die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen.
Am 23. Mai 1951 unterzeichneten Vertreter der tibetischen Regierung in Peking das „17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“. Es versprach Tibet innenpolitische Autonomie und Religionsfreiheit, übertrug aber Außenpolitik, Außenhandel und militärische Angelegenheiten an die Volksrepublik China. Tenzin Gyatso stimmte am 24. Oktober 1951 nach einem Beschluss der tibetischen Nationalversammlung zu. Später erklärte er, er habe damit sein Volk und sein Land „vor der völligen Zerstörung“ bewahren wollen. Dem Abkommen war der Einmarsch der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Chamdo vorausgegangen.
1954 reiste er mit fast 500 Begleitern nach Peking. Er wurde Abgeordneter und anschließend stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses. 1958 übernahm er den Vorsitz des Vorbereitungskomitees des Autonomen Gebiets Tibet.
Flucht, Exil und politischer Rückzug
Während des Tibetaufstands verließ Tenzin Gyatso am 17. März 1959 seinen Sommerpalast Norbulingka und floh nach Indien. Kurz zuvor hatte er nach philosophischen Debatten mit Lehrern der Klöster Drepung, Ganden und Sera den Gelehrtengrad Geshe erhalten. Der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru gab am 3. April 1959 bekannt, dass Indien dem Dalai Lama, seiner Familie und seinen Begleitern Asyl gewähre. Nach Aufenthalten in Tezpur und Masuri ließ er sich in Dharamsala im Bundesstaat Himachal Pradesh nieder, wo er bis heute lebt.
Am 10. März 1963 verkündete er für die tibetische Exilregierung eine demokratisch ausgerichtete Verfassung. Im März 2011 bat er das Exil-Parlament, ihn von seinen politischen Aufgaben zu entbinden und die Verantwortung demokratisch gewählten Vertretern zu übertragen. Ende April 2011 wurde der Jurist Lobsang Sangay zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Tenzin Gyatso blieb religiöses Oberhaupt und schreibt weiterhin auch über politische Fragen.
Kurz vor seinem 90. Geburtstag im Jahr 2025 erklärte er, die Institution des Dalai Lama solle fortbestehen. Sein Nachfolger solle nach den traditionellen Prinzipien und der überlieferten Praxis bestimmt werden. Die Ankündigung wurde international begrüßt, löste aber zugleich Sorgen vor chinesischer Einflussnahme aus. Befürchtet wird, dass künftig zwei konkurrierende Nachfolger auftreten könnten: einer nach der bisherigen tibetischen Vorgehensweise und einer, den China einsetzt.
Dialog, Wissenschaft und internationale Beziehungen
Der Dalai Lama wirbt auf Vortragsreisen und in seinen Schriften für einen friedlichen, konstruktiven und mitfühlenden Dialog. Er erläutert dabei buddhistische Vorstellungen zur Lebensführung, zum menschlichen Bewusstsein und zu existenziellen Fragen. Er pflegte Kontakte zum Christentum, besuchte mehrfach den Vatikan und war mit Papst Johannes Paul II. befreundet. Im Westen besucht er buddhistische Schulen und erteilt Einweisungen in Lehre und Rituale.
Sein Interesse an Wissenschaft führte 1990 gemeinsam mit Adam Engle und Francisco Varela zur Entstehung des in den USA ansässigen Mind and Life Institute. Nach eigener Aussage hält er Wissenschaft und buddhistische Thesen für vereinbar. Beim Münchner Kongress „Unity in Duality – Einheit in der Dualität“ im Oktober 2002 diskutierte er mit Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete. Als Ergebnis wurde formuliert, das dualistische Weltbild der Wissenschaft müsse nicht im Widerspruch zur Vorstellung einer allen Erfahrungen zugrunde liegenden Einheit stehen.
Über Heinrich Harrer entstanden enge Beziehungen zu Österreich. Auch Deutschland und die Schweiz besuchte er regelmäßig. Politische Treffen, etwa mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 23. September 2007, wurden von der chinesischen Regierung kritisiert.
Der bewaffnete tibetische Widerstand wurde ab den 1960er-Jahren von der CIA unterstützt. Rund 250 Tibeter erhielten in Camp Hale in Colorado eine Ausbildung in Guerillataktik. Die Exilregierung bestätigte 1998, mehrere Jahre lang jeweils rund 1.700.000 US-Dollar erhalten zu haben. Sie bestritt jedoch, dass Tenzin Gyatso persönlich von weiteren 180.000 US-Dollar profitiert habe; das Geld sei für Büros in Genf und New York City sowie Lobbyarbeit verwendet worden. In der Fachliteratur wird betont, dass er direkten Kontakt zur CIA und zu den Kham-Rebellen vermieden habe und sein Bruder Gyalo Thondup diese Aufgabe übernahm. Die CIA reduzierte das Programm ab 1967. 1974 forderte der Dalai Lama die letzten Guerilleros zur Niederlegung ihrer Waffen auf.
Politische Positionen und Engagement
Tenzin Gyatso fordert Autonomie für Tibet innerhalb der Volksrepublik China, nicht dessen vollständige Unabhängigkeit. Die chinesische Führung bezeichnet diese Haltung dennoch als Separatismus, während manchen Tibetern die Autonomieforderung nicht weit genug geht. Im Oktober 2020 bekräftigte er, dass er die Unabhängigkeit Tibets nicht unterstütze, und äußerte die Hoffnung, China als Nobelpreisträger besuchen zu können.
Die Geschichte Tibets wird unterschiedlich dargestellt. Kritiker werfen ihm eine Idealisierung der früheren Gesellschaft vor und verweisen auf die Macht von Klöstern und Adel, Leibeigenschaft, Sklaverei und Körperstrafen. Die tibetische Exilregierung widerspricht: Die alte tibetische Gesellschaft lasse sich nicht korrekt als Feudal- oder Sklavensystem bezeichnen und sei im Vergleich mit anderen asiatischen Ländern ihrer Zeit wesentlich egalitärer gewesen.
Gyatso spricht sich für die weltweite Abschaffung aller Kernwaffen aus. Nach den indischen und pakistanischen Kernwaffentests von 1998 bedauerte er die Entwicklung, kritisierte aber zugleich, dass Atommächte anderen Staaten den Besitz solcher Waffen untersagen wollten. 2005 bezeichnete er Krieg als „veraltet“ und forderte eine demilitarisierte Welt. Er unterstützt die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen und unterzeichnete 2009 mit 16 weiteren Nobelpreisträgern eine Petition an US-Präsident Barack Obama.
Zur Migration fordert er universelle Verantwortung und multilaterale Vereinbarungen zwischen Staaten. 2016 erklärte er jedoch, Deutschland könne „kein arabisches Land werden“. 2019 sagte er der BBC, Europa solle Flüchtlinge aufnehmen, ausbilden und auf den Wiederaufbau ihrer Heimat vorbereiten; eine unbegrenzte Aufnahme lehnte er ab. Diese Aussagen fanden international starke Beachtung.
Seit den 1960er-Jahren unterstützt er SOS-Kinderdörfer, zunächst wegen tibetischer Flüchtlingskinder in Indien. Er setzt sich gegen Walfang ein, unterstützt Sea Shepherd und ist Schirmherr der 2010 gegründeten Bewegung „Action for Happiness“. Der Ertrag des ihm 1999 übertragenen kleinen Schweizer Rebbergs Vigne à Farinet wird als „Friedenswein“ verkauft; der Erlös geht an Kinderhilfsprojekte.
Kontroversen und öffentliche Kritik
Eine religiöse Kontroverse betrifft Dorje Shugden, eine Schutzgottheit, deren Verehrung der Dalai Lama nicht mehr ausübt. Er verbindet die Praxis mit einer sektiererischen Haltung besonders gegenüber der Nyingma-Schule und hält sie für unvereinbar mit seiner religionsübergreifenden Ausrichtung. 1996 riet er Mitarbeitern der Exilregierung sowie ihm unterstehenden Mönchen und Laien nachdrücklich davon ab. Zahlreiche Klöster sollen Mönche ausgeschlossen haben, die nicht darauf verzichten wollten; in welchem Maß sich diese Gruppen selbst absonderten, ist ungeklärt. 1997 wurden drei hochrangige Gegner der Verehrung getötet. Die Taten sind nicht hinreichend aufgeklärt, und beide Seiten erhoben schwere Vorwürfe. Auch seine Rolle im Karmapa-Konflikt wurde kontrovers diskutiert.
Wiederholt kritisiert wurden seine Aussagen, ein möglicher weiblicher Dalai Lama müsse attraktiv sein. Nach erneuten Äußerungen 2019 erklärte sein Büro, er bedauere die Verletzung anderer und entschuldige sich. Die ursprüngliche Bemerkung sei als Scherz in einem Gespräch von 1992 gefallen; grundsätzlich habe er eine weibliche Nachfolgerin befürwortet, falls dies hilfreicher sei.
Im April 2023 verbreitete sich ein Video einer Audienz vom 28. Februar 2023. Darin umarmte und küsste er einen Jungen auf den Mund, streckte ihm die Zunge heraus und forderte ihn auf, sie zu lecken, was nicht geschah. Einige Beobachter, darunter die Organisation SNAP, werteten dies als sexuellen Übergriff oder Objektifizierung. Sein Büro erklärte am 10. April, er necke Menschen häufig auf unschuldige und spielerische Weise, und teilte sein Bedauern mit; SNAP kritisierte auch diese Erklärung. Tibet-Experten, Angehörige und Tibeter verwiesen dagegen auf kulturelle Missverständnisse und eine tibetische Neckerei, bei der Erwachsene Kindern sinngemäß sagen, sie hätten nichts mehr zu geben außer ihrer Zunge.
Zu seinen wichtigsten Ehrungen gehören der Friedensnobelpreis von 1989 und der Templeton-Preis von 2012. Bei den Grammy Awards 2026 wurde er für „Meditations: The Reflections of His Holiness the Dalai Lama“ in der Kategorie „Best Audio Book, Narration, and Storytelling Recording“ ausgezeichnet. Seine zahlreichen Bücher behandeln tibetischen Buddhismus, Ethik, Mitgefühl, Glück, Meditation, Wissenschaft und den Konflikt um Tibet.