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Christliches Brauchtum
Im Mittelalter waren Schul-, Zunft- und Ständefeste, die sich am Kirchenjahr orientierten, Anlässe zur Entwicklung von Brauchtum, genauso wie die Liturgie …
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Grundbegriff und Bedeutung
Christliches Brauchtum ist der Sammelbegriff für Bräuche und Sitten christlichen Ursprungs. Gemeint sind gemeinschaftliche Handlungen, nicht bloß individuelle Gewohnheiten. Brauchtum gehört zur Sphäre des kultischen oder festlichen Handelns und macht innere Haltungen, religiöse Sinnzusammenhänge und ethische Normen sinnlich erfahrbar. Es betrifft sowohl die Alltagskultur als auch besondere Ereignisse im Leben einzelner Menschen und der Gemeinschaft.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Liturgie: Die Liturgie und ihre Riten selbst werden nicht zum Brauchtum gerechnet. Bräuche können zwar im Umfeld liturgischer Feiern entstehen, etwa bei Festen oder Sakramenten, aber die Ausdrucksformen der liturgischen Feier gelten nicht als Brauchtum.
Merkmale von Bräuchen
Die Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971–1975) beschreibt religiöse Bräuche als „Zeichen des Handelns Gottes und der Antwort des Menschen“.
Bräuche sind geschichtlich gewachsen und geprägt. Sie sind der Gemeinschaft vorgegeben und stehen unter einer gewissen Sozialkontrolle. Dadurch können sie Sicherheit im Sozialverhalten geben. Inhalt und Form eines Brauchs sollen verstehbar sein; darin unterscheiden sie sich nach dem Artikel von Zauber und Magie.
Christliches Brauchtum ist nicht starr. Es ist wandelbar und muss sich veränderten Lebenswirklichkeiten anpassen können. Manche Elemente des Brauchtums sind weit verbreitet, andere kommen nur regional vor.
Geschichtliche Entwicklung
Historisch wurzelt christliches Brauchtum in der Übernahme und Abwandlung jüdischer Bräuche. Nachdem das Christentum die Landesgrenzen Palästinas überschritten hatte, kamen religiöse Traditionen, Ideen und Praktiken der Antike hinzu. In den ersten Jahrhunderten war die christliche Kirche bei der Übernahme heidnischer Bräuche noch zurückhaltend. Später kam es zunehmend zu einer Verchristlichung vorchristlicher Formen.
Im Mittelalter entstanden viele Bräuche im Zusammenhang mit dem Kirchenjahr. Schul-, Zunft- und Ständefeste orientierten sich daran. Auch Liturgie, Wallfahrt und Prozession, geistliches Schauspiel, Heiligen- und Marienverehrung sowie das Bruderschaftswesen boten Anlässe für die Entwicklung von Brauchtum.
Mit der Reformation begann eine Kritik an bestimmten Bräuchen. Diese führte zu einer „Entsinnlichung“ des christlichen Festjahres. In der katholischen Kirche setzte ab dem Ende des 18. Jahrhunderts eine Revision emotionaler Volksfrömmigkeit ein. Predigt und Katechese sollten stärker zur Aneignung theologischen Wissens führen.
Im 19. und 20. Jahrhundert wuchs in beiden Konfessionen das Bewusstsein für den Wert eines aufgeklärten Brauchtums. Dieses wurde als „religiöse Volkskunde“ erforscht. Auch im evangelischen Bereich entstanden Bräuche. Ein Beispiel ist der Adventskranz, der 1839 von dem evangelisch-lutherischen Theologen und Erzieher Johann Hinrich Wichern eingeführt wurde.
In der Gegenwart ist die Lage ambivalent: Einerseits werden Geschichte, Tradition und Brauch abgelehnt. Andererseits gibt es wachsendes Interesse an religiösem Brauchtum, an Sinn und Form sowie an der Suche nach eigener Identität. Bei manchen Bräuchen ist das Wissen um den religiösen Ursprung fast verloren gegangen, etwa bei Karneval oder Halloween.
Grundbräuche und Lebenslauf
Zu den christlichen Grundbräuchen gehören Gebet, Segen, Kreuzzeichen und andere sichtbare oder hörbare Ausdrucksformen. Beim Gebet nennt der Artikel Morgengebet, Abendgebet und Tischgebet. Beim Segen werden eucharistischer Segen, Wettersegen und Flursegnung genannt. Zum Bereich des Kreuzes gehören Kruzifix, Kreuzwegandacht und Kreuzzeichen. Auch Weihrauch und Glocken werden aufgeführt.
Viele Bräuche begleiten wichtige Stationen des Lebens. Bei der Taufe gehören Taufwasser und Taufkleid dazu. Weitere Lebensstationen sind Firmung beziehungsweise Konfirmation, Geburtstag, Namenstag und Hochzeitstag. Bei der Hochzeit wird die Segnung der Ringe genannt. Außerdem erscheint die Primiz, also die erste Messe eines neu geweihten Priesters, als Anlass christlichen Brauchtums.
Auch Sterben und Bestattung sind von Bräuchen geprägt. Der Artikel nennt Begräbnisfeier, Friedhof, Leichenschmaus, Sterbebilder, Totenwache, Totenbildchen, Totengebet und Sieben Fußfälle. Diese Beispiele zeigen, dass christliches Brauchtum nicht nur fröhliche Feste, sondern auch Übergänge, Abschiede und gemeinschaftliche Formen des Gedenkens umfasst.
Kirchenjahr und Feste
Ein großer Teil des christlichen Brauchtums ist mit dem Kirchenjahr verbunden. Im Advent nennt der Artikel Adventskalender, Adventskranz, Nikolaus, Herbergssuche, Rorate und Schwibbogen. Zu Weihnachten gehören Christbaum, Christkind, Fatschenkind, Krippe, Krippenspiel, Krippenlegung und Paradeisl beziehungsweise Paradiesbaum. Weitere Stationen sind Silvester und das Dreikönigsfest mit dem Sternsingen.
Vor Ostern stehen Fasching, Karneval oder Fastnacht mit Rosenmontag und Rosensonntag, danach die Fastenzeit. In der Karwoche werden Palmsonntag, Palmzweig, Palmesel, Gründonnerstag, Ölbergstunde, Ölbergspiel, Karfreitag, Passionsgeschichte, Passionsspiel und Triduum Sacrum genannt. Zu Ostern gehören Osterei, Osterfeuer, Osterhase, Osterkerze, Osterlamm, Osterwasser, Osterbrunnen, Osterlachen und Speisensegnung.
Auch nach Ostern gibt es Bräuche im Kirchenjahr: Zu Christi Himmelfahrt nennt der Artikel Bitttage und Öschprozession. Weitere Feste sind Pfingsten, Fronleichnam, Erntedankfest, Kirchweihfest und Allerseelen mit dem Allerseelenablass.
Konfessionelle und regionale Formen
Im katholischen Brauchtum nennt der Artikel unter anderem Ewige Anbetung, Herz-Jesu-Verehrung, Prozessionen, Reliquienverehrung, Rosenkranz, Schutzengel und Devotionalien. Zur Marienverehrung gehören Frauendreißiger, Kräuterweihe und Maiandacht. Bei der Heiligenverehrung werden Barbarazweig, Bartholomäustag, Blasiussegen, Florian, Georgiritt, Leonhardifahrt, Luciafest, Martinstag und Valentinstag genannt.
Weitere katholische Formen sind Bruderschaften wie Gut-Tod-Bruderschaften, Rosenkranzbruderschaft und Skapulierbruderschaft. Hinzu kommen Wallfahrt, Bittprozessionen, Votivbilder und Votivgabe. Auch Bildstock, Marterl, Benediktussegen, Arma-Christi-Kreuz, Hausaltar, Herrgottswinkel, Weihwasserbehälter, Agathazettel und Schabfigur werden genannt.
Für orthodoxes Brauchtum führt der Artikel Artoklasia, Große Wasserweihe und Wardawar auf. Als Bräuche in der Gemeinde werden Maibaum und Johannisfeuer genannt. Diese Beispiele zeigen, dass christliches Brauchtum je nach Konfession, Region und sozialem Umfeld unterschiedliche Formen annehmen kann.