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Gebet
Gebete werden in der Familie oder in der Religionsgemeinschaft tradiert und gelernt. Die bekanntesten Gebete sind im Judentum das Schma Jisrael und im …
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Grundidee und Formen des Gebets
Das Gebet ist eine zentrale Glaubenspraxis vieler Religionen. Es bezeichnet eine verbale oder nonverbale, rituell festgelegte oder frei gestaltete Hinwendung an Gott, Gottheiten oder andere transzendente Wesen. Das Wort kann sowohl den Vorgang des Betens als auch einen vorformulierten Gebetstext meinen. Gebete werden allein, in Gruppen, in der Familie oder im Gottesdienst gesprochen und innerhalb einer Religionsgemeinschaft weitergegeben. Besonders bekannte Texte sind das Schma Jisrael im Judentum und das Vaterunser im Christentum; die Psalmen sind für beide Religionen bedeutend.
Kennzeichnend ist die persönliche und kommunikative Beziehung zum angesprochenen Gegenüber. Gebet im engeren Sinn setzt daher die Vorstellung voraus, dass ein persönlicher Gott gegenwärtig und für diese Hinwendung empfänglich ist. In monotheistischen Religionen gilt Gott meist als allgegenwärtig; in naturreligiösen Vorstellungen können Gottheiten dagegen an bestimmte Orte gebunden sein.
Wo der göttliche Wille als vorherbestimmt und unveränderlich gilt, soll das Gebet nicht unbedingt Gott umstimmen. Erwartet wird vielmehr eine Veränderung des Betenden: Sein Wille soll zum Guten gestärkt und seine Seele geläutert werden.
Gebete können gesprochen, gesungen oder still gedacht werden. Es gibt feststehende liturgische Texte, Litaneien, Gebete nach Vorlagen und spontane Formulierungen. Mögliche Körperhaltungen sind Stehen, Knien, Niederwerfen oder das Senken des Kopfes; die Hände können erhoben oder gefaltet werden. Als Hilfsmittel dienen beispielsweise Gebetsketten, Kruzifixe oder Ikonen. Viele Religionen kennen feste Gebetszeiten; teilweise wird ein ganzer Gottesdienst als Gebet verstanden.
Gebet im Judentum
Zum täglichen jüdischen Gebet, der Tefillah, gehören morgens Schacharit, nachmittags Mincha und abends Maariw. Religiöse Juden bedecken dabei den Kopf mit einer Kippa oder einer anderen Kopfbedeckung. Beim werktäglichen Morgengebet werden Tefillin, also Gebetsriemen, und ein Tallit, der Gebetsschal, verwendet; der Tallit wird auch am Shabbat und an Festtagen getragen. Das gewöhnliche Gebetbuch heißt Siddur, das Festtagsgebetbuch Machsor. Orthodoxe und konservative Gemeinden beten auf Hebräisch, während im liberalen Judentum Teile in der Landessprache gesprochen werden.
Das Morgengebet beginnt mit privaten Morgenlobsprüchen und Studientexten. Es folgen Psalmverse zur Vorbereitung, der Aufruf Barchu und das Schma mit seinen Lobsprüchen. Das Schma umfasst drei Toraabschnitte: Dewarim 6,4–9 und 11,13–21 sowie Bemidbar 15,37–41. Im Mittelpunkt steht die Amida, auch Schmone Esre oder Tefilla genannt. Sie enthält drei einleitende und drei abschließende Brachot, also Segens- und Lobsprüche. Ihr Hauptteil besteht werktags aus 13 Bitten für ein jüdisches Leben, am Shabbat aus einer Bitte für einen guten Ruhetag und an Festen aus einer entsprechenden Festbitte.
Am Shabbatmorgen sowie montags und donnerstags folgt eine öffentliche Toralesung; am Shabbat und an Festtagen schließt sich die Haftara, eine Lesung aus den Propheten, an. Orthodoxe und konservative Gemeinden beten an Festtagen einschließlich des Shabbat zusätzlich die Mussaf-Amida. Den Abschluss prägen Alenu und Kaddisch. Mincha beginnt mit Psalm 145, Maariw mit Psalm 134. Nur das Abendgebet enthält das Schma. Zum Beginn des Shabbat gehören Kabbalat Schabbat, sechs Psalmen für die sechs Wochentage, die Hymne Lecha Dodi und Psalm 92.
Neben der Amida werden Brachot zu vielen Gelegenheiten gesprochen: vor einer Mizwa, also der Erfüllung eines Gebots, vor dem Genuss von Speisen, Getränken oder Düften sowie zum Dank, Lob oder zur Bitte. Sie können in jeder Sprache gesagt werden. Beim häuslichen Shabbat gehören dazu der Segen über die Kerzen, der Kiddusch über Wein und der Segen über zwei geflochtene Brote, die Challot.
Christliches Verständnis und Praxis
Im Christentum gehört das Gebet von Anfang an zu den wichtigsten Ausdrucksformen des Glaubens. Es kann Lob, Dank, Klage, Bitte oder Fürbitte enthalten. Nach der Bibel betete Jesus selbst, lehrte seine Schüler das Beten und sprach Gott als Vater an. Das Vaterunser geht nach alter Überlieferung im Wortlaut auf Jesus zurück. Das Neue Testament nennt außerdem Psalmen, Anbetung und weitere Gebetsformen.
Für das christliche Gebet sind der Einklang mit Gottes Willen und der Glaube wichtig. Bitten dürfen sich auf den täglichen Bedarf beziehen, sollen aber nicht dazu führen, die Gottesbeziehung nur als Mittel zur Wunscherfüllung zu verstehen. Nach Paulus und Johannes tritt der Heilige Geist als Mittler ein, wenn Menschen nicht wissen, was sie beten sollen. Auch Klage ist erlaubt: Am Kreuz betete Jesus mit Psalm 22,2: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nach Christi Himmelfahrt richteten Christen Gebete ebenfalls an Jesus.
Das Vaterunser und die Psalmen sind in allen Konfessionen verbreitet. Orthodoxe, katholische und anglikanische Kirchen besitzen viele vorformulierte liturgische Gebete; im Pietismus und in Freikirchen überwiegen freie Gebete. Christen beten zum dreieinigen Gott, also zum Vater, zu Jesus Christus und teilweise direkt zum Heiligen Geist. Katholische und orthodoxe Christen bitten außerdem Maria und Heilige um Fürsprache bei Gott. Vorstellungen darüber, wie und wie häufig Gebete erhört werden, unterscheiden sich. Eingebungen, die als Reden Gottes verstanden werden, sollen unter anderem an der Bibel, der kirchlichen Lehre, der Gemeinschaft und am Gebot der Nächstenliebe geprüft werden.
Gebetet wird im Gottesdienst, in Gruppen, in der Familie und allein. Formen sind Tisch-, Kinder-, Morgen- und Abendgebete, das Stundengebet, der Rosenkranz, Bibeltextgebete, Gebetslieder, Friedensgebete, Gebetsketten und die katholische Ewige Anbetung. Betrachtendes Gebet erinnert meditativ an Gottes Wirken; kontemplatives Gebet konzentriert sich still auf ein Wort oder eine Bibelstelle. In den Ostkirchen ist besonders das Jesusgebet verbreitet.
Gebet ist nicht an eine bestimmte Haltung gebunden. Häufig sind Stehen als Zeichen des Respekts und Knien als Zeichen der Anbetung. Die frühe Orantenhaltung besteht aus aufrechtem Stehen mit geöffneten Armen und erhobenen Händen. Im Abendland wurde seit dem 11. Jahrhundert das Falten der Hände üblich; verschränkte Finger kamen erst in der Reformation auf. Katholische und orthodoxe Christen verwenden das Kreuzzeichen. Kerzen können Sammlung, Hoffnung oder das Gebet für einen Menschen versinnbildlichen.
Gebet für Kranke und im Sport
Christliches Gebet für Kranke beruht auf dem Glauben, dass auch Krankheit den Menschen nicht von Gottes Liebe trennt. Es geschieht als persönliches Gebet, als Fürbitte für andere, in der Krankenhausseelsorge, bei der Krankensalbung, durch Gemeindeälteste oder in Heilungsgottesdiensten. Häufig wird dabei auf Genesung gehofft. Medizinische Forschung konnte jedoch keinen empirischen Zusammenhang zwischen Fürbitten und der Genesung Erkrankter nachweisen. Das Gebet kann für den Betenden selbst einen Placeboeffekt haben; die Mehrheit der Studien stellte aber keine gesundheitsfördernde Wirkung fest.
Im Sport beziehen manche Gläubige etwa das Kreuzzeichen in ihr Ritual vor einem Wettkampf ein. In den USA besitzt dies mit dem Fellowship of Christian Athletes eine feste Organisationsform. Eine dänische Untersuchung ergab, dass Gläubige angesichts erwarteten Wettkampfstresses und Schmerzes zuversichtlicher waren und deutlich weniger Schmerz wahrnahmen als Nichtgläubige.
Islam und Bahai
Im Islam wird zwischen Du’a, dem Bittgebet, und dem rituellen Pflichtgebet unterschieden. Mit dem Du’a bittet man Gott um Hilfe. Das Ritualgebet gehört zu den Fünf Säulen des Islam, wird fünfmal täglich verrichtet und auf Arabisch rezitiert. Es unterbricht den Tagesablauf, damit die Gläubigen Gottes gedenken. Vorher erfolgt die rituelle Waschung Wudū'. Ein zentraler Bestandteil jedes Pflichtgebets ist die erste Sure des Korans, Al-Fātiha. Einzelheiten unterscheiden sich zwischen den islamischen Rechtsschulen. Nach der Überlieferung empfing Mohammed die Anweisung zum Gebet während seiner Himmelfahrt unmittelbar von Gott.
Auch in der Bahai-Religion hat das Gebet große Bedeutung. Täglich muss eines von drei Pflichtgebeten gewählt werden: das lange einmal innerhalb von 24 Stunden, das mittlere morgens, mittags und abends oder das kurze mittags. „Morgens“ reicht von Sonnenaufgang bis Mittag, „mittags“ von Mittag bis Sonnenuntergang und „abends“ von Sonnenuntergang bis zwei Stunden danach. Pflichtgebete werden allein und zurückgezogen gesprochen oder gesungen; nur das Totengebet wird gemeinschaftlich rezitiert. Daneben gibt es überlieferte Gebete des Bab, Baha’u’llahs und Abdul-Bahas für unterschiedliche Situationen. Der Artikelabschnitt gilt allerdings als überarbeitungsbedürftig, unter anderem weil die Unterscheidung zwischen Pflichtgebeten und anderen Gebeten sowie Gebetsrichtung und Ausnahmen nicht vollständig dargestellt sind.
Hinduismus, Buddhismus und weitere Religionen
Im Hinduismus waren bereits in der vedischen Zeit um 1200 v. Chr. Hymnen und Bitten an Gottheiten sowie Mantras, wörtlich „Mittel zum Denken“, verbreitet. Heute ist das tägliche Gebet besonders im Bhakti Yoga, dem Weg persönlicher Hingabe an Gott, wichtig. Manche Hindus verehren das Göttliche in Bildern oder Emblemen; andere, etwa Arya Samaj und Lingayats, lehnen Bilderverehrung ab. Allgemeingültige Gebetszeiten und Vorschriften gibt es nicht.
Eine verbreitete Form ist Arati: Eine Butterlampe wird morgens oder abends vor einem Bild oder Symbol des Göttlichen geschwenkt, während eine Glocke erklingt und gesprochen, gedacht oder gesungen gebetet wird. Weitere Formen sind kurze Anrufungen, häusliche Pujas, das Darbringen von Speisen, gesungene Bhajans und Japa, die wiederholte Anrufung eines Gottesnamens, oft mit einer Kette aus 108 Kugeln. Eine bestimmte Körperhaltung ist nicht vorgeschrieben, wohl aber Respekt: Man zieht die Schuhe aus, wäscht möglichst die Hände und sitzt niedriger als der Altar. Bekannte Texte sind das Gayatri-Mantra, das um geistiges Licht bittet, und das Shiva verehrende Mrityunjaya-Mantra. Die verschiedenen Götter und Göttinnen gelten in verbreiteten hinduistischen Philosophien als Formen des letztlich formlosen Einen; der Hinduismus wird daher im Artikel ausdrücklich nicht als polytheistisch eingeordnet.
Im Buddhismus gilt die letzte Wirklichkeit meist als unpersönlich, weshalb ein Gebet zu ihr als nicht sinnvoll verstanden wird. Dennoch wenden sich viele Buddhisten in Japan, China und Tibet an Bodhisattvas: erleuchtete Wesen, die auf den letzten Schritt ins Nirwana verzichten, um anderen zu helfen. Im Theravada-Buddhismus Sri Lankas und Südostasiens bittet man stattdessen weltliche Gottheiten oder Geister um Hilfe, etwa Brahma in Thailand, die 37 Nats in Myanmar oder Yakshas in Sri Lanka.
Im Shintoismus wird zu Hause oder im Schrein zu zahlreichen, nicht als vollkommen gedachten Göttern gebetet. Die Anliegen betreffen vor allem das diesseitige Leben. Vor dem Gebet werden als Reinigung Hände und Gesicht gewaschen. Gebete reichen von kurzen Bitten bis zu Ritualen mit altjapanischen Texten, Speise- und Sakeopfern sowie Tänzen der Miko.
In der hawaiischen Religion ist Hoʻoponopono, „wieder richtig machen“, ein Verfahren zur friedlichen Lösung vor allem zwischenmenschlicher Konflikte. Traditionell leitete ein kahuna das Treffen aller Beteiligten; auch Ahnen und höhere Wesen wurden einbezogen. Aussprache, Reue, Vergebung und Fürbitte sollen Fehlverhalten korrigieren und Versöhnung ermöglichen. Moderne Formen können allein durchgeführt werden. Heute als Hoʻoponopono bezeichnete Mantras sind laut Artikel weder hawaiisch noch Bestandteil des traditionellen Verfahrens.
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