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Wallfahrt
Bei einer Wallfahrt steht nicht der Weg, sondern das Ziel im Vordergrund, in der Regel ein Heiligtum. Bei einer Prozession hingegen steht der Vorgang des …
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Grundidee und Abgrenzung
Eine Wallfahrt oder Pilgerfahrt ist das Zurücklegen eines Pilgerweges zu Fuß oder mit einem Transportmittel, um an einem Ziel eine Pilgerstätte zu besuchen. Sie kann dazu dienen, ein religiöses Gebot, eine Buße oder ein Gelübde zu erfüllen oder um die Erhörung eines Gebets zu erhoffen. Im Islam heißen wichtige Formen Haddsch oder Ziyāra.
Bei einer Wallfahrt steht vor allem das Ziel im Vordergrund, meist ein Heiligtum. Eine Prozession unterscheidet sich davon: Dort ist das gemeinsame Schreiten selbst als rituelle Handlung der Kultgemeinde zentral, oft als Abschreiten oder Umschreiten einer heiligen Stätte.
In früheren Jahrhunderten hatten Wallfahrten oft einen asketischen Charakter, weil Fernreisen gefährlich und beschwerlich waren. Durch moderne Verkehrsmittel und touristische Infrastruktur ist dieser Aspekt meist schwächer geworden. Deshalb gewinnen heute die rituellen Handlungen am Ziel besondere Bedeutung. Religiös motiviertes Reisen im weiteren Sinn wird auch Religionstourismus genannt.
Frühe und antike Formen
Schon in der Vorgeschichte gab es vermutlich überregionale Kultzentren. Dazu konnten auffällige Berge, besondere Landschaftsformen oder monumentale Steinsetzungen der Megalithkultur gehören. Steinritzungen in Valcamonica und auf dem Mont Bégo werden als mögliche Zeugnisse vorgeschichtlicher Wallfahrten gedeutet. In der Eisenzeit sind überregionale Kultzentren belegt, etwa der Hill of Uisneach in Irland oder germanische Thingstätten wie Uppsala in Schweden und Lejre in Dänemark, die als heilige Opferorte galten.
Im Alten Orient war das Grab des Osiris in Abydos seit dem Mittleren Reich ein bedeutender ägyptischer Wallfahrtsort. In hellenistischer und römischer Zeit zogen das Sarapisheiligtum in Memphis, das Isisheiligtum auf Philae und das Orakel des Ammon in der Oase Siwa Pilger an. Auch Jahresfeste großer Gottheiten führten viele Menschen zu Tempeln, wie Herodot für das Bastet-Heiligtum in Bubastis berichtet.
Auch Griechen und Römer besuchten aus religiösen Gründen ferne Tempel oder heilige Städte. Beispiele sind die jährliche Prozession zu den Mysterien von Eleusis auf der Hiera Hodos und der berühmte Kultort Ephesus, wo das Kultbild der Artemis verehrt wurde. Orakel waren ein wichtiger Anlass für Wallfahrten, etwa nach Delphi, Klaros, Didyma, Seleukia oder Dodona. In der römischen Kaiserzeit, besonders im 2. Jahrhundert n. Chr., erreichte der antike Pilgerbetrieb einen Höhepunkt.
Judentum
Im Judentum kennt die Tora drei jährliche Wallfahrtsfeste: Pessach, Schawuot und Sukkot. Sie waren Erntefeste und mit dem Besuch des Jerusalemer Tempels sowie mit Abgaben verbunden. Sukkot hatte dabei den höchsten Stellenwert und konnte im Tanach als „das Wallfahrtsfest“ schlechthin bezeichnet werden. Die sogenannten Wallfahrtspsalmen, Psalm 120–134, wurden von Leviten im Jerusalemer Tempel am ersten Tag des Sukkotfestes bei der Lichtfeier gesungen.
Der Besuch des Heiligtums an den drei Festen, das „Erscheinen vor JHWH“, war für jüdische Männer verpflichtend, für Frauen und Kinder freiwillig. Um die Zeitenwende hatte die Wallfahrt im Judentum große Bedeutung. Pilger kamen aus Judäa, Galiläa, dem Mittelmeerraum, Ägypten, Äthiopien und Babylonien. Jerusalem hatte zur Römerzeit etwa 40.000 Einwohner, wurde aber an den Festtagen von einem Vielfachen an Pilgern besucht.
Nach der Tempelzerstörung 70 n. Chr. war der Zugang zum Tempelberg und nach Jerusalem für Juden nur zeitweise möglich. Rabbinische Texte berichten von Trauerritualen wie dem Zerreißen des Gewands und Fasten. Nach der islamischen Eroberung Jerusalems wurde die Wallfahrt für Juden zunächst erleichtert. Im 10. und 11. Jahrhundert war Hoschana Rabba, der 7. Tag der Sukkot-Festwoche, ein wichtiger Pilgertermin. Pilger beteten um den Tempelberg und besuchten den Ölberg.
Später entstanden zahlreiche jüdische Pilgerziele, etwa die Höhle Machpela in Hebron, das Rahelgrab nahe Bethlehem und Gräber bedeutender Rabbiner in Galiläa. Im 16. Jahrhundert wurde Safed ein Zentrum der Kabbalisten; das Grab von Schimon bar Jochai in Meron wurde besonders an Lag baOmer, dem 18. Ijjar, besucht. Heute wird der Besuch der Klagemauer im jüdischen Glauben nicht als Wallfahrt verstanden. Bedeutend sind aber weiterhin Heiligengräber und Hilulot, etwa in Meron, Netiwot, Be’er Scheva, Uman oder Medschybisch. Bei der Massenpanik auf dem Har Meron 2021 starben mindestens 45 Menschen, 150 wurden verletzt.
Christentum
Die frühe Christenheit der ersten beiden Jahrhunderte lehnte das Wallfahrtswesen zunächst ab. Im 4. Jahrhundert entwickelte sich christliches Pilgern stark: Märtyrergräber wurden durch bischöfliche Förderung zu Zielen, Wüstenväter und Wüstenmütter in Ägypten, Palästina und Syrien wurden aufgesucht, und das Heilige Land wurde durch kaiserliche Bauprogramme in Jerusalem, Bethlehem und Hebron zu einer Pilgerlandschaft. Nach dem Konzil von Ephesos 431 kamen Marienwallfahrtsorte hinzu.
Im Mittelalter wurde die Wallfahrt in der Westkirche zu einem Glaubenszeugnis. Schon das Gelübde, eine Wallfahrt zu unternehmen, das Votum peregrinationis, hatte große Bedeutung. Besonders wichtig wurden im 11. Jahrhundert Jerusalem und Santiago de Compostela. Jerusalemwallfahrten verbanden sich eng mit den Kreuzzügen, die auch als bewaffnete Pilgerfahrten verstanden wurden. Santiago de Compostela entwickelte sich dagegen zu einem europäischen Ziel für alle gesellschaftlichen Gruppen, unterstützt durch Hospitäler und andere Infrastruktur an den Jakobswegen.
Pilger wurden durch weltliche und kirchliche Regelungen geschützt. Man konnte auch stellvertretend andere gegen Bezahlung pilgern lassen; Pilgerzeichen vom Zielort sollten die Reise belegen, wurden aber auch gefälscht. Typische Pilgerausstattung waren langer Mantel, breitkrempiger Hut, Pilgertasche, Trinkflasche und Pilgerstab. Wallfahrtskirchen hatten oft Einrichtungen für Kranke, die bei Reliquien Heilung suchten; daraus konnten Hospitäler und medizinische Zentren entstehen.
Nach dem Tridentinischen Konzil förderte die römisch-katholische Kirche Wallfahrten stärker und organisierte sie stärker kirchlich. Viele ältere Orte wurden marianisch gedeutet, neue Marienwallfahrtsorte kamen hinzu. In Lateinamerika konnten christliche Wallfahrtsorte an frühere indigene Heiligtümer anschließen, etwa Chalma in Mexiko oder Copacabana in Bolivien. Die Aufklärung kritisierte Wallfahrten stark; Kaiser Joseph II. erließ 1775/76 ein Wallfahrtsverbot. Im 19. Jahrhundert wurden Wallfahrten durch moderne Verkehrsmittel und romantische Mittelalterbegeisterung zum Massenphänomen. Die Trierer Heilig-Rock-Wallfahrt von 1844 hatte rund 500.000 Teilnehmer. Nach dem Mariendogma von 1854 wurden Marienerscheinungen berichtet, aus denen stark besuchte Orte wie Lourdes 1858, Fátima 1916 und Medjugorje 1981 hervorgingen.
Heute dienen christliche Wallfahrten etwa religiösen Erfahrungen, Buße, Heilung oder Gebet in besonderen Anliegen. Wichtige Ziele sind Rom mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus, Santiago de Compostela mit dem Grab des Apostels Jakobus und die Stätten des Heiligen Landes. Große jährliche Wallfahrten führen zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe mit etwa 20 Millionen Pilgern und zu den Pilgerstätten Roms mit etwa 18 Millionen. Weitere wichtige Orte sind Aparecida, Lourdes, Tschenstochau, Fátima, Padua, Assisi, Santiago de Compostela, Mariazell und Loreto. In den orthodoxen Kirchen leben spätantike Traditionen weiter, etwa Wallfahrten zu Märtyrergräbern und bedeutenden Ikonen wie in Smolensk, Kasan, Kykkos oder Tinos.
Islam, Bahaitum und indische Religionen
Im Islam ist der Haddsch die wichtigste Wallfahrt. Er ist eine der fünf Säulen des Islam und jedem genügend vermögenden Muslim einmal im Leben vorgeschrieben. Ziel ist die Kaaba in Mekka; oft wird der Haddsch mit einem Besuch des Grabs Mohammeds in Medina verbunden. Der Haddsch findet zu einem bestimmten Zeitpunkt im islamischen Festkalender statt. Die kleinere Pilgerfahrt Umra kann dagegen das ganze Jahr über nach Mekka führen. Daneben gibt es Ziyāra, den Besuch heiliger Gräber, und in volksislamischen Strömungen organisierte jährliche Pilgerreisen zu Gräbern oder Wirkungsstätten von Heiligen. Schiiten kennen regelmäßige Wallfahrten zu Wirkungsstätten ihrer Imame, etwa nach Maschhad. Fundamentalisten bekämpfen Wallfahrten zu Heiligengräbern als Idolatrie.
Im Bahaitum gibt es Pilgerfahrten zu „heiligen Häusern“ und zu wichtigen Stätten der Bahai-Geschichte, besonders im Raum Haifa in Israel. Bahāʾullāh legte im Kitab-i Aqdas dar, dass eine Pilgerfahrt verpflichtend sei, sofern die Möglichkeit besteht; für Frauen gilt diese Verpflichtung nicht. Genannt wurden sein Wohnhaus in Bagdad und das Haus des Bab in Schiras. Später kamen der Schrein Bahāʾullāhs in Akkon und der Schrein des Bab in Haifa hinzu. Da das Haus des Bab 1979 und das Wohnhaus Bahāʾullāhs 2013 zerstört wurden, sind heute die Stätten am Berg Karmel besonders wichtig.
In den indischen Religionen spielen heilige Orte ebenfalls eine große Rolle. Im Hinduismus heißen sie tīrtha, „Furt“, und Wallfahrten dorthin tīrthayātrā. Meist sind sie für alle Kasten offen. Zum Besuch gehören oft ein rituelles Bad, das Schauen der Gottheit, darshan, und das Umwandeln des Kultbildes oder der heiligen Stätte, pradakṣinā. Wichtige Gruppen sind die sieben heiligen Städte Ayodhya, Mathura, Haridwar, Benares, Kanchipuram, Ujjain und Dvaraka sowie die vier Hauptpilgerorte Char Dham: Badrinath, Puri, Rameswaram und Dvaraka. Vom Besuch des Char Dham erhofft man besonders leicht Moksha, die Befreiung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt. Im Jainismus sind unter anderem Abu, Shatrunjaya und Shravanabelagola wichtige Wallfahrtsorte. Im Buddhismus gelten Lumbini, Sarnath, Bodhgaya und Kushinagar als vier heilige Stätten, die mit Geburt, erster Lehre, Erleuchtung und Tod Buddhas verbunden sind.
Andere Religionen und säkulare Nutzung
Auch in weiteren Religionen gibt es pilgerartige Reisen. Im Shintō, der einheimischen Religion Japans, führen Pilgerfahrten zum Ise-Großschrein. Daneben gibt es in Japan buddhistische Pilgerwege, etwa den Shikoku-Pilgerweg mit 88 Tempeln.
Beim mexikanischen Volk der Huicholes gibt es eine jährliche 550 Kilometer weite Reise, um Peyote-Kakteen für religiöse Zeremonien zu sammeln. Der Artikel betont, dass der Begriff Wallfahrt hier nicht angemessen ist; passender ist „Sammelreise“ oder „Peyote-Jagd“, weil die Reise der rituellen Geographie und dem Sammeln einer Jahresration dient.
Der Begriff Wallfahrt wird heute auch säkular verwendet. Seit der Romantik sprach man von „Pilgerreisen“ zu gefeierten Künstlern. In der Gegenwart wird in der Presse auch bei Fans von Popstars davon gesprochen, dass sie etwa zu Elvis Presleys Haus Graceland „wallfahren“. Grabstätten berühmter Persönlichkeiten können ebenfalls zu „Pilgerstätten“ von Fans werden, zum Beispiel die Gräber von John Bonham, Jimi Hendrix oder Wolfgang Güllich.