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Liturgie
Die Liturgie umfasst das gesamte gottesdienstliche Geschehen: Gebet, Lesung und Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung und Gewänder, liturgische Geräte …
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Grundbegriff und Funktion
Liturgie bezeichnet die Ordnung und Gesamtheit religiöser Zeremonien und Riten, besonders im jüdischen, christlichen und islamischen Gottesdienst. In ähnlicher Weise wird der Begriff manchmal auch für religiöse Feiern anderer Religionen verwendet. Liturgie dient der Verehrung Gottes und der Vertiefung des gemeinschaftlichen Glaubens.
Sie umfasst das gesamte gottesdienstliche Geschehen: Gebet, Lesung und Verkündigung, Gesang, Gestik, Bewegung und Gewänder, liturgische Geräte, Symbole und Symbolhandlungen sowie die Spendung von Sakramenten und Sakramentalien. Ein Gottesdienst ist der zeitliche und räumliche Rahmen religiöser Erfahrung; die Liturgie ist die strukturierte Gestaltung dieses Rahmens durch festgelegte Rituale, Texte, Symbole und Handlungen. Sie ordnet Rituale zu einem wiederholbaren, gemeinschaftlich erfahrbaren Ablauf.
Judentum und Islam
In der jüdischen Liturgie drückt das jüdische Volk seine Beziehung zu Gott durch ein strukturiertes Gebets- und Ritualsystem aus. Im vor-rabbinischen Judentum standen Opfer, Tempelgottesdienste und Festfeiern im Mittelpunkt. Nach der Zerstörung des Tempels rückten im rabbinischen Judentum Gebet, Segnungen, Psalmen und studienbasierte Rituale in den Vordergrund.
Zur jüdischen Liturgie gehören die drei täglichen Gebete Schacharit (Morgengebet), Mincha (Nachmittagsgebet) und Maariv (Abendgebet), außerdem der Schabbatgottesdienst und die Feiertage. Sie umfasst Kantillation der Tora, also den gesungenen Vortrag nach bestimmten Zeichen, sowie Gesang und Gebet. Zentrum ist die Toravorlesung: Die Tora ist in 54 Abschnitte, die Paraschot, unterteilt; am Schabbatvormittag wird im Gottesdienst eine Parascha vorgelesen.
Die islamische Liturgie besteht aus festgelegten rituellen Handlungen und Gebeten, durch die Muslime ihre Beziehung zu Gott (Allah) im Gottesdienst (ʿIbāda) ausdrücken. Zentral ist das fünfmal tägliche Pflichtgebet, die Salāt. Dazu kommen rituelle Texte und Rezitationen aus dem Koran. Besonders wichtig ist das Freitagsgebet (Salāt al-ǧumʿa), das als wöchentliche Gemeinschaftspflicht in Moscheen stattfindet. Es verbindet Predigt (Khutba) und gemeinsames Gebet und stärkt sowohl die spirituelle Verbindung zu Gott als auch das Gemeinschaftsgefühl.
Christliche Liturgie allgemein
Im Christentum ist die genaue Abgrenzung zwischen Liturgie und Gottesdienst nicht überall gleich. Historische, theologische und regionale Gründe führen dazu, dass beide Begriffe teils gleichbedeutend, teils unterscheidend verwendet werden. Martin Luther übersetzte das griechische leitourgia als „Gottes Dienst“. Darin kommt zum Ausdruck, dass Gottesdienst zuerst als Dienst Gottes am Menschen verstanden wird, also als Geschenk und Gnade; die Liturgie ist dann auch die Antwort des Menschen auf diesen Dienst Gottes.
Christliche Liturgie ist nach dem Artikel nie rein privat, sondern Feier und Lebensvollzug der Kirche. Sie unterscheidet sich deshalb von profanen Versammlungen und vom privaten Gebet. Neben Gemeindeliturgien an Sonn- und Werktagen gehören auch Kasualien wie Taufe, Trauung und Begräbnisfeier dazu. Außerdem feiern Teile der Gemeinde, Gemeinschaften oder Gruppen weitere Formen wie das Stundengebet.
Für das Urchristentum sind keine vollständigen Gottesdienstordnungen bekannt. Die Feiern waren noch in Entwicklung und unterschieden sich je nach Gemeinde. Wahrscheinlich beeinflusste der jüdische Synagogengottesdienst den frühchristlichen Gottesdienst; dazu kamen Lesung und Auslegung kanonischer Schriften sowie das Brotbrechen. In neutestamentlichen Texten finden sich liturgische Elemente wie Christuslieder, etwa Philipper 2,5–11, Bekenntniselemente in 1. Korinther 15 und überlieferte Einsetzungsworte zum Herrenmahl in 1. Korinther 11. Frühe Schriften wie die von Justin dem Märtyrer und die Didache geben weitere Hinweise.
Katholische, orthodoxe und evangelische Formen
Die römisch-katholische Kirche versteht unter Liturgie besonders die Ordnung der heiligen Messe. Das Zweite Vatikanische Konzil nennt die Liturgie in Sacrosanctum Concilium den „Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“. Im katholischen Verständnis geht es daher nicht nur um einzelne Regeln für Riten, sondern um einen Wesensvollzug der Kirche. Der Codex Iuris Canonici von 1983 beschreibt die Liturgie als Ausübung des priesterlichen Dienstes Jesu Christi, in der die Heiligung der Menschen durch sinnlich wahrnehmbare Zeichen bezeichnet und bewirkt wird. Die liturgischen Bücher des römischen Ritus sind unter anderem Missale Romanum, Rituale Romanum und Stundenbuch; daneben gibt es die Liturgien der mit Rom verbundenen Ostkirchen sowie historische Ordensliturgien.
Die östlich-orthodoxen und orientalisch-orthodoxen Liturgien werden in Liturgiefamilien oder Riten eingeteilt: byzantinischer, westsyrischer, ostsyrischer, alexandrinischer und armenischer Ritus. Besonders bekannt ist im Westen der Byzantinische Ritus. Für die Eucharistie wird dort vor allem die Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos verwendet. Die Liturgie des heiligen Basilius wird heute noch an zehn Tagen im Jahr gefeiert, unter anderem am 1. Januar, am Vorabend von Weihnachten und Epiphanias, an fünf Sonntagen der großen Fastenzeit, am Gründonnerstag und am Karsamstag. Außerdem gibt es die Liturgie der Vorgeweihten Gaben, vor allem mittwochs und freitags in der großen Fastenzeit.
In evangelischen Kirchen ist die Predigt für alle Hauptgottesdienstformen zentral. Für Mitgliedskirchen der VELKD und der ehemaligen EKU gibt es in Deutschland eine gemeinsame Ordnung im Evangelischen Gottesdienstbuch. Es folgt dem „Prinzip der festen Grundstruktur in variabler Ausformung“ und geht von zwei historischen Grundformen aus: der evangelischen Messe und dem oberdeutschen Predigtgottesdienst. Reformierte Traditionen entwickelten eine Struktur mit Sammlung, Lob und Anbeten, Lesung und Predigt, Fürbitten beziehungsweise Abendmahl sowie Sendung und Segen. In manchen Freikirchen ist der Begriff Liturgie wegen seiner Nähe zu Tradition unerwünscht, dennoch haben fast alle Gemeinschaften ritualisierte Abläufe.
Weitere Religionen und moderne Entwicklungen
In den dharmischen Religionen Hinduismus, Buddhismus, Jainismus und Sikhismus gibt es vielfältige, aber teilweise ähnliche liturgische Formen. Gemeinsam sind Gebete, Gesänge, Rezitationen heiliger Texte oder Mantras. Im Hinduismus ist die Puja wichtig, bei der Gottheiten verehrt und Opfergaben dargebracht werden. Im Buddhismus werden Sutras rezitiert und Meditationen durchgeführt, um Achtsamkeit und Mitgefühl zu fördern. Im Jainismus stehen Verehrung der Tirthankaras, Reinigungsrituale und Rezitationen im Vordergrund. Im Sikhismus werden Hymnen aus dem Guru Granth Sahib gesungen, Gebete gesprochen und gemeinschaftliche Praktiken wie der Langar gepflegt.
Diese Liturgien dienen nicht nur der Verehrung, sondern auch ethischer und spiritueller Schulung. Sie fördern moralische Reflexion, spirituelle Reinheit, innere Disziplin und die Verinnerlichung des Dharma. Dabei unterscheiden sich die Gottesvorstellungen: Der Hinduismus ist überwiegend polytheistisch geprägt, Buddhismus und Jainismus gelten eher als nicht theistische Traditionen, und der Sikhismus betont einen monotheistischen Gott.
Im Shintōismus sind liturgische Handlungen auf die Verehrung der Kami ausgerichtet. Typische Elemente sind Reinigungsrituale wie Misogi oder Harae, rituelle Gebete (Norito), Tänze und Musik (Kagura) sowie Opfergaben. Sie finden zu festen Anlässen wie Matsuri oder zu persönlichen Gelegenheiten statt. Der Schwerpunkt liegt stärker auf praktischer, symbolischer Handlung als auf Texten.
Für die Moderne beschreibt der Artikel eine Spannung: Wegen der Wertschätzung von Spontanität und Authentizität sprechen viele Wissenschaftler von einer Liturgieunfähigkeit des modernen Menschen. Gleichzeitig entstehen in Bereichen wie Sportveranstaltungen und Medien neue Gemeinschaftsrituale und Paraliturgien. Außerdem gibt es liturgische Erneuerungen und Wiederentdeckungen, zum Beispiel die Berneuchener Bewegung („Michaelsbrüder“) und die Gesänge von Taizé.
Liturgie als Wissenschaft
Die Liturgik oder Liturgiewissenschaft (scientia liturgica) untersucht liturgische Feiern und Handlungen. Ihr Ziel ist es, ihren Ursprung, ihre Geschichte und ihre Bedeutung zu erklären und einen sachgemäßen, lebendigen Vollzug durch Vorsteher und Gemeinde zu fördern.
Die Rubrizistik oder Zeremonienlehre beschäftigt sich mit dem Ritus des Gottesdienstes, also mit den äußeren Zeremonien und Riten. Sie erklärt die Form, nach der liturgische Handlungen geschehen sollen. Solche Erklärungen heißen Rubriken, weil sie in liturgischen Büchern zur Unterscheidung von den liturgischen Texten meist rot geschrieben sind.