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Buch der Psalmen

Im Judentum wie auch im Christentum war der Psalter zunächst ein privater Meditationstext, bevor Psalmen in die Liturgien von Synagogen und Kirchen integriert …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee, Stellung und Entstehung
  2. 2. Poetische Form und musikalische Merkmale
  3. 3. Gattungen und typische Beispiele
  4. 4. Zentrale Vorstellungen vom Menschen und von Gott
  5. 5. Aufbau, David und unterschiedliche Zählungen
  6. 6. Übersetzungen und Bedeutung in den Religionen

Grundidee, Stellung und Entstehung

Das Buch der Psalmen, auch Psalter genannt, ist eine Sammlung von 150 ursprünglich hebräischen Gedichten in der Bibel. Im jüdischen Tanach steht es meist am Anfang der Ketuvim, der „Schriften“; im christlichen Alten Testament gehört es zur Weisheitsliteratur. Als Gesamtwerk führt der Psalter von der Klage ab Psalm 3 zum immer stärkeren Gotteslob, das in Psalm 150 gipfelt. Zugleich weitet sich die Perspektive: In Psalm 1 meditiert ein Einzelner die Tora, während am Ende alles Lebendige zum musikalischen Gotteslob aufgerufen wird.

Viele Psalmen entstanden im Umfeld des Jerusalemer Tempels. Die heutige Forschung betrachtet sie jedoch nicht einfach als Gesangbuch des Tempelkults, sondern überwiegend als Literatur, die teilweise aus kultischen, teilweise aus privaten und familiären Zusammenhängen hervorging. Die meisten Psalmen erhielten ihre heutige Form wahrscheinlich in der Zeit des Zweiten Tempels, vom 6. bis zum 2. Jahrhundert v. Chr. Manche enthalten ältere Bestandteile: Königspsalmen könnten aus vorexilischen Königsfeiern stammen, Psalm 80 auf den Untergang des Nordreichs Israel 722 v. Chr. und Psalm 74 auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. zurückgehen. Dagegen setzen die Psalmen 105 und 106 möglicherweise den nach 400 v. Chr. abgeschlossenen Pentateuch voraus.

Die Datierung bleibt unsicher. Auch die Vorstellung einer gezielt geplanten Gesamtkomposition ist umstritten: Erich Zenger und Frank-Lothar Hossfeld beschreiben einen mehrstufigen Redaktionsprozess, während Eva Mroczek aufgrund der vielfältigen Psalmenhandschriften vom Toten Meer eher von überlappenden Textgruppen und wachsenden Archiven spricht.

Poetische Form und musikalische Merkmale

Das wichtigste Versmerkmal hebräischer Poesie ist der Parallelismus membrorum, die „Parallelität der Versglieder“. Ein Vers besteht meist aus zwei, seltener aus drei Gliedern, den Kola; entsprechend spricht man von Bikolon und Trikolon. Die Glieder bilden durch formale oder inhaltliche Beziehungen eine Sinneinheit.

Unterschieden werden fünf Typen: Beim synonymen Parallelismus drücken beide Glieder Ähnliches mit anderen Worten aus, etwa „Mensch“ und „Adamskind“ in Psalm 8,5. Beim synthetischen Parallelismus ergänzt das zweite Glied den ersten Gedanken. Der antithetische Parallelismus stellt Gegensätze gegenüber, etwa das Aufhelfen der Armen und das Erniedrigen der Frevler in Psalm 147,6. Beim parabolischen Parallelismus stehen Bild und gemeinte Sache nebeneinander, beispielsweise die Barmherzigkeit eines Vaters und die Barmherzigkeit JHWHs in Psalm 103,13. Der seltenere klimaktische Parallelismus wiederholt ein Schlüsselwort und steigert den Gedanken stufenweise.

Der ursprüngliche Klang ist nicht sicher rekonstruierbar, weil der hebräische Konsonantentext erst im Frühmittelalter Vokal- und Akzentzeichen erhielt. Als wahrscheinliche Rhythmen gelten 3+3 beim Weisheitsspruch, 2+2 oder 4+4 beim Staccato-Vers und das „hinkende“ 3+2-Metrum der Totenklage. Strophen können durch Refrains, Zeit- oder Sprecherwechsel und Signalwörter markiert werden. Psalm 119 besteht aus Strophen zu je acht Versen; jede Strophe beginnt mit einem anderen Buchstaben und durchläuft von Alef bis Taw das hebräische Alphabet.

Die Psalmen nennen vor allem Saiteninstrumente, außerdem Handpauke, Langflöte, Zimbeln und Schofar. Solche Angaben erlauben aber keine sichere Rekonstruktion der Tempelmusik. Auch Begriffe in den Überschriften bleiben teilweise unklar. Der in 39 Psalmen vorkommende Ausdruck Sela könnte ein Pausen-, Wiederholungs- oder Erhebungszeichen, ein musikalisches Zwischenspiel oder eine Anweisung an den Kopisten gewesen sein.

Gattungen und typische Beispiele

Die Form- und Gattungskritik ordnet Psalmen nach typischen sprachlichen Formen, Motiven und vermuteten Verwendungssituationen, dem sogenannten „Sitz im Leben“. Hermann Gunkel unterschied unter anderem Hymnen, Klagen des Volkes, Königspsalmen, Klagen und Danklieder des Einzelnen sowie Weisheitsdichtung. Die Forschung nutzt einige dieser Kategorien weiterhin, deutet den konkreten Tempelkult jedoch vorsichtiger als früher.

Ein Hymnus ruft zum Lob auf und begründet es anschließend. Psalm 117, der kürzeste Psalm, enthält einen Lobaufruf an alle Völker und nennt als Grund Gottes Huld und Treue. Ein Klagelied des Einzelnen besteht typischerweise aus Gottesanrufung und Klage, Bitte mit Begründung sowie einer Wende zu Vertrauen und Lob. Psalm 13 gilt dafür als Musterbeispiel. Diese Wende muss kein plötzlicher Gefühlsumschwung sein; sie kann einen längeren Weg von der Klage zum Lob beschreiben.

Rund 20 Psalmen gelten als Danklieder des Einzelnen. Sie erinnern daran, wie Gott aus einer früheren Not geholfen hat. Das hebräische Wort tôdāh bezeichnet sowohl das Danklied als auch das Dankopfer; Gelübdeerfüllung, Opfer und gemeinsames Mahl bilden daher den möglichen Hintergrund.

In kollektiven Klage- und Bittpsalmen spricht statt eines Einzelnen das Volk. Psalm 79 beklagt etwa die Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Die Gemeinde erinnert Gott an frühere Rettungstaten, an seinen Namen und seine Ehre und verbindet die Bitte entweder mit einem Sündenbekenntnis oder mit einer Unschuldsbeteuerung.

Zentrale Vorstellungen vom Menschen und von Gott

Die Psalmen behandeln Grundfragen menschlichen Lebens, darunter Bedrohung, Krankheit, Schuld, Gerechtigkeit, Tod und Hoffnung. Körperliche und seelische Vorgänge werden nicht scharf getrennt. Das Herz gilt nicht nur als Ort der Erregung, sondern besonders des Erinnerns, Erkennens, Planens und Wollens; die Nieren stehen für verborgene Impulse. Die oft mit „Seele“ übersetzte Nefesch meint genauer Vitalität, Lebensenergie oder Lebenskraft. In Psalm 42 wird die leidende Nefesch mit einer dürstenden Hirschkuh verglichen.

Individualklagen beschreiben häufig einen „sozialen Tod“ durch Feindschaft, Missachtung und Einsamkeit. Ob ein körperlich Kranker sozial ausgeschlossen oder ein Angefeindeter körperlich krank wird, lässt sich oft nicht trennen. Die allgemein gehaltene Sprache macht die Gebete für viele Menschen nachsprechbar.

Feinde erscheinen als wilde Tiere, Fallensteller oder Menschen, deren Worte Waffen gleichen. Ob diese Darstellungen vor allem innere Ängste ausdrücken oder reale Gewalt spiegeln, wird unterschiedlich beurteilt. Die Klage übergibt die Entscheidung jedoch JHWH und bedeutet meist den Verzicht auf eigene Vergeltung; die Bezeichnung „Rachepsalmen“ ist deshalb ungenau.

Rettung vom Tod bedeutet im Psalter gewöhnlich die Rückkehr zur Lebensfülle und die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft, nicht Auferstehung. Chaos erscheint in Bildern wie Grab, Zisterne, Sturzflut, aufgewühltem Meer oder Wüste. Demgegenüber steht der Tempel als Ort der Lebensfülle und der geordneten Schöpfung.

Weisheit und Tora, also Gottes Weisung, rücken besonders in Psalm 1 und im 176 Verse langen Psalm 119 zusammen. Beide stellen einen von Frevlern bedrängten Einzelnen dar, der sich in Gottes Wort vertieft. Beim Problem, dass es Frevlern gut und Gerechten schlecht gehen kann, erwarten manche Psalmen eine spätere Umkehr der Verhältnisse; Psalm 73 findet eine existenzielle Antwort darin, dass Gottes Nähe alles andere aufwiegt.

Aufbau, David und unterschiedliche Zählungen

Nach dem Modell von Hossfeld und Zenger wuchs der Psalter aus mehreren Sammlungen. Dazu gehören der erste Davidspsalter, Psalm 3–41, der Korachpsalter, Psalm 42–49, und der Asaf-Psalter, Psalm 50–83. Später wurden diese und weitere Gruppen verbunden. Psalm 89 beklagt das Scheitern der davidischen Dynastie; die Psalmen 90–100 antworten darauf mit der Verkündigung des Königtums JHWHs. Um 300 v. Chr. wurden Psalm 1 vorangestellt, Psalm 2 erweitert und das Werk in fünf Bücher gegliedert, analog zur Tora des Mose. Im 2. Jahrhundert v. Chr. kamen die Schlusspsalmen 146–150 mit ihren Halleluja-Rufen hinzu. Die Endgestalt war nach diesem Modell etwa zur Zeit Ben Siras um 175 v. Chr. erreicht.

Viele Überschriften verbinden Psalmen mit David. Im hebräischen Psalter tragen 73 Psalmen die Angabe lədawid, „von/für David“, in der griechischen Septuaginta 83. Bei 13 hebräischen Psalmen werden Situationen aus Davids Leben genannt. Die Forschung versteht diese Angaben meist nicht als sichere historische Autorennachweise. Zunächst konnten sie Leser dazu anregen, Davids Gebete in eigener Not nachzusprechen; später wurde der ganze Psalter als Davids Werk und als sein „geistliches Tagebuch“ gelesen.

Der Masoretische Text und die Septuaginta zählen jeweils 150 Psalmen, teilen sie aber anders ein. Die Septuaginta verbindet die hebräischen Psalmen 9 und 10 sowie 114 und 115, trennt dagegen 116 und 147. Psalm 151 steht ausdrücklich „außerhalb der Zählung“. Evangelische Bibeln und moderne katholische Ausgaben folgen grundsätzlich der hebräischen Nummerierung; ältere katholische Übersetzungen folgten der Septuaginta und der lateinischen Vulgata. In katholischen liturgischen Büchern erscheinen daher oft Doppelangaben wie Ps 51(50).

Übersetzungen und Bedeutung in den Religionen

Die griechische Übersetzung entstand wahrscheinlich Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Jerusalem und wirkt sprachlich einheitlich. Sie folgt im Wortschatz der griechischen Übersetzung des Pentateuch und gibt verschiedene hebräische Wörter teilweise mit demselben griechischen Ausdruck wieder. Metaphern wie „Fels“, „Schild“ oder „Burg“ werden gelegentlich durch abstraktere Begriffe wie „Gott“, „Stärke“ oder „Helfer“ ersetzt.

Im lateinischen Mittelalter bestanden drei Hauptfassungen nebeneinander: das Psalterium Romanum als stadtrömische Form der Vetus Latina, das Psalterium Gallicanum als Revision des griechisch-lateinischen Textes durch Hieronymus und das Psalterium iuxta Hebraeos als seine Neuübersetzung aus dem Hebräischen. Das Gallicanum setzte sich in der Vulgata und in der Liturgie weitgehend durch; die Übersetzung aus dem Hebräischen blieb vor allem ein gelehrter Text.

Der Psalter ist ein gemeinsames Gebetbuch von Judentum und Christentum. Im Islam heißt er Zabur und wird im Koran zu den heiligen Büchern gerechnet. Im Judentum sind besonders die Psalmen 113–118, das Hallel, an Festtagen und Rosch Chodesch wichtig. Etwa die Hälfte der Psalmen wird heute im Synagogengottesdienst verwendet. Privat kann der gesamte Psalter nach Monats- oder Wochenabschnitten gebetet werden; Tehillim-Gruppen verteilen die 150 Psalmen unter ihren Mitgliedern.

Im Neuen Testament ist der Psalter das meistzitierte Buch des Alten Testaments, meist in der Septuaginta-Fassung. Frühchristliche Autoren deuteten zahlreiche Psalmen auf Leben, Passion, Auferstehung und Herrschaft Christi. Zugleich galt der Psalter als „Seelenspiegel“, weil er viele menschliche Erfahrungen ausdrückt. Im frühen Mönchtum wurden Psalmen fortlaufend halblaut meditiert und vielfach auswendig gelernt.

Bis heute prägen Psalmen das Stundengebet katholischer, orthodoxer, lutherischer, altkatholischer und anglikanischer Kirchen. Im katholischen Gottesdienst erscheinen sie unter anderem beim Einzug, nach der ersten Lesung als Antwortpsalm, bei der Gabenbereitung und bei der Kommunion. In reformierten Kirchen bildet der Psalmengesang seit dem 16. Jahrhundert ein Hauptelement des Gottesdienstes; auch evangelische Gottesdienste verwenden häufig einen gemeinsam gesprochenen oder gesungenen Eingangspsalm. Psalmen dienen außerdem der Religionspädagogik, Krankenhausseelsorge und Trauerbegleitung. Ihre Vertonungen reichen von Psalmodie und Gemeindelied bis zu Sinfonie und Konzertwerk.

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