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Bibeltexte zur Homosexualität

Bibeltexte zur Homosexualität sind Texte der Bibel, die sich auf homosexuelle Handlungen beziehen. Im Judentum und im Christentum sind solche Texte …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und zentrale Bibelstellen
  2. 2. Levitikus und die Gebote des Tanach
  3. 3. Sodom, Gibea und weitere Texte des Alten Testaments
  4. 4. Evangelien und mögliche Anspielungen
  5. 5. Paulusbriefe und weitere neutestamentliche Texte
  6. 6. Deutungen im Judentum und Christentum heute

Gegenstand und zentrale Bibelstellen

Bibeltexte zur Homosexualität sind biblische Texte, die sich auf gleichgeschlechtliche Handlungen oder auf verwandte Themen beziehen. Sie sind für die religiöse Bewertung von Homosexualität im Judentum und Christentum besonders wichtig. Eindeutige Verbote stehen vor allem im Buch Levitikus sowie in drei Paulusbriefen. Bei anderen Stellen, etwa beim Begriff „Unzucht“, ist umstritten, ob und in welchem Umfang homosexuelles Verhalten gemeint ist.

Zu den wichtigsten Texten gehören Gen 1,27 und 2,18.22–24, wo der Mensch als Mann und Frau geschaffen wird; Lev 18,22 und 20,13, die Geschlechtsverkehr zwischen Männern verbieten; Gen 19,5, wo Männer in Sodom männliche Gäste vergewaltigen wollen; 1 Kor 6,9, Röm 1,24–27 und 1 Tim 1,10; außerdem Mk 7,21f., Mk 10,6–9, Jud 7 und 2 Petr 2,6–8. Mögliche homoerotische Konnotationen werden bei Rut 1,16–17, 2 Sam 1,26, Mt 8,5–13 und Joh 13,23 diskutiert.

Levitikus und die Gebote des Tanach

Die grundlegenden Rechtssätze stehen im Heiligkeitsgesetz (Lev 17–26): „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“ (Lev 18,22). Lev 20,13 ergänzt: „Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen.“ Die Texte verurteilen damit sexuelle Beziehungen zwischen Männern. Ob die Todesdrohung als Anweisung an die Justiz oder als Hinweis auf eine göttliche Drohung gemeint ist, ist umstritten. Als Strafzweck wird der Ausschluss aus dem Gottesvolk genannt.

Das hebräische Verb šakab bedeutet „liegen mit“ oder „bei jemandem schlafen“, zakar „Mann“ oder „Männliches“. Nach neueren philologischen Untersuchungen bezieht sich die Formulierung auf Analverkehr: Lev 18,22 spricht den penetrierenden Mann an, Lev 20,13 erklärt auch den penetrierten Partner für todeswürdig. Der Talmud-Traktat Sanhedrin 54a und Yevamot 83b entwickelten diese Auslegung weiter. Andere Formen homoerotischer Handlungen werden in den Geboten nicht ausdrücklich erwähnt; eine Vergewaltigung sei dort nicht gemeint.

Der Ausdruck „Gräuel“ (toebah) bezeichnete im Tanach häufig Praktiken fremder Völker und insbesondere kultische Handlungen, die die Identität Israels und die Verehrung JHWHs bedrohten. Das Heiligkeitsgesetz wird von den meisten Alttestamentlern in die Zeit des babylonischen Exils im 6. Jh. v. Chr. datiert. Eine ausdrückliche Begründung für das Verbot fehlt. Erwogen wurden der Schutz vor Gewalt und Demütigung, die Abwehr bestimmter Geschlechterrollen, die Vorstellung, männliches Sperma dürfe nicht „verschwendet“ werden, sowie die Abgrenzung von fremden Kulten. Die ältere Annahme, es gehe um Tempelprostitution, wird heute meist nicht mehr vertreten.

Die Gebote werden im übrigen Tanach nicht wiederholt oder mit Berichten über Anklagen und Hinrichtungen verbunden. Konservative Ausleger folgern aus Lev 20,13, dass das Verbot zeitübergreifend für jede Homosexualität gelte. Andere unterscheiden zwischen den damals vorausgesetzten Handlungen und heutigen einvernehmlichen, treuen gleichgeschlechtlichen Beziehungen.

Sodom, Gibea und weitere Texte des Alten Testaments

Gen 19,1–29 erzählt, wie die Männer Sodoms die männlichen Gäste Lots kollektiv vergewaltigen wollen. Lot nennt ihr Vorhaben ein „Verbrechen“ und bietet stattdessen seine beiden Töchter an. Die Gottesboten schützen Lot, danach werden Sodom und Gomorrha vernichtet.

Die traditionelle christliche Auslegung verstand die Bestrafung als Gericht über „widernatürliche Unzucht“ und Homosexualität. Historisch-kritische Ausleger sehen dagegen vor allem die Verletzung des Gastrechts und eine geplante Massenvergewaltigung als Thema. Das Verb yada („erkennen“) kann in diesem Zusammenhang sexuellen Verkehr oder sexuelle Gewalt bezeichnen. Gen 19 wird deshalb häufig nicht als Verurteilung gleichgeschlechtlicher Paarbeziehungen, sondern als Verurteilung von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Demütigung verstanden. Im Tanach werden als Sünden Sodoms außerdem soziale Ungerechtigkeit, Ehebruch, Lüge, Überfluss und die Missachtung der Armen genannt.

Ri 19,22–30 berichtet eine ähnliche Szene in Gibea. Stadtbewohner verlangen einen männlichen Gast, doch der Gastgeber liefert schließlich die Nebenfrau des Leviten aus; sie wird die ganze Nacht vergewaltigt und stirbt. Die Erzählung führt zu einem Rachekrieg gegen die Benjaminiter. Der Text handelt nach der überwiegenden Auslegung von Gewalt und Gastrechtsbruch, nicht von einvernehmlichen homosexuellen Beziehungen.

Die qedeschen, wörtlich „Geweihten“, werden in einigen Texten zur Königszeit erwähnt. Früher wurden sie als männliche und weibliche Kultdiener oder Tempelprostituierte verstanden. Seit 1992 wird diese Deutung wegen fehlender direkter Belege für kanaanäische Kult- oder Tempelprostitution angezweifelt. Welche Praktiken genau gemeint sind, bleibt ungeklärt.

David und Jonatan werden als besonders enge Freunde beschrieben. Jonatan liebt David „wie sein eigenes Leben“, und David sagt, Jonatans Liebe sei „wunderbarer“ gewesen „als die Liebe der Frauen“ (2 Sam 1,26). Einige Autoren sehen darin homoerotische Anklänge. Die meisten Exegeten betonen jedoch, dass sexuelle Motive und die üblichen Verben für Geschlechtsverkehr fehlen und die Beziehung im politischen Bündnis- und Freundschaftskontext steht.

Rut 1,16–17 enthält Ruts Treuezusage an ihre Schwiegermutter Noemi. Manche deuteten sie als lesbische Liebeserklärung; der Kontext beschreibt sie jedoch als Beistand einer verwitweten Schwiegertochter für ihre Schwiegermutter. Beide Frauen waren mit Männern verheiratet. Der Tanach erwähnt insgesamt keine sexuellen Handlungen zwischen Frauen. Historiker folgern meist, dass lesbische Handlungen für die Israeliten nicht als strafwürdiger Tatbestand behandelt wurden; andere beziehen das männlich formulierte Verbot auf Homosexualität insgesamt.

Evangelien und mögliche Anspielungen

Die Evangelien überliefern keine ausdrückliche Aussage Jesu zu homosexuellen Handlungen. Daraus entstehen gegensätzliche Deutungen. Konservative Ausleger nehmen an, Jesus habe die Verbote der Tora wie das damalige palästinische Judentum vorausgesetzt. Liberale und gendertheologische Ausleger betonen dagegen, dass Jesus Homosexualität nicht als Streitfrage behandelt habe und seine Zuwendung zu gesellschaftlich Ausgegrenzten gegen eine Verurteilung von Homosexuellen spreche.

In Mk 7,21f. steht „Unzucht“ (porneia) in einem Lasterkatalog. Der Begriff konnte im damaligen Judentum Sexualverkehr außerhalb der normativen heterosexuellen Einehe bezeichnen und damit auch homosexuellen Verkehr einschließen. Konservative Ausleger sehen darin eine Bestätigung der Verbote aus Lev 18–23. Andere betonen den Zusammenhang mit Reinheitsvorschriften und bezweifeln, dass Jesus porneia genauso verstand wie das Heiligkeitsgesetz. Historisch-kritische Forscher halten den Lasterkatalog teilweise für eine nachösterliche Gestaltung.

In Mk 10,6–9 erklärt Jesus zur Ehescheidung: Gott habe den Menschen als Mann und Frau geschaffen, die zwei würden „ein Fleisch“ und seien nicht mehr zwei. Konservative Ausleger sehen darin die heterosexuelle Einehe als alleinigen Ort legitimer Sexualität und eine implizite Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Liberale Ausleger entgegnen, dass die positive Bewertung der Ehe nicht automatisch die Verwerfung jeder anderen Partnerschaft bedeutet. Im Mittelpunkt der Stelle stehen die Unauflöslichkeit der Ehe, das Verbot der Scheidung und der Schutz vor sozialer Rechtlosigkeit.

Mt 8,5–13 erzählt die Heilung des kranken „Knechts“ eines Hauptmanns. Das griechische pais kann „Junge“, „Kind“ oder „Knecht“ bedeuten; einige Autoren vermuten einen Lustsklaven und eine homosexuelle Beziehung. Andere verstehen pais als Sohn und lehnen die sexuelle Deutung ab. Die Heilung wird in der historisch-kritischen Forschung vor allem als Wunder an einem Nichtjuden und als Beispiel für Vertrauen gedeutet.

Bei Mt 5,22 wurde raka meist als „Hohlkopf“ oder „Dummkopf“ erklärt. Eine andere sprachliche Herleitung versteht es als Bezeichnung eines „weichen“ oder weibischen Mannes. Daraus wurde eine mögliche Verurteilung der öffentlichen Beschimpfung homosexueller Männer abgeleitet; diese Deutung ist umstritten. Joh 13,23 nennt den Jünger, „den Jesus liebte“, der beim Abendmahl neben Jesus liegt. Manche sahen darin eine homoerotische Beziehung. Die historisch-kritische Exegese versteht diese Nähe als literarische und antike Konvention, nicht als Hinweis auf Sexualität.

Paulusbriefe und weitere neutestamentliche Texte

Drei Stellen der Paulusbriefe beziehen sich ausdrücklich auf homosexuelles Verhalten: 1 Kor 6,9, Röm 1,24–27 und 1 Tim 1,10. Sie ordnen es jeweils unter sexuelle oder allgemeine Verfehlungen ein.

In 1 Kor 6,9f. stehen die griechischen Wörter malakoi („Weichlinge“) und arsenokoites („mit-Mann-Liegende“). Arsenokoites wird wahrscheinlich aus der griechischen Übersetzung von Lev 18,22 und 20,13 abgeleitet. Die Übersetzungen reichen von „Knabenschänder“ über „mit Männern Schlafende“ und „Männer, die mit Männern sexuell verkehren“ bis zu „homosexuell verkehren“. Malakoi wurde früher mit „Weibische“, später mit „Lustknaben“ oder „männliche Prostituierte“ wiedergegeben. Dale B. Martin betont, dass malakos verschiedene als weiblich abgewertete Eigenschaften bezeichnen konnte, ohne die Sexualität festzulegen. Viele Exegeten ordnen arsenokoites dem aktiv penetrierenden und malakoi dem passiv penetrierten Mann zu. Der Kontext nennt vor allem außereheliche Sexualität, Prostitution, Sklavenverhältnisse und Päderastie. Die Betroffenen, so Paulus, würden das Reich Gottes nicht erben; zugleich gehört die Verfehlung zum allgemeinen Heilsangebot und kann vergeben werden.

Röm 1,26f. beschreibt Frauen, die den „natürlichen Verkehr“ gegen den „widernatürlichen“ vertauschen, und Männer, die „mit Männern Unzucht“ treiben. Paulus erklärt dies als Folge der Abwendung von Gott und der Verehrung von Geschöpfen statt des Schöpfers. Umstritten ist, ob Vers 26 lesbische Beziehungen, weiblichen Analverkehr, nicht fortpflanzungsorientierte Sexualität oder Zoophilie meint. Vers 27 wird häufig als ausdrückliche Verurteilung männlicher Homosexualität verstanden. Zugleich argumentieren Ausleger, Paulus habe sich Sexualität außerhalb der Ehe grundsätzlich nur als Abkehr von der Schöpfungsordnung vorstellen können.

1 Tim 1,10 nennt „mit Männern Schlafende“ zusammen mit Unzüchtigen, Menschenhändlern, Mördern und Meineidigen. Arsenokoites bezeichnet hier nach verbreiteter Auslegung männliche Homosexuelle. Praktizierte Homosexualität erscheint damit als Bruch des Gotteswillens; das Heilsangebot gilt jedoch auch den als „Gesetzlosen“ bezeichneten Menschen.

Der Judasbrief (Jud 7) erklärt, Sodom und Gomorrha hätten „Unzucht“ getrieben und seien „anderem Fleisch“ nachgegangen. Das wird häufig auf homosexuelle Praxis bezogen, kann im Kontext aber auch den Verkehr von Menschen mit Engeln meinen. Der 2. Petrusbrief (2 Petr 2,6–8) erwähnt Sodom und Gomorrha als Beispiel für Gottes Gericht und spricht vor allem von Ausschweifung, Begierde und dem Gegensatz zwischen „Gottlosen“ und dem gerechten Lot. Ein konkreter Bezug auf Homosexualität ist dort kaum erkennbar.

Deutungen im Judentum und Christentum heute

Seit dem 20. Jahrhundert, besonders seit der Lesben- und Schwulenbewegung der 1970er Jahre, wird die Auslegung der einschlägigen Bibeltexte intensiv diskutiert. Orthodoxe Juden, evangelikale Christen sowie die römisch-katholische und orthodoxe Kirche entnehmen den Texten meist ein weiterhin gültiges Verbot praktizierter, besonders männlicher Homosexualität.

Historisch-kritische Ausleger weisen darauf hin, dass die Bibel Homosexualität nicht als individuelle Identität, feste Konstitution oder sexuelle Orientierung kennt. Ihrer Ansicht nach könnten die Texte konkrete Formen wie Gewalt, Vergewaltigung, Prostitution, Sklavenverhältnisse, Fremdkulte oder außereheliche Promiskuität betreffen. Daraus wird gefolgert, dass sich die biblischen Verbote nicht ohne Weiteres auf heutige einvernehmliche und treue gleichgeschlechtliche Beziehungen übertragen lassen. Andere halten dagegen, dass besonders Levitikus und Paulus homosexuelle Handlungen grundsätzlich verurteilen.

Umstritten ist zudem, ob die betreffenden Texte für die heutige Sexualethik als „Wort Gottes“ verbindlich sind. Die Diskussion betrifft deshalb sowohl die Bedeutung der hebräischen und griechischen Begriffe als auch die Frage, wie historische Lebensformen auf die Gegenwart angewendet werden können.

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