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Homosexualität und Christentum

In der Bibel werden an einigen Stellen gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen thematisiert. · Das Verbot gleichgeschlechtlichen sexuellen Verhaltens steht in …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundkonflikt und Auslegungsfragen
  2. 2. Biblische Aussagen
  3. 3. Katholische und orthodoxe Positionen
  4. 4. Altkatholische, anglikanische und evangelische Kirchen
  5. 5. Freikirchen und weitere Gemeinschaften
  6. 6. Kirchen und staatliche Verbote

Grundkonflikt und Auslegungsfragen

Homosexualität ist im Christentum ein kontroverses Thema. Viele Kirchen lehnen gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen unter Berufung auf Aussagen des Alten und Neuen Testaments ab. Andere Theologen verstehen diese Aussagen als Verbote bestimmter historischer Situationen und nicht als allgemeines Urteil über heutige, verbindliche Partnerschaften. Die Ableitung ethischer Regeln aus der Bibel gehört zur biblischen Hermeneutik, also zur methodischen Auslegung biblischer Texte, und zur christlichen Ethik. Dabei werden teilweise Grundsätze wie Liebe, Treue und gegenseitige Verantwortung stärker gewichtet als einzelne Verbote.

Die römisch-katholische Kirche, die orthodoxen Kirchen, konservativere Teile der anglikanischen Gemeinschaft sowie die meisten evangelikalen und pfingstlerischen Freikirchen betrachten gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen als unvereinbar mit Gottes Willen. Zahlreiche protestantische Kirchen, besonders in westlichen Ländern, sehen Homosexualität dagegen nicht als Sünde an. Einige stellen gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe gleich, andere bieten zumindest kirchliche Segnungen an.

In Deutschland vertreten unter anderem die Regenbogen-NAK, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK e. V.), die Initiative Zwischenraum sowie „Christlich-Sicher-Geborgen“ und die Initiative Kirche von unten die Anliegen homosexueller Menschen in den Kirchen.

Biblische Aussagen

Im Alten Testament verbietet Lev 18,22 den Geschlechtsverkehr zwischen Männern: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“. Lev 20,13 erklärt ergänzend, dass man mit diesem Verhalten sein Leben verwirke. Beide Stellen gehören zu den sogenannten Unzuchtskatalogen in Lev 18 und 20. Zwischen ihnen enthält Lev 19 weitere ethische Regeln, darunter das Gebot der Nächstenliebe in Lev 19,18. Die Vermutung, das Verbot beziehe sich ausschließlich auf einen bestimmten heidnischen Kult, findet laut Artikel im unmittelbaren Zusammenhang keinen Anhaltspunkt. Der Text warnt allgemein vor der Lebensweise und den Regeln der Ägypter und der Völker Kanaans.

Im Neuen Testament verurteilt Jesus nach Mk 7,21f. porneia. Der griechische Ausdruck wird einerseits als „Prostitution“ beziehungsweise als außerehelicher Geschlechtsverkehr mit mehreren Partnern gegen Bezahlung erklärt. Die katholische und die orthodoxe Kirche verstehen ihn weiter als griechische Entsprechung des hebräischen Unzuchtsbegriffs, der auch vorehelichen und homosexuellen Sex einschließe. Nach Mk 7,19 hob Jesus Speise- und Zeremonialgesetze auf, betonte nach Mk 7,21f. jedoch die Verwerflichkeit sexuellen Verkehrs außerhalb der vorgesehenen Beziehung.

Paulus behandelt gleichgeschlechtliches Sexualverhalten in Röm 1,27 und 1 Kor 6,9–11; auch 1 Tim 1,8–10, das vermutlich deuteropaulinisch, also nicht unmittelbar von Paulus verfasst ist, spricht davon. Diese Texte verurteilen entsprechendes Verhalten scharf. Das seltene griechische Wort arsenokoites in 1 Kor und 1 Tim bedeutet am ehesten „einer, der mit Männern geschlechtlich verkehrt“. Wahrscheinlich ist es aus der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, und deren Formulierung in Lev 18,22 und 20,13 abgeleitet.

Katholische und orthodoxe Positionen

Die römisch-katholische Kirche betont die gleiche grundlegende Würde jedes Menschen als Geschöpf, Kind Gottes und Erbe des ewigen Lebens. Sie will Menschen daher nicht ausschließlich als „heterosexuell“ oder „homosexuell“ einordnen. Zugleich unterscheidet ihre offizielle Lehre zwischen homosexueller Neigung und homosexuellen Handlungen: Die Neigung gilt als „objektiv ungeordnet“, aber nicht an sich als Sünde; bewusst und frei vollzogene homosexuelle Akte gelten als schwere Sünde. Von homosexuellen Menschen wird vollständige sexuelle Enthaltsamkeit verlangt.

Unter katholischen Laien, Priestern und Theologen ist diese Position umstritten. Eine Umfrage von 2001 unter 339 katholischen Priestern in den Niederlanden ergab, dass 56 Prozent eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft kirchlich und 83 Prozent privat segnen würden. Bei einer vatikanischen Befragung von 2013 wünschten 60 Prozent der Befragten die Anerkennung und Segnung solcher Partnerschaften; zugleich zeigte sich eine Polarisierung zwischen deutlicher Ablehnung und Zustimmung. Die Familiensynode 2014 diskutierte eine anerkennendere Sprache und den Wert langjähriger treuer Partnerschaften. Reformvorschläge erhielten eine einfache, aber nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit. Papst Franziskus forderte die Kirche im Juni 2016 auf, sich für Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller zu entschuldigen.

Beim deutschen Synodalen Weg wurde am 9. September 2022 der Handlungstext „Lehramtliche Neubewertung von Homosexualität“ von 92 Prozent aller Delegierten und 83 Prozent der Bischöfe angenommen. Danach ist auch gleichgeschlechtliche Sexualität, einschließlich sexueller Handlungen, keine von Gott trennende Sünde und nicht in sich schlecht. Entscheidend seien Würde, Selbstbestimmung, Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung, Fruchtbarkeit sowie eine auf Ausschließlichkeit und Dauer angelegte Beziehung. Im April 2025 ermöglichte die Deutsche Bischofskonferenz mit „Segnung gibt der Liebe Kraft“ öffentliche Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare.

Die orthodoxen Kirchen beurteilen homosexuelle Neigungen an sich nicht als Sünde, ihre Ausübung jedoch schon. Gläubige sollen solche Neigungen bekämpfen und dabei seelsorgerliche Unterstützung erhalten. Wer homosexuelle Handlungen befürwortet, kann nach dieser Lehre nicht an der sakramentalen Gemeinschaft, insbesondere der Kommunion, teilnehmen. Offen homosexuell lebende Menschen werden nicht zu den Sakramenten zugelassen, sollen bei bürgerlichen Rechten aber grundsätzlich nicht schlechter als andere Nicht-Orthodoxe behandelt werden. Hass und Verachtung gelten ausdrücklich als unchristlich. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden kirchlich nicht als eheähnliche Verbindungen gesegnet. Nach der Weihe Gene Robinsons zum offen homosexuell lebenden anglikanischen Bischof schlugen mehrere orientalisch-orthodoxe Kirchen vor, ökumenische Gespräche aufzuschieben; die Russisch-Orthodoxe Kirche beendete ihre Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Episkopalkirche.

Altkatholische, anglikanische und evangelische Kirchen

Die westeuropäischen altkatholischen Kirchen der Utrechter Union vertreten seit den 1990er Jahren zunehmend eine akzeptierende Haltung. Die deutsche Bistumssynode rief 1997 zu Akzeptanz, Offenheit und Toleranz gegenüber homosexuell liebenden und lebenden Menschen auf. In Deutschland, Österreich und den Niederlanden sind öffentliche Partnerschaftssegnungen möglich; in Deutschland kann der zuständige Pfarrer sie vornehmen oder ablehnen. Polen und Tschechien erlauben keine Trauung gleichgeschlechtlicher Paare. Die Christkatholische Kirche der Schweiz befürwortete dagegen im September 2021 die sakramentale Ehe homosexueller Paare. Die frühere nordamerikanische Mitgliedskirche Polish National Catholic Church bewertet gelebte Homosexualität als sündhaft.

In der Anglikanischen Gemeinschaft bestehen starke Gegensätze. Akzeptierende Positionen vertreten unter anderem Provinzen in den Vereinigten Staaten, England, Schottland, Wales, Südafrika, Neuseeland und Kanada; die Mehrheit der Provinzen in der sogenannten Dritten Welt lehnt Homosexualität ab. Die Weihe Gene Robinsons zum Bischof von New Hampshire verschärfte den weltweiten Konflikt. Offen homosexuelle Personen wurden dennoch auch in andere Bischofsämter gewählt, darunter Peter Wheatley 1999 in England und Mary Douglas Glasspool 2010 in Los Angeles.

Auch im Protestantismus reicht das Spektrum von Ablehnung bis zur vollständigen Gleichstellung. Zu den Kirchen, die gleichgeschlechtliche Paare akzeptieren oder trauen, gehören unter anderem die United Church of Christ, die United Church of Canada, mehrere reformierte Kirchen, die Metropolitan Community Church, skandinavische Volkskirchen sowie verschiedene evangelisch-lutherische Kirchen in Nordamerika und Europa. Einige stellen Geistliche in gleichgeschlechtlichen Beziehungen bei Besoldung, Versorgung und Nutzung von Pfarrhäusern gleich. Die United Church of Christ forderte am 4. Juli 2005 als erste größere US-Kirche mit großer Mehrheit das Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Heirat und erlaubte Segnungen. Die United Reformed Church ermöglichte 2016 kirchliche Trauungen; die Church of Scotland befürwortete sie im Mai 2018.

In der Evangelischen Kirche in Deutschland dürfen homosexuelle Pastoren in allen Landeskirchen mit ihrem standesamtlich verheirateten Partner im Pfarrhaus leben. Die meisten Landeskirchen behandeln diese Paare besoldungsrechtlich wie heterosexuelle Ehepaare; andere, etwa Württemberg, akzeptieren das Zusammenleben ohne finanzielle Gleichstellung. Zahlreiche Landeskirchen ermöglichen öffentliche Segnungen oder kirchliche Trauungen, teilweise abhängig von der Zustimmung der örtlichen Pfarrperson. Die Evangelische Kirche im Rheinland erklärte 2016 homosexuelle Paare für gleichberechtigt und beseitigte bei der Trauung ausdrücklich den Unterschied zu anderen Partnerschaften.

Mit der Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“ stellte die EKD am 19. Juni 2013 verbindliche und verantwortliche gleichgeschlechtliche Partnerschaften theologisch heterosexuellen Beziehungen gleich. Die Metropolitan Community Church richtet sich ausdrücklich an LGBT – Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgeschlechtliche – und bietet kirchliche Trauungen an.

Freikirchen und weitere Gemeinschaften

Viele Freikirchen betrachten homosexuelle Handlungen als Sünde, nehmen aber homosexuelle Menschen auf, wenn diese zölibatär, also sexuell enthaltsam, leben. Konservative Gemeinschaften wie die Southern Baptist Convention lehnen Homosexualität besonders entschieden ab. Einige fordern Menschen mit gleichgeschlechtlichen Neigungen zur heterosexuellen Ehe auf und bezeichnen diese als angebliche „Heilung“.

In der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche steht die Mitgliedschaft Lesben und Schwulen offen. Nach dem Book of Discipline gilt praktizierte Homosexualität jedoch als unvereinbar mit der christlichen Lehre; nicht enthaltsam lebende homosexuelle Menschen dürfen danach weder Geistliche werden noch kirchlich gesegnet werden. Die Generalkonferenzen 2004, 2008 und 2012 lehnten Lockerungen jeweils mit Zweidrittelmehrheit ab. Gleichzeitig wurde 2016 mit Karen Oliveto erstmals eine offen lesbische, gleichgeschlechtlich verheiratete methodistische Bischöfin gewählt. Im April 2018 befürwortete der Bischofsrat der United Methodist Church die Ordination verheirateter homosexueller Geistlicher und die Trauung verheirateter homosexueller Paare.

Bei den Mennoniten bestehen ebenfalls traditionelle und progressive Positionen. Konservative Gruppen lehnen gleichgeschlechtliche Beziehungen ab, während besonders in Nordamerika und Europa manche Gemeinden homosexuelle Mitglieder aufnehmen, Partnerschaften segnen oder homosexuelle Pastoren ordinieren. Die niederländische Algemene Doopsgezinde Sociëteit vollzog bereits 1986 eine gleichgeschlechtliche Trauung. 2023 behandelte der Gemeindetag der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland die Integration und Akzeptanz queerer Mennoniten.

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bezeichnet praktizierte Homosexualität als schwere Sünde, die Kirchenstrafen bis zur Exkommunikation nach sich ziehen kann. Neigungen ohne entsprechendes Handeln verhindern nach ihrer Lehre dagegen nicht die volle Mitgliedschaft; homosexuellen Menschen soll mit Liebe und Respekt begegnet werden. Die Neuapostolische Kirche verwendet Segensgebete für gleichgeschlechtliche Paare. Zeugen Jehovas lehnen homosexuelle Handlungen ab und schließen nicht enthaltsam lebende Schwule und Lesben aus. Sie vertreten außerdem die Auffassung, Homosexualität könne „geheilt“ werden, und ermuntern Betroffene zu einer heterosexuellen Ehe.

Kirchen und staatliche Verbote

In mehreren Staaten Afrikas und Asiens unterstützten Kirchen strafrechtliche Verbote homosexueller Handlungen. Die Church of Nigeria befürwortete neben bestehenden Gesetzen gegen männliche Homosexualität 2006 einen Entwurf, der gleichgeschlechtliche Partnerschaften und Feiern sowie die Unterstützung von LGBT-Organisationen und -Aktivitäten unter Strafe gestellt hätte. Der Nationale Rat der christlichen Kirchen Singapurs verlangte 2007 die Beibehaltung des Strafgesetzartikels 377A und dessen Ausweitung auf homosexuelle Handlungen zwischen Frauen.

In Ruanda bestanden laut Artikel keine besonderen Strafgesetze gegen Homosexuelle, jedoch gegen sie einsetzbare Moralgesetze. Der anglikanische Erzbischof Emmanuel Kolini forderte ein ausdrückliches Verbot homosexueller Handlungen. Führende Vertreter der äthiopisch-orthodoxen, römisch-katholischen und protestantischen Kirchen in Äthiopien verlangten im Dezember 2008 zusätzlich zur bestehenden Strafbarkeit sexueller Kontakte zwischen Männern eine Verfassungsänderung mit einem Bann gegen Homosexuelle.

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