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Homosexualität
Gleichgeschlechtliche Sexualität wurde in verschiedenen Epochen und Kulturen unterschiedlich behandelt: teils befürwortet und toleriert, teils untersagt und …
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Begriff und Grundverständnis
Homosexualität bezeichnet je nach Verwendung gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten, erotisches und romantisches Begehren gegenüber Personen des eigenen Geschlechts sowie darauf aufbauende sexuelle Identitäten. Der Begriff wurde 1869 durch Karl Maria Benkert beziehungsweise Karl Maria Kertbeny geprägt; zugleich entstand als Gegenbegriff „Heterosexualität“. In der Forschung wird unterschieden zwischen gleichgeschlechtlichem Verhalten, Begehren und Identität, weil diese nicht immer zusammenfallen.
Gleichgeschlechtliches Lieben ist in allen Gesellschaften und historischen Epochen durch Quellen nachweisbar. Die Vorstellung, dass sexuelle Orientierung ein fester Teil der persönlichen Identität ist, gilt jedoch als Ergebnis moderner gesellschaftlicher Entwicklungen, besonders seit etwa dem 18. Jahrhundert. Dazu zählen Städtewachstum, Bürokratisierung und veränderte soziale Beziehungen. Parallel entstanden homosexuelle Subkulturen, die häufig überwacht, verfolgt, erpresst oder angegriffen wurden.
Heute werden auch Begriffe wie lesbisch, schwul, gay und queer verwendet. „Lesbisch“ bezeichnet Frauen, die Frauen lieben oder begehren; „schwul“ bezeichnet meist Männer, die Männer lieben oder begehren. „Queer“ wurde seit den 1990er Jahren durch die Queer-Theorie als Überbegriff für nicht-heteronormative Lebensweisen wiederangeeignet.
Geschichtliche Entwicklung
Vor der modernen Homosexualität als Identitätsbegriff wird für frühere Zeiten oft von Gleichgeschlechtlichkeit gesprochen. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind etwa bei den Kelten, im alten Ägypten, im antiken Griechenland, im Römischen Reich sowie in außereuropäischen Formen wie Bacha bazi in Zentralasien oder Wakashudō in Japan belegt. In einigen Kulturen wurden solche Beziehungen gesellschaftlich toleriert oder institutionalisiert.
In Europa prägte lange die christliche Sexualmoral den Umgang damit. Gleichgeschlechtliche Sexualität wurde unter dem Begriff Sodomie erfasst, der allgemein Sexualpraktiken meinte, die nicht der Zeugung dienten. Die Sanktionen richteten sich besonders gegen sexuelle Handlungen zwischen Männern. Mit Aufklärung, Französischer Revolution und Trennung von Kirche und Staat wurde Sodomie in Frankreich 1791 entkriminalisiert; diese Liberalisierung verbreitete sich durch französisches Recht in Teilen Europas. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden jedoch neue Kriminalisierungen, oft mit dem Argument einer angeblichen Gefährdung der Volksgesundheit.
Die erste organisierte homosexuelle Emanzipationsbewegung begann mit Personen wie Heinrich Hössli und Karl Heinrich Ulrichs. Ulrichs forderte 1867 öffentlich die Straflosigkeit homosexueller Handlungen. 1897 gründete Magnus Hirschfeld das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, das sich besonders gegen den § 175 einsetzte. Nach 1919 wurden Freundschaftsbünde wichtig; der Bund für Menschenrecht hatte 1929 mehr als 48.000 Mitglieder. Diese Bewegung wurde ab 1933 durch die Nationalsozialisten zerschlagen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die Homophilenbewegung, unter anderem mit Der Kreis in der Schweiz, der Mattachine Society ab 1951 in den USA und den Daughters of Bilitis ab 1955. Der Stonewall-Aufstand am 28. Juni 1969 in New York radikalisierte die Bewegung. In der Bundesrepublik gilt Rosa von Praunheims Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von 1971 als wichtiger Beginn der modernen Lesben- und Schwulenbewegung. Seit den 1980er und 1990er Jahren wurden Pride-Paraden beziehungsweise Christopher Street Days große öffentliche Demonstrationen.
Häufigkeit und Formen
Angaben zur Häufigkeit von Homosexualität unterscheiden sich stark, weil Studien unterschiedliche Definitionen verwenden und weil Stigmatisierung dazu führen kann, dass Menschen ihre Orientierung oder Erfahrungen nicht angeben. Eine Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2000 ergab in Deutschland, dass sich 1,3 Prozent der Befragten als schwul und 0,6 Prozent als lesbisch bezeichneten; 2,8 Prozent der Männer und 2,5 Prozent der Frauen bezeichneten sich als bisexuell. Zugleich gaben 9,4 Prozent der Männer und 19,5 Prozent der Frauen an, sich vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen zu fühlen. 2016 ordneten sich in einer deutschen Online-Umfrage 7,4 Prozent der Befragten dem LGBT-Spektrum zu.
Der Kinsey-Report von 1948 kam für männliche US-Amerikaner zu deutlich höheren Angaben zu gleichgeschlechtlichen Erfahrungen: 37 Prozent hätten nach Beginn der Pubertät zumindest einige homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus gehabt. Der Artikel betont, dass solche Zahlen historisch, sozial und kulturell stark schwanken und deshalb nicht einfach als zeitlos gültige Werte verstanden werden können.
Situative Homosexualität bezeichnet gleichgeschlechtliche Handlungen von Personen, die sich nach üblicher Definition nicht als homosexuell oder bisexuell verstehen und unter normalen Umständen heterosexuelle Kontakte bevorzugen. Sie wird vor allem in Umgebungen beschrieben, in denen über längere Zeit nur Personen eines Geschlechts zusammenleben, etwa Haftanstalten, Schiffe, Kasernen, Klöster, Internate oder abgelegene Arbeitslager. Solche Handlungen ändern nach dem Artikel grundsätzlich nicht die sexuelle Orientierung.
Recht und gesellschaftliche Gleichstellung
Homosexualität wurde lange strafrechtlich verfolgt und später auch medizinisch pathologisiert. Richard von Krafft-Ebing definierte Homosexualität in Psychopathia Sexualis 1886 als angeborene neuropsychopathische Störung. Damit sprach er sich zwar für Straffreiheit aus, trug aber zugleich zur Einstufung als Krankheit bei. Bis 1969 blieb in der Bundesrepublik Deutschland der § 175 in der von den Nationalsozialisten verschärften Fassung bestehen; erst 1994 wurde er im Zuge der Rechtsangleichung mit der DDR gestrichen. Am 17. Mai 2002 rehabilitierte der Bundestag symbolisch die in dieser Zeit verurteilten Schwulen. Die WHO strich Homosexualität am 17. Mai 1990 von der Liste psychischer Krankheiten.
Während des Nationalsozialismus wurden homosexuelle Männer verfolgt. Rüdiger Lautmann schätzte, dass 10.000 bis 15.000 homosexuelle Männer in Konzentrationslager verschleppt wurden; etwa 53 Prozent von ihnen starben. Lesbische Frauen wurden in Deutschland nicht durch ein eigenes Gesetz systematisch verfolgt, konnten aber etwa als „Asoziale“ verfolgt werden.
In Deutschland gab es seit dem 1. August 2001 die eingetragene Lebenspartnerschaft. Sie wurde in vielen Bereichen der Ehe angeglichen, etwa bei Sozialversicherung, Unterhalt, Erbrecht und Einkommensteuer; Einschränkungen bestanden lange bei Adoptionen. Am 30. Juni 2017 beschloss der Bundestag die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. In der Schweiz wurde das Partnerschaftsgesetz 2005 in einem nationalen Referendum mit 58 Prozent angenommen und trat am 1. Januar 2007 in Kraft. In Österreich trat am 1. Januar 2010 das Eingetragene Partnerschaft-Gesetz in Kraft.
Weltweit ist die Rechtslage sehr unterschiedlich. Mehrere Länder ermöglichten die gleichgeschlechtliche Ehe, beginnend mit den Niederlanden 2001. Gleichzeitig wurden laut Stand Mai 2012 Homosexuelle in 78 der 193 UN-Mitgliedstaaten strafrechtlich verfolgt; in einigen Ländern war für gleichgeschlechtlichen Verkehr die Todesstrafe vorgesehen.
Medizin, Psychologie und Ursachenforschung
Die Ursachen der sexuellen Orientierung sind nicht abschließend geklärt. Diskutiert wurden genetische, hormonelle, psychologische und evolutionäre Erklärungen. Grundsätzlich stehen zwei Hauptthesen nebeneinander: Die sexuelle Orientierung sei schon vor der Geburt festgelegt, oder sie entstehe durch Identifikationsprozesse in Kindheit und Pubertät. Auch Kombinationen beider Ansätze werden vertreten. Der weit überwiegende Teil der Wissenschaft sieht Homosexualität nicht als Krankheit oder Paraphilie.
Genetische Studien lieferten unterschiedliche Ergebnisse. Frühere Zwillingsstudien wurden teils methodisch kritisiert. Eine schwedische Zwillingsstudie von 2008 nannte als Einflussfaktoren bei Männern 39 Prozent genetische Einflüsse und 61 Prozent individuelle Umwelteinflüsse; bei Frauen 19 Prozent genetische, 17 Prozent gemeinsame Umwelt- und 64 Prozent individuelle Umwelteinflüsse. Eine genomweite Assoziationsstudie von Ganna u. a. 2019 mit 477.522 Personen fand fünf Loci, die signifikant mit gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten zusammenhängen. Alle getesteten genetischen Varianten erklärten zusammen 8 bis 25 Prozent der Unterschiede, erlaubten aber keine aussagekräftige Vorhersage für einzelne Personen.
Psychologisch wurde Homosexualität ab Mitte des 19. Jahrhunderts pathologisiert. Sigmund Freud sah Bisexualität als psychischen „Normalfall“ und wandte sich gegen Kriminalisierung und eine strikte Abtrennung Homosexueller als Sondergruppe. 1973 strich die American Psychiatric Association Homosexualität aus dem DSM; in der ICD wurde sie mit der 1992 veröffentlichten ICD-10 entfernt. Heutige fachliche Mehrheitspositionen vertreten eine nichtpathologisierende Haltung. Konversionstherapien oder „reparative Therapien“, die Homosexualität verändern sollen, werden von der medizinischen, psychologischen und psychiatrischen Fachwelt weitgehend abgelehnt und als potenziell schädlich betrachtet.
HIV, Tiere und Organisationen
Beim Thema HIV nennt der Artikel Männer, die Sex mit Männern haben, als besonders betroffene Gruppe. Eine Studie der Johns-Hopkins-Bloomberg School of Public Health schätzte den Anteil HIV-Positiver unter ihnen in den meisten westeuropäischen Staaten auf etwa sechs Prozent; höhere Werte wurden für die Karibik mit 25 Prozent, Afrika mit 18 Prozent und Nordamerika mit 15 Prozent angegeben. In Deutschland waren von rund 2200 Neuinfektionen im Jahr 2023 nach Schätzungen des RKI etwa 77 Prozent Männer; von diesen wiederum waren 55 Prozent Männer, die Sex mit Männern haben. Als Gründe werden unter anderem die etwa 18-mal höhere Übertragungswahrscheinlichkeit bei Analverkehr im Vergleich zu Vaginalverkehr, häufige Partnerwechsel und wechselnde Rollen beim Sex genannt. Seit 2023 ist in Deutschland die sexuelle Orientierung als Kriterium für die Blutspende grundsätzlich unzulässig; stattdessen zählt allgemeines Risikoverhalten.
Gleichgeschlechtliches Sexualverhalten kommt auch im Tierreich vor. Wissenschaftliche Untersuchungen fanden same-sex behavior in unterschiedlichen Formen bei über 1500 Tierarten.
Es gibt zahlreiche Organisationen und Beratungsangebote, darunter international die ILGA, in Deutschland der LSVD+ und Lambda, in Österreich HOSI und das Rechtskomitee Lambda sowie in der Schweiz Pink Cross und die Lesbenorganisation Schweiz. Beratungsstellen wie Rosa Telefone, Überfalltelefone, Coming-out-Gruppen und Onlineberatung unterstützen Betroffene und Angehörige.