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Evangelikalismus

Die Glaubenshaltung der Evangelikalen besteht in einer „persönlichen Beziehung“ zu Gott als ihrem Vater sowie zu Jesus Christus als ihrem „Herrn und Erlöser“.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Kennzeichen
  2. 2. Begriff und Abgrenzung
  3. 3. Glaube, Theologie und innere Vielfalt
  4. 4. Entstehung und Entwicklung
  5. 5. Verbreitung weltweit
  6. 6. Politik und Gesellschaft

Grundidee und Kennzeichen

Evangelikalismus ist ein theologischer Sammelbegriff für mehrere Frömmigkeits- und Reformbewegungen innerhalb des Protestantismus. Er ist konfessionsübergreifend und wurde unter anderem vom deutschen Pietismus, britischen Puritanismus, englischen Methodismus und amerikanischen Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts geprägt. Evangelikale können zum Beispiel anglikanisch, baptistisch, lutherisch, methodistisch, reformiert, adventistisch oder pfingstlich sein; der Begriff bezeichnet also keine eigene Konfession.

Im Zentrum steht eine persönliche Beziehung zu Gott als Vater und zu Jesus Christus als „Herrn und Erlöser“. Diese Beziehung beginnt nach evangelikalem Verständnis meist durch geistliche Erfahrungen, die zur Bekehrung führen. Darauf folgt eine bewusste Glaubensentscheidung, in der Nachfolge Jesu leben zu wollen. In vielen Freikirchen ist diese Entscheidung mit der Gläubigentaufe verbunden.

Zentral ist außerdem die Berufung auf die Bibel als zuverlässige Lehrautorität. Der Artikel fasst diese Haltung mit dem Satz zusammen: „Die Bibel lebt, denn Gott redet durch sie.“ Evangelikale verstehen ihren Glauben häufig als „bibeltreu“ und grenzen sich damit von liberaler Theologie und bestimmten historisch-kritischen Umgangsweisen mit der Bibel ab.

Begriff und Abgrenzung

Das Wort „evangelikal“ bedeutet „auf das Evangelium zurückgehend“. Im Deutschen wurde es vor allem seit den 1970er Jahren üblich, weil „evangelisch“ bereits seit der Reformation besetzt war. Im englischen Sprachraum kann evangelical sowohl „evangelikal“ als auch, seltener, einfach „evangelisch“ bedeuten.

Nach dem vom britischen Historiker David Bebbington geprägten „Bebbington-Quadrilateral“ lassen sich Evangelikale durch vier Grundüberzeugungen beschreiben: die Vertrauenswürdigkeit der Bibel, die Zentralität des Versöhnungswerks Christi am Kreuz, die Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung und den aktiven Einsatz zur Ausbreitung des Evangeliums.

Evangelikalismus wird in Medien und Öffentlichkeit teilweise mit Pietismus, Biblizismus oder christlichem Fundamentalismus gleichgesetzt. Der Artikel stellt aber auch mehrere Stimmen dar, die diese Gleichsetzung ablehnen. Unterschiede werden vor allem in der Offenheit gegenüber kritischen Fragen, in den historischen Wurzeln und in der Haltung zur Abgrenzung von anderen Christen gesehen. Donald Bloesch formuliert: Evangelikalismus stehe offen zu den Grundlagen des christlichen Glaubens, überschreite und korrigiere aber die defensive und sektiererische Mentalität, die gewöhnlich mit Fundamentalismus verbunden werde.

Glaube, Theologie und innere Vielfalt

Evangelikale sind keine Kirche mit einheitlichen Dogmen, sondern eine Bewegung. Viele bejahen jedoch ähnliche Grundsätze. Die Bibel gilt als Gottes Wort, von Menschen aufgeschrieben und von Gottes Geist inspiriert. Über die genaue Art der Inspiration besteht keine Einigkeit: Nicht alle Evangelikalen vertreten Irrtumslosigkeit oder Verbalinspiration. Die Bibel ist aber für sie der verbindliche Maßstab für Glauben und Lebensführung.

Wichtig sind außerdem Sündhaftigkeit und Schuld des Menschen, Erlösung durch Gottes Gnade, der Glaube an Jesus Christus, seinen stellvertretenden Opfertod und seine Auferstehung sowie Bekehrung und Wiedergeburt durch den Heiligen Geist. Kirchenmitgliedschaft allein genügt nach evangelikalem Verständnis nicht; entscheidend ist eine persönliche Glaubensentscheidung, oft als Lebensübergabe im Gebet verstanden.

Das „Priestertum aller Gläubigen“ bedeutet, dass jeder Christ persönlich mit der Bibel umgehen, sie lesen, auslegen und auf das eigene Leben beziehen soll. Darum haben auch Laien in evangelikalen Kreisen oft große Bibelkenntnis. Mission ist ebenfalls zentral: Evangelikale sehen es als wichtig an, ihren Glauben zu bezeugen und die christliche Erlösungsbotschaft zu verbreiten.

Innerhalb des Evangelikalismus gibt es Streitfragen, etwa zur Taufe, zum Abendmahl, zur Kirchenstruktur, zur Heilsgewissheit, zum Verhältnis von Schöpfung und Evolution, zu Gaben des Heiligen Geistes, Hölle, Frauen im geistlichen Dienst, Scheidung und Wiederheirat. Im deutschen Sprachraum unterscheidet der Artikel grob Bekenntnis-Evangelikale, charismatische Evangelikale und Evangelikale in pietistischer Tradition; zusätzlich gibt es separatistische, konservative und offene beziehungsweise neo-evangelikale Richtungen.

Entstehung und Entwicklung

Die Wurzeln der heutigen evangelikalen Bewegung liegen im Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts und in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Mit Philipp Jacob Speners „Pia desideria“ von 1675 begann der Pietismus als Reformbewegung von Frömmigkeit und Kirche. August Hermann Francke prägte das Verständnis eines datierbaren Bekehrungserlebnisses, verband Frömmigkeit mit Bildung und sozialdiakonischem Handeln und förderte Bibelverbreitung und Mission.

Im 19. Jahrhundert entstand auf pietistischen Grundlagen die Erweckungsbewegung. Sie betonte persönliche Glaubenserfahrung, Bekehrung, Bibel und Bekenntnis. Aus ihr gingen auch neue Organisationsformen hervor, etwa Gemeinschaftskreise, Missionsgesellschaften und Freikirchen. Johann Gerhard Oncken gründete 1834 in Hamburg die erste Baptistengemeinde, die für kontinentaleuropäische Baptistenkirchen wichtig wurde. 1846 entstand in London die Evangelical Alliance; in Deutschland wurden 1857 bis 1886 lokale Zweige der Evangelischen Allianz gegründet, 1888 der Gnadauer Gemeinschaftsverband.

Im 20. Jahrhundert kam es zu weiteren Prägungen und Konflikten. Die Pfingstbewegung brachte seit 1901 in den USA und ab 1907 in Deutschland neue Betonungen wie Zungenrede und Geistestaufe, wurde aber von vielen Gemeinschaften und Freikirchen zunächst abgegrenzt. Nach 1953 wirkten die Massenevangelisationen Billy Grahams stark auf Deutschland. 1965 wurde die Bewegung erstmals im Deutschen als „Evangelikale“ bezeichnet; 1966 setzte sich der Begriff beim Weltkongress für Weltevangelisation in Berlin durch. Der „Streit um die Bibel“ richtete sich gegen Rudolf Bultmanns Entmythologisierungsprogramm und führte unter anderem zur Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“. Seit den 1960er Jahren entwickelte sich auch die charismatische Bewegung innerhalb von Kirchen und Freikirchen.

Verbreitung weltweit

Evangelikale sind weltweit verbreitet und gelten, wenn man Pfingstbewegung und charismatische Kirchen mitzählt, als eine der am schnellsten wachsenden christlichen Bewegungen. Der Artikel nennt aktuell 329 Millionen evangelikale Christen weltweit. Werner Ustorf schätzt Evangelikale einschließlich pfingstlerischer und charismatischer Kirchen auf „27,7 per cent of organised global Christianity“. Viele Evangelikale sind in der Weltweiten Evangelischen Allianz zusammengeschlossen.

Für die USA gibt es keine offiziellen staatlichen Religionszahlen, und Umfragen schwanken stark. Je nach Definition werden für 2024 etwa zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung beziehungsweise nach Selbsteinschätzung 26,3 Prozent genannt. Besonders stark sind Evangelikale im sogenannten Bible Belt. Im Vereinigten Königreich sind sie in der Kirche von England und in Freikirchen aktiv.

In Deutschland werden Evangelikale auf etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung geschätzt; die Deutsche Evangelische Allianz vertritt nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen Evangelikale. In Österreich wurde der Bund Evangelikaler Gemeinden Teil der 2013 gesetzlich anerkannten Freikirchen in Österreich. Für die Schweiz nennt Patrick Johnstone vier Prozent Evangelikale, regional sehr unterschiedlich verteilt.

In Asien gibt es in absoluten Zahlen sehr viele Evangelikale; für China werden je nach Schätzung 60 bis 120 Millionen genannt. In Südkorea sind etwa neun Millionen, also 18 Prozent der Bevölkerung, evangelikal und charismatisch. Für Afrika nennt Johnstone 25 Prozent beziehungsweise 190 Millionen Evangelikale und Charismatiker, vor allem südlich der Sahara. Für Lateinamerika werden starke Zuwächse beschrieben; für das Jahr 2000 nennt Patrick Johnstone 55 Millionen Evangelikale und 85 Millionen Charismatiker einschließlich Pfingstgemeinden.

Politik und Gesellschaft

Evangelikale treten politisch nicht überall gleich auf. In Europa sind sie meist konservativ in Fragen wie Abtreibung oder Sterbehilfe, können aber bei Sozialpolitik, Umweltschutz, Bildungspolitik oder Asylgesetzgebung eher linke Positionen vertreten. In Deutschland orientieren sich viele politisch an etablierten Parteien, besonders an der CDU; daneben gibt es eigene christliche Parteien.

In Nordamerika sind Evangelikale seit einigen Jahrzehnten mehrheitlich rechtskonservativ und wählen häufig republikanisch. Viele politisierten sich nach dem Urteil Roe v. Wade von 1973 zur Abtreibung. Die Moral Majority entstand 1979 unter Jerry Falwell und Paul Weyrich und griff in den Wahlkampf 1980 ein. Bei der US-Präsidentschaftswahl 2016 stimmten laut ABC News 81 Prozent der evangelikalen Wähler für Donald Trump und 16 Prozent für Hillary Clinton. Der Artikel nennt als verbreitete Positionen vieler weißer Evangelikaler Ablehnung von Abtreibung, Säkularisierung und pluralistischen Lebensstilen sowie Unterstützung der Todesstrafe und Skepsis gegenüber staatlichen Sozialmaßnahmen.

Daneben gibt es eine evangelikale Linke, die theologisch evangelikal bleibt, aber bei Sozialpolitik, Frieden, Menschenrechten, Bürgerrechten und Umweltschutz linke Positionen vertritt. Beispiele sind Jim Wallis und die Evangelical Climate Initiative. Außerdem beschreibt der Artikel New Evangelicalism als Neuorientierung von Christen, die die enge Bindung an die Republikanische Partei und den Ton der religiösen Rechten kritisieren.

In Schwellenländern und der Dritten Welt können Evangelikale sozialpolitisch eher links, gesellschaftspolitisch aber konservativ auftreten. Der Artikel beschreibt zugleich einen wachsenden Einfluss religiöser rechter Bewegungen, besonders in Teilen Lateinamerikas. In Brasilien gehörten 2018 rund 100 von 513 Abgeordneten der bancada evangélica an; auch Präsident Jair Bolsonaro wird in diesem Zusammenhang genannt. In islamischen Ländern werden evangelikale Denominationen teils nicht anerkannt oder Missionstätigkeit gesetzlich verboten.

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