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Homosexualität und Religion

1 Abrahamitische Religionen 2 Andere Religionen. 2.1 Buddhismus; 2.2 Hinduismus und Vedismus; 2.3 Indigene und indianische Kulturen; 2.4 Voodoo. 3 Statistik: …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundüberblick
  2. 2. Abrahamitische Religionen
  3. 3. Christentum, Islam und Judentum heute
  4. 4. Andere Religionen und Kulturen
  5. 5. Katastrophen- und Dekadenzdeutungen
  6. 6. Akzeptanz in den USA

Grundüberblick

Das Verhältnis von Homosexualität und Religion ist in vielen Religionen ein umstrittenes Thema. Gemeint ist die Frage, wie religiöse Lehren, religiöse Rechtsordnungen und religiöse Gemeinschaften gleichgeschlechtliche Orientierung, gleichgeschlechtliche Liebe und gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen bewerten.

Die Bewertungen unterscheiden sich stark: Manche Traditionen verurteilen homosexuelle Handlungen als Sünde, Unzucht oder Verstoß gegen religiöse Gebote. Andere unterscheiden zwischen sexueller Orientierung und sexueller Handlung oder stellen Mitgefühl, persönliche Gewissensentscheidung und Gewaltfreiheit in den Vordergrund. Wieder andere kennen eigene soziale Rollen für Menschen, die nicht in ein rein heterosexuelles Geschlechtermodell passen.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen religiösen Quellen, ihrer traditionellen Auslegung und heutigen Stellungnahmen. In mehreren Religionen haben sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Deutungen entwickelt, oft beeinflusst durch sexualwissenschaftliche Erkenntnisse sowie durch die Lesben- und Schwulenbewegung. Diese Neueinschätzungen sind in vielen Gemeinschaften weiterhin umstritten.

Abrahamitische Religionen

In den abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum, Islam und Baha'i, war bis ins zwanzigste Jahrhundert die vorherrschende Sicht auf männliche Homosexualität eine Verurteilung als Sünde beziehungsweise als Abscheulichkeit. Eine wichtige Rolle spielten dabei Gebote in heiligen Schriften und die traditionelle Deutung der Geschichte vom Untergang von Sodom und Gomorra, die in den Schriften der drei großen monotheistischen Religionen vorkommt. Lesbische Sexualität wird im Tanach nicht erwähnt.

Religiöse Deutungen beeinflussten auch staatliche Gesetze. Im Römischen Reich wurde männliche gleichgeschlechtliche Sexualität nicht immer gutgeheißen, aber eine allgemeine Strafbestimmung wurde erst 326 unter Konstantin dem Großen eingeführt. 390 wurde sie unter Valentinian II. mit einer konkreten Todesstrafe verbunden und 438 in den Codex Theodosianus aufgenommen. Kaiser Justinian I. verband männliche gleichgeschlechtliche Sexualität in seinen Novellen 77 von 538 n. Chr. und 141 von 559 n. Chr. zum Corpus iuris civilis ausdrücklich mit Sodom und Gomorra sowie mit göttlichen Strafen.

Auch im Mittelalter wurde Homosexualität religiös und politisch als Gefahr gedeutet. Auf dem Konzil von Nablus wurde 1120 ein unkeuscher Lebenswandel der Gläubigen für Naturkatastrophen und Sarazeneneinfälle verantwortlich gemacht; für homosexuelle Akte wurde der Flammentod gefordert. Die 1256 erlassenen und 1501 zum Landrecht gewordenen Las Siete Partidas von Alfonso X. von Kastilien bezeichneten die „Sünden wider die Natur“ als Gefahr für Einzelne und für das ganze Land, weil Gott Hunger, Pest, Unwetter und andere Übel schicken könne.

Christentum, Islam und Judentum heute

Im Christentum gibt es keine einheitliche Meinung zu Homosexualität. Die meisten Kirchen lehnen homosexuelle Handlungen ab und erwarten von Lesben und Schwulen ein enthaltsames Leben. Zugleich gibt es Kirchen, die neutral, tolerant oder akzeptierend auftreten. In mehreren protestantischen und anglikanischen Kirchen wurde die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht; wenige christliche Kirchen erlauben reguläre kirchliche Trauungen.

Im Islam hängt die Bewertung davon ab, ob von Homoerotik, etwa in der Dichtung muslimischer Völker, oder von sexuellen Beziehungen und Handlungen zwischen Gleichgeschlechtlichen die Rede ist. In der islamischen Rechtswissenschaft, dem Fiqh, werden diese Aspekte unterschiedlich beurteilt. Nach konservativer Interpretation gilt gleichgeschlechtlicher sexueller Verkehr als „illegitimer Geschlechtsverkehr“ (Zinā, Unzucht). Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es aber auch islamische Organisationen und Einzelpersonen, die Homosexualität befürworten. Als Beispiel nennt der Artikel die 1998 in den USA gegründete Al-Fatiha Foundation, die 2002 etwa 900 Mitglieder hatte.

Im Judentum unterscheiden sich die Positionen stark nach Richtung. Das orthodoxe Judentum lehnte 2002 noch einmütig jede homosexuelle sexuelle Aktivität ab; über den halachischen Status und über homosexuelle Orientierung gibt es jedoch unterschiedliche Bewertungen. Im Talmud gilt jeder Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe, einschließlich Masturbation, als Sünde, wobei nach Schwere unterschieden wird. Lesbentum wird als weniger schwere Sünde angesehen als männliche Homosexualität. Aktiver und passiver Analverkehr zwischen Männern gilt wegen eines direkten Verbots in der Torah als besonders schwere Sünde. Der Schulchan Aruch bestätigt das Verbot männlicher und weiblicher homosexueller Handlungen.

Im orthodoxen Judentum gilt grundsätzlich eine Heiratspflicht, auch für Menschen mit homosexueller Veranlagung wird eine heterosexuelle Lebensweise erwartet. Der Rabbinical Council of America lehnt homosexuelle Ehen entschieden ab, ruft aber dazu auf, betroffenen Menschen mit Mitgefühl, Sensibilität und Verständnis zu begegnen. Im progressiven Flügel gab es teilweise ein Umdenken: 2020 traute der orthodoxe Rabbiner Avram Mlotek erstmals ein gleichgeschlechtliches jüdisches Paar.

Nichtorthodoxe Formen des Judentums akzeptieren Homosexualität meist oder heißen homosexuelle Menschen aktiv willkommen. Liberale und rekonstruktionistische Gemeinden stehen Homosexualität positiv gegenüber. Seit 1990 wurden Lesben und Schwule offiziell zur Rabbinerausbildung zugelassen. Im Jahr 2000 beschloss die Central Conference of American Rabbis, die Entscheidung von Rabbinern zu unterstützen, gleichgeschlechtliche Paare zu trauen. Im konservativen Judentum erfolgte die Zulassung lesbischer und schwuler Rabbinerkandidaten 2007; bei der vollen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen waren konservative Rabbiner in Israel und Europa 2009 noch zurückhaltender.

Andere Religionen und Kulturen

Im Buddhismus ist die Haltung zur Homosexualität komplex. Es wäre laut Artikel falsch, von einer einfachen Ablehnung zu sprechen, aber auch irreführend, von einer offenen Begrüßung. Der Buddhismus hat viele Richtungen und Schulen, daher gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Grundsätzlich stehen im Buddhismus nicht die Kategorien „richtig“ und „falsch“ im Mittelpunkt, sondern die Einsicht in die eigenen Motive und die Folgen des Handelns. Mitgefühl für alle lebenden Wesen ist zentral.

In buddhistischen Klöstern gelten verbindliche Vorschriften zum sexuellen Verhalten. Begehrlichkeit gilt als Ursache von Leiden und soll überwunden werden; das betrifft auch sexuelles Begehren unabhängig vom Geschlecht. Mönche und Nonnen verpflichten sich zur Enthaltsamkeit. Für Laien wird daraus jedoch offenbar nicht generell Enthaltsamkeit abgeleitet. Entscheidend ist, gierhafte Handlungen zu vermeiden und niemanden zu sexuellen Handlungen zu nötigen.

Im Hinduismus und Vedismus beschreibt der Artikel ein historisch anderes Modell. Die vedische Gesellschaft habe das Vorhandensein von Nicht-Heterosexualität ausdrücklich akzeptiert und bestimmten Gruppen besondere Aufgaben gegeben. Der Begriff tritiya-prakriti bedeutet „drittes Geschlecht“ und bezog sich ursprünglich weit auf nichtreproduktive Gruppen, darunter Bisexuelle, Homosexuelle, Transgeschlechtliche, Intergeschlechtliche und Asexuelle. Die Hijras sind eine auffällige Gruppe, die äußerlich Transmenschen und Transvestiten zugeordnet werden kann; sie treten etwa bei Hochzeiten und Geburten auf, geben Segnungen und fordern Spenden. Früher hatten solche Gruppen nach Darstellung des Artikels ein höheres gesellschaftliches Ansehen.

In indigenen und indianischen Kulturen existiert das Konzept „Homosexualität“ nicht in derselben Form. In manchen Richtungen des Schamanismus gab es homosexuelle Riten. In Papua-Neuguinea gibt es Stämme, bei denen Übereinkünfte durch homosexuelle Handlungen bekräftigt werden; die beteiligten Männer führten im Alltag heterosexuelle Ehen. Andere Stämme haben andere Riten, weshalb keine allgemeine Aussage möglich ist. Bei manchen nordamerikanischen Indianer-Stämmen waren Homosexuelle als „Two-Spirits“ bekannt und vor europäischer Missionierung anerkannt, allerdings oft mit einem vollständigen Wechsel der Geschlechtsrolle. In Afrika weisen viele Begriffe auf frühere gleichgeschlechtliche Traditionen hin; heute überwiegt laut Artikel deutlich die Ablehnung. Im Voodoo sind alle sexuellen Orientierungen einschließlich praktizierter Homosexualität akzeptiert.

Katastrophen- und Dekadenzdeutungen

Der Artikel beschreibt, dass homosexuelle Handlungen oder allgemein „Unzucht“ in religiösen Stellungnahmen wiederholt für Katastrophen verantwortlich gemacht wurden. Nach dem Seebeben im Indischen Ozean 2004 mit anschließendem Tsunami und etwa 230.000 Todesopfern deutete der saudische Scheich Abd Al-Aziz Fawzan Al-Fawzan das Ereignis als Strafe für Unmoral zu Weihnachten. Nach dem Hurrikan Katrina 2005 in New Orleans mit etwa 1800 Todesopfern verwiesen mehrere christliche Stimmen auf moralische oder sexuelle Gründe; Gerhard Maria Wagner sprach in einem Pfarrbrief von „geistiger Umweltverschmutzung“ und erwähnte einen geplanten Gay Pride im French Quarter.

Auch im Zusammenhang mit dem World Pride in Jerusalem kam es zu Warnungen religiöser Vertreter. 2005 verwiesen Vertreter verschiedener Religionen auf Sodom oder warnten, Gott werde Jerusalem bestrafen, falls die Parade stattfinde. Als der World Pride verschoben wurde und 2006 der Libanonkrieg ausbrach, machte Rabbi Mosche Sternbuch den World Pride für den Krieg mitverantwortlich. Weitere Beispiele betreffen die Flutkatastrophe in Großbritannien im Juni 2007 und zwei Erdbeben in Israel im Februar 2008, die von einzelnen religiösen oder politischen Stimmen mit mehr Rechten für Schwule und Lesben in Verbindung gebracht wurden.

Eine verwandte Deutung sieht die öffentliche Akzeptanz von Homosexualität als Zeichen für allgemeine Dekadenz oder den Untergang einer Zivilisation. Der Regierungsentwurf zum Sexualstrafrecht unter Adenauer vom Oktober 1962 wollte den § 175 in alter Form beibehalten und berief sich auf angebliche geschichtliche Erfahrungen, nach denen gleichgeschlechtliche „Unzucht“ zur „Entartung des Volkes“ und zum Verfall sittlicher Kraft führe. Ähnliche Aussagen nennt der Artikel von Gabriele Kuby, Sally Kern, Todd Akin und der Österreichischen Bischofskonferenz. Aus muslimischer Sicht werde dies oft als „Untergang des dekadenten Westens“ beschrieben. In vielen muslimischen Ländern steht Homosexualität unter Strafe, teilweise auch unter Todesstrafe.

Akzeptanz in den USA

Der Artikel nennt Daten aus einer Studie des Pew Forums on Religion and Public Life. In der U.S. Religious Landscape Survey wurden 35.556 zufällig ausgewählte Erwachsene zwischen dem 8. Mai und dem 13. August 2007 telefonisch auf Englisch und Spanisch befragt. Zusätzlich stammen Daten von 1.050 erwachsenen amerikanischen Muslimen aus einer Befragung des Pew Research Center zwischen dem 24. Januar und dem 30. April 2007 in Arabisch, Persisch und Urdu.

Die Frage lautete: „Welche Aussage entspricht am ehesten ihrer persönlichen Sichtweise?“ Die Antwort „Ja“ bedeutete: Homosexualität ist eine Lebensweise, welche von der Gesellschaft akzeptiert werden sollte. „Nein“ bedeutete: Homosexualität ist eine Lebensweise, welche von der Gesellschaft entmutigt werden sollte. „Anderes“ stand für spontane Antworten außerhalb der Vorgaben, „kA“ für keine Antwort oder „weiß nicht“. Die Werte zeigen nicht die Haltung religiöser Führer, sondern die Einstellungen individueller Gläubiger.

Insgesamt befürworteten 50 Prozent die gesellschaftliche Akzeptanz, 40 Prozent sprachen sich für Entmutigung aus, 5 Prozent gaben andere Antworten und 5 Prozent keine Antwort. Die Akzeptanz unterschied sich stark nach Religionsgruppe: Buddhisten lagen bei 82 Prozent Zustimmung, Juden bei 79 Prozent, andere Glaubensrichtungen bei 84 Prozent und religiös Ungebundene bei 71 Prozent. Römisch-Katholische lagen bei 58 Prozent, Mainline-Kirchen bei 56 Prozent, orthodoxe Kirchen bei 48 Prozent und Hindus ebenfalls bei 48 Prozent. Niedrigere Zustimmungswerte gab es bei historisch Schwarzen Kirchen mit 39 Prozent, Muslimen mit 27 Prozent, evangelikalen Kirchen mit 26 Prozent, Mormonen mit 24 Prozent und Zeugen Jehovas mit 12 Prozent.

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