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Atlantischer Sklavenhandel
Der atlantische Sklavenhandel bzw. der transatlantische Sklavenhandel umfasst den im 16. Jahrhundert einsetzenden Kauf von Sklaven aus dem westlichen, …
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Was ist der atlantische Sklavenhandel?
Der atlantische Sklavenhandel (auch transatlantischer Sklavenhandel) umfasst den ab dem 16. Jahrhundert einsetzenden Kauf von Sklaven aus dem westlichen, zentralen und südlichen Afrika durch Europäer und ihren Transport über den Atlantik nach Nord-, Mittel- und Südamerika, wo die Menschen vor allem zur Arbeit auf Plantagen gezwungen wurden. Die Zahl der verschleppten Afrikaner wird auf 12 bis 14 Millionen geschätzt; der nigerianische Historiker Joseph E. Inikori nimmt sogar 15,4 Millionen an. Für die Zeit 1444–1515 und für geschmuggelte Sklaven fehlen gesicherte Zahlen, weshalb manche Forscher 14 Millionen für realistischer halten. Bis in die 1820er Jahre übertraf die Zahl der nach Amerika verschleppten Afrikaner die Zahl der dorthin migrierenden Europäer.
Begriffe: Dreieckshandel und seine Kritik
Besonders für England/Großbritannien wird der atlantische Sklavenhandel oft „atlantischer Dreieckshandel“ genannt: Industriewaren aus Europa wurden in Afrika gegen Sklaven eingetauscht, die in der „Neuen Welt“ mit Plantagenprodukten wie Tabak, Zucker und Baumwolle bezahlt wurden, die zurück nach Europa gebracht wurden. Manche Forscher halten dieses Bild für überholt, weil nicht dieselben Schiffe die ganze Route fuhren und viele Geschäfte bilateral zwischen Afrika und Europa abgewickelt wurden – von einem Dreieck kann allenfalls idealtypisch gesprochen werden. Der Begriff zeigt aber die globale Natur des Handels. Die Auswertung des Archivs der Middelburgse Commercie Compagnie (MCC) zeigt, dass oft erst vor Ort entschieden wurde, ob bilateral oder trilateral gefahren wurde: Konnten weniger als 300 Sklaven (Mindestzahl laut Anweisungen) gekauft werden, wurden sie verkauft und das Schiff fuhr mit Gold, Elfenbein und anderem Handelsgut zurück. Manche Autoren möchten statt „Sklaven“ den Begriff „Versklavte“ verwenden, da Versklavung nicht naturgegeben, sondern durch ein europäisches Rechtssystem auferlegt wurde.
Forschung und Quellen
Die wichtigste Datenbank ist die Trans-Atlantic Slave Trade Database der Rice University, entwickelt von David Eltis und David Richardson (Vorarbeiten von Herbert S. Klein in den 1960ern; online seit 1999, 2008 erweitert). Sie erfasst 36.000 Sklavenfahrten (77 % aller Fahrten 1514–1866) mit über 10 Millionen transportierten Sklaven und 8,7 Millionen Anlandungen. Das Centre for the Study of the Legacies of British Slavery am University College London verzeichnet die britischen Sklavenbesitzer, die nach der Abschaffung Entschädigungen erhielten. Schriftzeugnisse existieren erst seit dem späten 17. Jahrhundert, etwa der Bericht von Jean Barbot, das Tagebuch des französischen Händlers Théophilus Conneau und das Tagebuch des Efik-Händlers Antera Duke aus einheimischer Sicht. Auch Berichte versklavter Afrikaner wie Olaudah Equiano sind überliefert, daneben mündliche Überlieferungen. Seit einiger Zeit wird der Handel auch archäologisch und mit aDNA-Analysen untersucht, um die Herkunft der Sklaven in Amerika zu bestimmen; dieses Forschungsfeld gilt noch als unterentwickelt.
Geschichte und Organisation des Handels
Der Handel begann Anfang des 16. Jahrhunderts, nachdem portugiesische Seefahrer Ende des 15. Jahrhunderts Westafrika erreicht hatten. Ab 1480 kauften Portugiesen im Königreich Benin Sklaven, später auch in Ijebu, Popo und Allada (regelmäßiger Handel mit Allada seit 1602). Die erste Quelle für schwarze Sklaven aus Spanien in Amerika stammt von 1501; 1510 schickte König Ferdinand 50 Sklaven in die Bergwerke Hispaniolas. Seit den 1590er Jahren stiegen die Niederländer ein, 1637 eroberten sie Elmina; die 1621 gegründete Niederländische Westindien-Kompanie (WIC) erhielt 1662 den Asiento für den Sklavenverkauf in spanischen Kolonien. Die Versklavung von Verbrechern und Kriegsgefangenen war in vielen west- und zentralafrikanischen Rechtssystemen üblich (u. a. für Ehebruch, Schulden, Hexerei); Menschen wurden auch entführt. Europäer waren selten direkt an der Sklavenjagd beteiligt – afrikanische Militärmonarchien wie Kaabu, Dahomey, Benin und Oyo veranstalteten Sklavenjagden, und Zwischenhändler (oft Atlantikkreolen, „schwarze Portugiesen“) verkauften die Gefangenen an der Küste. Einheimische Herrscher profitierten über Zölle und Abgaben; manche verboten den Verkauf zeitweise, etwa der Oba von Benin in den 1530er Jahren.
Handelsplätze, Waren und Transport
Es gab 192 afrikanische Einschiffungsplätze; die bedeutendsten waren Luanda (2,826 Mio.), Ouidah (1 Mio.), Benguela (764.000), Cabinda (753.000), Bonny (672.000) und Malembo (549.000). In Ghana stehen zwischen Keta und Beyin fast 100 zwischen 1482 und 1787 errichtete Bauwerke („Lodges“ bis zu großen Festungen). Als Tauschwaren dienten u. a. Kupferbarren (Manillas) und Kaurimuscheln: Kostete ein Kriegsgefangener bei den Bini 1506 noch 15 Manillas, waren es 1517 bereits 57 – der massive Import führte zur Inflation. Weitere Waren: Textilien, Eisenbarren, Feuerwaffen, Schießpulver, Alkohol, Tabak, Glasperlen; Messing stammte oft aus Deutschland. Neben Sklaven tauschten Europäer auch Gold, Elfenbein, Gummi arabicum, Wachs und Textilien. In Afrika führte der Sklavenexport zu massivem Arbeitskräftemangel, etwa zum Zusammenbruch der Goldförderung an der Goldküste. Die Überfahrt auf den Sklavenschiffen war entsetzlich: Angekettet mussten die Menschen eng gepfercht in ihren eigenen Fäkalien liegen; die Mortalität war hoch, aber die Verluste waren geringer als die Kosten humanerer Bedingungen. Beim Massaker auf der Zong 1781 ließ der Kapitän 132 geschwächte oder erkrankte Sklaven über Bord werfen, um die Versicherungssumme zu kassieren – ein Skandal, der die Abschaffungsbewegung beflügelte.
Händler, Abnehmer, Zahlen und Ende des Handels
Der Handel lag meist in der Hand staatlich lizenzierter Kompanien (u. a. Royal African Company, WIC, Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie, Compagnie du Sénégal). Die wichtigsten Händlernationen: Portugal/Brasilien (46,7 % aller Sklaven, ca. 5,8 Mio.), Briten (26 %, 2,6–2,8 Mio.), Franzosen (11 %), Spanier (8,5 %), Niederländer (4,4 %, 450.000), USA (2,4 %); Brandenburg-Preußen verschleppte in 124 Fahrten über 42.000 Menschen, Dänemark ca. 100.000. Der durchschnittliche Gewinn betrug nach Klein 6–10 %. Die ersten Einsatzorte waren die spanischen Karibik-Kolonien (1510 erstes Schiff mit 50 Sklaven nach Haiti); am 20. August 1619 kamen erstmals 20 Sklaven nach Jamestown (Virginia). Größte Anlandehäfen: Rio de Janeiro (1,839 Mio.), Salvador da Bahia (1,555 Mio.), Kingston (886.000), Recife (854.000), Bridgetown (493.000), Havanna (464.000). Gegner des Handels, die „Abolitionisten“, sammelten sich seit 1787 in England (Society for Effecting the Abolition of Slavery, unterstützt durch William Wilberforce). 1807 beendete Großbritannien mit dem Slave Trade Act seinen Sklavenhandel; auf dem Wiener Kongress 1814/15 wurde die Ächtung beschlossen. Spanien, Portugal, Brasilien und Frankreich leisteten lange Widerstand – Brasilien erst nach britischer Blockadedrohung 1852; der französische Sklavenhandel endete erst 1848. Der Fund des 1860 versenkten Wracks der Clotilda (2019 in Alabama) belegt, dass der Handel nach dem Verbot weiterging. Am 25. März (internationaler Gedenktag) nahm die UN-Generalversammlung 2026 eine Resolution Ghanas an, die den atlantischen Sklavenhandel als „schwerstes Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstufte und Wiedergutmachung anregte; 123 Staaten stimmten zu, 52 dagegen oder Enthaltung (u. a. EU, Großbritannien).
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