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Aspekt (Linguistik)
Der Aspekt (von lateinisch aspectus „Hinsehen, Anblick, Blickrichtung“ zu aspicere „hinsehen, ansehen“) bezeichnet in der Linguistik eine grammatische …
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Was ist der Aspekt?
Der Aspekt ist in der Linguistik eine grammatische Kategorie des Verbs. Er drückt aus, wie sich die vom Verb beschriebene Situation relativ zum betrachteten Zeitraum erstreckt. Typische Unterscheidung: Ist ein Ereignis im Betrachtzeitraum vollständig enthalten und gelangt zum Abschluss (vollendeter, perfektiver Aspekt) oder nicht (unvollendeter, imperfektiver Aspekt)?
Abgrenzung zu Tempus und Aktionsart
Das Tempus („Zeitstufe“) gibt das Verhältnis der betrachteten Zeit zur Sprechzeit an (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) und ist am Jetzt verankert, also deiktisch. Der Aspekt („Zeitrichtungsbezug“) beschreibt nur die Relation zwischen Betrachtzeit und Situationszeit; dieses Paar kann dann als Ganzes in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft eingeordnet werden. In manchen Sprachen ist der Aspekt nur in Vergangenheitstempora morphologisch markiert (z. B. lateinisches Imperfekt = Vergangenheit im unvollendeten Aspekt), andere unterscheiden nur den Aspekt, wieder andere kombinieren systematisch Zeitstufen und Aspekte. Das Deutsche hat ein Tempussystem, aber keine grammatische Kategorie des Aspekts – hier helfen z. B. Adverbien wie „gerade“ oder „immer“ („Sie bäckt gerade einen Kuchen, er ist aber noch nicht fertig.“). Hans Reichenbach beschrieb Tempora über drei Bezugspunkte: Sprechzeitpunkt S, Referenzpunkt R, Ereigniszeitpunkt E, mittels zweier Relationen. Danach liegt perfektiver Aspekt vor, wenn R die Ereigniszeit E einschließt oder ihr nachgeschaltet ist; imperfektiver Aspekt, wenn R von E inkludiert wird; perfektischer Aspekt, wenn E vollständig vor R liegt; prospektiver Aspekt, wenn E vollständig nach R liegt. Vom Aspekt wird die Aktionsart unterschieden: Sie ist keine grammatische Kategorie, sondern eine Klassifikation von Wortbedeutungen (in englischer Literatur auch „lexikalischer Aspekt“ genannt). Beispiel Russisch: lesen (tschitat') bildet Aktionsarten wie прочитать (protschitat', „durchlesen“) oder почитать (potschitat', „eine Zeitlang lesen“), die natürlich perfektiv assoziiert sind; mit dem Morphem -ыва- (yva) wie in прочитывать (protschityvat') wird diese Verbindung zum perfektiven Aspekt wieder aufgehoben. Begrifflich bleibt hier oft Unschärfe: „Aspekt“ meint standardmäßig die grammatische Kategorie, manchmal auch allgemeinere zeitbezogene Eigenschaften von Verbbedeutungen.
Arten des Aspekts
- Imperfektiver Aspekt (imperfectum, „unvollendet“): betrachtet die Handlung ohne Hinblick auf Abgeschlossenheit – andauernd (durativ), sich wiederholend (iterativ) oder gewöhnlich (habituativ). Beispiele: griechisch Tóte píjena scholío stin Athína („Ich ging damals in Athen zur Schule“), französisch Paul fumait des cigarettes fortes, spanisch Francisco fumaba habanos fuertes, englisch George was reading a book yesterday evening, polnisch On chce pisać list. Im Griechischen heißt er nach dem Tempus Paratatikos auch paratatisch.
Aspekt in Griechisch, Slawisch, Romanisch und Semitisch
Neugriechisch: Die drei tempusbezogenen Aspekte des Altgriechischen wurden auf alle Zeitstufen ausgedehnt; nur im Indikativ Präsens gibt es keinen Aspektgegensatz, da ein Gegenwartsereignis nicht als abgeschlossen beschrieben werden kann. Das Verb „sehen“ bildet Aspekte mit zwei Stämmen (Präsensstamm vlep…, Aoriststamm dh…), das Perfekt analytisch mit Hilfsverb + Aparemfato: tha se dho ávrio („ich werde dich morgen sehen“, perfektiv) vs. tha se vlepo kathe mera („jeden Tag“, imperfektiv) vs. tha se écho dhi (perfektisch). Regelmäßiges Beispiel „schreiben“: tha sou grápso / tha sou gráfo / tha sou écho grápsi.
Aspektrealisierung im Englischen
Das Englische hat trotz geringer Flexion ein regelmäßiges aspektuales System. Die Verlaufsform (Hilfsverb to be + Partizip Präsens) drückt einen progressiven, gerade sich vollziehenden Verlauf aus (I'm singing, I was singing, I will be singing). Die einfache Verbform hat häufig perfektive Bedeutung (I sang a song), außer bei Zustandsverben. Der habituelle Aspekt wird syntaktisch nur im Simple Past mit used to + Infinitiv ausgedrückt (I used to sing before leaving high school), sonst lexikalisch. Prospektiv: I am going to sing a song.
Geschichte des Begriffs
„Aspekt“ ist eine Lehnübersetzung von altkirchenslawisch видъ (vid, „Ansicht“) aus der Grammatik des Meletij Smotrićkyj (1619), die wiederum auf griechisch εἶδος (eidos) bei Dionysios Thrax (2. Jh. v. Chr.) zurückgeht. Der Russe Nikolai Iwanowitsch Gretsch (1830) führte видъ in die russische Grammatik ein (als morphologisches Verhältnis von Grund- und abgeleiteter Form). Karl Philipp Reiff übersetzte видъ 1829 französisch als „aspect“, wodurch der Begriff in die Romanistik gelangte. Georg Curtius (1846) dehnte die Kategorie auf weitere indoeuropäische Sprachen aus und trennte „Zeitstufe“ (zeitlicher Standpunkt) von „Zeitart“ (Art des Ablaufs). Sein Schüler Karl Brugmann (1887) entwickelte dies mit Berthold Delbrück weiter und prägte den Terminus „Aktion“. Eine erste wissenschaftlich fundierte Unterscheidung von „Aspekt“ und „Aktionsart“ lieferte der Slawist Sigurd Agrell (1908); bis dahin waren die Begriffe synonym gebraucht, teils auch noch heute.