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Hilfsverb
Als Hilfsverb (auch Auxiliarverb, Auxiliare, Auxiliar, Hilfszeitwort und Hilfswort) bezeichnet man in der Sprachwissenschaft ein Verb, dessen Funktion darin …
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Begriff und Funktion
Ein Hilfsverb (auch Auxiliarverb, Auxiliare, Auxiliar, Hilfszeitwort oder Hilfswort) ist in der Sprachwissenschaft ein Verb, das sich mit einem Vollverb verbindet und bestimmte grammatische Merkmale ausdrückt, etwa Tempus (Zeitform) oder Modus (Aussageweise). Die Situation selbst wird dabei durch das Vollverb beschrieben. Im Deutschen bilden Hilfsverb und Vollverb zusammen ein mehrteiliges Prädikat.
Welche Verben als Hilfsverben gelten, wird in grammatischen Beschreibungen unterschiedlich eingegrenzt. Im weiteren Sinn gehören dazu temporale Hilfsverben für Zeitformen und modale Hilfsverben für Modalität. Im engeren Sinn sind im Deutschen haben, sein und werden Hilfsverben; als Modalverben werden dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen und traditionell auch lassen genannt.
Hilfsverben können grammatische Funktionen übernehmen, die in anderen Sprachen oder Formen auch durch Verbendungen ausgedrückt werden. Eine Bildung mit Endungen heißt synthetisch; eine Bildung mit Hilfsverb heißt analytisch oder periphrastisch.
Bildung von Zeitformen, Passiv und Konjunktiv
Im Deutschen werden haben, sein und werden zur Bildung von Perfekt, Plusquamperfekt und Zukunftsformen (Futur) sowie für das Passiv verwendet. Mehrere Hilfsverben können dabei kombiniert werden. Bei Perfekt und Passiv steht das Hilfsverb mit einer Partizipform, bei Futur und Konjunktiv mit dem einfachen Infinitiv.
Am Verb verzaubern zeigen sich unter anderem folgende Formen: Aktiv heißen Perfekt „er hat verzaubert“, Plusquamperfekt „er hatte verzaubert“, Futur I „er wird verzaubern“ und Futur II „er wird verzaubert haben“. Im Vorgangspassiv, das einen Ablauf beschreibt, stehen etwa „er wird verzaubert“, „er ist verzaubert worden“ und „er wird verzaubert werden“. Das Zustandspassiv beschreibt einen Zustand, zum Beispiel „er ist verzaubert“, „er ist verzaubert gewesen“ und „er wird verzaubert sein“.
Auch im Konjunktiv I treten die Hilfsverben auf, etwa in „er werde verzaubert“, „er habe verzaubert“, „er sei verzaubert worden“ und „er werde verzaubern“. Für den Konjunktiv II ist die Umschreibung mit würde weit verbreitet: „wenn er kommen würde“ statt „wenn er käme“. Bei vielen Verben ist diese Form zur Standardform geworden; „er würde waschen“ ist heute deutlich gebräuchlicher als „er wüsche“. Sie dient außerdem zur Unterscheidung, wenn Indikativ Präteritum und Konjunktiv II in manchen Personen gleich aussehen: „sie hielten ihn für einen Franzosen“ gegenüber „sie würden ihn für einen Franzosen halten“.
Hilfsverbähnliche und selbstständige Verwendungen
Auch andere Wörter können im Deutschen hilfsverbähnlich gebraucht werden. Umgangssprachlich und in Dialekten, etwa im Bairischen, kann tun diese Funktion haben: „Tust du noch rauchen?“ Die Bedeutung liegt üblicherweise im Andauern einer Handlung. In Süddeutschland kann tun außerdem werden im Konjunktiv II ersetzen: „Ich tät ja gern aufhören, aber ich rauch halt so gern.“
Das Verb gehören wird umgangssprachlich mit einem Passivpartizip verbunden, um die Notwendigkeit einer passiven Handlung auszudrücken, zum Beispiel „Dieses Buch gehört gelesen“.
Haben, sein und werden sind nicht immer Hilfsverben, sondern können als Vollverben selbstständig Bedeutung tragen. Sein ist häufig eine Kopula, also ein Verb, das dem Subjekt eine Eigenschaft zuordnet: „Das Buch ist blau“, „Ich bin müde“. Es kann auch „sich befinden“ bedeuten: „Ich bin in Berlin“. Haben drückt meist Besitz oder die Zuordnung eines Sachverhalts zum Subjekt aus, etwa „Otto hat ein Auto“ oder „Ich habe Bauchschmerzen“. Werden kann eine Entwicklung oder einen Zustandsübergang bezeichnen: „Ich werde gleich ziemlich wütend.“ In dieser Vollverbverwendung lautet das Partizip „geworden“; die Form „worden“ gehört zur Verwendung von werden als Hilfsverb.
In Infinitivkonstruktionen können haben und sein modale Bedeutung haben. „Wir haben unsere Verbündeten zu verteidigen“ bedeutet müssen, in der Verneinung auch dürfen. „Dieser Antrag ist zu genehmigen“ bedeutet: Der Antrag muss genehmigt werden. Werden kann ebenfalls modal sein: „Das Mädchen wird 20 Jahre alt sein“ drückt vermutlich aus, nicht Zukunft. Häufig wird es mit wohl verbunden: „Er wird wohl krank sein.“
Wandel von sein und werden im Präteritum
Seit der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind im Präteritum von sein und werden zwei Veränderungen zu beobachten: die e-Epithese und die Umgestaltung der Singularstammform nach dem Vorbild des Plurals. Beide Prozesse wurden systematisch erhoben und verlaufen gesetzmäßig gemäß dem Piotrowski-Gesetz.
Bei sein wurde das ursprüngliche Singular-Präteritum was allmählich durch war ersetzt. Der Auslaut -s wechselte zu -r, offenbar nach dem Vorbild des schon vorhandenen Plurals waren. Die erste Beobachtung von war stammt aus 1430–1439, die letzte von was aus 1680–1689. Bei werden wurde der Singular ward mit Stammvokal -a- schrittweise durch wurde mit -u- ersetzt. Die neuen Formen erscheinen zuerst 1430–1459; der Wandel reicht bis in die Gegenwart. Ward kommt noch selten und für besondere stilistische Zwecke vor, etwa ironisch, daher gilt der Wandel als nicht beendet. Auffällig ist, dass sich hier die häufigere Singularform nach der selteneren Pluralform richtet, obwohl gewöhnlich das Gegenteil erwartet wird.
Die e-Epithese ist ein zusätzliches -e- im Präteritum, etwa flohe und sahe statt floh und sah. Nach Ulrike Imsiepen (1983) trat sie bei starken Verben von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis ungefähr zum Ende des 18. Jahrhunderts auf, erreichte in den 1680er Jahren rund 50 % der Singularvorkommen und verschwand anschließend wieder. Bei starken Verben mit Stamm auf -h blieb sie etwas länger bestehen.
Werden bildet eine Ausnahme: Die e-Epithese setzte etwa gleichzeitig ein, verschwand aber nicht. Sie setzte sich bei wurde durch und steht heute bei allen Vorkommen mit umgestaltetem Singular; daneben ist ward selten. Sein verlief dagegen wie die starken Verben: wase und ware sind seit der Mitte des 15. Jahrhunderts belegt, erreichten um 1700 knapp 15 % der Singularformen und verschwanden bis Ende des 18. Jahrhunderts. Damit zeigt der Prozess, dass derselbe Sprachwandel bei Wörtern derselben Klasse unterschiedlich stark verlaufen kann.
Hilfsverben in weiteren Sprachen
Entsprechungen von haben und sein werden auch in vielen anderen indogermanischen Sprachen als Hilfsverben verwendet, zum Beispiel französisch avoir („haben“) und être („sein“). Manche Sprachen nutzen nur eines davon: Im Bulgarischen bildet ausschließlich съм („sein“) Perfekt und Plusquamperfekt; имам („haben“) wird dafür nicht als Hilfsverb verwendet. Bulgarisch verwendet außerdem щe/щях, eigentlich „wollen“, zur Bildung der Futurformen.
Im Italienischen können im Passiv andare („gehen“) und venire („kommen“) anstelle des sonst üblichen essere („sein“) stehen. Andare drückt dabei eine Notwendigkeit aus: „Questo libro va letto“ bedeutet ungefähr „Dieses Buch gehört gelesen“.
Im Englischen werden Hilfs- und Modalverben gemeinsam auxiliary verbs genannt. Die modals bilden dabei eine Sondergruppe mit besonderen syntaktischen Eigenschaften. Zu den Beispielen gehören be („sein“), have („haben“), will zur Bildung des Futurs und get, eigentlich „bekommen“, zur Bildung des Passivs.
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