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Tempus
Futur, wird loben, werde loben ; Perfekt, ha-t gelobt, hab-e gelobt ; Plusquamperfekt, hat-te gelobt, hät-te gelobt ; Futur II, wird gelobt haben, werde gelobt …
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Definition und Grundfunktion
Tempus (Plural: Tempora) ist eine grammatische Kategorie. In vielen Sprachen wird es am Verb markiert und gehört damit zur Flexion beziehungsweise zur Konjugation. Bernard Comrie definiert Tempus als „der grammatisierte Ausdruck von Lokalisierung in der Zeit“.
Tempus ordnet die im Satz beschriebene Situation typischerweise relativ zum Sprechzeitpunkt ein: als Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Diese Bedeutung ist deiktisch, das heißt, sie hängt von der aktuellen Äußerungssituation ab. Darin ähnelt Tempus Zeitadverbien wie „gestern“ oder „jetzt“, unterscheidet sich aber von absoluten Angaben wie „im Jahr 2000“.
Tempus ist von lexikalischen Mitteln zur Zeitangabe, etwa Zeitadverbien, zu unterscheiden. Sprachen ohne grammatisches Tempus, zum Beispiel Chinesisch und Indonesisch, können Zeitverhältnisse dennoch mit anderen Mitteln ausdrücken oder sie dem Hörer zur Erschließung überlassen. Grammatisches Tempus ist dagegen produktiv und obligatorisch: Es betrifft grundsätzlich alle Verben und muss bei einer finiten Verbform angegeben werden. Im Deutschen kann das Präsens als neutrale, unmarkierte Form dienen, etwa bei allgemeingültigen Aussagen.
Tempus und Konjugation
Konjugation ist die Abwandlung einer Verbform nach grammatischen Merkmalen. Die Gesamtheit der nach diesen Merkmalen geordneten Formen bildet das Paradigma. In einer Form können mehrere Merkmale zusammenkommen, zum Beispiel in „lob-te-st“: Stamm „lob-“, Indikativ, Präteritum, 2. Person Singular.
Die traditionelle Grammatik unterscheidet im Deutschen sechs Zeitformen: Präsens, Präteritum, Futur, Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II. Beispiele im Indikativ sind „lobt“, „lobte“, „wird loben“, „hat gelobt“, „hatte gelobt“ und „wird gelobt haben“. Im Konjunktiv lauten entsprechende Formen unter anderem „lobe“, „lobte / würde loben“, „werde loben“, „habe gelobt“, „hätte gelobt“ und „werde gelobt haben“.
Diese Darstellung setzt mehrteilige Konstruktionen als Zeitformen an und behandelt Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt als drei gleichberechtigte Vergangenheitstempora. In der Sprachwissenschaft ist auch eine zweistufige Analyse verbreitet: Das Hilfsverb „haben“ oder „werden“ trägt die eigentliche finite Zeitform, während das Vollverb in einer Perfektkonstruktion steht. Dann heißen die Formen zum Beispiel „Präsens des Perfekts“ („hat gelobt“), „Präteritum des Perfekts“ („hatte gelobt“) und „Futur des Perfekts“ („wird gelobt haben“).
Das Lateinische zeigt kompakte Formen mit häufig kumulierten Merkmalen. Im Aktiv der 1. Person Singular stehen beispielsweise Präsens „laud-o“, Imperfekt „lauda-ba-m“, Futur „lauda-b-o“, Perfekt „laudav-i“, Plusquamperfekt „laudav-era-m“ und Futur II „laudav-er-o“. Die Namen der Zeitformen bezeichnen jedoch zunächst Formen; ihre konkrete Bedeutung muss gesondert untersucht werden.
Tempus in den Sprachen der Welt
Sprachen unterscheiden sich darin, ob und wie sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft grammatisch markieren. In der WALS-Stichprobe besitzen 134 von 222 Sprachen, also etwa 60 %, ein Vergangenheitstempus. Knapp 40 % haben keine solche Kategorie. Ein Futurtempus weisen 110 von 222 Sprachen auf, also knapp die Hälfte. Die Einordnung umschreibender Zukunftskonstruktionen ist allerdings schwierig. 53 der 222 Sprachen haben weder Vergangenheits- noch Futurtempus.
Tempus wird meist am Verb ausgedrückt. Im Deutschen gibt es dafür Suffixe, Stammveränderungen und Hilfsverben. Das Präteritum erscheint häufig als Endung, etwa in „lach-te-st“, während starke Verben die Vergangenheit durch Ablaut im Stamm anzeigen, etwa „sprach-st“. Im Sprachvergleich sind Suffixe der häufigste Typ; in der WALS-Stichprobe treten sie etwa viermal so häufig wie Präfixe auf. Das Futur wird im Deutschen mit dem Hilfsverb „werden“ gebildet: „wirst sprech-en“. Futurmarkierung ist sprachvergleichend häufiger durch Hilfsverbkonstruktionen gekennzeichnet als Präteritumsmarkierung.
Auch andere Ausdrucksmittel kommen vor. In der Sprache Anywa markiert ein Präfix die Vergangenheit („ā-rúBó“). In der Tonsprache Suma werden Tempusunterschiede durch Ton und teilweise zusätzlich durch Endungen ausgedrückt: „fè“ bedeutet „sterben“, „fé“ „sterbe“ und „fēē“ „starb“. Isolierende Sprachen verwenden häufig selbstständige Partikeln; im Papuasprachlichen Loniu markiert „lɛʔi“ das Präsens.
Selten tragen Konjunktionen oder nominale Wortarten die Tempusmarkierung. Im Irischen steht die Konjunktion „go“ in Präsens- oder Futurnebensätzen, während im Präteritum „gur“ verwendet wird. In Yag-Dii gibt es ein tempusmarkiertes Pronomen der ersten Person Singular im Futur. In Sirionó trägt das Substantiv in „Ési-ke óso ñá ií-ra“ ein Präteritumsuffix; die gesamte Satzbedeutung wird dadurch in die Vergangenheit eingeordnet, nicht bloß eine Eigenschaft der Frau.
Manche Sprachen unterscheiden zeitliche Distanzen. In etwa 20 % der WALS-Stichprobe gibt es solche feineren Unterteilungen, häufiger für die Vergangenheit als für die Zukunft. Ancash Quechua unterscheidet zwischen einer Vergangenheit am selben Tag („aywarquu“) und einer früheren Vergangenheit („aywarqaa“). Yagua besitzt fünf Vergangenheitsstufen: heute, gestern, höchstens vor einem Monat, höchstens vor einem Jahr sowie vor etlichen Jahren oder in legendenhafter Zeit. Die Unterscheidungen können objektiv festgelegt oder subjektiv als nahe beziehungsweise fern empfunden werden.
Situationszeit, Betrachtzeit und Textzusammenhang
Für eine genaue Beschreibung der Tempusbedeutung reichen Sprechzeit und Situationszeit nicht aus. Die Situationszeit ist die zeitliche Lage der beschriebenen Situation, also eines Ereignisses, Zustands oder anderen Sachverhalts. Die Betrachtzeit ist die Zeit, auf die sich das Tempus bezieht, also die Zeit, über die gesprochen wird. Die Sprechzeit verankert die Äußerung deiktisch. Das Konzept der dritten Größe geht auf Hans Reichenbach (1947) zurück; die Bezeichnung „Betrachtzeit“ stammt von Bäuerle (1979), bei Klein (1994) heißt sie „Topik-Zeit“.
Tempus bezeichnet das Verhältnis zwischen Sprechzeit und Betrachtzeit:
- Vergangenheitstempus: Die betrachtete Zeit liegt früher als die Sprechzeit.
- Gegenwartstempus: Die betrachtete Zeit überschneidet sich mit der Sprechzeit.
- Zukunftstempus: Die betrachtete Zeit liegt später als die Sprechzeit.
Aspekt bezeichnet dagegen das Verhältnis zwischen Betrachtzeit und Situationszeit. Beim unvollendeten Aspekt fällt die Betrachtzeit auf ein Intervall innerhalb der laufenden Situationszeit. Beim vollendeten Aspekt enthält die Betrachtzeit die gesamte Situationszeit. Zeiten sind dabei grundsätzlich als Intervalle zu verstehen; ein Zeitpunkt kann als Grenzfall eines nicht weiter unterteilbaren Intervalls gelten.
Das Beispiel „Man fand John in der Badewanne. Er war tot.“ zeigt, dass Situationszeit und Betrachtzeit auseinanderfallen können: Johns Totsein dauert möglicherweise bis zur Gegenwart, aber betrachtet wird nur die vergangene Zeit des Auffindens. Beim Plusquamperfekt in „Um neun Uhr ... war Maria schon gegangen“ liegt die Situationszeit des Weggehens vor der durch „um neun Uhr“ oder „als ich zur Party kam“ festgelegten Betrachtzeit.
In Erzählungen schreitet die Betrachtzeit häufig fort. Zustände werden meist an die bestehende Betrachtzeit angeschlossen, während ein neues abgeschlossenes Ereignis sie weiterbewegt. Im Beispiel folgen auf eine gemeinsame Zeit t1 („Ich blickte in das Zimmer“, „Ein Mann lag ...“) die späteren Ereignisse t2 („Sie bemerkte mich“) und t3 („und drehte sich zu mir um“). Alle Zeiten liegen vor der Sprechzeit und stehen deshalb im Präteritum. Für die genaue Interpretation ist zusätzlich der Aspekt wichtig, etwa bei „Sie versuchte gerade ...“, das ein unabgeschlossenes Geschehen bezeichnet.
In Nebensätzen können Tempusformen von ihrer gewöhnlichen deiktischen Bedeutung abweichen. Diese Zeitenfolge heißt Consecutio temporum. Im Englischen bedeutet „John said that Mary was pregnant“ typischerweise, dass die Schwangerschaft zur vergangenen Betrachtzeit bestand. Das deutsche „Hans sagte, dass Maria schwanger ist“ kann dagegen bloße Gleichzeitigkeit mit der Zeit des Sagens ausdrücken, ohne dass die Schwangerschaft noch bei der Äußerung bestehen muss. Im Russischen wäre in diesem Fall sogar ein Präsens die einzige Möglichkeit.
Abgrenzung zu Aspekt, Relativtempus und Modalität
Tempus, Aspekt, Modus und Modalität sind benachbarte, aber unterschiedliche Kategorien. Aspekt beschreibt vor allem, ob eine Situation als vollständig oder unvollständig betrachtet wird. Im Englischen verbindet „They were playing ball“ das Präteritum am Hilfsverb mit einem imperfektiven beziehungsweise verlaufsbezogenen Aspekt. Das französische Imparfait in „Ils jouaient aux balles“ kann ebenfalls die Kombination Präteritum und imperfektiver Aspekt ausdrücken. Formen mit solchen Kombinationen werden im Alltag dennoch oft einfach „Zeiten“ genannt.
Der Begriff Relativtempus wird unterschiedlich verwendet. Manche Autoren bezeichnen jede zeitliche Relation, auch bei nichtfiniten Partizipien, als Relativtempus. Andere meinen damit die Zeitenfolge in Nebensätzen. Im engeren Sinn handelt es sich um spezielle Verbformen, die eine Situation zunächst an einer anderweitig gegebenen Zeit und nicht direkt an der Sprechzeit verankern.
Eine Analyse ordnet relative Vergangenheit und relative Zukunft dem Aspekt zu: Perfekt beziehungsweise relative Vergangenheit bedeutet, dass die Betrachtzeit vollständig nach der Situationszeit liegt; Prospektiv beziehungsweise relative Zukunft bedeutet, dass die Betrachtzeit vollständig vor der Situationszeit liegt. Das Plusquamperfekt kann so als Präteritum des Hilfsverbs plus einem perfektiven Rückgriff analysiert werden. Beim Prospektiv „He is / was going to play“ greift „be going to“ auf eine künftige Situation vor, während das Tempus die gesamte Konstruktion an eine Betrachtzeit bindet. Andere Darstellungen behandeln Relativtempora holistisch als eigene Zeitformen mit einer „Orientierungszeit“.
Das Perfekt nimmt eine Sonderstellung ein. Es kann als Relativtempus des zeitlichen Rückgriffs verstanden werden: Präsens-Perfekt, Präteritum beziehungsweise Plusquamperfekt und Futur beziehungsweise Futur II. Das Präsens-Perfekt weicht jedoch häufiger von diesem regelmäßigen Muster ab. Bedeutungen wie „erweitertes Jetzt“ oder „existenzielles Perfekt“ sprechen für eine eigenständige Kategorie. Das deutsche Perfekt steht vermutlich zwischen Aspekt und Tempus beziehungsweise befindet sich in einer Entwicklung von einer aspektuellen zu einer temporalen Bedeutung.
Modalität bezeichnet inhaltlich Möglichkeit und Notwendigkeit; Modus ist die entsprechende grammatische Kategorie. Das Futur steht beiden besonders nahe. Zukunft kann als rein temporale Voraussage oder mit modaler Unsicherheit verstanden werden. Modale Nebenbedeutungen können sich aus ursprünglichen Bedeutungen von Bewegungsverben, Modalverben oder Konstruktionen der Absicht und Verpflichtung entwickeln. Im Englischen kann „shall“ zukünftige Verpflichtung ausdrücken, während „will“ eine Absicht nahelegen kann; daher lautet die typische Frage „Shall I pick you up at seven?“
Manche Sprachen ordnen Zukünftiges dem Irrealis zu. Der Realis ist eine Wirklichkeitsform, der Irrealis umfasst nichtwirkliche Bezüge, besonders Zukunft und kontrafaktische Aussagen. Ein Irrealisbegriff ist vor allem dann sinnvoll, wenn diese verschiedenen Interpretationen gemeinsam codiert werden. Beim deutschen Konjunktiv Präsens und Konjunktiv Präteritum liegt der Unterschied tatsächlich eher in unterschiedlichen modalen Bedeutungen als in einer temporalen Unterscheidung. Sprachen, in denen Zukunft als Teil eines umfassenden Irrealis markiert wird, können daher eher als Sprachen ohne eigenständiges Tempussystem analysiert werden.