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Verlaufsform

Die Verlaufsform ist eine grammatische Konstruktion aus einem Hilfsverb und einer infiniten oder nominalen Verbform (oft noch in einen Präpositionalausdruck …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Funktion
  2. 2. Verlaufsformen im heutigen Deutsch
  3. 3. Dialektale und lexikalische Mittel
  4. 4. Ältere deutsche Form
  5. 5. Formen in anderen Sprachen

Grundidee und Funktion

Die Verlaufsform ist eine grammatische Konstruktion, die ein ausgedehntes Ereignis bezeichnet, das zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen ist. Sie besteht aus einem Hilfsverb und einer infiniten oder nominalen Verbform, häufig eingebettet in einen Präpositionalausdruck. Eine typische Funktion ist außerdem, einen zeitlichen Rahmen zu schaffen: Ein Verb in der Verlaufsform beschreibt dann eine laufende Handlung, in die ein zweites, möglicherweise punktuelles Ereignis fällt.

In der Sprachwissenschaft wird die Verlaufsform auch Progressiv-Form genannt. Im engeren Sinn bezeichnet Progressiv jedoch eine semantische Kategorie, also eine Bedeutung: Eine Handlung wird als im Verlauf befindlich verstanden. Diese Bedeutung kann durch eine Verlaufsform ausgedrückt werden, kann aber auch bei anderen Verbformen auftreten. Das Progressiv gehört zu den Formen des imperfektiven Aspekts, also zu sprachlichen Mitteln, die ein Ereignis nicht als abgeschlossen, sondern als andauernd oder im Verlauf zeigen. Anders als feste Aspektformen von Verben kann die Verlaufsform schwächer grammatisiert sein. In Sprachen wie dem Englischen ist sie aber Teil der grammatischen Kategorie des Aspekts.

Verlaufsformen im heutigen Deutsch

Im heutigen Deutsch und in einzelnen Dialekten gibt es mehrere Möglichkeiten, eine Verlaufsform auszudrücken. Diese Formen unterscheiden sich in ihren grammatischen und semantischen Beschränkungen. Im geschriebenen Deutsch dominieren die Formen mit „beim“ und „im“, während die Form mit „am“ noch überwiegend in der gesprochenen Sprache verwendet wird.

Die Verlaufsform mit „beim“ wird mit „sein + beim + substantivierter Infinitiv“ gebildet. Beispiele sind „Ich bin beim Essen“ und „Ich bin beim Lesen“. Einschränkungen gibt es etwa bei 0-wertigen Verben, also Verben ohne Ergänzungen wie „regnen“; auch das Passiv ist zumindest fragwürdig. Beispiele dafür sind „Es ist beim Regnen“ und „Der Hund ist beim Gestreichelt-Werden“.

Die Form mit „im“ wird mit „sein + im + substantivierter Infinitiv“ gebildet, zum Beispiel „Ich bin im Weggehen“. Sie unterliegt starken Beschränkungen. Genannt werden Beispiele wie „Ich bin im Nachdenken“, „Die Pflanze ist im Wachsen“ und „Es ist im Regnen“.

Die Form mit „am“ wird mit „sein + am + substantivierter Infinitiv“ gebildet und in der Forschung als am-Progressiv bezeichnet. Forschung geht davon aus, dass diese Form im Deutschen stärker grammatikalisiert ist, als früher angenommen wurde. Es wird vermutet, dass sich der Infinitiv dabei von einer substantivierten zu einer verbalen Einheit entwickelt und stärker zur Kleinschreibung tendiert, etwa „er ist am lesen“. Beispiele sind „Ich bin am Nachdenken“, „Es ist am Regnen“ und „Die Pflanze ist am Wachsen und Gedeihen“. Da diese Form aus süd- und westdeutschen Dialekten stammt, werden nicht alle Beispiele von allen Sprecherinnen und Sprechern gleich akzeptiert. Besonders Konstruktionen mit höherer Valenz, also mit mehreren Ergänzungen, stoßen außerhalb von Dialekten mit besonders hoher Akzeptanz, etwa dem Rheinländischen, eher auf Ablehnung. Ein Beispiel ist „Ich bin meiner Mutter einen Brief über meine Geldsorgen am Schreiben“.

Dialektale und lexikalische Mittel

In einigen Dialekten kann auch „tun“ eine Verlaufsform ausdrücken. Diese Konstruktion besteht aus „tun + Infinitiv“, zum Beispiel „Sie tut gerade reden“ oder „Wir tun einkaufen“. Sie kommt etwa im Südbairischen und Hessischen vor. Ähnliche Formen gibt es in limburgischen und ripuarischen Sprachen. Dort beschreibt sie häufig grundsätzlichere und länger dauernde Verhältnisse als die am-Verlaufsform. Dadurch zeigt sie eine gewisse Nähe zu entsprechenden Konstruktionen in Norddeutschland, im Jütischen und Dänischen sowie zu Verstärkungen im Altenglischen und Englischen.

Die Beschränkungen hängen vom jeweiligen Dialekt ab. Wenn „tun“ in einem Dialekt wie dem Südbairischen für einen kürzeren oder allgemeinen Verlauf zulässig ist, kann „Er tut lesen“ möglich sein. In einem Dialekt, in dem „tun“ eher einen längeren Verlauf ausdrückt, gilt derselbe Satz dagegen nicht als passend. Das Verb „tun“ ist dabei eine überflüssige Erweiterung des Prädikats. In der Standardsprache gilt diese Verwendung nicht als korrekt.

Der Verlauf eines Ereignisses kann im Deutschen auch lexikalisch ausgedrückt werden, also durch zusätzliche Wörter statt durch eine feste grammatische Konstruktion. Das ist häufig, weil grammatikalisierte Verlaufsformen im Deutschen anders als etwa im Englischen nicht verpflichtend sind. Beispiele sind „Es regnet gerade“, „Ich arbeite schon den ganzen Tag“ und „Ich räume nebenher auf“. Solche lexikalischen Mittel können auch mit syntaktisch gebildeten Verlaufsformen verbunden werden, etwa in „Ich bin gerade dabei, die Tür aufzuschließen“ oder „Ich bin momentan noch am Überlegen“.

Der Absentiv ist eine eigene Konstruktion, die aber einen Verlauf impliziert. Er wird mit „sein + Infinitiv“ gebildet. Absentiv und andere syntaktisch gebildete Verlaufsformen schließen sich gegenseitig aus, weil sich die Konstruktion nur durch das Fehlen von „im“, „am“ oder „beim“ von anderen Formen unterscheidet.

Ältere deutsche Form

Im Mittelhochdeutschen gab es eine Verlaufsform, die mit „sein + Partizip Präsens“ gebildet wurde. Sie ist heute noch grundsätzlich verständlich. Ein Beispiel lautet: „Mit wazzer ist er gebende diese clarheit, edel und so reine.“ Im Neuhochdeutschen lässt sich dies mit einem Partizip ausdrücken als „Mit Wasser ist er die Klarheit gebend“ oder mit dem am-Progressiv als „Mit Wasser ist er die Klarheit am Geben“.

Diese mittelhochdeutsche Verlaufsform verlor zunächst vereinzelt die Endung des Partizip Präsens. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts starb sie vermutlich vollständig aus. Die abgeschliffene Konstruktion ist formgleich mit dem heutigen Absentiv. In der Forschung ist jedoch noch nicht geklärt, ob der Absentiv auf das mittelhochdeutsche Progressiv zurückgeht oder neu gebildet wurde.

Formen in anderen Sprachen

Viele Sprachen haben eigene Mittel, um einen Verlauf auszudrücken. Im Englischen wird die Verlaufsform mit dem Hilfsverb „be“ und einem Partizip gebildet, zum Beispiel „He is reading“ für „Er liest gerade“. Anders als im Deutschen ist diese Form in passenden Zusammenhängen verpflichtend. Eine ähnliche Bildung gibt es im Baskischen.

Im Italienischen steht das Hilfsverb „stare“ mit dem Gerundium, zum Beispiel „L’uomo sta correndo“ für „Der Mann rennt gerade“. Allmähliche Entwicklungen oder ständige Wiederholungen eines Vorgangs werden mit „Gerundium + andare“ ausgedrückt, etwa „Andava dicendo sciocchezze“ für „Er sagte ständig dummes Zeug“. Handlungen in ihrem Verlauf können mit „Gerundium + venire“ beschrieben werden, zum Beispiel „Mi vengo sempre più persuadendo che …“ für „Ich komme immer mehr zu der Überzeugung, dass …“

Im Spanischen und im brasilianischen Portugiesisch werden entsprechende Konstruktionen mit „estar“ oder „andar“ und dem Gerundium verwendet: „El hombre está corriendo“ und „O homem está correndo“. Im europäischen Portugiesisch wird das Gerundium durch „a + Infinitiv“ ersetzt: „O homem está a correr“.

Im Französischen wird die Verlaufsform mit „être en train de faire qc“ gebildet. Wörtlich bedeutet dies „im Zug sein etwas zu tun“. Das Verb „être“ wird je nach Subjekt konjugiert, und „faire“ kann durch ein anderes Verb im Infinitiv ersetzt werden, etwa „Je suis en train d’écrire“.

In keltischen Sprachen wie Bretonisch und Irisch steht ein Hilfsverb mit der Bedeutung „sein“ zusammen mit einer Präposition und dem Verbalnomen. Ein irisches Beispiel ist „Tá sé ag léamh an leabhair“, wörtlich etwa „Ist er bei Lesen des Buches“, also „Er liest gerade das Buch“. Im Japanischen wird die te-Form des Verbs mit „いる“ iru, „da sein“ oder „existieren“, verbunden: „彼は本を読んでいる。 Kare wa hon o yonde iru“ bedeutet „Er liest gerade ein Buch“. Im Litauischen werden spezielle progressive Partizipien verwendet, zum Beispiel „jis buvo bemiegąs“ für „er schlief“. Im Präsens ist diese Konstruktion mundartnah, etwa „aš esu beskaitąs“, wörtlich „ich bin ein Lesender“. Im Quechua drückt das Infix „-chka-“ die Verlaufsform aus, etwa „Taytanmantam rimachkan“ für „Er spricht gerade von seinem Vater“. Im Kichwa dient dafür das Infix „-ku-“, zum Beispiel „Paypak taytamantami rimakun“.

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