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Antisemitismus 1938 - Verbotene Bilder vom Pogrom | Terra X
Das Wichtigste aus dem Video
Tipp auf eine Zeit – das Video springt genau dorthin.
Transkriptautomatisch erstellt · 59 Zeilen
- Im November 1938 brennen überall in Deutschland die Synagogen. Die Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden schlägt um in offenen Hass. Das Nazi-Regime untersagt, Aufnahmen von den Exzessen zu veröffentlichen. Dennoch entstehen Bilder, die es eigentlich nicht geben dürfte.
- Erst Jahrzehnte später werden viele von ihnen gefunden. Wer hat sie gemacht? Und was erzählen sie von der Nacht des Terrors? Der Gewaltausbruch gleicht einem Flächenbrand. Über 1400 Synagogen in Deutschland werden gebrandschatzt oder verwüstet. Auch die Synagoge von Bielefeld trifft es.
- Einzigartige Farbdias halten fest, wie der Lebensmittelpunkt der jüdischen Gemeinde niederbrennt - fotografiert von Hans Asemissen, einem Unternehmer aus Bielefeld. Von Asemissen ist überliefert, dass er eigentlich, weil er Nachbar der Synagoge war, er lebte in derselben Straße, er sah den Rauch, und ich denke,
- es war auch einfach der Impuls des Fotografen, dann die Kamera zu nehmen, rauszugehen und zu gucken, was da los ist. Und abgesehen davon, dass es natürlich auch ein Schauspiel war, diese lodernden Flammen aus dem Dachstuhl der Synagoge heraus,
- ging es ihm vor allem darum, zu dokumentieren, was hier passiert ist. Die damals unerwünschten Bilder sind heute wichtig für unser Gedenken. Tobias Ebbrecht-Hartmann lehrt Filmwissenschaft in Jerusalem.
- Sein Spezialgebiet nennt sich Visual History – bildliche Quellen von Ereignissen, die Geschichte machten, wie die Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 - von der Hans Asemissen Fotos machte, die er Zeit seines Lebens nie jemanden gezeigt hat.
- Ich glaube, dass bei Assemissen eher dieses Gefühl war, dass die Lage sehr unübersichtlich war, dass ich ja dann auch gezeigt hat, sehr schnell nach dem Novemberpogrom, wie schnell sich die Maßnahmen gegen Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich radikalisierten, und dass das eher auch ein Grund war, warum er das Gefühl hatte,
- das ist sensibel, das sollte ich niemandem zeigen. Und dann vor allem auch nach dem Krieg die Angst, dass man vielleicht selber mit den Taten hätte identifiziert werden können, und dass sie so dann erst meistens - und das ist nicht nur bei ihm der Fall -,
- erst nach dem Ableben oder durch Zufall durch Familienmitglieder und andere dann wieder ans Tageslicht kommen. Die Zerstörungen geschehen in aller Öffentlichkeit. Jeder kann sie sehen. Aber: Keine Bilder in der gleichgeschalteten Presse, ordnet Propagandaminister Goebbels an.
- Man geht davon aus, dass der Grund für dieses Veröffentlichungsverbot vor allem darin bestand, dass man Angst davor hatte, dass es negative Reaktionen aus dem Ausland gibt. Es gab ja tatsächlich eine relativ große Empörung, nachdem die Ausschreitungen dieser Nacht international bekannt wurden,
- und die Angst war, dass mit Fotografien das noch weiter angeheizt werden könnte, wenn man wirklich sieht, was da konkret passiert ist. Nach Jahrhunderten der Unterdrückung scheinen die meisten deutschen Juden mit dem 20. Jahrhundert in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
- Oft in freien Berufen, Bildungsbürger, haben sie Kultur und Geistesleben ihres Landes mitgeprägt. 1938 sind etwa 400.000, ein Prozent der Deutschen, jüdischen Glaubens.
- Ihre Synagogen, wie hier in Bielefeld, gehören zum Stadtbild, in Kleinstädten wie Bühl in Baden oder Metropolen wie Frankfurt am Main. Die Synagoge war das Herz, nicht nur religiös, sondern auch im Sinne der Gemeinschaft, des Austauschs, der Solidarität und hat insofern eine große Bedeutung.
- Die Synagogen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November in Deutschland brannten, waren aber auch ein Zeichen dafür, dass die Jüdinnen und Juden endlich angekommen waren in Deutschland. Dass sie nun nicht mehr nur in kleinen Gebäuden hausten oder in Privatwohnungen ihre Gottesdienste gehalten haben, sondern dass sie jetzt sichtbar schöne Gebäude im Zentrum der Stadt gebaut hatten.
- Von denen manche schon vor der Pogromnacht abgerissen werden – wie in Kaiserslautern. Ein Film, gedreht im Auftrag der Stadt, zeigt die Sprengung der Synagoge am Sabbat, 17. September 1938.
- Auch in Nürnberg und München werden jüdische Gotteshäuser abgerissen. Die meisten Deutschen sind zwar keine fanatischen Judenhasser, sehen in ihnen aber oft Konkurrenten, antisemitische Stereotype sind weit verbreitet.
- Das Ziel solcher Initiativen war "Unsere Stadt muss schöner werden". Für uns ist das sozusagen ein ein Schandmal, ein Schandfleck, diese Synagoge, so zentral in unserer Stadt, während zuvor diese Gebäude ja auch eigentlich Ausweis davon waren, dass die jüdische Bevölkerung in Deutschland angekommen ist,
- ging es jetzt darum, sie unsichtbar zu machen, sie aus dem auch symbolisch und visuell aus dem Stadtbild zu tilgen. Bald geht es auch ans Bleiberecht. Ende Oktober ‘38 schiebt Hitlers Regime etwa 17.000 Juden polnischer Herkunft ab – ins Niemandsland zwischen Polen und Deutschland.
- Deportiert wird auch die Familie eines jungen Juden in Paris. Der schießt am 7. November auf einen deutschen Diplomaten, Ernst vom Rath - aus Protest gegen die demütigende Behandlung seiner Familie.
- Herschel Grynspans Verzweiflungstat nutzt die NS-Propaganda als Vorwand, ein reichsweites Pogrom loszutreten. Grynspan wird verhaftet, kommt ins KZ. Sein Schicksal ist ungeklärt.
- Nürnberg, am 9. November `38. Wie überall kommt es hier zu Szenen beispielloser Gewalt. Es ist die Stadt der Reichsparteitage – der Ort, an dem Streichers antisemitische Hetzschrift „Der Stürmer“ erscheint.
- In Nürnberg schlief der Rechtsanwalt Rudolf Bing in seinem Bett und wurde geweckt von ganz lauten Rufen, die schrien „Raus hier, raus hier“. Er hat dann das getan, was man vermutlich machen würde: Er hat bei der Polizei angerufen und gesagt, dass Leute versuchen, in sein Haus einzudringen.
- Daraufhin fragte die Dame am anderen Ende der Leitung, ob er denn arisch sei und das hat er dann verneint und daraufhin ist einfach eingehängt worden. Was Rudolf Bing und andere Jüdinnen und Juden in dieser Nacht erleiden mussten, die rohe Gewalt,
- die Zerstörungen und noch mehr zeigt eine Serie von Fotografien, entdeckt im Album eines jüdischen US-Soldaten. Zuschauer, Täter, die Gewalt. Das sind keine Aufnahmen, die sozusagen aus der Distanz dokumentieren, was in dieser Nacht passiert ist.
- Hier sind ja die Täter ganz eindeutig dabei zu sehen, wie sie die Sachen aus der Synagoge rausschleppen. Es gibt offensichtlich überhaupt gar keine Scheu, sich vor der Kamera zu zeigen.
- Die Pogromnacht 1938 – aus Sicht der Täter. Diese Aufnahmen wurden in Fürth und in Nürnberg gemacht, von zwei lokalen Fotografen. Als die Familie dieses Album im Nachlass ihres Vaters, Großvaters gefunden hat,
- haben sie auch einige der Fotos umgedreht und dort stehen tatsächlich auch die Namen der Fotografen drauf. Und wir können heute in diesen Bildern etwas sehen, was in vielen anderen Aufnahmen abwesend ist.
- Und das ist eben die Gewalt, die physische Gewalt gegen Menschen, der Vandalismus, diese ganze zerstörerische Energie, die in dieser Nacht sich entfaltet hat und die in den Fotos von den brennenden Häusern aus der Distanz gefilmt, oft abwesend ist.
- In einer Synagoge von Nürnberg fotografiert Bildberichter Karl Neubauer, wie SA-Männer mit Benzin den Brand entfachen. Das Pogrom ist vorbereitet und kein spontanes Ereignis einer wütenden Öffentlichkeit, wie von der NS-Propaganda falsch dargestellt.
- Eines der seltenen Filmdokumente vom Tag danach, 10. November 1938. Entstanden sind diese Aufnahmen im badischen Bühl. Sie stammen aus diesem Originalfilm, gedreht mit einer 8mm-Kamera.
- Hier wird ja eigentlich deutlich, dass es sich um Privatfilme handelt. Das sind ja so typische Aufnahmen von Festen, was Privatfilmer so filmen. Hier so eine Ruderpartie. Und dann plötzlich scharfer Schnitt und wir sehen die brennende Synagoge.
- Wir wissen, dass der Film hergestellt worden ist von Hans Christ, einem lokalen Kaufmann, und wir wissen das vor allem deswegen, weil in den Aufzeichnungen der zuständigen Feuerwehrkompanie erwähnt wird, dass ein Film von Hans Christ erstellt worden ist.
- Das heißt, zu der Zeit war dieser Film unter den Feuerwehrleuten auch bekannt. Als Mitglied der Feuerwehr interessiert sich Hobbyfilmer Hans Christ vor allem für den Einsatz seiner Kameraden.
- Aber es ist natürlich spannend, hier auch mal zu gucken, was für eine Stimmung am Ort herrscht, auf dem Johannisplatz in Bühl. Und da sieht man hier, dass tatsächlich relativ gelöste Stimmung auch unter den Feuerwehrleuten ist. Wir sehen auch SS, wir sehen vielleicht auch Mitglieder der Partei.
- Also deutlich ist eben, es geht nicht darum, die Synagoge zu schützen. Es geht darum, die eigenen Werte zu schützen, wie hier zum Beispiel dieser Wagen des Bierdepots, der dann aus der Gefahrenzone gebracht wird, während alle einfach zusehen, wie dieses Gebäude verbrennt.
- Vor den Flammen geschützt werden nur die Nachbargebäude. Das war ja eine Direktive, die für das ganze Reich galt, dass die Feuerwehr nicht einschreiten sollte, also nicht die Brände der Synagogen löschen sollten,
- sondern vor allem für die Sicherung der umliegenden Gebäude zuständig waren. Und deswegen war die Feuerwehr vor Ort, hätte auch eingreifen können, aber hat es nicht gemacht. Besonderes Engagement bei den Löscharbeiten zeigt die Feuerwehr von Siegen nur, weil sich direkt hinter der Synagoge das Hospital befindet.
- In 26 eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen hält der Siegener Fotograf Erich Koch mit seiner Kleinbildkamera das Ende der Synagoge fest. Die historische Bedeutung dieser Aufnahmen neben dem, dass sie eben tatsächlich Gebäude auch dokumentieren, die es nicht mehr gibt, liegt vor allem darin,
- dass sie uns das ganze Setting nahebringen, dass wir eben nicht nur die brennenden Gebäude, sondern oft eben auch sehen, wie viele Menschen dorthin gingen, um sich das anzugucken. Das sind alles die Kleinigkeiten in diesen Fotos, die uns etwas über das historische Geschehen erzählen.
- Zuschauer oder Täter? - Die Grenzen sind fließend. Im pfälzischen Speyer befindet sich eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Heimlich filmt am Morgen des 10. November 1938 ein Hobbyfilmer die noch qualmende Ruine der Synagoge – davor: Gaffer.
- Der Brand schwelt noch, aber wir sehen, dass einfach das Leben in der Stadt so weitergeht und dass es sogar dann dazu kommt, noch zu Plünderungen und wie an mehreren Orten auch Kinder und Jugendliche beteiligt sind.
- Einer der dabei war, erinnert sich. Auf der Hauptstraße hat man dann gesehen, dass die Fensterscheiben von den Judengeschäften eingeschlagen waren.
- Ja, Da haben wir auch gestaunt und haben gesagt: „Warum und wieso und weshalb?“ Schulkinder plündern am hellichten Tag ein jüdisches Geschäft.
- Der Kahn, Tabak-Kahn, des hab‘ ich noch gesehen, dem seine Scheibe wurde auch eingeschlagen. Ja und, da, da weiß ich zum Beispiel, da wurden Zigarren und Zigarettenschachteln aus dem Fenster genommen. Ja, das wurde da rausgenommen.
- Ein Polizist schreitet ein. Es sieht so aus, als ginge es hauptsächlich darum, diesen Auflauf, der sich da gebildet hat, zu verhindern, weil das natürlich auch die öffentliche Ordnung stört.
- In Esslingen bei Stuttgart entwickelt sich aus der Brandschatzung eine volksfestartige Stimmung. Jüdische Kultgegenstände werden verbrannt – von Kindern. Für mich sind diese Aufnahmen, gerade auch die Filmaufnahmen von Kindern, die sich auf die eine oder andere Art an diesen Grausamkeiten beteiligen,
- also eben durch Plünderung oder durch das Verbrennen von Gegenständen mit die schockierendsten, weil man eben sich nicht vorstellen kann, dass das zur Normalität einer Kindheit gehört, dass man Zeuge von solchen Ereignissen wird und dass man von der Erwachsenenwelt auch widergespiegelt bekommt, dass das völlig in Ordnung ist.
- Der örtliche Radio- und Fernsehhändler Otto Günther filmt, wie Neugierige in das zerstörte Gotteshaus in Esslingen drängen. Wenn man wirklich sieht, dass die Leute da in die zerstörte Synagoge reingeführt werden.
- Das ist wie so ein wie so ein Ausflug oder so ein Tag der offenen Tür ist, dass man wirklich so präsentiert: Guckt mal, was wir hier zerstört haben. Schaut mal, so haben die Juden gelebt, und die Leute kommen glücklich und fröhlich da raus. Ja, das ist schon schockierend.
- Zurück in die Gegend von Nürnberg, nach Fürth. Fotografien aus dem Album des jüdischen US-Soldaten. Die damals größte jüdische Gemeinde in Bayern hat die Pogromnacht in Angst und Schrecken verbracht.
- Die Kamera blickt ja hier direkt auf die erniedrigten Menschen. Wir sehen, wir sehen Verletzungen. Also das ist sehr ungewöhnlich für solche Art von Aufnahmen. Wir sehen den erschreckten Blick in die Kamera. Wirklich hier die verängstigten Menschen.
- Offiziell hieß es ja, es gab ein paar Sachbeschädigungen, aber es wurde eben nicht von der physischen Gewalt berichtet. Und diese Fotos erzählen uns was anderes. Eine dieser Aufnahmen zeigt Rudolf Bing - offenbar gezwungen, sich vor der Kamera lächerlich zu machen. Er wird ausgebürgert, sein gesamtes Eigentum beschlagnahmt.
- Die ausgebrannte Synagoge von Bühl. Einst war sie der Stolz der kleinen jüdischen Gemeinde. 106 00:15:54,000 --> 00:15:58,000 Zu ihr gehört der damals vierjährige Herbert, der später den Namen Ehud annimmt. Ehud Loeb war ja noch ein Kind, als das passierte. Er ist in Bühl geboren und aufgewachsen, die ersten sechs Jahre seines Lebens. Und er war tatsächlich Augenzeuge des Brandes.
- Er erinnert sich später, dass er die brennende Synagoge gesehen hat und dass sein Vater ihn schnell über den Platz gezogen hat, an den Schaulustigen vorbei, an der Synagoge vorbei, aus Angst natürlich, was noch alles passieren könnte. Und was passierte, war tatsächlich,
- dass einige aus der Menge dann das Haus versucht haben anzugreifen, in dem Ehud Loeb und mit seiner Familie eben auch noch mehrere andere jüdische Familien gelebt haben. Im Oktober 1940 werden sämtliche Juden Badens nach Südfrankreich ins Internierungslager Gurs deportiert, auch die aus Bühl – mit dem kleinen Ehud.
- Und es ist nur dem Engagement von Hilfsorganisationen zu verdanken, dass es gelang Ehud und noch andere Kinder, jüdische Kinder aus dem Lager zu befreien. Er hat auch andere Identitäten annehmen müssen und konnte so überleben, getrennt von seinen Eltern, die kurz darauf nach Auschwitz deportiert und dann auch ermordet worden sind.
- In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 sterben mehr als 400 Menschen, zahllose Frauen werden vergewaltigt. Die SS sperrt 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslagern ein – hunderte werden die Haft nicht überleben.
- Etwa der Hälfte der jüdischen Deutschen gelingt es, noch ein Visum zu ergattern und außer Landes zu fliehen. Wer bleiben muss, sitzt bald in einer Falle. Drei Jahre später, von Herbst 1941 an, deportiert das Regime die Juden aus Deutschland in den sicheren Tod.
- Wie Margot Friedländer den Holocaust überlebt hat, das könnt ihr in dem Dokudrama sehen, das wir Euch hier verlinkt haben.
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