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Alltagsgeschichte
In der Alltagsgeschichte geht es um die Frage, wie Menschen im Alltag lebten und ihr Leben und die Geschichte erlebten. Es geht um das sich Wiederholende in …
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Gegenstand und Ansatz
Alltagsgeschichte untersucht, wie Menschen im Alltag lebten, ihr Leben und Geschichte erlebten. Im Mittelpunkt stehen das Wiederkehrende der „Lebenswelt“ (Alfred Schütz), subjektive Erfahrungen und Wahrnehmungen sowie längerfristige Mentalitäten. Sie fragt besonders danach, wie Einzelne und kleine Gruppen zu sozialen und politischen Strukturen stehen: Sie werden von ihnen geprägt, prägen sie aber zugleich selbst.
Damit richtet sich der Ansatz gegen eine Geschichtsschreibung, die vor allem unpersönliche Strukturen wie Klasse, Religion, Staat oder Gesellschaft betrachtet und das Handeln einzelner Menschen kaum berücksichtigt. Alltagsgeschichte will geschichtliches Handeln aus seiner eigenen Logik verstehen.
Entstehung und Arbeitsweise
Der deutsche beziehungsweise deutschsprachige Zweig entstand um die Mitte der 1980er Jahre und wandte sich später auch der Geschichtswissenschaft zu. Ein wichtiger Anstoß war die schwedische basisdemokratische Bewegung „Grabe, wo du stehst“, die der Publizist Sven Lindqvist 1978 vorantrieb. Auch Geschichtswerkstätten, Bürgerinitiativen und Basisbewegungen spielten eine Rolle.
Ausgangspunkt war eine kritische, „undogmatische“ Marx-Lektüre: „Die Menschen machen ihre Geschichte nicht aus freien Stücken, aber sie machen sie selbst.“ Insbesondere sollten Menschen erforscht werden, die bislang außerhalb sozialgeschichtlicher Strukturen nicht als geschichtsmächtig galten. Vorbilder waren Eric J. Hobsbawm, Edward P. Thompson, Carlo Ginzburg und Emmanuel Le Roy Ladurie. Methodisch nutzt die Alltagsgeschichte die dichte Beschreibung des Ethnologen Clifford Geertz: Sie untersucht soziale und lokale Besonderheiten genau und im Zusammenhang.
Themen, Quellen und benachbarte Fächer
Mögliche Themen sind Arbeit, Handwerkstechniken, Wohnen, Ernährung, Bekleidung, Medizin und Hygiene, Sport, Feiern, Elternhaus, Schule, Ausbildung, Religionserfahrungen und Kriegserfahrungen. Die Alltagsgeschichte überschneidet sich daher unter anderem mit Sozialgeschichte, Demographie, Genealogie, Mikrogeschichte, Kulturgeschichte, Medizingeschichte, Volkskunde beziehungsweise Ethnologie, Regional- und Heimatgeschichte sowie historischer Geographie.
Als Quellen dienen Alltagszeugnisse wie Fotos, Gemälde, Tagebücher und Briefe. Wichtig ist außerdem die Oral History, also die historische Arbeit mit mündlich überlieferten Erinnerungen und Aussagen.
Ausprägungen, DDR-Beispiel und Kritik
Öffentliche Anerkennung erhielt die Alltagsgeschichte unter anderem durch den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten zum Thema „Nationalsozialismus im Alltag“ 1980/81, der bis in Schulen hineinwirkte. Forschungen zum Alltag betreffen auch Antike, Mittelalter und Frühe Neuzeit. Das Interesse zeigte sich beispielsweise seit der Eröffnung des Römisch-Germanischen Museums Köln 1974 sowie in Industriemuseen und der Industriearchäologie, welche Technikgeschichte mit Alltag verbinden.
Für die DDR-Geschichte stellt sich seit 1990 die Frage, ob Alltagsgeschichte von der politischen Geschichte der SED-Diktatur getrennt werden kann. Eine reine Diktaturgeschichte betont Repression und mögliche Opposition; eine unpolitische Alltagsgeschichte kann sich auf harmlose, „ostalgische“ Erinnerungen wie Sandmännchen oder Küchengeräte beschränken. Konzepte eines Mittelwegs zeigen den Alltag als stark von der Diktatur geprägt. Der Trabi steht dann nicht nur für ein heute sonderlich wirkendes Auto, sondern für eine Konsumgeschichte des Mangels mit Preisen, Wartezeiten und Kundenwünschen. Arbeit, Freizeit und weitere Alltagsbereiche waren politisch besetzt. Beispiele für solche Museumskonzepte sind das DDR-Museum in Berlin, das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt und das Museum in der Kulturbrauerei Berlin.
Kritiker, besonders aus dem Umfeld der Bielefelder Schule, werfen der Alltagsgeschichte Theoriefeindlichkeit, einen naiven Glauben an die Unmittelbarkeit des Alltags und eine Übertreibung des Widerstandspotenzials kleiner Leute gegen große historische Trends vor. Hans-Ulrich Wehler bezeichnete sie polemisch als „romantisierenden Neohistorismus“.
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