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Alfred Schütz
Alfred Schütz, auch Alfred Schutz, (* 13. April 1899 in Wien, Österreich-Ungarn; † 20. Mai 1959 in New York City) war ein aus Österreich stammender …
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Alfred Schütz und sein Ansatz
Alfred Schütz (auch Alfred Schutz; 13. April 1899 in Wien, Österreich-Ungarn, bis 20. Mai 1959 in New York City) war ein aus Österreich stammender Soziologe und gilt als Begründer der phänomenologischen Soziologie. Diese Richtung untersucht, wie Menschen ihre soziale Wirklichkeit wahrnehmen, deuten und mit Sinn versehen. Schütz knüpfte besonders an Edmund Husserl, Henri Bergson und Max Weber an.
Sein Hauptanliegen war die Intersubjektivität: die Frage, wie Menschen einander verstehen und trotz unterschiedlicher persönlicher Erfahrungen eine gemeinsam sinnvolle soziale Welt erleben können. Mit Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie von 1932 versuchte er, Max Webers verstehende Soziologie philosophisch zu begründen. Sein geplantes Hauptwerk Strukturen der Lebenswelt wurde nach seinem Tod von Thomas Luckmann vollendet.
Sinn, Handlung und Motive
Schütz unterscheidet zwischen Handeln als laufender Tätigkeit (actio) und Handlung als gedanklichem Entwurf (actum). Eine Erfahrung erhält erst rückblickend Sinn: „Nur das Erlebte ist sinnvoll, nicht aber das Erleben“ (Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: S. 49). Der subjektive Sinn einer Handlung hängt mit dem Plan zusammen, auf den der Handelnde zurückblickt.
Anders als Weber fragt Schütz vor allem, wie der Handelnde selbst Sinn erzeugt und erlebt. Ein wissenschaftlicher Beobachter kann diesen subjektiven Sinn nie genau so erfassen wie der Handelnde. Das Problem des Fremdverstehens betrifft daher Wissenschaft und Alltag gleichermaßen: Menschen müssen miteinander kommunizieren, obwohl sie den inneren Sinn des anderen nicht unmittelbar kennen.
Schütz beschreibt fünf Sinnschichten. Zuerst kann Dingen der Umwelt Sinn zugeschrieben werden, etwa dass sich eine Tür öffnen lässt. Dann wird die Existenz eines Anderen einbezogen, beispielsweise wenn jemand klopft. Weitere Schichten beziehen die erwartete Reaktion des Anderen und eine wechselseitige Orientierung der Beteiligten ein. Diese vier Schichten bilden den Sinnzusammenhang für den Handelnden selbst. Die fünfte Stufe ist die Deutung durch Andere, etwa durch Soziologen.
Wichtig sind zwei Motivarten: „Um-zu“-Motive bezeichnen den auf die Zukunft gerichteten Zweck eines Handlungsentwurfs. Ein Täter begeht einen Überfall, um an das Geld des Opfers zu kommen. „Weil“-Motive bezeichnen Gründe aus der biographischen Vergangenheit, etwa: Der Täter beging den Überfall, weil er aus schlechten Verhältnissen stammte. Der Handelnde hat beim Um-zu-Motiv unmittelbaren Zugang zu seiner Absicht; seine Weil-Motive muss auch er rückblickend wie ein Beobachter untersuchen.
Lebenswelt und soziale Beziehungen
Die Lebenswelt ist für Schütz der „Gesamtzusammenhang der Lebenssphäre“ (Gesammelte Aufsätze I: S. 284). Sie ist die vorwissenschaftliche, alltägliche und intersubjektiv sinnvolle Welt. Menschen erleben sie in der „natürlichen Einstellung“: Die Welt, ihre Bedeutungen und ihre Erfahrungen erscheinen gewöhnlich selbstverständlich und werden als Ganzes nicht bezweifelt. Orientierung entsteht durch praktische Regeln, Routinen und die Erwartung, dass sich bewährte Fähigkeiten und Handlungen künftig wieder einsetzen lassen.
Die Lebenswelt ist immer schon sozial: Sie wurde von früheren Generationen ausgelegt und wird gemeinsam gedeutet und kommuniziert. Der Wissensvorrat eines Menschen besteht deshalb nur zu einem kleinen Teil aus persönlichen Erfahrungen. Wissen umfasst bei Schütz Fertigkeiten, Erwartungen, Überzeugungen, Wahrnehmungsmuster und Handlungsrezepte, sofern eine soziale Gruppe sie als Wissen ansieht; ob sie wissenschaftlich wahr sind, ist dafür nicht entscheidend.
Schütz unterscheidet mehrere Sinnprovinzen, etwa Alltagswelt, Traum, Spiel, Arbeit, Wissenschaft, Religion und Kunst. Die Alltagswelt ist die „paramount reality“, der „Archetyp unserer Erfahrung der Wirklichkeit“ (Gesammelte Aufsätze I: S. 267). Sie ist durch Wachheit, Aufmerksamkeit, Handeln, fehlenden Grundzweifel und Sozialität geprägt. Im Traum dagegen besteht laut Darstellung kein Interesse an der Realität und keine Möglichkeit, auf äußere Sachverhalte einzuwirken.
Soziale Beziehungen unterscheiden sich danach, wie zugänglich andere Menschen sind. In der sozialen Umwelt begegnen sich ego und alter ego unmittelbar an einem Ort; Face-to-face-Interaktion ermöglicht Rückfragen und macht gegenseitiges Verstehen am wahrscheinlichsten. Die Mitwelt umfasst gleichzeitig lebende, aber nicht anwesende Menschen. Hier stützt man sich auf typisierte Erwartungen, etwa formale Anreden in Briefen. Die Vorwelt besteht aus Menschen der Vergangenheit; zu ihnen ist kein Kontakt möglich, daher bleibt nur eine einseitige Interpretation.
Typisierungen und Relevanz im Alltag
Verstehen setzt die Generalthese voraus, dass der Andere als alter ego wirklich existiert und grundsätzlich ähnlich bewusst wahrnimmt, denkt und erinnert. Schütz zufolge nehmen Menschen im Alltag außerdem eine „Reziprozität der Perspektiven“ an. Diese beruht auf zwei Idealisierungen: der Austauschbarkeit der Standpunkte und der Übereinstimmung der Relevanzsysteme. Menschen unterstellen damit für einen konkreten Zweck, sie würden an der Stelle des Gegenübers ähnlich wahrnehmen und könnten Unterschiede ihrer Interessen zeitweise außer Acht lassen. Vollständiges Verstehen entsteht dadurch nicht, aber meist eine für Kommunikation ausreichende Übereinstimmung.
Typik oder Typisierung bedeutet, dass Menschen andere Personen und Gegenstände meist nicht als völlig einzigartige Einzelfälle, sondern als typische Vertreter sozialer Rollen wahrnehmen. Sprache vermittelt solche bereits vorhandenen Typisierungen. Sie vereinfachen Verständigung, weil Beteiligte typische Motive und Handlungsmuster erwarten können. Wer in einem Supermarkt nach französischem Rotwein fragt, behandelt die andere Person als typischen Angestellten und sich selbst als typischen Käufer; persönliche Hintergründe sind für diese Situation nicht relevant.
Relevanz wird besonders sichtbar, wenn gewohnte Typisierungen problematisch werden. Schütz unterscheidet thematische Relevanz, also Aufmerksamkeit für einen Ausschnitt der Wirklichkeit; Auslegungs- oder Interpretationsrelevanz, also die Auswahl passender Typisierungen und Deutungsschemata aus dem Wissensvorrat; sowie motivationale Relevanz, bei der Um-zu- und Weil-Motive fraglich werden. Konkrete „Wir-Beziehungen“ in Face-to-face-Interaktionen sind die Grundlage für intersubjektives und typisches Verstehen.
Wissenschaft, Wirkung und Lebensweg
Wissenschaft ist für Schütz eine Sinnprovinz unter anderen und nicht über der Alltagswelt angesiedelt. Wissenschaftliche Theorie soll die Welt beobachten und möglichst verstehen, nicht praktisch beherrschen. Sozialwissenschaften untersuchen eine soziale Wirklichkeit, die von handelnden Menschen bereits mit Alltagsdeutungen versehen wurde. Ihre Begriffe und Modelle sind daher „Konstruktionen zweiten Grades“: Konstruktionen über die Konstruktionen der Handelnden (Gesammelte Aufsätze I: S. 68).
Wissenschaftliche Typisierungen und Idealtypen sollen vier Anforderungen erfüllen: logische Konsistenz, Rationalität, subjektive Auslegung und Adäquanz. Sie müssen klar und logisch sein, überprüfbare Annahmen ermöglichen, auf den subjektiven Sinn in der Lebenswelt zurückgeführt werden können und auch für alltagsweltliche Akteure verständlich und vernünftig sein.
Schütz wurde 1899 als Sohn jüdischer Eltern in Wien geboren. Nach Studium und Promotion zum Doktor der Jurisprudenz 1921 arbeitete er vor allem im Bankwesen. Nach der nationalsozialistischen Übernahme seiner Bank und seiner Entlassung 1938 floh er über Frankreich mit seiner Familie am 14. Juli 1939 in die USA. Ab 1943 lehrte er an der New School for Social Research in New York; 1956 wurde er dort Full Professor of Sociology and Social Psychology.
Zu Lebzeiten wurde sein Ansatz in den amerikanischen Sozialwissenschaften nur begrenzt wahrgenommen. Später wirkte er besonders über Peter L. Berger und Thomas Luckmann sowie auf Harold Garfinkels Ethnomethodologie. Garfinkel untersuchte Methoden, mit denen Alltagsakteure Wissen und Auffassungen kommunizieren, und nutzte Schütz’ Werk als theoretische und methodische Vorarbeit.