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Geschichte von unten

Geschichte von unten ist ein Ansatz, mit dem die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen – meistens in einem regionalen Kontext – erforscht und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Internationale Entwicklung
  3. 3. Entwicklung in Deutschland
  4. 4. Demokratische Aneignung von Geschichte
  5. 5. Arbeitsweise

Grundidee

Geschichte von unten ist ein Ansatz der Geschichtsforschung und Geschichtsdarstellung. Er richtet den Blick nicht vor allem auf Staaten, Regierungen oder berühmte Einzelpersonen, sondern auf die Alltagsgeschichte von diskriminierten Gruppen. Meist wird diese Geschichte in einem regionalen Kontext untersucht, also etwa bezogen auf eine Stadt, ein Dorf, eine Region oder ein bestimmtes Umfeld.

Wichtig für diesen Ansatz sind häufig „Archive von unten“ und Geschichtswerkstätten. Archive von unten sammeln Materialien, die sonst leicht übersehen werden könnten. Geschichtswerkstätten sind Zusammenschlüsse, in denen ehrenamtliche, akademische und politisch engagierte Historikerinnen und Historiker gemeinsam forschen. Als Trägerin der Geschichte von unten wird die Neue Geschichtsbewegung bezeichnet.

Internationale Entwicklung

In den USA entwickelte sich die History from below in den 1960er Jahren. Sie war von der Annales-Schule der französischen Geschichtswissenschaft inspiriert. Als Grassroots-History oder Social History beschäftigte sie sich stark mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten der 1950er und 1960er Jahre.

Ein wichtiger Meilenstein war The Making of the English Working Class (1963) des britischen Historikers E. P. Thompson. Auch seine weiteren sozialhistorischen Schriften gelten als bedeutend für die Geschichte von unten. In Indien gründete der Historiker Ranajit Guha in den 1980er Jahren auf ähnliche Weise die Subaltern Studies Group.

Entwicklung in Deutschland

Nach Bernd Hüttner entwickelte sich die Praxis einer Geschichte von unten in Deutschland in drei Schritten.

Seit den 1960er Jahren wurde die als hegemonial empfundene Politik- und Geistesgeschichte kritisiert. Mit „hegemonial“ ist gemeint, dass diese Form der Geschichtsschreibung als vorherrschend wahrgenommen wurde. Ihr wurde die Vorstellung zugeschrieben: „Staatsmänner machen Geschichte“. Dagegen setzte die Historische Sozialwissenschaft die Betonung gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen. Sie untersuchte Klassen und Schichten, technische Innovation und Ökonomie.

In einem zweiten Schritt kritisierte die Alltagsgeschichte, die den Neuen Sozialen Bewegungen der späten 1970er Jahre nahestand, die Historische Sozialwissenschaft. Ihr Vorwurf war, dass das Individuum, sein Alltag und individuelle Deutungen dort nicht vorkämen.

In den 1980er Jahren kam es schließlich zur Gründung der Geschichtswerkstätten. In ihnen schlossen sich feministische, gewerkschaftliche und andere ehrenamtliche sowie akademische Historikerinnen und Historiker zusammen.

Demokratische Aneignung von Geschichte

Nach Gerhard Paul und Bernhard Schoßig beruht Geschichte von unten auf einem demokratischen Prozess der Geschichtsaneignung. Geschichtsaneignung bedeutet hier, dass Menschen sich Geschichte selbst erarbeiten, deuten und öffentlich zugänglich machen. Dieser Prozess wird als offen, aktiv und öffentlich beschrieben.

„Offen“ heißt: Forschungsergebnisse müssen keiner bestimmten Legitimation dienen. Sie stehen für Diskussionen und Interpretationen der Betroffenen und Beteiligten offen.

„Aktiv“ heißt: Die Forschenden, oft auch Laienforscherinnen und Laienforscher, sind selbst Subjekte der Auseinandersetzung mit Geschichte. Sie betrachten Geschichte also nicht nur von außen, sondern sind an der Deutung und Aufarbeitung beteiligt.

„Öffentlich“ heißt: Geschichte von unten ist wesentlich auf Öffentlichkeit angewiesen. Die Ergebnisse sollen nicht verborgen bleiben, sondern weitergegeben und diskutiert werden.

Arbeitsweise

Für die Geschichte von unten werden Forschungsschwerpunkte und Fragestellungen autonom entwickelt. Sie sind also nicht verordnet oder von außen vorgegeben.

Der Forschungsprozess der Laienhistorikerinnen und Laienhistoriker ist als kollektiver Lernprozess gedacht. Das bedeutet, dass gemeinsam geforscht und gelernt wird. Das Forschungsinstrumentarium, also die Methoden und Werkzeuge der Forschung, wird nicht ungeprüft aus wissenschaftlicher Tradition oder Konformität übernommen. Stattdessen soll es passend zum Forschungsgegenstand angewendet werden.

Umwege werden bewusst in Kauf genommen, weil kein unmittelbarer wissenschaftlicher Verwertungszusammenhang besteht. Kooperatives Arbeiten wird der Konkurrenz entgegengesetzt. Besonders wichtig ist, dass die ermittelten Informationen und Zusammenhänge kein Geheimwissen bleiben. Sie sollen nicht in Studierstuben und Bibliotheken verstauben, sondern öffentlich gemacht und „teilnehmeradäquat“ weitervermittelt werden, also passend für die jeweilige dörfliche, städtische oder verbandseigene Öffentlichkeit.

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