Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Arbeit (Sozialwissenschaften)

Arbeit ist eine zielbewusste und sozial durch Institutionen (Bräuche) abgestützte besondere Form der Tätigkeit, mit der Menschen seit ihrer Menschwerdung in …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Kulturelle Einstellungen
  3. 3. Historische Entwicklung der Bewertung
  4. 4. Technik und heutige Arbeitswelt
  5. 5. Formen von Arbeit
  6. 6. Kritik und Darstellungen

Begriff und Bedeutung

Arbeit ist eine zielbewusste und sozial durch Institutionen, also durch Bräuche und Regeln, abgestützte besondere Form der Tätigkeit. Menschen versuchen mit ihr seit ihrer Menschwerdung, in ihrer Umwelt zu überleben. Ob auch zielgerichtete körperliche Anstrengung von Tieren als Arbeit gelten kann, ist strittig. In der philosophischen Anthropologie wird Arbeit meist erst im Übergang vom Tier zum Menschen angesetzt.

Menschliche Arbeit erzeugt Ergebnisse, an denen Menschen sich selbst erkennen können. Dadurch wird Arbeit mit Selbstbewusstsein verbunden. In frühen Formen ist sie aber schwer von anderen Tätigkeiten wie Spiel oder Kunst zu trennen. Seit der Urgeschichte wird außerdem ein Zusammenhang von Arbeit und Rhythmus angenommen, etwa im Arbeitslied.

Arbeit ist nicht dasselbe wie Erwerbsarbeit. Erwerbsarbeit meint bezahlte Arbeit, während Arbeit insgesamt auch unentgeltliche, selbstbestimmte, fürsorgende, schöpferische oder erzwungene Tätigkeiten umfassen kann.

Kulturelle Einstellungen

Welche Tätigkeiten als Arbeit gelten und wie Menschen sie bewerten, ist kulturell verschieden und verändert sich sozial. In industrialisierten Kulturen haben Arbeit und Beruf einen hohen Stellenwert, weil marktwirtschaftliche Systeme und wirtschaftlicher Fortschritt leistungsbereite Arbeitnehmer benötigen.

Vor der industriellen Revolution lebten viele Menschen von autonomer Subsistenzwirtschaft, also von Arbeit zur direkten Selbstversorgung. Danach entstand eine stark geregelte und hierarchische Arbeitswelt, die oft mehr Zeit verlangte. In dieser Zeit wurde Arbeit stark als „Leid und Mühsal“ erlebt. Später verbesserten sich in vielen Ländern Belastung, Entlohnung und rechtliche Stellung der Arbeitnehmer. Zugleich wird heute mehr Flexibilität bei Weiterbildung, Umschulung, Arbeitsort und Arbeitszeit erwartet.

Im Westen wird Arbeit häufig als „notwendiges Übel“ gesehen, das Rang und Ansehen verschaffen und manchmal Selbstverwirklichung ermöglichen kann. In anderen Gesellschaften hat unselbstständige Lohnarbeit wenig Ansehen, besonders wenn der Lohn gering ist und sie den Tagesablauf stark bestimmt. Wo traditionelle Subsistenzformen, Reziprozität und selbstbestimmte Arbeit wichtig sind, wird Lohnarbeit oft weniger geschätzt. Bei einigen naturverbundenen Ethnien hat traditionelle Arbeit religiöse Bedeutung, weil sie das Verhältnis zwischen Menschen, Ahnen und Umwelt erhält.

Historische Entwicklung der Bewertung

In der Antike werteten aristokratische Autoren wie Xenophon, Platon, Aristoteles und Cicero den Großteil der täglichen Arbeit ab. Handwerker, Bauern und Kaufleute, besonders körperlich Arbeitende, galten als unfrei, weil sie „der Notwendigkeit untertan“ waren. Geistige Tätigkeit wurde der scholé zugeordnet, einer schöpferischen Muße, von der das Wort Schule abstammt.

Im Mittelalter blieben in Europa lange Formen unfreier Arbeit erhalten, etwa Fron und Lasswirtschaft. Im Deutschen Reich wurden letzte Reste der Schollengebundenheit in Mecklenburg erst durch die Novemberrevolution 1918 beseitigt. Zugleich entstand im Rittertum und in der Mystik eine positivere Sicht von Arbeit als produktive Tätigkeit zur Befriedigung eigener oder fremder Bedürfnisse. Reformation und Aufklärung verstärkten dies: Martin Luther deutete Arbeit als sittlichen Wert und Berufung, der Calvinismus verwarf Nicht-Arbeit besonders scharf.

In der Neuzeit erklärte Jean-Jacques Rousseau Arbeit zum Naturrecht des Menschen und kritisierte damit feudale Eigentumsansprüche. Adam Smith unterschied produktive Arbeit, die ein verkäufliches Produkt hervorbringt, von unproduktiver Arbeit, die dies nicht tut. Tätigkeiten, die nötig sind, damit produktive Arbeit möglich bleibt, werden heute oft als reproduktiv bezeichnet. Charles Fourier forderte 1808 ein Recht auf Arbeit.

In der deutschen Philosophie wurde Arbeit bei Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte als Existenzbedingung und sittliche Pflicht verstanden. Karl Marx sah nach seiner Werttheorie die „menschliche Arbeitskraft“ als einzige Kraft, die Kapital vermehren und Mehrwert akkumulieren könne. In der Industrialisierung wurde freie Arbeit zur Ware; Kinderarbeit, Arbeiterelend, Arbeitsunfälle, Krankheiten und Akkordarbeit prägten die „Soziale Frage“. Seit Hegel wurde dies auch als Entfremdung beschrieben: Der Arbeiter erkennt sich im eigenen Produkt und im Unternehmen nicht mehr wieder.

Technik und heutige Arbeitswelt

Technischer Fortschritt wurde immer wieder mit der Hoffnung verbunden, Erwerbsarbeit zu verringern. Rudi Dutschke und Bernd Rabehl meinten 1967, moderne Produktionsanlagen könnten den Arbeitstag auf fünf Stunden reduzieren. In den 1950er und 1960er Jahren gab es auch in Nordamerika die Vorstellung, Fortschritt könne mehr Freizeit ermöglichen.

Diese Hoffnung erfüllte sich nur begrenzt. Globaler Wettbewerb führte dazu, dass technische Fortschritte häufig für wirtschaftliches Aufholen und mehr Produktion genutzt wurden. Robert Solow prägte 1956 mit seinem Wachstumsmodell die Auffassung, technologische Innovation wirke vor allem als Multiplikator des Faktors Arbeit. Wo Technik Freiräume schafft, entstehen in der heutigen Arbeitswelt oft zugleich neue Arbeiten. In Deutschland nahm zwischen 1960 und 2010 das Arbeitsvolumen pro Kopf kontinuierlich um 30 Prozent ab.

Heute wird Erwerbsarbeit weiterhin nicht mit Arbeit überhaupt gleichgesetzt. Subsistenzarbeit bleibt in vielen Gesellschaften die Arbeit zur Sicherung des Lebensunterhalts. Schöpferische Arbeit, besonders in den Künsten, ermöglicht Selbstentfaltung. In wohlhabenden Staaten wird Erwerbsarbeit knapper; Arbeit wird flexibler, virtueller, automatisierter und stärker subjektbezogen. Prekäre Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Arbeit verlagert sich in Dienstleistungen und in Niedriglohnländer. In ärmeren Ländern finden sich teils Bedingungen wie in der europäischen Industrialisierung: Kinderarbeit, Billiglohnarbeit und fehlende soziale Absicherung.

Formen von Arbeit

Eine wichtige Unterscheidung betrifft Arbeit für andere: Es gibt unentgeltliche Arbeit und entgeltliche Erwerbsarbeit. Unentgeltliche Arbeit ist historisch sehr alt und umfasst Formen geldlosen sozialen Tauschs. Entgeltliche Erwerbsarbeit entstand historisch erst seit gut drei Jahrtausenden. Wenn eine Tätigkeit von unentgeltlicher zu entgeltlicher Arbeit wird, nennt man das Kommerzialisierung.

Unentgeltliche Arbeit umfasst Tätigkeiten zum Erhalt der Lebensgrundlage und der Fürsorge, etwa Subsistenzwirtschaft, Haus- und Familienarbeit und Care-Arbeit. Dazu gehören auch Tätigkeiten der Selbstentfaltung, etwa Modellbau oder Mitarbeit an der Wikipedia als Hobby, freiwillige helfende Arbeit wie Ehrenamt, unfreiwillige Arbeit wie Sklaverei oder Zwangsarbeit sowie freiwillige allgemein nützliche Ersatzarbeit anstelle von Erwerbsarbeit.

Erwerbsarbeit ist eine Arbeitsleistung gegen Entgelt, also gegen Arbeitslohn. Sie kann in einem Beschäftigungsverhältnis als Lohnarbeit, selbstständig oder scheinselbstständig geleistet werden. Bei abhängiger Beschäftigung wird zwischen privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Verhältnissen unterschieden. In der Privatwirtschaft arbeiten Arbeiter oder Angestellte; im öffentlichen Dienst gibt es privatrechtliche Arbeitsverhältnisse sowie öffentlich-rechtliche Dienstverhältnisse, etwa für Beamte, Richter, Professoren und Soldaten. Das deutsche Privatrecht unterscheidet zwischen Werkvertrag, bei dem ein Erfolg geschuldet wird, und Dienstvertrag, bei dem der Dienst geschuldet wird.

Mischformen, auch atypische Arbeit oder atypische Beschäftigung genannt, umfassen freiwillige oder gesetzlich vorgesehene gering entlohnte Arbeiten. Manche Tätigkeiten sind rechtlich verpflichtend, andere werden aus ethischer Pflicht übernommen. Auch Ehrenämter mit Aufwandsentschädigung, die über den tatsächlichen Aufwand hinausgeht, zählen dazu.

Kritik und Darstellungen

Kritiker der Arbeit wenden sich gegen die zentrale Stellung der Arbeit in gesellschaftlichen Wertsystemen. Paul Lafargue, Autor von „Le droit à la paresse“ („Das Recht auf Faulheit“, 1883), kritisierte die kapitalistische Arbeitsethik und blieb damit in der alten Arbeiterbewegung ein Außenseiter. Radikale Arbeitskritik lehnt Arbeitszwang für Reiche und Arme ab. Sie unterscheidet sich damit von sozialistischen Positionen, die fordern, dass alle arbeiten müssen. Lafargue meinte, 3 Stunden Arbeit müssten ausreichen.

Aufhebung der Arbeit bedeutet in dieser Kritik nicht nur kürzere Arbeitszeit durch Automation. Gemeint ist auch, dass notwendige Tätigkeiten wie Pflege in einem nicht-hierarchischen Kontext einen anderen Charakter bekommen. Kritiker erwarten nicht, dass Menschen ohne Arbeitszwang untätig würden, da sie bereits unter kapitalistischen Bedingungen freiwillig konstruktiv zusammenarbeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Ablehnung der Arbeit in Paris wiederbelebt; der Slogan „Ne travaillez jamais“ („Arbeitet niemals“) tauchte im Pariser Mai 1968 wieder auf. Bob Black forderte 1985, Arbeitsplätze so umzugestalten, dass sie wie ein Spiel sind, und kritisierte Fremdbestimmung, Disziplinierung und die Nähe von Fabrik, Gefängnis und Schule. Seit den 1990er Jahren erneuerte die Gruppe Krisis mit einem „Manifest gegen die Arbeit“ die Kritik der Arbeit. Aktuell gehört dazu auch die Kritik an der Identifikation mit Arbeit als zentralem Element männlicher Identität.

Arbeit wurde auch empirisch und literarisch dargestellt. Berühmt wurde die Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ (1933), die die Folgen plötzlicher Arbeitslosigkeit für eine Dorfgemeinschaft untersuchte. Literarische Darstellungen täglicher Arbeit am unteren Rand der Gesellschaft finden sich etwa bei Franz Innerhofer, Gernot Wolfgruber, Hans Dieter Baroth und George Orwell.

Lernvideos zu Arbeit (Sozialwissenschaften)

Weiterlesen

Mensch Mensch (Homo sapiens, lateinisch für „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“) ist nach der biologischen … Friedrich Engels Er entwickelte gemeinsam mit Karl Marx die heute als Marxismus bezeichnete Gesellschafts- und Wirtschaftstheorie. Darüber hinaus war er ein erfolgreicher … Urgeschichte Die Urgeschichte erstreckt sich vom Auftreten der ersten Steinwerkzeuge vor etwa 2,6 Millionen Jahren (vgl. Stammesgeschichte des Menschen) bis zum regional … Rhythmus (Musik) Der Grundschlag unterteilt in der Musik die dahinfließende Zeit durch gleichmäßige (akustische) Impulse, den Grundschlag oder auch Puls. Der Grundschlag … Sozialer Wandel Theorien des sozialen Wandels. Bearbeiten. Moderne Theorien des sozialen Wandels gehen von einer zeitlichen Abfolge von Strukturformen und Strukturprinzipien … Industrielle Revolution Jahrhunderts begann und verstärkt im 19. Jahrhundert, zunächst in England, dann in ganz Westeuropa und den USA, seit dem späten 19. Jahrhundert auch in Japan … Subsistenzwirtschaft Die traditionelle Subsistenzwirtschaft der indigenen Völker Alaskas – Fischen, Jagen, Sammeln – wird gesetzlich geschützt und genießt Vorrang gegenüber markt … Wertvorstellung Enthält eine Werteordnung einen alleinigen Anspruch auf Wahrheit, ist sie das Kennzeichen einer Ideologie. Individuelle Werte und Einstellungen untersucht die … Arbeit (Philosophie) Arbeit im philosophischen Sinn erfasst alle Prozesse der bewussten schöpferischen Auseinandersetzung des Menschen. Sinngeber dieser Prozesse sind die … Traditionelle Wirtschaftsform Die genannten Bezeichnungen werden in den Fächern Geographie, Ethnologie, Kulturökologie, sowie in der Archäologie verwendet. ... shifting cultivation) verbunden. Religiosität Religiosität oder Religiösität bezeichnet als Fachbegriff (im deutschen Sprachraum) die aus tiefer Ehrfurcht vor der Ordnung und Vielfalt in der Welt … Ahnenkult Ahnenkult oder Ahnenverehrung, auch Manismus genannt (von lateinisch manes „Geister der Verstorbenen“), ist ein Kult, bei dem tote Vorfahren (Ahnen) …