Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

1938

Brennende Synagoge in Wiesbaden am 9. November 1938 Bei den Novemberpogromen werden im Deutschen Reich bei Übergriffen auf jüdische Einrichtungen 400 Menschen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Überblick
  2. 2. Anschluss Österreichs
  3. 3. Sudetenkrise und Zerschlagung der Tschechoslowakei
  4. 4. Verfolgung und Novemberpogrome
  5. 5. Kriege und internationale Entwicklungen
  6. 6. Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag

Überblick

1938 war vor allem durch die aggressive Expansion des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, die Verschärfung der Verfolgung jüdischer Menschen und internationale Krisen geprägt. Mit dem „Anschluss“ Österreichs, der Sudetenkrise und dem Münchner Abkommen veränderten sich die Grenzen Europas. Zugleich zeigen der Spanische Bürgerkrieg, der Japanisch-Chinesische Krieg und die stalinistischen Säuberungen in der Sowjetunion die weltweiten politischen Konflikte des Jahres.

Bedeutende wissenschaftlich-technische Ereignisse waren die Entdeckung der Kernspaltung des Urans durch Otto Hahn und Fritz Straßmann am 17. Dezember sowie die erste Fotokopie durch Chester Carlson und Otto Kornei am 22. Oktober.

Anschluss Österreichs

Am 12. Februar musste Österreichs Bundeskanzler Kurt Schuschnigg bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg Zugeständnisse an die Nationalsozialisten machen. Am 15. Februar wurden Arthur Seyß-Inquart Sicherheitsminister und Edmund Glaise-Horstenau Minister ohne Portefeuille.

Schuschnigg kündigte am 9. März eine Volksabstimmung über Österreichs Unabhängigkeit für den 13. März an. Hitler ließ dafür die vorgesehene 8. Armee mobilmachen; nach einem Ultimatum trat Schuschnigg am 11. März zurück. Seyß-Inquart bildete eine neue Regierung. Am 12. März marschierte die Wehrmacht im „Unternehmen Otto“ ein. Das Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich trat am 13. März in Kraft; Bundespräsident Wilhelm Miklas verweigerte die Unterschrift und trat zurück, Seyß-Inquart setzte das Gesetz als interimistisches Staatsoberhaupt in Kraft.

Am 10. April erhielt die NSDAP-Einheitsliste bei der sogenannten Wahl zum Großdeutschen Reichstag offiziell 99,1 % der Stimmen und alle 814 Reichstagssitze. Gleichzeitig fand die nachträgliche Volksabstimmung über die Wiedervereinigung statt. Österreich wurde in der Folge als „Ostmark“ bezeichnet. Im Oktober nahmen etwa 6.000 katholische Jugendliche an einer Rosenkranz-Demonstration in Wien teil; danach verwüsteten Hitlerjugend-Mitglieder das Erzbischöfliche Palais.

Sudetenkrise und Zerschlagung der Tschechoslowakei

Hitler beauftragte am 28. März Konrad Henlein, mit Forderungen der Sudetendeutschen Partei eine Krise gegenüber der tschechoslowakischen Regierung auszulösen. Henlein stellte am 24. April im Karlsbader Programm acht Forderungen. Die tschechoslowakische Regierung ordnete am 21. Mai eine partielle Mobilmachung an. Deutschland begann außerdem mit dem Bau des später sogenannten Westwalls gegenüber der französischen Maginotlinie.

Auf dem Höhepunkt der Krise wurde am 17. September das Sudetendeutsche Freikorps gegründet, das staatliche Einrichtungen der Tschechoslowakei überfiel. Am 30. September unterzeichneten Großbritannien, Frankreich, Italien und das Deutsche Reich das Münchner Abkommen. Neville Chamberlain und Édouard Daladier stimmten der Eingliederung des Sudetenlandes in das Deutsche Reich zu; die Tschechoslowakei war nicht eingeladen. Das Abkommen gilt als Höhepunkt der britischen Appeasement-Politik, also einer Politik des Nachgebens gegenüber Hitler.

Am 1. Oktober marschierte die Wehrmacht ins Sudetenland ein; Polen besetzte zugleich das Olsagebiet um Teschen. Nach weiteren Gebietsverlusten an Ungarn durch den Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November entstand am 22. November die Zweite Tschecho-Slowakische Republik. Hitler ordnete bereits am 31. Oktober die endgültige Zerschlagung der Tschechoslowakei und die Abtrennung der Slowakei an.

Verfolgung und Novemberpogrome

Die nationalsozialistische Ausgrenzung jüdischer Menschen wurde 1938 massiv verschärft. Seit dem 1. Januar durften jüdische Ärzte nicht mehr für Ersatzkassen arbeiten; jüdischen Menschen wurde das Betreiben von Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben sowie das Anbieten von Waren und Dienstleistungen untersagt. Das Gesetz über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 5. Januar zwang sie zur Annahme bestimmter „typisch jüdischer“ Vor- oder Zweitnamen.

Die Konferenz von Évian vom 6. bis 15. Juli sollte Möglichkeiten zur Auswanderung jüdischer Menschen aus Deutschland und dem angeschlossenen Österreich verbessern. Von 32 Staaten wollten nur Costa Rica und die Dominikanische Republik mehr Flüchtlinge aufnehmen; als konkretes Ergebnis entstand das Intergovernmental Committee on Refugees. In Wien wurde im August die Zentralstelle für jüdische Auswanderung eingerichtet, um die erzwungene Emigration österreichischer Juden zu beschleunigen.

Am 27./28. Oktober begann die „Polenaktion“: Etwa 17.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder polnischer Staatsangehörigkeit wurden nach Polen deportiert. Nachdem Herschel Grynszpan am 7. November den Diplomaten Ernst Eduard vom Rath angeschossen hatte, nutzten die Nationalsozialisten dies als Vorwand für die Pogrome vom 9. auf den 10. November.

In der „Reichspogromnacht“, auch euphemistisch „Reichskristallnacht“ genannt, organisierten die Nationalsozialisten im gesamten Reich Pogrome gegen Juden. Zwischen dem 7. und 13. November wurden mehrere hundert Menschen ermordet; Schätzungen nennen insgesamt 1000 bis 2000 jüdische Todesopfer. Etwa 1.400 Synagogen, Betstuben und Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden zerstört. Rund 30.000 „Aktionsjuden“ wurden in Konzentrationslager deportiert. Die Pogrome markieren den Übergang von Diskriminierung seit 1933 zu systematischer Vertreibung und Unterdrückung. Danach folgten Berufsverbote, der Ausschluss jüdischer Schüler aus staatlichen Schulen und die erzwungene Veräußerung von Gewerbe-, Grund- und Wertpapiervermögen.

Kriege und internationale Entwicklungen

Im Spanischen Bürgerkrieg gewannen die Nationalisten wichtige Erfolge: Sie nahmen Teruel am 27. Februar ein, erzielten in der Aragonoffensive vom 7. März bis 19. April Geländegewinne und teilten das Gebiet der Regierung durch den Durchbruch zum Mittelmeer. Die republikanische Seite gewann am 6. März die Seeschlacht von Cabo de Palos, verlor aber die Ebroschlacht vom 25. Juli bis 16. November. Mit der Katalonienoffensive ab dem 23. Dezember begann die letzte Phase des Krieges.

In der Sowjetunion wurden während des Großen Terrors im dritten Moskauer Schauprozess unter anderem Nikolai Bucharin und Alexei Rykow angeklagt und am 15. März hingerichtet.

Im Japanisch-Chinesischen Krieg schlugen chinesische Truppen Japan bei Tai’erzhuang vom 24. März bis 7. April zurück. Die anschließende Schlacht um Xuzhou ging jedoch verloren; die Verluste betrugen etwa 100.000 chinesische und rund 30.000 japanische Soldaten. Am 11. Juni ließ Chiang Kai-shek Deiche des Gelben Flusses ohne Warnung der Bevölkerung sprengen, um japanische Truppen aufzuhalten. Nach Schätzungen starben dabei 500.000 bis eine Million Chinesen, 4.000 Dörfer und mehrere Städte wurden zerstört, Millionen Menschen obdachlos. Japan eroberte Guangzhou am 12. Oktober und Wuhan am 25. Oktober.

Wirtschaft, Wissenschaft und Alltag

Am 26. Mai wurde der Grundstein für das Volkswagenwerk gelegt. Am 1. Juli entstand nahe der Wolfsburg die Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben, das spätere Wolfsburg. Ein Sparsystem sollte den Erwerb des „KdF-Wagens“ durch Produktvorfinanzierung ermöglichen. Zu den wirtschaftlichen Entwicklungen gehörten die Gründung von Samsung am 1. März, die Erdölförderung in Damman Nummer 7 in Saudi-Arabien am 4. März, die Verstaatlichung mexikanischer Ölunternehmen und die Gründung von PEMEX am 18. März sowie der erste Verkauf von Nescafé in der Schweiz am 1. April.

In der Luftfahrt stellte Carl Bode am 20. Juni mit der Focke-Wulf Fw 61 einen Hubschrauber-Weltrekord von 230,3 km auf. Howard Hughes umrundete die Erde am 10. Juli in 91 Stunden. Am 31. Dezember absolvierte die Boeing 307 Stratoliner als erstes Zivilflugzeug mit Druckkabine ihren Erstflug. Albert Hofmann stellte am 16. November erstmals Lysergsäurediethylamid (LSD) her. Die Kernspaltung des Urans wurde zur wissenschaftlichen und technologischen Grundlage der Kernenergie.

Kulturell erschienen die erste Ausgabe von Action Comics mit Superman und Leni Riefenstahls zweiteiliger Film Olympia. Das CBS-Hörspiel Der Krieg der Welten von Orson Welles löste Zeitungsberichten zufolge in Teilen der USA panikartige Reaktionen aus. Gesellschaftlich bemerkenswert war die erste Fernsehfahndung am 7. November in Berlin. Im Sport gewann Italien am 19. Juni die Fußball-Weltmeisterschaft 1938; die Eiger-Nordwand wurde vom 21. bis 24. Juli erstmals bestiegen.

Die Nobelpreise gingen unter anderem an Enrico Fermi für Physik, Pearl S. Buck für Literatur und das Internationale Nansen-Amt für Flüchtlinge als Friedensnobelpreis. Richard Kuhn erhielt den Chemiepreis und Corneille Heymans den Preis für Physiologie oder Medizin, beide jedoch erst 1939 verliehen.

Lernvideos zu 1938

Weiterlesen

Zeit des Nationalsozialismus Die NS-Zeit begann am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht … Adolf Hitler Herrschaft vor dem Zweiten Weltkrieg (1933–1939) · Errichtung der Diktatur · Ausweitung des Hitlerkults · Verfolgungen · Baupolitik · Kirchenpolitik · Aufrüstungs-, … Novemberpogrome 1938 Ab dem 10. November wurden mindestens 30.000 Juden verhaftet und in Konzentrationslager verbracht. Hunderte starben an den Folgen der mörderischen … Otto Hahn Mit Fritz Straßmann und Lise Meitner entdeckte er Ende 1938 die Kernspaltung und läutete damit das Atomzeitalter ein. Für die Entdeckung der Kernspaltung … Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., kurz Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft oder KWG, war bis Ende des Zweiten Weltkriegs die … Entdeckung der Kernspaltung Eine Theorie der Physik der Kernspaltung lieferten Niels Bohr und John A. Wheeler noch 1939, wobei Bohr die Theorie des Zwischenkerns bereits 1936 vorgeschlagen … Islamischer Kalender Der islamische Kalender wird heute vorwiegend für religiöse Zwecke benutzt. Der Ramadan und die anderen insgesamt zwölf Mondmonate des Kalenders beginnen in … Japanische Zeitrechnung Die japanische Zeitrechnung ist ein System zur Einteilung der Zeit, das weitgehend aus dem chinesischen Kalender hervorging, aber eine ganze Reihe von … Jüdischer Kalender Jom Kippur ist der einzige Fasttag, der auch an einem Schabbat begangen wird – die anderen Fasttage werden verschoben, sollten sie auf einen Schabbat fallen. Tibetischer Kalender Das tibetische Jahr besteht aus 12 oder 13 lunaren Monaten (tib.: tshes-zla), die jeweils grob gesprochen mit dem ersten Tag nach dem Neumond beginnen. Auf der … Geschichte Österreichs Die Geschichte Österreichs reicht von der ersten Besiedelung in der Altsteinzeit bis zur Gegenwart. In der Eisenzeit kennzeichneten Hallstatt- und … Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus Diktatur, Bürgerkrieg und Verbot der NSDAP ; Die seit 1920 regierenden Christlichsozialen, seit 1932 geführt von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ; Am 20. Mai 1933 …