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Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus
Diktatur, Bürgerkrieg und Verbot der NSDAP ; Die seit 1920 regierenden Christlichsozialen, seit 1932 geführt von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ; Am 20. Mai 1933 …
Inhalt6 Abschnitte
Von der Ersten Republik zum autoritären Staat
Österreich in der Zeit des Nationalsozialismus umfasst die Jahre vom „Anschluss“ an das nationalsozialistisch regierte Deutsche Reich am 13. März 1938 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und zur Wiedererrichtung der Republik am 27. April 1945. Vorausgegangen waren die politischen Spannungen und wirtschaftlichen Krisen der Ersten Republik. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns 1918 standen sich vor allem Sozialdemokraten (SDAP), Christlichsoziale (CS) und Deutschnationale gegenüber. Viele politische Kräfte befürworteten zunächst aus unterschiedlichen Gründen den Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich. Der Vertrag von Saint-Germain vom 10. September 1919 verankerte jedoch die Unabhängigkeit Österreichs und enthielt damit auch ein Anschlussverbot.
Die Erste Republik litt unter dem Verlust von Industriegebieten und Rohstoffquellen, Hyperinflation und dem scharfen Gegensatz zwischen den politischen Lagern. Die wirtschaftliche Lage verbesserte sich teilweise durch die Genfer Sanierung von 1922 und die Währungsreform von 1925. In Wien entstand unter sozialdemokratischer Führung das international beachtete „Rote Wien“ mit starkem sozialem Wohnbau. Gleichzeitig war das staatliche Gewaltmonopol schwach: Das Bundesheer war auf 30.000 Mann beschränkt, die Polizei schlecht ausgerüstet und zahlreiche paramilitärische Verbände entstanden, darunter Heimwehren und der Republikanische Schutzbund.
Die Nationalsozialisten blieben zunächst eine Randgruppe. Bei der Nationalratswahl 1927 erhielt die NSDAP im Völkischsozialen Block 26.991 Stimmen beziehungsweise 0,74 Prozent; 1930 verfehlte sie mit 3,6 Prozent den Parlamentseinzug. Infolge der Weltwirtschaftskrise und der politischen Gewalt gewann sie jedoch ab 1930 stark an Einfluss. Am 4. März 1933 nutzte Bundeskanzler Engelbert Dollfuß eine Geschäftsordnungskrise im Nationalrat zur Ausschaltung des Parlamentarismus. Es entstand der autoritäre, katholisch geprägte Ständestaat. Die KPÖ, der Republikanische Schutzbund und später auch die österreichische NSDAP wurden verboten.
Der Bürgerkrieg vom 12. bis 14. Februar 1934 zwischen Regierung, Bundesheer und Heimwehr auf der einen sowie dem Schutzbund auf der anderen Seite führte zum Verbot der SDAP und ihrer Organisationen, zu Verhaftungen und zur Wiedereinführung der Todesstrafe. Am 1. Mai 1934 verkündete Dollfuß’ Nachfolger Kurt Schuschnigg die „Maiverfassung“. Der NS-Putschversuch vom 25. Juli 1934 scheiterte; Dollfuß wurde im Bundeskanzleramt tödlich verletzt. Danach verstärkte Deutschland seine Einflussnahme. Das Juliabkommen vom 11. Juli 1936 amnestierte inhaftierte Nationalsozialisten, ließ NS-Zeitungen wieder zu und brachte NS-Vertrauensleute in die Regierung. Das Berchtesgadener Abkommen vom 12. Februar 1938 zwang Schuschnigg zu weiteren Zugeständnissen, darunter der Ernennung Arthur Seyß-Inquarts zum Innenminister.
Anschluss und Eingliederung in das Deutsche Reich
Schuschniggs angekündigte Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs am 13. März 1938 beantwortete Hitler mit der Mobilmachung der deutschen 8. Armee. Schuschnigg sagte die Abstimmung am 11. März ab und trat zurück. Arthur Seyß-Inquart wurde zum Bundeskanzler ernannt. Noch am selben Abend übernahmen österreichische Nationalsozialisten vielerorts die Macht.
Am 12. März überschritten etwa 65.000 deutsche Soldaten und Polizisten die österreichische Grenze. Sie wurden vielfach begeistert empfangen. Am 13. März beschloss die Regierung das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“. Nach dem Rücktritt Bundespräsident Wilhelm Miklas’ unterzeichnete Seyß-Inquart das Gesetz als interimistisches Staatsoberhaupt. Vom 15. März 1938 bis 30. April 1939 leitete er als Reichsstatthalter die österreichische Landesregierung und sollte die österreichischen Behörden in die Verwaltung des Deutschen Reiches eingliedern.
Hitler verkündete am 15. März auf dem Wiener Heldenplatz den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich. Die Volksabstimmung vom 10. April 1938 war von massiver Propaganda begleitet. Nach amtlichen, stark anzuzweifelnden Angaben stimmten in Österreich 99,73 Prozent und im „Altreich“ 99,08 Prozent für den Anschluss. Etwa 8 Prozent der eigentlich Stimmberechtigten waren ausgeschlossen, darunter etwa 200.000 Juden, rund 177.000 „Mischlinge“ und bereits politisch oder „rassisch“ Verhaftete. Die Abstimmung gilt daher nicht als faire Willensäußerung.
Unmittelbar nach dem Machtwechsel verhafteten SA und SS in den folgenden Wochen, besonders in Wien, rund 72.000 Menschen, darunter politische Gegner, Intellektuelle, Funktionäre des Ständestaates und vor allem Juden. Viele wurden als „Prominententransporte“ in das KZ Dachau deportiert. Die Polizei wurde Heinrich Himmler unterstellt. Die Wiener Gestapo-Leitstelle entstand am 15. März 1938; mit 900 Beamten war sie die größte Gestapoeinheit Österreichs und nach Berlin die größte im Deutschen Reich.
Mit dem Ostmarkgesetz vom 1. Mai 1939 wurde die österreichische Landesregierung aufgelöst. Die Länder wurden zu Reichsgauen, die bisherigen Landeshauptleute zu Reichsstatthaltern. Die vollständige Integration der österreichischen Verwaltung war am 31. März 1940 beendet. Der Name Österreich wurde zunächst durch „Ostmark“, ab 1942 durch „Donau- und Alpenreichsgaue“ ersetzt. Das Bundesheer wurde bis zum 29. März 1938 in die Wehrmacht eingegliedert; Österreich wurde in die Wehrkreise XVII mit Sitz in Wien und XVIII mit Sitz in Salzburg geteilt. Offiziere, die den Eid auf Hitler verweigerten, wurden zwangspensioniert.
Verfolgung, Beraubung und NS-Verbrechen
Die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete politische Verfolgung, rassistische Ausgrenzung, Enteignung, Zwangsarbeit und Massenmord. Schon unmittelbar nach dem 11. März 1938 kam es zu „wilden Arisierungen“: Jüdische Geschäfte, Wohnungen und Unternehmen wurden von SA-Angehörigen und Zivilisten geplündert oder übernommen. Danach organisierte der Staat die Enteignung durch Zwangsverkäufe und Beschlagnahmungen. Bis zum 10. August 1938 wurden etwa 1.700 Kraftfahrzeuge, bis Mai 1939 etwa 44.000 Wohnungen beschlagnahmt. Bis 1940 wurden 18.800 der 25.440 im Jahr 1938 jüdischen Unternehmen liquidiert. Die Reichsfluchtsteuer betrug 25 Prozent des gemeldeten Vermögens.
Die Nürnberger Gesetze traten in Österreich am 20. Mai 1938 in Kraft. Nach ihrer Definition lebten beim Anschluss 201.000 bis 214.000 Menschen jüdischer Zuordnung in Österreich, davon über 180.000 in Wien. Während der Novemberpogrome 1938 wurden 27 Menschen getötet und etwa 6.500 Juden verhaftet; etwa die Hälfte wurde in Konzentrationslager deportiert. Fast alle Synagogen wurden zerstört. Ab 1940 wurden die verbliebenen Juden in das KZ Theresienstadt oder in Ghettos im besetzten Polen deportiert. Die Shoa kostete etwa 65.500 jüdische Österreicher das Leben. Von den über 200.000 jüdischen Wienern des Jahres 1938 waren im April 1945 nur wenige Dutzend lebend in Wien auffindbar.
Roma wurden als rassistisch definierte, den Juden vergleichbare „unerwünschte“ Gruppe verfolgt. Im „Zigeuner-Anhaltelager Lackenbach“ mussten sie Zwangsarbeit leisten. Anfang November 1941 wurden 5.007 Roma aus Niederdonau und der Steiermark in das Ghetto Litzmannstadt deportiert; kein einziger überlebte. Von etwa 11.000 Roma der „Ostmark“ wurden rund 86 Prozent ermordet. Zeugen Jehovas, Quäker und andere als „Bibelforscher“ zusammengefasste Gruppen wurden verfolgt und in Konzentrationslager deportiert; viele Zeugen Jehovas wurden als Kriegsdienstverweigerer verurteilt. Homosexuelle Männer und in der „Ostmark“ aufgrund des dort fortgeltenden § 129 Abs. 1 lit. b StG auch lesbische Frauen wurden inhaftiert und in Konzentrationslager deportiert.
Politische Gegner, Intellektuelle und Künstler wurden verhaftet, deportiert, in ihrer Arbeit eingeschränkt oder zur Emigration gezwungen. Von 1938 bis 1945 wurden 724 österreichische Priester verhaftet; 20 starben in Haft oder wurden hingerichtet. Kirchliche Schulen, zahlreiche Klöster und über 6.000 kirchliche Vereine, Werke und Stiftungen wurden verboten oder beschlagnahmt. Im Rahmen der „Aktion T4“ wurden Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen ermordet. In Schloss Hartheim wurden rund 30.000 Menschen mit Kohlenmonoxid getötet, am Spiegelgrund in Wien rund 700 Kinder.
Das KZ Mauthausen mit 49 Nebenlagern wurde im August 1938 gegründet. Bis Kriegsende wurden etwa 200.000 Menschen aus mehr als 30 Nationen dorthin und in die Nebenlager deportiert; rund 100.000 wurden ermordet oder starben infolge des Arbeitseinsatzes. Im Februar 1945 führte die Flucht von etwa 500 Häftlingen zur „Mühlviertler Hasenjagd“, an der neben SS, SA, Wehrmacht und Polizei auch Teile der Zivilbevölkerung beteiligt waren.
Verwaltung, Wirtschaft und Krieg
Die nationalsozialistische Neuordnung hob die österreichischen föderalen Strukturen auf. Die Reichsgaue hießen Kärnten, Niederdonau, Oberdonau, Salzburg, Steiermark, Wien und Tirol-Vorarlberg. Vorarlberg wurde mit Tirol verbunden, Osttirol Kärnten zugeschlagen. Das Burgenland wurde am 15. Oktober 1938 aufgelöst: Der Norden kam zu Niederdonau, der Süden zur Steiermark. 97 Umlandgemeinden wurden in Groß-Wien eingegliedert; Wien umfasste dadurch 1.224 km² und war flächenmäßig die größte Stadt des Deutschen Reiches. Reichsstatthalter waren zugleich Gauleiter. Ortsgruppen, Zellen, Blocks und Blockwarte dienten der politischen Organisation und Überwachung.
Alle Vermögenswerte des österreichischen Staates gingen auf das Deutsche Reich über. Der Goldbestand der Österreichischen Nationalbank im Wert von 2,7 Milliarden Schilling beziehungsweise rund 1,4 Milliarden Reichsmark wurde nach Berlin transferiert. Der Schilling wurde im Verhältnis 1,5 Schilling zu 1 Reichsmark umgetauscht. Österreichs Wirtschaft wurde in den Vierjahresplan und die Rüstungsproduktion eingegliedert. Der Anteil deutscher Unternehmen am Kapital österreichischer Aktiengesellschaften stieg von 9 Prozent 1938 auf 57 Prozent vor Kriegsende. Vor allem Industrie und Landwirtschaft schufen zunächst Arbeitsplätze; binnen eines Jahres war praktisch keine Arbeitslosigkeit mehr vorhanden. Diese Entwicklung beruhte aber auch auf dem Ausschluss und der Enteignung jüdischer Bürger sowie auf Zwangsarbeit.
Im Winter 1939/40 wurden ausländische Arbeiter eingesetzt. Am 31. März 1941 waren 96.999 Kriegsgefangene in den Wehrkreisen XVII und XVIII als Zwangsarbeiter erfasst. Die Arbeits- und Lebensbedingungen richteten sich nach der NS-Rassenhierarchie; Polen, Menschen aus dem Protektorat Böhmen und Mähren sowie aus der Sowjetunion wurden besonders schlecht behandelt. Insgesamt leisteten rund 1,25 Millionen Österreicher Kriegsdienst in Wehrmacht und Waffen-SS. Etwa 247.000 fielen oder blieben vermisst; nach anderen Angaben gab es 380.000 Tote einschließlich 100.000 Vermisster.
Die Industriegebiete von Linz, Steyr, Wiener Neustadt, Graz, der Mur-Mürz-Furche und dem Wiener Raum wurden für die Rüstung ausgebaut. Die alliierten Luftangriffe begannen 1943 in größerem Umfang. Wiener Neustadt wurde 29-mal angegriffen; 88 Prozent der Gebäude wurden zerstört und 790 Menschen getötet. In Wien gab es bis Kriegsende 53 Angriffe mit 8.769 Toten. Insgesamt starben durch alliierte Luftangriffe etwa 24.300 Zivilisten; einschließlich Soldaten, Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern waren es etwa 35.000 Tote.
Die Rote Armee erreichte am 6. April 1945 Wien. Die Schlacht um Wien endete am 13. April und kostete etwa 19.000 deutsche und 18.000 sowjetische Soldaten das Leben. Westalliierte Truppen erreichten Österreich ab dem 28. April. Am 5. Mai befreiten US-Truppen das KZ Mauthausen. Die deutsche Gesamtkapitulation wurde am 8. Mai wirksam; die letzten Kampfhandlungen in Österreich fanden am 9. Mai bei Waidhofen an der Ybbs statt.
Widerstand, Exil und Wiedererrichtung
Der österreichische Widerstand war politisch und organisatorisch zersplittert. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes schätzt die Zahl der Beteiligten auf 100.000. Rund 2.700 Widerstandskämpfer wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet, etwa 10.000 in Gestapogefängnissen ermordet. Kommunisten, Sozialdemokraten, katholische und monarchistische Gruppen, Soldaten, Partisanen und Einzelpersonen leisteten Widerstand. Ein bedeutender organisierter bewaffneter Widerstand entstand vor allem unter Kärntner Slowenen; 1944/45 waren rund 15.000 Soldaten zu seiner Bekämpfung in Südkärnten stationiert. Bis Kriegsende fielen etwa 500 Partisanen.
Zu den wichtigen Aktionen gehörten die katholische Demonstration von etwa 6.000 Jugendlichen am 7. Oktober 1938 vor dem Wiener Stephansdom, die Widerstandsgruppe Maier-Messner-Caldonazzi, die den Alliierten Informationen über Rüstungsanlagen übermittelte, sowie die „Operation Radetzky“ zur kampflosen Übergabe Wiens. Die Gruppe O5 bildete ab Anfang 1944 einen Versuch einer überparteilichen Führung. Viele Helfer versteckten Juden und andere Verfolgte. Österreichische Offiziere wie Robert Bernardis, Heinrich Kodré und Carl Szokoll beteiligten sich am militärischen Widerstand; mehrere wurden hingerichtet.
Von März bis November 1938 gelang etwa 130.000 Menschen die legale oder illegale Ausreise. Unter den Geflohenen waren Künstler wie Arnold Schönberg, Max Reinhardt, Stefan Zweig und Billy Wilder sowie Wissenschaftler wie Sigmund Freud, Erwin Schrödinger, Kurt Gödel, Lise Meitner und Karl Popper. Nur wenige kehrten nach 1945 zurück. Österreich verlor dadurch große Teile seiner intellektuellen und schöpferischen Elite.
Am 16. April 1945 wurde die Sozialistische Partei Österreichs gegründet, am 17. April die Österreichische Volkspartei; die KPÖ konstituierte sich ebenfalls neu. Am 27. April unterzeichneten SPÖ, ÖVP und KPÖ die Unabhängigkeitserklärung und bildeten unter Karl Renner die erste provisorische Staatsregierung. Das Staatsgebiet wurde in den Grenzen vor 1938 wiederhergestellt. Das Verbotsgesetz vom 8. Mai 1945 löste die NSDAP, SS, SA, NSKK, NSFK und weitere NS-Organisationen auf und stellte NS-Wiederbetätigung unter Strafe.
Von 1945 bis 1955 wurden 136.829 gerichtliche Voruntersuchungen eingeleitet und 23.477 Urteile gefällt, darunter 13.607 Schuldsprüche. Es gab 43 Todesurteile, von denen 30 vollstreckt wurden. Insgesamt wurden 537.632 ehemalige Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen registriert, davon 41.906 als „schwer belastet“. Am 15. Mai 1955 unterzeichnete Österreich den Staatsvertrag; am 27. Juli trat er in Kraft und stellte die volle staatliche Souveränität wieder her.
Aufarbeitung, Verantwortung und Gedenken
Die Entnazifizierung begann 1945 mit Verfahren gegen NS-Täter und der Entfernung belasteter Funktionäre. Unter dem Eindruck des Kalten Krieges, des Fachkräftemangels und parteipolitischer Interessen wurde sie jedoch bald abgeschwächt. Ehemalige Nationalsozialisten fanden Aufnahme in Parteien, Justiz, Universitäten und staatlichen Unternehmen. Rückgabe geraubten Eigentums und Entschädigung für Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge wurden lange verzögert. Der Opfermythos stellte Österreich jahrzehntelang vor allem als erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggression dar und verdrängte die Mitverantwortung vieler Österreicher. Die Moskauer Deklaration von 1943 enthielt jedoch neben der Bezeichnung Österreichs als erstes Opfer ausdrücklich den Hinweis auf seine Verantwortung für die Teilnahme am Krieg an der Seite Hitler-Deutschlands.
Eine öffentliche Auseinandersetzung verstärkte sich durch die Borodajkewycz-Affäre 1965, die Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre 1975 und besonders die Waldheim-Affäre 1986. Die Debatte über Kurt Waldheims verschleierte Rolle im Nationalsozialismus führte international und in Österreich zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Vergangenheit. Im selben Jahr gründete Gottfried Küssel die VAPO; Jörg Haider übernahm die Führung der FPÖ. 1991 erklärte Bundeskanzler Franz Vranitzky erstmals ausdrücklich, Österreich trage Mitverantwortung für das von Bürgern dieses Landes verursachte Leid.
Seit den 1990er Jahren wurden NS-Verbrechen, Vermögensentzug und Restitution verstärkt untersucht. Zwischen 1998 und 2003 arbeitete eine Historikerkommission zu Vermögensentziehungen und Rückstellungen. Restitutions- und Entschädigungsgesetze wurden unter anderem 1946, 1947, 1949 und 1998 beschlossen. Die Rückgabe von Klimts „Adele Bloch-Bauer I“ an Maria Altmann und ihre Miterben erfolgte 2006. Die Aufarbeitung ist dennoch bis heute nicht abgeschlossen.
Zu den wichtigsten Gedenkorten gehören die KZ-Gedenkstätte Mauthausen, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, jüdische Museen, das Holocaust-Mahnmal in Wien und das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus. Seit 1992 kann der österreichische Zivildienst als Gedenkdienst an Holocaust-Gedenkstätten geleistet werden. 2014 wurde in Wien das Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz eröffnet. Im November 1997 beschloss das Parlament den „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ am 5. Mai, dem Tag der Befreiung des KZ Mauthausen.