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Novemberpogrom 1938 | "Reichskristallnacht" | Nationalsozialismus

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  1. Das russische Wort Pogrom bezeichnet gewaltsame Ausschreitungen gegen eine Minderheit, bei denen Eigentum zerstört und Menschen verfolgt und getötet werden.
  2. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begannen die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.
  3. Diese dauerten fast zwei Tage und werden heute als Novemberpogrom bezeichnet. Überall im Deutschen Reich wurden auf Anordnung der NS-Führung Synagogen,
  4. die jüdischen Gotteshäuser, in Brand gesteckt. Außerdem wurden von Juden geführte Geschäfte zerstört und geplündert.
  5. Für die Schäden mussten die jüdischen Gemeinden und Ladenbesitzer selbst aufkommen. Am Morgen des 10. Novembers lagen zersplitterte Schaufensterscheiben auf den Straßen.
  6. Daran knüpft der Begriff "Reichskristallnacht" an. Seinen Urspruch hat das Wort "Reichskristallnacht" oder auch "Kristallnacht" in Berlin.
  7. Die Berliner Bürger benutzten das Wort, um die Gewaltaktionen zu kritisieren. Auch noch lange nach dem Zeiten Weltkrieg
  8. wurden die Ausschreitungen als "Reichskristallnacht" bezeichnet. Dieser Begriff ist aber problematisch, weil er die Gewalttaten verharmlost und beschönigt.
  9. Deswegen spricht man heute eher vom Novemberpogrom. In allen Städten und Dörfern wurden Geschäfte und Kaufhäuser
  10. von jüdischen Inhabern zerstört und geplündert. Wie viele es genau waren lässt sich nicht mehr ermitteln.
  11. Der heutige Stand der Forschung geht aber davon aus, dass viele tausende Geschäfte betroffen waren.
  12. Die NS-Führung gab an, während des Pogroms 267 Synagogen zerstört zu haben. Erst ein halbes Jahrhundert nach dem 9. November haben Historiker diese Zahl genauer überprüft.
  13. Sie fanden heraus, dass fast alle Synagogen im Deutschen Reich in Brand gesetzt oder zerstört wurden.
  14. Die Schäden an den Gebäuden waren häufig so schwer, dass die meisten Synagogen danach abgerissen wurden. Die Historiker
  15. nehmen an, dass etwa 1400 Synagogen und Bethäuser auf diese Weise verschwanden. Es sind nur relativ wenige Fotos von brennenden Synagogen überliefert,
  16. da die meisten Brände in der Nacht gelegt wurden und nach Stand der Fototechnik der Dreißiger Jahre Nachtaufnahmen schwierig waren.
  17. Die Fotos der Synagoge in Siegen in Südwestfalen gehören zu diesen wenigen Aufnahmen. Fotos, die zeigen, wie die SA oder die SS die Synagogen in Brand setzen, sind nicht bekannt.
  18. Schon kurz nach dem Machtantritt der NSDAP im Jahr 1933 kam es zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung.
  19. Am 1. April 1933 organisierte die NS-Führung einen Boykott jüdischer Geschäfte. Die SA klebte Plakate an die Geschäfte mit der Aufschrift:
  20. "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht beim Juden!". Die jüdische Bevölkerung wurde durch verschiedene Gesetze diskriminiert
  21. und somit zunehmend in ihren Rechten eingegrenzt. 1935 wurden die Nürnberger Rassegesetze erlassen.
  22. Diese verboten beispielsweise die Heirat von Juden und Nichtjuden. Außerdem legten sie genau fest, wer als "Voll-", "Halb-" oder "Vierteljude" zu gelten habe.
  23. Jeder Bürger im Deutschen Reich musste seine Abstammung über den Familienstammbaum nachweisen. Im gesellschaftlichen Leben wurden die Juden öffentlich ausgegrenzt.
  24. Auf dem Ortsschild von Fürth in Mittelfranken stand: "Juden sind unser Unglück". An vielen anderen Ortsschildern hieß es: "Juden unerwünscht!"
  25. Auf Parkbänken brachte man Schilder an, auf denen: "Nur für Arier!" zu lesen war. Die NS-Führung suchte in den folgenden Jahren nach einem Anlass
  26. für reichsweiten Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Am 7. November verübte ein 17jähriger Jude in Paris ein
  27. Attentat auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Der Diplomat überlebte das Attentat nicht.
  28. Er starb am Abend des 9. Novembers an den Folgen seiner Verletzungen. Die NS-Führung nutzte den Tod vom Raths als Vorwand für den Pogrom in Deutschland.
  29. In den späten Abendstunden erging der Befehl für die Ausschreitungen an SA und SS. Eine Großzahl der Übergriffe auf Synagogen und Geschäfte
  30. erfolgte in der Nacht auf den 10. November. Die Zahl der während des Pogroms getöteten Menschen wird unterschiedlich angegeben.
  31. Während die Forschung in den vergangenen Jahren von mindestens 400 Getöteten ausging, hat der amerikanische Historiker Adam Steinways 2009 nach intensiven
  32. Recherchen neue Forschungsergebnisse über den Novemberpogrom veröffentlicht. Nach seinen Recherchen lag die Zahl der ums Leben gekommenen Menschen bei bis zu 1500,
  33. darunter auch zahlreiche Menschen, die Suizid begangen haben. Steinways hat recherchiert, dass neben Synagogen und Geschäften an vielen Orten
  34. auch andere Einrichtungen, zum Beispiel Alten- oder Waisenheime verwüstet wurden. Zudem wurden Juden gezielt gedemütigt.
  35. In Gütersloh wurden "Juden gezwungen, im Nachthemd durch die Straßen zu ziehen." In Dortmund "zwang man Juden, ihre eigenen Möbel aus dem Fenster zu werfen."
  36. In Wien "wurden sie, in Gebetsschals und zerrissene Torarollen gehüllt, durch die Straßen geführt."
  37. An der Bensheimer Synagoge wurden "Juden gezwungen, um das brennende Gebäude herumzutanzen."
  38. In Lichtenfels "spielten Jugendliche vor den Augen der Juden Fußball mit jüdischen Gebetsbüchern." Von der Laupheimer Synagoge berichtet Steinways:
  39. "Die SA ließ die Juden vor dem brennenden Gebäude niederknien." In Düsseldorf wurden "jüdischen Männer und Frauen gezwungen,
  40. im Nachthemd barfuß über Scherben zu laufen." Ein Befehl des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrichs an die Polizei wies darauf hin, bei
  41. den Gewaltakten darauf zu achten, kein Eigentum der nichtjüdischen Bevölkerung zu beschädigen. In dem Befehl heißt es:
  42. "Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens und Eigentums mit sich
  43. bringen (z.B. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung vorhanden ist)" Die Feuerwehr war angewiesen, nur die Nachbarhäuser vor den Flammen zu schützen.
  44. Bei genauem Hinschauen lässt sich das auch auf diesem Foto erkennen. Die Feuerwehrmänner richten die beiden Wasserstrahle auf das Gebäude rechts,
  45. nicht aber auf die brennende Synagoge. Über die Haltung der Bevölkerung zu den Novemberpogromen urteilen die Historiker unterschiedlich.
  46. Öffentliche Proteste über die Ausschreitungen sind kaum überliefert. Das Foto aus Magdeburg zeigt ein lachendes Paar vor einem zerstörten Geschäft.
  47. Es ist dennoch problematisch zu sagen, dass die ganze Bevölkerung den Pogrom vom 9. November befürwortet hat.
  48. Der sogenannte "Sicherheitsdienst" SD sollte die Stimmung in der Bevölkerung auskundschaften. Er stellte in Teilen der Bevölkerung eine Ablehnung der Ausschreitungen fest.
  49. Selbst innerhalb der NSDAP gab es Kritik an den Gewaltexzessen. Nach heutigem Forschungsstand steht jedoch fest, dass nur Wenige den Verfolgten geholfen haben.
  50. Etwa 30.000 jüdische Männer wurden unter den Augen der Öffentlichkeit verhaftet und in Konzentrationslager gebracht, so zum Beispiel nach Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen.
  51. Die große Mehrheit der Inhaftierten ist nach einigen Wochen wieder freigekommen. Der Novemberpogrom von 1938 markiert einen Wendepunkt
  52. des Umgangs mit den Juden im Nationalsozialismus. In der heutigen Bewertung steht der Pogrom für den Übergang von der
  53. Ausgrenzung und Diskriminierung hin zur gezielten Verfolgung. Ab 1941 begannen die Deportationen und die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung.
  54. An die zerstörten Synagogen erinnern heute in vielen Städten und Gemeinden Gedenktafeln oder Denkmäler.

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