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Jüdischer Kalender
Jom Kippur ist der einzige Fasttag, der auch an einem Schabbat begangen wird – die anderen Fasttage werden verschoben, sollten sie auf einen Schabbat fallen.
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Grundprinzip und Aufbau
Der jüdische Kalender ist ein Lunisolarkalender, also ein Mond-Sonnen-Kalender. Seine Monatsanfänge orientieren sich ungefähr an den Mondphasen, zugleich wird das Kalenderjahr durch Schaltregeln an das Sonnenjahr und die Jahreszeiten angepasst. Die Jahreszählung beginnt nach der Berechnung Hillels II. mit der biblischen Schöpfung im Jahr 3761 v. Chr.
Ein Normal- oder Gemeinjahr hat zwölf Mondmonate und normalerweise 354 Tage. In einem Schaltjahr gibt es dreizehn Monate und normalerweise 384 Tage. In einem 19-jährigen Meton-Zyklus sind das 3., 6., 8., 11., 14., 17. und 19. Jahr Schaltjahre. Dabei wird vor Adar ein 30-tägiger Schaltmonat eingefügt. Der eigentliche Adar heißt dann Adar II, Adar scheni oder We-Adar.
Das jüdische Jahr beginnt heute im Herbst mit dem siebten Monat Tischri und dem Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Die Monate werden jedoch nach biblischer Tradition ab dem Frühlingsmonat Nissan gezählt, der als erster Monat gilt. In biblischer Zeit standen somit ein ziviler Jahresbeginn mit Tischri und ein religiöser Jahresbeginn mit Nissan nebeneinander. Die Monatsnamen stammen aus dem babylonischen Exil.
Die zwölf Monatsnamen in ihrer üblichen Reihenfolge sind Tischri, Cheschwan beziehungsweise Marcheschwan, Kislew, Tevet, Schevat, Adar, Nissan, Ijjar, Siwan, Tammus, Av und Elul. In Schaltjahren kommen Adar aleph oder Adar rischon mit 30 Tagen und anschließend Adar beth oder Adar scheni mit 29 Tagen vor. Je nach Jahr können Cheschwan und Kislew unterschiedlich lang sein.
Jahr, Monat und Berechnung
Ein durchschnittlicher Mondzyklus dauert 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 3 1/3 Sekunden; in jüdischer Zeitzählung entspricht dies 29 Tagen, 12 Schaʿa und 793 Halakim. Ein Mondjahr mit zwölf Mondzyklen dauert durchschnittlich 354,3671 Tage, während ein Sonnenjahr zurzeit durchschnittlich 365,2422 Tage umfasst. Ohne Ausgleich würden die jüdischen Feste deshalb durch die Jahreszeiten wandern.
Der zusätzliche Monat im 19-jährigen Zyklus gleicht diese Differenz aus. Das jüdische Kalenderjahr hat dadurch durchschnittlich 365,2468 Tage. Gegenüber dem Sonnenjahr von 365,2422 Tagen entsteht eine Abweichung von einem Tag erst nach 219 Jahren. Die Karaiten lehnen diese feste Regel ab und entscheiden über den Schaltmonat nach der Reife der Gerste in Israel.
Zusätzlich kann die Länge einzelner Monate verändert werden: Cheschwan hat in einem übermäßigen Jahr 30 statt 29 Tage, Kislew in einem verminderten Jahr 29 statt 30 Tage. Dadurch ergeben sich bei Gemeinjahren drei Längen: 353 Tage (vermindert), 354 Tage (regulär) oder 355 Tage (übermäßig). Schaltjahre haben 383, 384 oder 385 Tage.
Der Monatsbeginn wird heute rechnerisch aus dem Neulicht beziehungsweise Moled abgeleitet, dem ersten Sichtbarwerden der Mondsichel nach Neumond. Historisch wurde der Beginn durch Zeugen bestimmt, die die „Geburt des Mondes“ beobachteten. Die Nachricht wurde durch Signalfeuer und Gerichtsboten verbreitet. Hillel II. legte die Systematik 359 n. Chr. im Wesentlichen einheitlich fest und veröffentlichte sie, damit jüdische Gemeinden die Monatslängen und Festtermine im Voraus kannten.
Für Rosch ha-Schana gelten fünf Verschiebungsregeln. Jach verschiebt das Neujahr, wenn das Neulicht des Tischri erst nach 18:00 Uhr eintritt. Adu verschiebt es, wenn der berechnete Tag ein Mittwoch, Freitag oder Sonntag wäre. Jach-Adu wendet beide Verschiebungen zusammen an. Gatrad verschiebt in einem Gemeinjahr einen Dienstag um zwei Tage, wenn das Neulicht nicht vor 9 Uhr und 204 Halakim eintritt. Betutakpat verschiebt in einem Jahr nach einem Schaltjahr einen Montag, wenn das Neulicht nicht vor 15 Uhr und 589 Halakim eintritt. Nur etwa 39 % aller Jahre beginnen am Tag des Neulichts. Die Regel Betutakpat wurde zuletzt 5766 (2005/2006) angewandt und soll erst wieder 6013 (2252/2253) gelten.
Tag, Wochentage und Schabbat
Ein jüdischer Tag beginnt am Vorabend und endet am folgenden Abend. Grundlage ist die Formulierung „und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag“ aus dem Schöpfungsbericht. Der Abend beginnt mit dem Sonnenuntergang; die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Einbruch der Nacht heißt Bejn haSchmaschot. Im früheren Kalender galt der Tag als beendet, wenn drei „mittlere“ Sterne sichtbar waren.
Die sechs ersten Wochentage heißen Jom Rischon („Erster Tag“, Sonntag), Jom Scheni („Zweiter Tag“, Montag), Jom Schlischi („Dritter Tag“, Dienstag), Jom Reviʿi („Vierter Tag“, Mittwoch), Jom Chamischi („Fünfter Tag“, Donnerstag) und Jom Schischi („Sechster Tag“, Freitag). Der siebte Tag heißt Schabbat („Ruhe“).
Ein jüdischer Tag hat keine feste Länge. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang werden zwölf halachische Stunden gezählt, ebenso von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Diese Stunden sind im Winter und Sommer unterschiedlich lang und können im Winter etwa 45 Minuten, im Sommer bis zu 75 Minuten dauern. Eine Schaʿa besteht aus 1080 Chalakim; ein Chelek dauert 3 1/3 Sekunden beziehungsweise 1/18 Minute. Ein Chelek kann in 76 Regaʿim unterteilt werden; eine Rega dauert etwa 43,86 Millisekunden. Im vereinfachten Zeitmaß beginnt der jüdische Tag unabhängig vom Sonnenuntergang um 18:00 Uhr; 6 Uhr jüdischer Zeit entspricht dann 24 oder 0 Uhr bürgerlicher Zeit.
Der Schabbat ist der siebte Wochentag und ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Er beginnt am Freitagabend bei Sonnenuntergang und endet am Samstagabend. Bereits vor dem eigentlichen Beginn wird häufig Tosefet Schabbat, ein „Zusatz zum Schabbat“, eingehalten. Diese Zeit beginnt je nach Ort etwa 18 Minuten vor Sonnenuntergang in vielen deutschen Gemeinden, 21 Minuten vor Sonnenuntergang in Tel Aviv oder 40 Minuten vor Sonnenuntergang in Jerusalem.
Die Hawdala kennzeichnet das Ende des Schabbats und den Beginn der neuen Woche. Dabei werden Segenssprüche gesprochen; die Flamme der mehrdochtigen Hawdala-Kerze wird mit dem restlichen Wein gelöscht. Nach der im Artikel genannten Regel erfolgt dies 45 Minuten nach Sonnenuntergang. Einschließlich Tosefet Schabbat dauert die Schabbatbeachtung insgesamt 25 Stunden. Jom Kippur ist der einzige Fasttag, der auch an einem Schabbat begangen wird; andere Fasttage werden verschoben, wenn sie auf einen Schabbat fallen.
Feste und wichtige Jahresdaten
Jüdische Fest- und Gedenktage beginnen stets am Vorabend. Zu den festen Terminen gehören Rosch ha-Schana am 1.–2. Tischri, Jom Kippur am 10. Tischri, Sukkot vom 15. bis 21. Tischri, Chanukka vom 25. Kislew bis 2. Tevet, Tu biSchevat am 15. Schevat, Purim am 15. Adar, Pessach vom 15. bis 22. Nissan und Schawuot am 6. Siwan. In Schaltjahren wird Purim im Adar II gefeiert. Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag.
Weitere im Artikel genannte Termine sind Schmini Azeret am 22. Tischri, Simchat Tora am 22. beziehungsweise 23. Tischri, Sigd am 29. Cheschwan, Jom haZikaron am 4. Ijjar, Jom haAtzma’ut am 5. Ijjar, Lag baOmer am 18. Ijjar und Jom Jeruschalajim am 28. Ijjar. Das Schemitah- oder Schabbatjahr ist ein Ruhejahr für das Ackerland nach sechs Bewirtschaftungsjahren. Das bisher letzte Schemitah-Jahr war 5782, vom 7. September 2021 bis zum 25. September 2022.
Die Tabelle des Artikels nennt unter anderem folgende gregorianische Daten: Rosch ha-Schana fällt 5786 auf den 23.–24. September 2025, 5787 auf den 12.–13. September 2026, 5788 auf den 19.–20. September 2027 und 5789 auf den 2.–3. Oktober 2028. Jom Kippur ist in diesen Jahren am 2. Oktober 2025, 21. September 2026, 28. September 2027 und 11. Oktober 2028. Pessach fällt auf den 2.–9. April 2026, 22.–29. April 2027, 11.–18. April 2028 und 31. März–7. April 2029. Schawuot wird am 22.–23. Mai 2026, 11.–12. Juni 2027, 31. Mai–1. Juni 2028 und 20.–21. Mai 2029 angegeben.
In der Diaspora werden die meisten biblischen Feste traditionell zwei Tage lang gefeiert, weil früher das genaue Datum des Monatsbeginns nicht rechtzeitig bekannt war. Jom Kippur bleibt eintägig, da ein 48-stündiges Fasten als zu belastend gilt. Auch Rosch ha-Schana dauert in Israel zwei Tage. Der zweite Feiertag in der Diaspora wird trotz des heute exakt berechneten Kalenders als „Brauch der Vorfahren“ beibehalten.
Pessach beginnt am 15. Nissan und wird spätestens seit dem 10. Jahrhundert unabhängig vom tatsächlichen Vollmond gefeiert. Der Artikel stellt einen Zusammenhang zwischen Pessach und dem christlichen Osterfest her; Ostern liegt in der Regel ebenfalls in diesem Monat, kann wegen eines jüdischen Schaltjahres aber in den Adar II fallen.
Verwendung und Berechnungshilfen
In Israel wird der jüdische Kalender seit der Staatsgründung neben dem gregorianischen Kalender verwendet. Seit dem Nationalstaatsgesetz vom 18. Juli 2018 ist er der Staatskalender. Religiöse und säkulare Feiertage, darunter der israelische Unabhängigkeitstag, richten sich nach dem jüdischen Datum. Im Alltag, in Schule, Universität, Beruf, Landwirtschaft, Industrie und Tourismus werden beide Kalender parallel genutzt; der gregorianische Kalender bleibt besonders für internationale Kontakte und den Tourismus wichtig.
Die wichtigsten Eckdaten lassen sich mit Hilfsformeln berechnen. Die Gaußsche Pessach-Formel bestimmt das Datum des 15. Nissan und daraus auch das folgende Rosch ha-Schana. Die nach Chajim Slonimski benannte Slonimski-Formel bestimmt, ob ein Jahr ein vermindertes, reguläres oder übermäßiges Gemein- oder Schaltjahr ist, sowie die Wochentage von Rosch ha-Schana und Pessach. Zusammen legen beide Formeln den gesamten jüdischen Kalender eines Jahres fest. Gemeinden veröffentlichen außerdem im Voraus Gebetszeiten und Beginn sowie Ende von Schabbat und Feiertagen.
Die Verwendung des gregorianischen Kalenders ist in orthodoxen jüdischen Kreisen umstritten. Einige rabbinische Gelehrte lehnen ihn ab, weil seine Jahreszählung auf die Geburt Jesu Bezug nimmt oder weil die Verwendung nichtjüdische Bräuche übernehme. Andere, darunter Ovadja Josef und Eliezer Waldenberg, sehen darin keinen Verstoß, raten aber aus Respekt vor dem Chatam Sofer zu einer veränderten Schreibweise. Als gemeinsamer Standpunkt wird genannt, Jahreszahlen nicht vollständig auszuschreiben, sondern nur die letzten beiden Ziffern zu verwenden; bei Monatsangaben gilt die Zahl als vorzugswürdig gegenüber Monatsnamen.