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Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft
Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V., kurz Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft oder KWG, war bis Ende des Zweiten Weltkriegs die …
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Aufgabe und Organisation
Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e. V. (KWG) war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Trägerin der Kaiser-Wilhelm-Institute (KWI). Diese Institute gehörten zu den führenden deutschen Forschungseinrichtungen und waren vor allem der Grundlagenforschung gewidmet, also der Gewinnung grundlegender wissenschaftlicher Erkenntnisse ohne unmittelbare Verpflichtung auf praktische Anwendungen. Die KWG ergänzte damit die Forschung an den Universitäten. Ihr Sitz befand sich zunächst in Berlin-Dahlem und wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs nach Göttingen verlegt.
An der Spitze standen ein Präsident und ein Generalsekretär beziehungsweise Generaldirektor. Nach der Satzung waren der Senat als Aufsichtsgremium, der Verwaltungsausschuss und die Hauptversammlung die Organe der Gesellschaft. Die Institute sollten einer wissenschaftlichen Elite besonders gute Forschungsbedingungen bieten: Ihre Wissenschaftler waren von Lehrverpflichtungen befreit, verfügten über moderne Apparaturen und arbeiteten mit großen Mitarbeiterstäben aus Stipendiaten, Doktoranden, Gastwissenschaftlern, Assistenten, Laborleitern und Abteilungsleitern.
Die Gründung eines Instituts folgte dem später so genannten „Harnack-Prinzip“. Ausgangspunkt war nicht unbedingt ein bestimmtes Forschungsthema, sondern ein außergewöhnlicher Wissenschaftler. Um ihn herum wurde ein Institut eingerichtet. Die Finanzierung erfolgte wegen der staatlichen Finanzknappheit zu einem erheblichen Teil privat. Zu den Förderern gehörten vor allem das technische und industrielle Großbürgertum sowie jüdisches Bankkapital; auch Mäzeninnen wie Elise Koenigs spielten eine wichtige Rolle. Der Staat übernahm meist die Gehälter der Forscher und Angestellten.
Gründung und erste Institute
Der entscheidende Anstoß ging von Adolf Harnack aus, einem Berliner Theologieprofessor, Direktor der Königlichen Bibliothek und Berater Kaiser Wilhelms II. In einer Denkschrift von 1909 forderte er unabhängige Forschungsinstitute, besonders für die Naturwissenschaften. Sie sollten sich auf Grundlagenforschung konzentrieren und mit grundlegenden Erkenntnissen aus Physik und Chemie helfen, technische Probleme der fortschreitenden Industrialisierung zu lösen. Harnack schlug dafür eine eigene Forschungsgesellschaft vor.
Am 11. Oktober 1910 kündigte Kaiser Wilhelm II. bei der 100-Jahr-Feier der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin die Gründung der Gesellschaft an. Die konstituierende Sitzung der KWG fand am 11. Januar 1911 in der Königlichen Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin statt. Anwesend waren 83 stimmberechtigte Mitglieder aus Forschung, Industrie, Banken, Verwaltung und Adel. Die Aufnahme musste vom Kaiser genehmigt werden; Mitglieder hatten mindestens 20.000 Mark zu zahlen. Das Gründungskapital betrug fast zehn Millionen Mark.
Adolf Harnack wurde am 23. Januar 1911 zum ersten Präsidenten gewählt. Seine Stellvertreter waren Gustav Krupp von Bohlen und Halbach und Ludwig Delbrück. Kaiser Wilhelm II. war Schirmherr. Ein Vertrag vom 23. Dezember 1911 zwischen der KWG und dem Verein „Chemische Reichsanstalt“ führte zum Bau zweier Institute in Berlin-Dahlem: des KWI für Chemie und des KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie. Fritz Haber wurde 1911 erster Direktor eines KWI, des KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie; Ernst Beckmann leitete ab Januar 1912 das KWI für Chemie. Beide Institute wurden am 23. Oktober 1912 nach nur elf Monaten Bauzeit im Beisein des Kaisers eingeweiht.
Die KWG im Nationalsozialismus
Die Geschichte der KWG im Nationalsozialismus war von Anpassung an die NS-Politik, Rüstungsforschung und Beteiligung an verbrecherischen Menschenversuchen geprägt. Das 1927 eröffnete KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik unterstützte die nationalsozialistische Rassenideologie und lieferte eine „wissenschaftliche“ Legitimation für die Erbgesundheits- und Rassenpolitik des NS-Staates. Institutsdirektor Eugen Fischer und seine Kollegen vertraten die Grundsätze dieser Politik auch auf internationalen Konferenzen.
Albert Vögler schlug im Oktober 1933 vor, die KWG-Institute für die „Zwecke der Landesverteidigung“ einzusetzen und Institute, die bereits eng mit Stellen der Wehrmacht zusammenarbeiteten, unter einem wissenschaftlichen Stab zusammenzufassen. Am KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie wurde die im Ersten Weltkrieg begonnene Giftgasforschung unter Peter Adolf Thiessen fortgesetzt. Am KWI für medizinische Forschung synthetisierten Richard Kuhn und Konrad Henkel 1944 das Nervengift Soman.
Am 17. Dezember 1938 entdeckten Otto Hahn und Fritz Straßmann am KWI für Chemie die Kernspaltung des Uranatoms. Die Rolle weiterer Kernforschungsprogramme des Instituts für die Atomwaffenforschung im Nationalsozialismus ist umstritten. Im Rahmen der Aktion T4 erhielt Julius Hallervorden vom KWI für Hirnforschung Gehirne in Mengen von 150 bis 250 Stück von der Gekrat.
Josef Mengele arbeitete Anfang 1943 am KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Während seiner Tätigkeit als Lagerarzt in Auschwitz schickte er Blutproben und Leichenteile, darunter Augen von Opfern von Menschenversuchen, zur Untersuchung nach Dahlem. Beteiligt war unter anderem die Biologin Karin Magnussen, die mit Hans Nachtsheim und Otmar Freiherr von Verschuer zusammenarbeitete. Heinrich Kraut führte 1944 in Westfalen die „Krautaktion“ durch, einen Großversuch zur Ermittlung des Kalorienbedarfs von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen.
Die Max-Planck-Gesellschaft begann 1997 das Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“. Unter der Leitung von Reinhard Rürup und Wolfgang Schieder entstanden bis zum Abschluss Ende 2005 insgesamt 17 Bände. Untersucht wurden unter anderem die Korrumpierung durch die NS-Politik, die Ausrichtung auf Rüstungsforschung, die Kooperation bei Menschenversuchen in Konzentrationslagern und die Vertreibung von Wissenschaftlern. Band 14 ist ein Gedenkbuch für vertriebene Wissenschaftler aus dem Kreis der KWG.
Institute und Forschungsstellen
Die KWG trug eine große und fachlich vielfältige Zahl von Instituten und Forschungsstellen. Dazu gehörten Einrichtungen der Chemie, Physik, Biologie, Medizin, Psychiatrie, Hirnforschung, Arbeits- und Tierphysiologie, Metall- und Kohlenforschung, Landwirtschaft, Züchtungsforschung, Strömungsforschung sowie der Rechts-, Geschichts-, Sprach- und Kunstwissenschaften. Außerdem bestanden biologische Stationen, meteorologische Observatorien und Forschungsstellen im Ausland.
Zu den frühen Einrichtungen gehörten das KWI für Biologie und das KWI für experimentelle Therapie von 1912, das KWI für Hirnforschung von 1914, das KWI für Biochemie von 1917 beziehungsweise 1925, das KWI für Physik von 1917, das KWI für Eisenforschung von 1917 und das KWI für Kohlenforschung von 1912. Das KWI für physikalische Chemie und Elektrochemie wurde später zum Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Das KWI für Chemie wurde 1944 nach teilweiser Zerstörung zunächst nach Tailfingen und 1949 nach Mainz verlegt; daraus entstand das heutige Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz.
Auch Einrichtungen außerhalb der klassischen Naturwissenschaften wurden aufgenommen oder gegründet. Beispiele sind das KWI für Deutsche Geschichte von 1917, das KWI für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht von 1924, das KWI für ausländisches und internationales Privatrecht von 1926 sowie die 1913 aufgenommene Bibliotheca Hertziana in Rom. Weitere Beispiele sind das KWI für medizinische Forschung in Heidelberg von 1929, das KWI für Zellphysiologie in Berlin-Dahlem von 1930, das KWI für Biophysik in Frankfurt am Main von 1937 und das KWI für Kulturpflanzenforschung von 1943.
Die Institute veränderten mehrfach ihren Standort, Namen und organisatorischen Status. Die Aerodynamische Versuchsanstalt wurde 1915 gegründet, 1919 von der KWG übernommen und 1924 mit dem KWI für Strömungsforschung verbunden. Nach der Beschlagnahme durch die US-Besatzungsmacht 1945 wurde sie 1953 in der Max-Planck-Gesellschaft wiedereröffnet und 1969 ausgegliedert. Die Arbeitsstätte für Virusforschung entstand 1941 durch den Zusammenschluss von Arbeitsgruppen der KWI für Biochemie und Biologie, wurde 1943/44 kriegsbedingt verlagert und 1946 wieder aufgelöst. Das Deutsche Entomologische Institut wurde 1922 übernommen, 2004 nach Müncheberg verlegt und heißt seit 2009 Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut.
Weitere Einrichtungen wurden im Krieg aufgegeben, zerstört, verlagert oder später nicht in die Max-Planck-Gesellschaft übernommen. Dazu zählen das Deutsch-Griechische Institut für Biologie in Piräus, die Forschungsstelle D in Bisingen, das KWI für Rebenzüchtungsforschung, das Schlesische Kohlenforschungsinstitut und die Vogelwarte Rossitten. Andere Einrichtungen wurden weitergeführt, etwa die Hydrobiologische Anstalt in Plön, die Zoologische Station Rovigno beziehungsweise das spätere KWI für Meeresbiologie und verschiedene landwirtschaftliche, meteorologische und technische Forschungsstellen.
Nachkriegszeit, Leitung und Nobelpreise
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein Führungsstreit zwischen Berlin und Göttingen. Die Zentralverwaltung blieb in Göttingen, während Robert Havemann vom Berliner Magistrat mit der Leitung der in Berlin verbliebenen Institute und Abteilungen beauftragt wurde. Havemann beanspruchte die Führung der gesamten KWG und bestritt die Legitimität der Göttinger Generalverwaltung unter Ernst Telschow. Max Planck, kommissarischer Präsident der „Göttinger“ KWG, erhob den umgekehrten Vorwurf.
Ein von Fritz Karsen entwickeltes Modell für die Berliner Institute wurde am 3. Juni 1947 in einem Staatsabkommen zwischen Bayern, Württemberg-Baden und Hessen über eine deutsche Forschungshochschule in Berlin-Dahlem und die Finanzierung deutscher Forschungsinstitute festgeschrieben. Die Deutsche Forschungshochschule wurde faktisch zu einer Übergangsgesellschaft zur Rettung der Dahlemer Institute. 1948 wurde die Gesellschaft auf Weisung der amerikanischen Besatzungsmacht in „Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“ umbenannt. Die westdeutschen Institute wurden schrittweise übernommen; 1953 übernahm die Max-Planck-Gesellschaft auch die Institute in Berlin-Dahlem. Die ostdeutschen Institute gingen in der Akademie der Wissenschaften der DDR auf.
Die Liquidation der KWG war am 6. April 1951 beschlossen worden. Nachdem 1953 die letzten früheren KWG-Institute aufgenommen worden waren, galt die KWG faktisch als aufgelöst; rechtsgültig aufgelöst wurde sie am 21. Juni 1960. Die Max-Planck-Gesellschaft versteht sich als Nachfolgerin und Erbin. Das Archiv der Max-Planck-Gesellschaft wurde 1975 am Gründungsort in Berlin-Dahlem eingerichtet und bewahrt die Akten der KWG sowie zahlreiche Nachlässe bedeutender Wissenschaftler.
Präsidenten waren Adolf von Harnack (1911–1930), Max Planck (1930–1937 und 1945–1946), Carl Bosch (1937–1940), Albert Vögler (1941–1945) und Otto Hahn (1946–1951). Generalsekretäre beziehungsweise Generaldirektoren waren Ernst von Simson (1911–1912), Ernst Trendelenburg (1912–1920), Friedrich Glum (1920–1937) und Ernst Telschow (1937–1951).
Die Max-Planck-Gesellschaft rechnet der KWG im weiteren Sinn 14 Nobelpreise zu: 6 für Chemie, 5 für Physik und 3 für Medizin. Im engeren Sinn gelten nur 8 Nobelpreisträger als Nobelpreisträger der KWG, weil sie bei der Preisvergabe Wissenschaftliche Mitglieder waren. Zu ihnen gehörten Richard Willstätter, Fritz Haber, Albert Einstein, Otto Warburg, Peter Debye, Richard Kuhn, Adolf Butenandt und Otto Hahn. Die übrigen sechs spielten dennoch eine wichtige Rolle als Forscher oder in der Verwaltung: Max von Laue, Max Planck, Otto Meyerhof, James Franck, Werner Heisenberg und Hans Spemann. Carl Bosch erhielt 1931 den Nobelpreis für Chemie, der sich jedoch auf seine industrielle Entwicklungsarbeit bei BASF bezog, nicht auf seine Tätigkeit als KWG-Präsident.
Insgesamt gab es 14 Abteilungsleiterinnen in 10 Kaiser-Wilhelm-Instituten, drei davon nur inoffiziell. Drei waren Wissenschaftliche Mitglieder der KWG. Fünf wurden während der NS-Zeit aus ihren Positionen vertrieben, darunter Lise Meitner und Cécile Vogt.