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Tibetischer Kalender

Das tibetische Jahr besteht aus 12 oder 13 lunaren Monaten (tib.: tshes-zla), die jeweils grob gesprochen mit dem ersten Tag nach dem Neumond beginnen. Auf der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundprinzip und Entwicklung
  2. 2. Jahresanfang und Jahresbezeichnungen
  3. 3. Jahreszählung mit Zahlen
  4. 4. Monate und Schaltmonate
  5. 5. Tagesrechnung
  6. 6. Einteilung des Tages

Grundprinzip und Entwicklung

Der tibetische Kalender (tibetisch bod kyi lo tho, auch le'u-tho) ist ein astronomischer, lunisolarer Kalender. Er verbindet Mondmonate mit dem Sonnenjahr. Die jährliche Berechnung des Kalenders, traditionell mithilfe eines Sandabakus, gehörte zu den Hauptaufgaben der tibetischen Astronomie.

Ein tibetisches Jahr umfasst 12 oder 13 lunare Monate. Diese beginnen grob mit dem ersten Tag nach dem Neumond. Weil 65 solare Monate 67 synodischen oder lunaren Monaten entsprechen, wird durchschnittlich alle 32,5 Monate ein Schaltmonat eingefügt. Dadurch bleibt das Kalenderjahr im Mittel an das Sonnenjahr angepasst.

In verschiedenen Regionen Tibets waren bis in die Neuzeit gleichzeitig mehrere Kalendersysteme gebräuchlich. Besonders wichtig waren die Berechnung nach dem Kālacakratantra sowie die Systeme der Phugpa- und der Tshurphu-Schule.

Während der Yar-lung-Dynastie wurden Jahre nach den zwölf Tieren des ostasiatischen Tierkreises und Monate nach Jahreszeiten benannt; das Jahr begann mit dem Sommer. Die Übersetzung des buddhistischen Kālacakratantra in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts leitete eine grundlegende Umgestaltung ein. Das Werk behandelte unter anderem die Bahnen von Sonne, Mond und den fünf Planeten Mars, Venus, Merkur, Jupiter und Saturn sowie Sonnen- und Mondfinsternisse. Erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts etablierte Chögyel Phagpa Lodrö Gyeltshen diesen Kalender als offiziellen tibetischen Kalender. Trotz späterer Änderungen blieb er ein lunisolarer Kalender indischer Herkunft.

Jahresanfang und Jahresbezeichnungen

Während der Yar-lung-Dynastie vom 7. bis 9. Jahrhundert begann das Jahr am Sommeranfang. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begann das zivile Jahr gewöhnlich am ersten Tag des 1. Hor-Monats. Dieses Neujahr heißt Lo-gsar beziehungsweise Losar. Das astronomische Jahr begann dagegen stets mit dem 3. Hor-Monat, dem Nag-zla, Sanskrit Caitra, beziehungsweise dem mittleren Frühlingsmonat. Daneben bestanden weitere Traditionen gleichzeitig.

Ein tibetisches Jahr stimmt nicht genau mit einem gregorianischen oder julianischen Jahr überein. Es beginnt meist im Februar oder März eines gregorianischen Jahres und endet im Februar oder März des Folgejahres.

Jahre konnten durch Namen und durch verschiedene Zyklen bezeichnet werden. Der älteste belegte Zyklus ist der Zwölf-Jahres-Zyklus: Maus, Rind, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Schaf, Affe, Vogel, Hund und Schwein. Er beginnt mit dem Maus-Jahr und endet mit dem Schwein-Jahr.

Der sinotibetische Sechzig-Jahres-Zyklus heißt drug-cu-skor. Er kombiniert die zwölf Tiere mit den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Eisen und Wasser: 5 × 12 = 60 Jahre. Zusätzlich wird zwischen männlichen und weiblichen Jahren unterschieden. Ein Name wie shing-pho-byi bezeichnet daher ein männliches Holz-Maus-Jahr. Die Zyklen wurden mit Ordinalzahlen gezählt, die einzelnen Jahre innerhalb eines Zyklus jedoch traditionell nur benannt. Der erste Zyklus beginnt mit dem Shing-byi-Jahr 1024.

Der ebenfalls 60-jährige Rab-byung-Zyklus ist indischer Herkunft und wird auch Brhaspaticakra genannt. Sein erstes Jahr in Tibet ist 1027, entsprechend dem ersten Jahr des 70. Zyklus der indischen Telinga-Zeitrechnung. Auch hier zählt man die Zyklen, während die einzelnen Jahre Namen tragen. Eine seltene Ausnahme bilden Münzen des frühen 20. Jahrhunderts mit Angaben wie rab byung 15 lo 43.

Jahreszählung mit Zahlen

Neben den Jahreszyklen gab es Zählungen ab einem angenommenen historischen Ausgangsjahr, der sogenannten Epoche. Auf tibetischem Papiergeld der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde als Epoche das Jahr 255 n. Chr. verwendet, das vermutete Geburtsjahr König Thothori Nyantsens und ein angenommenes Gründungsjahr der tibetischen Monarchie. Das Jahr 1659 dieser Zählung entspricht nach der Rechnung 1659 + 255 − 1 dem Jahr 1913. Ihre Einführung hing mit der Ausrufung der tibetischen Unabhängigkeit durch den 13. Dalai Lama im Jahr 1912 zusammen.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird außerdem eine als rgyal lo, „Bot Gyalo“ beziehungsweise besser „Bö Gyello“, bezeichnete Zählung verwendet. Sie setzt die Epoche auf 127 v. Chr., das angebliche Ankunftsjahr des Königs gNya khri btsan po in Tibet. So entspricht 2009 dem tibetischen Jahr 2136.

Eine weitere Zählung heißt rab lo. Ihre Epoche ist das erste Jahr des ersten Rab-byung-Zyklus, also 1027. Daher entspricht rab lo 928 dem Jahr 1954. Wegen des Jahresbeginns gilt die Zuordnung jeweils ungefähr ab Februar oder März: So entsprechen ab Februar/März 2025 dem gregorianischen Jahr 2025 je nach Epoche die Zahlen 2151, 1771 oder 999.

Monate und Schaltmonate

Ein tibetischer Kalendermonat ist grundsätzlich die Zeit zwischen zwei Neumonden. Normalerweise fällt der Vollmond auf den 15. und der Neumond auf den 30. Kalendertag. Der astronomische synodische Monat, tibetisch tshes-zla, ist genauer die Zeit, in der sich die Elongation des Mondes gegenüber der Sonne um 360 Grad ändert. Der Kalendermonat ist nicht völlig mit ihm identisch: Er beginnt mit dem natürlichen Tag, an dem der erste lunare Tag endet, und endet mit dem natürlichen Tag, an dem der 30. lunare Tag endet.

Monate wurden auf mehrere Arten bezeichnet. In der Yar-lung-Zeit gab es für jede Jahreszeit einen ersten, mittleren und letzten Monat. Seit dem 12. Jahrhundert wurden außerdem die zwölf Tiernamen verwendet; durch Geschlecht und Elemente konnten daraus 60 Monatsbezeichnungen entstehen. Bei den indischen Mondhausmonaten erhielt ein Monat den Namen des Mondhauses, in dem ungefähr der Vollmond lag. Verwendet wurden mchu, dbo, nag, sa ga, snron, chu stod, gro bzhin, khrums, tha skar, smin drug, mgo und rgyal. Zur Bildung des Monatsnamens wurde zla ba, „Monat“, angefügt, etwa dbo zla ba.

Chögyel Phagpa führte in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Hor-Monate ein: Die Monate wurden als 1. bis 12. Hor-Monat gezählt. Alle genannten Bezeichnungssysteme blieben bis 1960 parallel in Gebrauch.

Die Zuordnung war je nach Schule unterschiedlich. Der 1. Hor-Monat entsprach in den Traditionen des Kālacakratantra stets dem mChu-Monat. Im Kālacakratantra galt er als letzter Wintermonat. Nach späteren Beobachtungen lagen Sonnenwenden und Tag-und-Nacht-Gleichen jedoch einen solaren Monat früher; Chögyel Phagpa verschob deshalb die Jahreszeitenmonate um einen Monat. Dragpa Gyeltshen, Phagpa und die Tshurphu-Schule setzten den 1. Hor-Monat mit dem Tiger-Monat gleich, die Phugpa-Schule dagegen mit dem Drache-Monat.

Da zwölf Mondmonate kürzer als ein Sonnenjahr sind, werden Schaltmonate, tibetisch zla bshol oder zla lhag, eingefügt. Im 2. Jahrtausend waren dafür in Tibet verschiedene Berechnungsmethoden gebräuchlich.

Tagesrechnung

Der Kalender unterscheidet drei Tagesarten. Ein Zodiak-Tag, tibetisch khyim-zhag, ist ein Dreißigstel eines solaren Monats; ein solarer Monat ist die Zeit, in der die mittlere Sonne ein Tierkreiszeichen durchläuft. Ein lunarer Tag, tshes-zhag, ist die Zeit, in der sich die Elongation des Mondes um 12 Grad ändert. Wegen der unregelmäßigen Bewegungen von Sonne und Mond ist seine Länge veränderlich. 30 lunare Tage bilden einen synodischen Monat. Ein natürlicher Tag, nyin-zhag, reicht von einer Morgendämmerung bis zur nächsten.

Ein Kalendermonat umfasst 29 oder 30 natürliche Tage. Der synodische Monat dauert genau 29,53059 natürliche Tage, sodass manche Monate verkürzt werden müssen, wenn Vollmond und Neumond weiterhin dem 15. und 30. Datum zugeordnet werden sollen. Seit der Einführung der Kālacakratantra-Berechnung konnten Datumszahlen auch mitten im Monat ausgelassen oder an zwei aufeinanderfolgenden natürlichen Tagen wiederholt werden. Der Monatsablauf endet grundsätzlich mit dem Tag, der die Datumszahl 30 trägt; fällt diese aus, endet der Monat mit dem Datum 29.

Die Folge der natürlichen Tage und Wochentage bleibt dabei lückenlos. Nur die lunaren Datumszahlen von 1 bis 30 können fehlen oder doppelt erscheinen: Auf Montag, den 1., kann beispielsweise Dienstag, der 3., oder nochmals Dienstag, der 1., folgen. Dies erschwert die Umrechnung tibetischer Datumsangaben. Seit 1973 stehen jedoch verlässliche, mit Computerprogrammen berechnete Umrechnungstabellen zur Verfügung.

Die sieben Wochentage tragen die Namen von Sonne, Mond und fünf Planeten: Sonntag gza' nyi-ma, Montag gza' zla-ba, Dienstag gza' mig-dmar, Mittwoch gza' lhag-pa, Donnerstag gza' phur-bu, Freitag gza' pa-sangs und Samstag gza' spen-pa. Tage konnten außerdem wie Jahre nach den zwölf Tieren sowie nach Geschlecht und Element bezeichnet werden. Fehlt oder wiederholt sich eine lunare Datumszahl, fehlt oder wiederholt sich auch die zugehörige Tierkreisbezeichnung.

Einteilung des Tages

Der natürliche Tag wird in zwölf Tageszeiten, tibetisch dus tshod, eingeteilt. Jede kann zusätzlich durch ein Tier des ostasiatischen Tierkreises bezeichnet werden: nam lang, Morgendämmerung, ist der Hase; nyi shar, Sonnenaufgang, der Drache; nyi dros, Vormittag, die Schlange; nyin phyed, Mittag, das Pferd; phyed yol, früher Nachmittag, das Schaf; myur kha, später Nachmittag, die Affe; nyi nub, Sonnenuntergang, der Vogel; sa sros, Abenddämmerung, der Hund; srod 'khor, später Abend, das Schwein; nam phyed, Mitternacht, die Maus; phyed yol, nach Mitternacht, das Rind; und tho rang, späte Nacht, der Tiger. Wie bei Jahren, Monaten und Tagen können den Tiernamen zusätzlich die fünf Elemente der sinotibetischen Divinationsrechnung zugeordnet werden.

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