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1914
Das Jahr 1914 stellt in mehrfacher Hinsicht eine historische Zäsur dar. Das Attentat von Sarajevo, bei dem serbische Nationalisten den österreichisch- …
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Historische Bedeutung des Jahres
1914 gilt als historische Zäsur: Nach dem Attentat von Sarajevo begann der Erste Weltkrieg, der als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet wird. Damit endeten unter anderem die Belle Époque, das „Lange 19. Jahrhundert“ der bürgerlichen Emanzipation und das Zeitalter des Imperialismus. Aus einem regionalen Konflikt auf dem Balkan entstand durch Großmachtpolitik und politische Fehleinschätzungen rasch ein Krieg in fast ganz Europa und in den Kolonien.
Zu Beginn herrschten vielfach Patriotismus und die Erwartung eines schnellen Sieges vor. Kritische Stimmen, darunter der neu gewählte Papst Benedikt XV., blieben zunächst kaum hörbar. Noch 1914 wurde jedoch deutlich, dass ein langer Stellungs- und Grabenkrieg entstehen würde. Der Weihnachtsfrieden an der Westfront am 24. Dezember war ein außergewöhnlicher Moment der Verständigung zwischen deutschen und alliierten Soldaten.
Vom Attentat zum Weltkrieg
Am 28. Juni erschoss Gavrilo Princip, Mitglied von Mlada Bosna, in Sarajevo den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie. Die tatsächliche oder vermutete Verbindung der Attentäter zu Schwarzer Hand und Narodna Odbrana wurde zum Auslöser der Julikrise.
Österreich-Ungarn sicherte sich am 5./6. Juli durch die Mission Alexander Graf von Hoyos Unterstützung aus dem Deutschen Reich. Am 23. Juli stellte Außenminister Leopold Graf Berchtold Serbien ein Ultimatum mit 48 Stunden Frist. Serbien erfüllte die Forderungen weitgehend, aber nicht vollständig. Österreich-Ungarn erklärte Serbien am 28. Juli den Krieg und begann noch in derselben Nacht Belgrad zu beschießen. Russland ordnete am 30. Juli die Generalmobilmachung an.
Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg und mobilisierte; Frankreich mobilisierte ebenfalls. In Deutschland wurde die Kriegsbegeisterung als „Augusterlebnis“ bezeichnet. Deutschland forderte am 2. August freien Durchmarsch durch das neutrale Belgien und verletzte damit das Londoner Protokoll von 1839. Nach der deutschen Kriegserklärung an Frankreich am 3. August und dem Einmarsch in Belgien am 4. August trat Großbritannien am 5. August in den Krieg ein. Nun standen alle europäischen Großmächte außer Italien im Kriegszustand; Japan trat der Entente bei und erklärte Deutschland am 23. August den Krieg.
Auch die Gesellschaft wurde auf den Krieg ausgerichtet: Der Reichstag beschloss am 4. August den „Burgfrieden“, Kriegsanleihen und ein Kriegsermächtigungsgesetz. Gegenpositionen entstanden etwa mit Rosa Luxemburgs Gruppe Internationale. Karl Liebknecht stimmte am 2. Dezember als einziger Reichstagsabgeordneter gegen die Verlängerung der Kriegskredite.
Krieg in Europa
An der Westfront scheiterte der deutsche schnelle Vormarsch. Beim Einmarsch in Belgien und Nordfrankreich verübten deutsche Truppen zahlreiche Kriegsverbrechen. Beispiele sind die Zerstörung Löwens vom 25. bis 28. August mit 248 Getöteten und mehr als 1.000 zerstörten Gebäuden einschließlich der Universitätsbibliothek sowie das Massaker von Dinant am 23. August mit 674 Getöteten. Die Schlacht an der Marne endete am 12. September; damit scheiterte der Schlieffen-Plan. Die anschließende Schlacht an der Aisne leitete den Grabenkrieg ein. In der Ersten Flandernschlacht vom 20. Oktober bis 18. November starben auf jeder Seite rund 100.000 Soldaten.
Die Fronten Österreich-Ungarns entwickelten sich unterschiedlich: In Serbien endete die Schlacht von Cer am 24. August mit einem serbischen Sieg. Nach anfänglichen Erfolgen in Galizien brach die österreichisch-ungarische Front nach der Schlacht von Lemberg im September zusammen. Eine erneute Offensive eroberte Ende November Belgrad, doch die serbische Gegenoffensive führte bis 15. Dezember zur vollständigen Räumung Serbiens durch Österreich-Ungarn.
An der deutschen Ostfront drangen russische Truppen ab 19. August in Ostpreußen ein. Deutsche Truppen unter Paul von Hindenburg zerschlugen sie am 31. August in der Schlacht bei Tannenberg; anschließend zogen sich russische Divisionen nach der Schlacht an den Masurischen Seen aus Ostpreußen zurück. In Polen und den Karpaten blieben die Kämpfe Ende des Jahres offen.
Das Osmanische Reich stand auf Seiten der Mittelmächte. Russland eröffnete am 1. November die Kaukasusfront. In der am 22. Dezember begonnenen Schlacht von Sarıkamış starben rund 10.000 osmanische Soldaten an Kälte, Hunger und Erschöpfung. Großbritannien begann am 6. November den Mesopotamienfeldzug, nahm Fao und später Basra ein; am 19. Dezember wurde Ägypten britisches Protektorat.
Weltkrieg außerhalb Europas und auf See
Der Krieg erfasste auch Kolonien. In Westafrika wurde die deutsche Kolonie Togo nach Kämpfen und der Zerstörung der Funkstation Kamina am 27. August an britisch-französische Truppen übergeben. In Deutsch-Ostafrika besetzte die Schutztruppe unter Paul von Lettow-Vorbeck Taveta und schlug britisch-indische Truppen am 2. November bei Tanga zurück. Im südlichen Afrika siegte die deutsche Schutztruppe am 26. September bei Sandfontein, während Südafrika auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat. Neuseeland besetzte Samoa, Australien Teile von Deutsch-Neuguinea; Japan belagerte Tsingtau und erhielt die Kapitulation am 7. November.
Im See- und Luftkrieg zeigte sich die wachsende Bedeutung neuer Technik. Am 6. August warf ein deutscher Zeppelin Bomben über Lüttich ab; neun Menschen starben. Am 22. September versenkte U 9 unter Otto Weddigen die britischen Panzerkreuzer Aboukir, Cressy und Hogue; 1.467 Menschen starben, 837 überlebten. Am 5. Oktober gelang Joseph Frantz bei Reims der weltweit erste Luftkampfsieg. Das deutsche Ostasiengeschwader siegte am 1. November bei Coronel, wurde aber am 8. Dezember bei den Falklandinseln von der Royal Navy vernichtet; Kommandant Maximilian von Spee starb. Am 24. Dezember fiel die erste deutsche Bombe auf britischen Boden in Dover.
Politik, Wirtschaft und Technik
Außerhalb der Kriegsfronten prägten politische Umbrüche das Jahr. In Albanien entstand nach griechischem Abzug die Autonome Republik Nordepirus, die später eine weitreichende Autonomie unter albanischer Souveränität erhielt. Wilhelm zu Wied verließ Albanien am 3. September nach nur sechs Monaten. In Mexiko besiegte Pancho Villa am 23. Juni bei Zacatecas Regierungstruppen; nach dem Rücktritt Victoriano Huertas am 15. Juli begann ein neuer Konflikt zwischen „Konventionisten“ und „Konstitutionalisten“ um Venustiano Carranza. Die USA besetzten Veracruz vom 21. April bis 23. November. Nigeria wurde am 1. Januar als „Kolonie und Protektorat Nigeria“ zusammengefasst. Das Shimla-Abkommen vom 3. Juli legte die McMahon-Linie fest; China unterzeichnete es nicht und erkannte es später nicht an.
Wirtschaftlich wichtig waren Henry Fords Achtstundentag und der Mindestlohn von fünf US-Dollar täglich ab 12. Januar sowie die Umstellung des Ford Modell T auf Fließbandfertigung am 14. Januar. Sie senkte den Verkaufspreis und sollte nach Ford die Kaufkraft und Nachfrage stärken. Wegen Kriegsangst stellte die deutsche Reichsbank am 31. Juli den Umtausch von Banknoten und Scheidemünzen gegen Goldmark ein. Am 16. November nahmen Banken des Federal Reserve System ihre Arbeit auf.
Zu den technischen und wissenschaftlichen Ereignissen gehörten die erste vollständige Durchfahrt eines Schiffs durch den Panamakanal am 15. August, die erste Verkehrsampel Nordamerikas am 8. August in Cleveland sowie der erste Alleinflug über die Nordsee durch Tryggve Gran am 30. Juli in rund 4½ Stunden. James Franck und Gustav Ludwig Hertz bestimmten die Anregungsenergie in Atomen; Ernest Rutherford identifizierte Protonen. Max von Laue erhielt den Nobelpreis für Physik für die Beugung von Röntgenstrahlen in Kristallen. Literatur- und Friedensnobelpreis wurden nicht verliehen.
Kultur, Gesellschaft und Umwelt
Die Kölner Werkbundausstellung wurde am 15. Mai eröffnet, musste wegen des Kriegs am 8. August schließen. Literarisch erschienen unter anderem James Joyces „Dubliner“, Hermann Hesses „Roßhalde“ und Selma Lagerlöfs „Der Kaiser von Portugallien“. Die Universität Frankfurt am Main begann am 18. Oktober still ihre Arbeit, da eine offizielle Eröffnung wegen des Kriegs ausfiel.
Papst Pius X. starb am 20. August; am 3. September wurde Benedikt XV. gewählt. Er bewahrte strikte Neutralität und beklagte im Apostolischen Schreiben „Ubi Primum“ vom 8. September den Krieg zwischen Christen in Europa. Am 1. September starb im Zoo von Cincinnati mit Martha die letzte bekannte Wandertaube. Der Untergang der „Empress of Ireland“ am 29. Mai forderte 1.032 Tote bei 465 Überlebenden.
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