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Julikrise

Die Julikrise war die Zuspitzung der Konfliktlage zwischen den fünf europäischen Großmächten sowie Serbien, die auf die Ermordung des österreichischen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Ausgangslage
  2. 2. Österreich-Ungarns Vorgehen und deutsche Rückendeckung
  3. 3. Ultimatum und internationale Reaktionen
  4. 4. Eskalation zum europäischen Krieg
  5. 5. Motive, Bündnisse und Öffentlichkeit
  6. 6. Historische Bewertung und Kriegsschuld

Kern und Ausgangslage

Die Julikrise bezeichnet die Zuspitzung der Konflikte zwischen den fünf europäischen Großmächten Deutschland, Österreich-Ungarn, Russland, Frankreich und Großbritannien sowie Serbien nach dem Attentat von Sarajevo. Sie begann mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie am 28. Juni 1914 und führte innerhalb von gut fünf Wochen zum Ersten Weltkrieg.

Der bosnisch-serbische Jugendliche Gavrilo Princip, Mitglied der nationalistischen Bewegung Mlada Bosna, erschoss das Paar bei einem offiziellen Besuch in Sarajevo. Die Attentäter wollten Österreich-Ungarn schwächen und langfristig den Anschluss Bosniens und Herzegowinas an Serbien erreichen. Waffen und Unterstützung kamen unter anderem von dem serbischen Offizier Vojislav Tankosić und dem Eisenbahnangestellten Milan Ciganović. Eine Beteiligung der serbischen Regierung war jedoch nicht nachweisbar. Der Ermittler Friedrich Wiesner berichtete am 13. Juli, ihre Mitwisserschaft sei durch nichts erwiesen; zugleich hielt er eine moralische Mitschuld für möglich, weil Serbien nationalistische Organisationen wie die Narodna Odbrana gewähren ließ.

Die serbische Regierung bedauerte das Attentat, bestritt aber jede Verwicklung. Antiserbische Ausschreitungen in Bosnien und Kroatien sowie gegenseitige Presseangriffe verschärften die Lage. Entscheidend war schließlich nicht allein das Attentat, sondern das Zusammenwirken von Bündnissen, nationalen Interessen, militärischen Planungen und riskanter Krisenpolitik. Dieses Vorgehen am Rand eines Krieges wird als „Brinkmanship“ bezeichnet.

Österreich-Ungarns Vorgehen und deutsche Rückendeckung

Führende österreichisch-ungarische Militärs und Politiker, besonders Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, betrachteten das Attentat als Gelegenheit, Serbien militärisch niederzuwerfen. Sie sahen in der großserbischen Bewegung eine Gefahr für den Vielvölkerstaat. Außenminister Leopold Berchtold verständigte sich Anfang Juli grundsätzlich mit anderen Verantwortlichen auf eine „Abrechnung“ mit Serbien. Der ungarische Ministerpräsident István Tisza warnte zunächst vor einem Krieg und vor der Annexion weiterer slawischer Gebiete.

Mit der „Mission Hoyos“ erkundigte sich Wien nach deutscher Unterstützung. Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sicherten Österreich-Ungarn am 5. und 6. Juli volle Rückendeckung zu. Diese Zusage wird als deutscher „Blankoscheck“ bezeichnet: Wien konnte auch dann mit deutscher Hilfe rechnen, wenn sein Vorgehen gegen Serbien zu einem Konflikt mit Russland führte. Deutschland drängte anschließend auf rasches Handeln und ein scharfes, möglichst unannehmbares Ultimatum.

Über die Ziele Österreich-Ungarns bestand zunächst keine Einigkeit. Kaiser Franz Joseph sprach von einer Isolierung und Verkleinerung Serbiens; Alexander Hoyos erwähnte sogar dessen völlige Aufteilung. Am 19. Juli beschlossen die Minister, möglichst kein Gebiet selbst zu annektieren, Serbien aber durch Gebietsabtretungen an andere Balkanstaaten zu schwächen. Nach außen erklärte Wien dagegen, keine Eroberungsabsichten zu besitzen. Diese widersprüchlichen Aussagen weckten Misstrauen.

Ultimatum und internationale Reaktionen

Am 23. Juli um 18 Uhr übergab Österreich-Ungarn Serbien ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum mit zehn Forderungen. Serbien sollte unter anderem Tankosić und Ciganović festnehmen, die Narodna Odbrana auflösen, antiösterreichische Veröffentlichungen unterbinden und belastete Beamte, Lehrer und Offiziere entlassen. Besonders umstritten waren die Forderungen, österreichisch-ungarische Organe an der Bekämpfung subversiver Bewegungen und an Ermittlungen auf serbischem Gebiet zu beteiligen. Die meisten Historiker halten das Ultimatum für bewusst unannehmbar formuliert; Christopher Clark und John Keegan bewerten die Ermittlungsforderungen weniger kritisch.

Serbien setzte am 25. Juli um 15 Uhr die Generalmobilmachung in Kraft und übergab um 17.55 Uhr seine Antwort. Es akzeptierte die meisten Forderungen, lehnte aber die Teilnahme österreichisch-ungarischer Beamter an Untersuchungen ab, weil dies gegen seine Verfassung und sein Strafprozessrecht verstoße. Die Entente-Mächte werteten dies als weitgehendes Entgegenkommen, Österreich-Ungarn und Deutschland als unzureichend.

Russland verstand sich als Schutzmacht Serbiens und wollte weder dessen Zerstörung noch eine weitere Schwächung seiner Balkanstellung hinnehmen. Am 24. und 25. Juli beschloss die russische Führung für den Kriegsfall die Mobilmachung mehrerer Militärbezirke. Nach einer umstrittenen Deutung begannen schon vorher verdeckte Vorbereitungen; diese bedeuteten jedoch nicht zwingend einen Entschluss zum Krieg.

Frankreich sicherte Russland während des Staatsbesuchs von Präsident Raymond Poincaré vom 20. bis 23. Juli Bündnistreue zu. Großbritanniens Außenminister Edward Grey schlug eine Fristverlängerung und eine Vermittlung durch Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien vor. Kaiser Wilhelm II. und Grey regten außerdem an, Österreich-Ungarn solle Belgrad als „Faustpfand“ besetzen und anschließend verhandeln. Die Vorschläge wurden verzögert weitergeleitet oder abgelehnt. Italien sah keinen Bündnisfall, weil Österreich-Ungarn die Krise selbst ausgelöst und seinen Dreibundpartner nicht vorher informiert hatte.

Eskalation zum europäischen Krieg

Am 28. Juli erklärte Österreich-Ungarn Serbien trotz laufender Vermittlungsversuche den Krieg. In der Nacht zum 29. Juli begann die Beschießung Belgrads. Russland reagierte mit einer Teilmobilmachung, die offiziell nur gegen Österreich-Ungarn gerichtet war, ordnete aber am 30. Juli die Generalmobilmachung an.

Für Deutschland entstand daraus aufgrund des Schlieffenplans eine militärische Zwangslage. Dieser Plan sah vor, Frankreich schnell im Westen zu besiegen, während das langsamer mobilisierende Russland seine Armee sammelte. Gleichzeitige russische Mobilmachung und weitere Verhandlungen waren darin nicht vorgesehen. Am 31. Juli verkündete Deutschland den „Zustand drohender Kriegsgefahr“ und verlangte innerhalb von 12 Stunden das Ende der russischen Generalmobilmachung. Frankreich erhielt ein Ultimatum von 18 Stunden und sollte für den Fall eines deutsch-russischen Krieges Neutralität zusichern.

Nachdem Russland nicht nachgab, beschloss Deutschland am 1. August die Generalmobilmachung und erklärte Russland den Krieg. Am 3. August folgte die Kriegserklärung an Frankreich. Deutschland besetzte Luxemburg und verlangte freien Durchmarsch durch das neutrale Belgien. Der Einmarsch in Belgien am 4. August verletzte die international garantierte belgische Neutralität und führte noch am selben Tag zur britischen Kriegserklärung an Deutschland. Österreich-Ungarn erklärte Russland am 6. August den Krieg; Großbritannien folgte am 12. August mit seiner Kriegserklärung an Österreich-Ungarn. Italien blieb zunächst neutral.

Motive, Bündnisse und Öffentlichkeit

Die Entscheidungen aller Mächte waren von Sicherheitsinteressen, Machtpolitik und Fehleinschätzungen geprägt. In Deutschland fürchteten besonders die Militärs die wachsende Stärke Russlands und Frankreichs. Generalstabschef Helmuth von Moltke hatte seit 1908 einen Präventivkrieg gefordert, also einen frühen Angriff, bevor die Gegner noch stärker würden. Umstritten ist, ob die Reichsleitung 1914 gezielt einen europäischen Krieg anstrebte oder vor allem glaubte, den österreichisch-serbischen Konflikt begrenzen zu können. Quellen zeigen jedenfalls, dass Bethmann Hollweg das Risiko eines Weltkriegs kannte.

Russland wollte Serbien und seinen Einfluss auf dem Balkan erhalten; außerdem waren Bosporus und Dardanellen für den russischen Handel wichtig. Frankreich betrachtete das Bündnis mit Russland als Grundlage seiner Sicherheit gegenüber Deutschland und erwartete im Kriegsfall einen schnellen russischen Angriff auf Ostpreußen. Großbritannien war zwar nicht durch die Triple Entente zum Krieg verpflichtet, hatte aber ein geheimes Marine-Abkommen mit Frankreich. Italien war im Dreibund nur für bestimmte Verteidigungsfälle gebunden und verlangte bei österreichischen Gebietsgewinnen Kompensationen.

In der deutschen Öffentlichkeit blieb der Ernst der Krise zunächst weitgehend unerkannt. Am 28. Juli beteiligten sich schätzungsweise 500.000 bis 750.000 Menschen an von der SPD angeregten Antikriegskundgebungen; zugleich fanden nationalistische Kundgebungen statt. Falschmeldungen über die deutsche Mobilmachung sowie angebliche russische und französische Angriffe verstärkten später den Eindruck, Deutschland werde überfallen. Dies begünstigte den politischen „Burgfrieden“ und eine breite Zustimmung zum Krieg. Ähnliche Vorstellungen, schuldlos in den Krieg gezogen worden zu sein, bestanden auch in anderen beteiligten Staaten.

Historische Bewertung und Kriegsschuld

Die Verantwortung für die Julikrise ist bis heute umstritten. Der Versailler Vertrag schrieb Deutschland und seinen Verbündeten in Artikel 231 die Verantwortung für die Verluste des Krieges zu. In der Weimarer Republik wurde dies fast allgemein abgelehnt; die Forschung diente häufig dem Nachweis deutscher Unschuld und der Revision des Vertrags.

Seit Fritz Fischers Buch „Griff nach der Weltmacht“ von 1961 stehen sich mehrere Hauptdeutungen gegenüber:

  • Fischer und seine Schüler sehen in der deutschen Politik den Versuch, einen Kontinentalkrieg zu provozieren und eine deutsche Hegemonie in Europa zu erreichen.
  • Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler erklären die aggressive Außenpolitik als „Flucht nach vorn“, mit der traditionelle Eliten ihre durch innere Konflikte gefährdete Stellung sichern wollten.
  • Forscher wie Egmont Zechlin und Andreas Hillgruber sprechen von einem außenpolitisch motivierten „kalkulierten Risiko“: Deutschland habe seine Isolation durchbrechen und den Konflikt begrenzen wollen, dabei aber einen Großkrieg in Kauf genommen.

Viele Historiker betonen außerdem den Einfluss starrer militärischer Planungen, besonders des Schlieffenplans, auf die politische Führung. Jürgen Angelow bezeichnet die deutsche Strategie als „Brinkmanship“, also als Politik eines kaum kalkulierbaren Risikos am Rand des Abgrunds.

Christopher Clark rückte 2013 in „Die Schlafwandler“ stärker das Zusammenwirken aller Großmächte in den Mittelpunkt: Alle hätten sich unter äußeren Druck gesetzt gefühlt, zugleich aber durch eigene Entscheidungen zur Eskalation beigetragen. Kritiker wie Gerd Krumeich, Volker Ullrich, Heinrich August Winkler und Annika Mombauer werfen dieser Sicht vor, die besondere Verantwortung Deutschlands und Österreich-Ungarns zu verharmlosen. Andere Historiker unterstützen Clarks breiteren europäischen Ansatz. Einigkeit besteht somit weder über die Gewichtung der Verantwortung noch darüber, ob planvolle Kriegsabsicht, Präventivdenken, Fehlkalkulationen oder das Zusammenwirken aller Mächte ausschlaggebend waren.

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