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Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts
Das Jahr 1917 mit der Oktoberrevolution – die (im Rahmen dieser Deutungslogik) als Ereignis ohne den „großen Krieg“ undenkbar gewesen wäre – wird, durchaus …
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Bedeutung des Begriffs
Als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnen einige Historiker den Ersten Weltkrieg. Die Formel geht auf den US-amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan zurück. Er charakterisierte den Krieg 1979 als „the great seminal catastrophe of this century“.
Die Bezeichnung ordnet dem Ersten Weltkrieg eine grundlegende Bedeutung für die weitere Geschichte des 20. Jahrhunderts zu: Er erscheint als Ausgangspunkt von Entwicklungen, die Europa und die Welt langfristig veränderten.
Deutung der Folgen
In dieser Deutungslogik gilt 1917 mit der Oktoberrevolution als Epochenjahr, also als Jahr eines tiefen historischen Einschnitts. Die Oktoberrevolution wäre ohne den „großen Krieg“ demnach undenkbar gewesen. Analog zu marxistischen Modellen steht 1917 für das Ende des Aufstiegs des Bürgertums im „langen 19. Jahrhundert“ in Europa und der Welt.
Zugleich beginnt der Übergang zur Systemkonkurrenz, also zum Wettbewerb gegensätzlicher gesellschaftlicher und politischer Systeme. Sie prägte das „kurze 20. Jahrhundert“ bis zum Zerfall der Sowjetunion. Auch der Zweite Weltkrieg wird in dieser Sicht als Konsequenz und Folge des Ersten Weltkriegs verstanden. Besonders der Aufstieg und die Machtübernahme Hitlers im Deutschen Reich werden auf Krisen zurückgeführt, die der Erste Weltkrieg verursacht habe.
Ursprüngliche und heutige Verwendung
Kennans ursprüngliche Formulierung stand im Kern für eine konservative Deutung. Danach brach der Weltkrieg als „Katastrophe“ über eine politisch und sozial intakte oder zumindest ohne größere Krisen funktionierende Ordnung herein; Kennan bezeichnete diese als „westliche Zivilisation“. Der Krieg wird dabei nicht hauptsächlich aus langfristigen Bewegungsgesetzen, Spannungen und Widersprüchen dieser Ordnung erklärt.
Als Katastrophe gilt in dieser Interpretation nicht vor allem der Krieg selbst, sondern seine bedauerliche Folgewirkung: die langfristige Destabilisierung bürgerlicher Gesellschaften und Ordnungsmodelle. Nicht längerfristige historische Trends, sondern der Krieg und stärker noch das Jahr 1917 erscheinen als genuiner „Ausgangspunkt eines dramatischen Wandels zum Schlechteren“.
Heute verwenden zahlreiche Historiker den Begriff, häufig ohne systematischen Bezug, obwohl sie mit unterschiedlichen Methoden, Fragestellungen und Ergebnissen arbeiten. Seit etwa zwanzig Jahren greifen auch Journalisten und Publizisten oft auf Kennans Formel zurück. Dabei ist ihre Verwendung oft nicht mehr mit einer bewussten und eindeutigen Abgrenzung von konkurrierenden Interpretationen verbunden. Deshalb wird der Ausdruck mitunter als „sedimentiert“ oder als „abgenutzt durch immerwährende Wiederholung“ betrachtet.