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Belle Époque

Für die Zeit vor der Jahrhundertwende wird der Begriff Fin de Siècle („Jahrhundertende“) verwendet. All diese zeitgenössischen Epochenzuschreibungen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Grundbild
  2. 2. Politik, Nationalismus und Kolonialherrschaft
  3. 3. Wirtschaft, Welthandel und Organisationen
  4. 4. Elektrizität, Kommunikation und neue Geräte
  5. 5. Mobilität und militärische Folgen
  6. 6. Gesellschaft, Bildung und problematische Seiten

Einordnung und Grundbild

Die Belle Époque („schöne Epoche“) ist ein nostalgisches, erst im Nachhinein geprägtes Epochenbild. Sie umfasst ungefähr fünf Jahrzehnte: die 1870er bis zu den frühen 1910er Jahren. Ihr Ende wird allgemein mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 angesetzt.

Sie wird vor allem als europäische, besonders französische Kulturepoche dargestellt, die mit Frieden, Wirtschaftswachstum, Wohlstand, wissenschaftlichem Fortschritt und Lebensfreude verbunden wird. Vergleichbare Bezeichnungen sind das späte Viktorianische Zeitalter und die Edwardianische Epoche in Großbritannien, Gründerzeit und Wilhelminismus in Deutschland, die Gründerzeit in Österreich-Ungarn sowie das Gilded Age in den USA. Für die Zeit vor 1900 steht auch der Begriff Fin de Siècle.

Das Bild der Epoche darf nicht mit der gesamten Wirklichkeit verwechselt werden: Es prägte vor allem das mittlere und gehobene Bürgertum, das vom Fortschritt besonders profitierte. Paris wurde mit Boulevards, Cafés, Cabarets, Ateliers, Galerien, Konzertsälen und Salons zum wichtigen Zentrum. Auch Metropolen wie Wien, Berlin, London, Brüssel, Sankt Petersburg und Mailand sowie Kur- und Badeorte gehörten zu dieser mondänen Kultur. Große soziale Ungleichheiten blieben jedoch bestehen.

Politik, Nationalismus und Kolonialherrschaft

Auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 folgte eine ungewöhnlich lange Friedenszeit in Europa. Gleichzeitig wuchsen die Spannungen zwischen Staaten. Bündnisse sollten Sicherheit schaffen, verschärften aber die Blockbildung: Dreikaiserabkommen (1873), Zweibund zwischen Deutschem Reich und Österreich-Ungarn (1879), Dreikaiserbund (1881), Dreibund mit Italien (1882), Französisch-Russische Allianz (1894), Entente Cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien (1904) und Triple Entente mit Russland (1907). Um 1900 zeichneten sich damit die späteren Kriegsblöcke ab.

Nationalismus prägte verschiedene politische Richtungen; völkischer Nationalismus wollte Minderheiten wie Juden und Einwanderer aus dem Nationalverband ausschließen. Im Deutschen Reich folgten auf die Gründung 1871 Aufbruchsstimmung, Kulturkampf und unter Otto von Bismarck Sozialversicherungen: Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884 und Rentenversicherung 1891. Nach Bismarcks Entlassung 1890 zielte Wilhelm II. auf Weltmachtstatus und Marineausbau. Das Flottengesetz von 1898 trug zum Wettrüsten mit Großbritannien bei.

In Frankreich endete nach der Niederlage von 1870/71 das Zweite Kaiserreich; nach der Niederschlagung der Pariser Kommune im Juni 1871 entstand die Dritte Republik. Österreich-Ungarn war ein großer Vielvölkerstaat mit 52,8 Millionen Einwohnern 1914. Russland hob 1861 die Leibeigenschaft auf, wurde unter Alexander III. und Nikolaus II. jedoch wieder streng autokratisch. Die Niederlage gegen Japan 1904/05 und der Petersburger Blutsonntag führten zur Revolution von 1905; das Oktobermanifest schuf eine Staatsduma, doch Reformen wurden bald eingeschränkt.

Die Belle Époque war zugleich Hochimperialismus. Industriestaaten suchten Rohstoffe, Absatzmärkte und Prestige. Bis 1914 kontrollierten europäische Staaten über 80 Prozent der Landfläche der Erde. Der Wettlauf um Afrika führte zu direkter Kolonialherrschaft; besonders berüchtigt waren die Kongogräuel im Kongo-Freistaat Leopolds II. und der Völkermord an Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika ab 1904. Kolonialismus wurde oft mit rassistischen Vorstellungen einer angeblichen „Zivilisierung“ gerechtfertigt. In Asien zwangen die Kolonialmächte China nach dem Boxeraufstand 1900 zu weitgehenden Zugeständnissen.

Wirtschaft, Welthandel und Organisationen

Eine zweite Welle der Industrialisierung trug den Wirtschaftsaufschwung. Wichtige Branchen waren Energiewirtschaft, Chemie, Elektrotechnik, Stahlindustrie und Verkehr. Städte wuchsen durch Fabriken, Wohnungsbau und neue Ballungsräume; zugleich entstanden Gesundheitsprobleme und soziale Konflikte. In den USA stieg der Anteil an der weltweiten Industrieproduktion von 23 Prozent 1870 auf 36 Prozent 1913. Reichtum und Monopole standen dort extremer sozialer Ungleichheit, gefährlichen Arbeitsbedingungen und schwacher Interessenvertretung der Arbeiter gegenüber.

Kohle war der zentrale Brennstoff für Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Schiffe und Fabriken. Erdöl gewann für Motoren an Bedeutung. In der Landwirtschaft steigerten Maschinen, Zuchtfortschritte und Mineraldünger die Erträge. Das von Fritz Haber zwischen 1905 und 1908 entwickelte und von Carl Bosch zur Massenproduktion ausgebaute Haber-Bosch-Verfahren ermöglichte synthetischen Stickstoffdünger.

Der Goldstandard setzte sich um 1870 weltweit durch und wurde ab 1880 in Industriestaaten zum anerkannten Währungssystem. Viele Staaten setzten die Einlösung von Banknoten in Gold ab 1914 aus. Der Welthandel wurde durch den Suezkanal (eröffnet am 17. November 1869, 164 km), den Kanal von Korinth (1893), den Kaiser-Wilhelm-Kanal (1895) und den Panamakanal (eröffnet am 15. August 1914) beschleunigt. Kolonialwaren wie Kaffee, Tee, Zucker, Kakao, Reis, Tabak und Gewürze wurden nun auch für breitere Bevölkerungsschichten verkauft.

Zugleich entstanden Gewerkschaften, sozialistische Parteien und internationale Einrichtungen. Die Zweite Internationale wurde 1889 gegründet und forderte unter anderem den Achtstundentag. Internationale Verwaltungsunionen wie die Internationale Fernmeldeunion (1865) und der Weltpostverein (1874) erleichterten grenzüberschreitende Kommunikation. Auf der Meridian-Konferenz 1884 wurden Zeitzonen, internationale Datumsgrenze und der Greenwich-Meridian als Bezugssystem festgelegt. Weltausstellungen zeigten technische, wirtschaftliche und kulturelle Leistungen: Paris 1889 präsentierte den 300 Meter hohen Eiffelturm; Paris 1900 hatte 80.000 Aussteller aus 40 Ländern und 21 Kolonien sowie 50 Millionen Besucher.

Elektrizität, Kommunikation und neue Geräte

Die kommerzielle Nutzung der Elektrizität veränderte Arbeit, Städte und Haushalt. Thomas Edison und Joseph Swan entwickelten Ende der 1870er Jahre unabhängig voneinander die Glühlampe; Werner von Siemens entwickelte den Dynamo als Generator. Edisons erstes kommerzielles Elektrizitätswerk entstand 1882 in London. Im „Stromkrieg“ setzte sich Wechselstrom gegenüber Gleichstrom durch, weil er über große Strecken einfacher und kostengünstiger übertragen werden konnte. Die Drehstromübertragung Lauffen–Frankfurt bewies 1891 auf 176 Kilometern die Fernübertragung elektrischer Energie.

Elektrische Straßenbahnen, Aufzüge und Haushaltsgeräte verbreiteten sich. Ein Elektroherd wurde 1893 in Chicago vorgestellt; 1908 wurde ein kommerziell erfolgreicher Toaster patentiert. Der Übergang von Gas- zu elektrischem Licht verlief schrittweise. Elektrizität hatte auch problematische Anwendungen: Der elektrische Stuhl wurde 1889 in den USA eingeführt und am 6. August 1890 erstmals eingesetzt.

Telekommunikation bedeutet den Austausch von Informationen über räumliche Entfernung. Telegraphie, Unterseekabel, Telefon und Funk machten Nachrichten zunehmend unabhängig von der Geschwindigkeit eines Boten. In Deutschland wurde Bells Telefon ab 1877 nachgebaut und „Fernsprecher“ genannt; 1881 erschien das erste deutsche Telefonbuch in Berlin. Das erste Gespräch Paris–London über ein Ärmelkanalkabel fand am 18. März 1891 statt. Guglielmo Marconi stellte 1896 die Drahtlostelegrafie öffentlich vor. Der Ausbau weltweiter Kabelnetze und Funktechnik vernetzte Häfen und Kontinente.

Mechanische Geräte erleichterten Büro- und Hausarbeit oder schufen Massenprodukte: Hollerith entwickelte Lochkartensysteme zur Massendatenerfassung, Emil Berliner erfand 1887 das Grammophon, Josephine Cochrane patentierte 1886 eine Geschirrspülmaschine, und King Camp Gillette entwickelte die Einwegrasierklinge. Schnellere Druckverfahren, etwa Linotype-Setzmaschine und Offsetdruck, ermöglichten umfangreichere und billigere Zeitungen. Nachrichtenagenturen wie Havas, Reuters, Wolffs Telegraphisches Bureau und AP wurden wichtige Vermittler weltweiter Nachrichten.

Mobilität und militärische Folgen

Eisenbahn, Dampfschiff, Auto, Fahrrad und Luftfahrt steigerten Mobilität und weltweite Vernetzung. Dampfschiffe aus Eisen und Stahl machten fahrplanmäßige, schnellere Reisen möglich. Ozeandampfer beförderten Passagiere, Post und Fracht, besonders zwischen Europa und Amerika. Die Titanic war 269 m lang, 28 m breit und 53 m hoch; ihr Untergang 1912 erschütterte den Glauben an technische Unfehlbarkeit. Danach wurde drahtlose Telegraphie auf Passagierschiffen gesetzlich vorgeschrieben.

Die erste praxistaugliche elektrische Lokomotive wurde 1878 in Berlin gezeigt. Eisenbahnen dienten Handel, Besiedlung und Militär: Die Transsibirische Eisenbahn wurde von 1891 bis 1901 zwischen Tscheljabinsk und Wladiwostok gebaut. Elektrische Straßenbahnen prägten Städte; die erste von Siemens gebaute elektrische Straßenbahn nahm 1881 bei Berlin den Probebetrieb auf. Die Pariser Métro eröffnete am 19. Juli 1900 ihre erste, 10,6 km lange Linie.

Carl Benz baute 1885 den Patent-Motorwagen Nr. 1; sein Patent für ein „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ datiert vom 29. Januar 1886. Bertha Benz fuhr 1888 von Mannheim nach Pforzheim und zurück, eine erste Fernfahrt von 106 Kilometern. Um 1900 konkurrierten Dampfwagen, Elektroautos und Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor; der Durchbruch des Verbrennungsmotors begann mit Anlasser und Fließbandproduktion ab 1908. Das Fahrrad wurde um 1900 vom Verkehrs- und Freizeitgerät besser gestellter Männer zu einem Massenverkehrsmittel, auch für Frauen.

Die Brüder Wright führten am 17. Dezember 1903 in Kitty Hawk mit dem Wright Flyer einen gesteuerten Motorflug durch: 59 Sekunden und rund 260 Meter. Zeppeline, Flugzeuge und Funk eröffneten neue zivile und militärische Möglichkeiten. Maschinengewehr, rauchschwaches Pulver, Dreadnought-Schiffe, U-Boote, Flugzeuge und Eisenbahnlogistik förderten Wettrüsten. Maschinengewehre und moderne Artillerie stärkten die Verteidigung; Schützengräben und befestigte Stellungen wurden wichtiger und bereiteten den Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs vor.

Gesellschaft, Bildung und problematische Seiten

Die Belle Époque war vor allem die Welt materiell abgesicherter mittlerer und oberer Schichten. Das Großbürgertum aus Unternehmern, Kaufleuten, Bankiers und Fabrikanten gewann Wohlstand, Einfluss und kulturelle Bedeutung. Es finanzierte häufig Museen, Krankenhäuser, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen. Das Bildungsbürgertum prägte Universitäten, Schulen, Presse und Literatur. Sein Bildungsideal bezog sich auf das autonome Individuum und Weltbürgertum, schuf aber auch soziale und sprachliche Abgrenzungen. Bauern, Landarbeiter, Industriearbeiter und kleine Angestellte hatten dagegen nur begrenzt Anteil an Wohlstand und Freizeitkultur.

Die Dreyfus-Affäre spaltete Frankreich und machte Antisemitismus sichtbar. Alfred Dreyfus wurde ungerechtfertigt wegen angeblichen Verrats verurteilt. Émile Zolas offener Brief J’accuse…! erschien am 13. Januar 1898 in L’Aurore. Dreyfus wurde 1899 begnadigt und 1906 rehabilitiert; die Affäre trug zur Durchsetzung des französischen Laizismus bei.

In der Erziehung setzte sich die Vorstellung durch, Kindheit sei eine besondere schutzbedürftige Entwicklungsphase. Schulpflicht und Alphabetisierung wurden ausgebaut, Kinderarbeit zunehmend beschränkt. Die Reformpädagogik wandte sich gegen autoritäre Lernschulen und forderte eine „Erziehung vom Kinde“ mit Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Maria Montessori eröffnete 1907 in Rom die erste Casa dei Bambini. Jugendbewegungen wie der Wandervogel entstanden nach 1896; Richard Schirrmann richtete 1907 in Altena eine erste Jugendherberge ein.

Völkerschauen und Kolonialausstellungen waren Teil der Unterhaltung und kolonialen Propaganda. Menschen aus rund 300 nichteuropäischen Gruppen wurden in „anthropologisch-zoologischen Ausstellungen“ präsentiert. Ihre Lebensweisen wurden für Klischees, völkischen Chauvinismus und Unterhaltung verfremdet; die Schauen sollten koloniale Herrschaft legitimieren. Carl Hagenbecks gitterlose Tierhaltung, 1896 in Hamburg umgesetzt, wurde dagegen ein wichtiges Vorbild für die spätere Gestaltung zoologischer Gärten.

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