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Zwangsumsiedlung von Polen aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten 1944–1946
Die Zwangsumsiedlung von Polen und Ukrainern aus von der Sowjetunion beanspruchten Gebieten östlich der Curzon-Linie 1944–1946 war eine Vertreibung, …
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Kern und historische Einordnung
Die Zwangsumsiedlung von Polen und Ukrainern aus den von der Sowjetunion beanspruchten Gebieten östlich der Curzon-Linie in den Jahren 1944–1946 war eine Vertreibung, also eine erzwungene Migration. Sie wird auch als Teil der „Westverschiebung Polens“ verstanden. Etwa 1,7 Millionen Polen und Ukrainer wurden ermutigt oder gezwungen, ihre Heimat im früheren Ostpolen zu verlassen. Dieses Gebiet war von 1939 bis 1941 und erneut ab 1944 sowjetisch besetzt. Die Betroffenen wurden vor allem in die sogenannten „wiedergewonnenen Gebiete“ umgesiedelt, polnisch Ziemie Odzyskane. Diese Gebiete hatten zuvor unter anderem als Ostpreußen, Hinterpommern und Schlesien zum Deutschen Reich gehört. Die dort ansässige deutsche Bevölkerung war geflohen oder vertrieben worden.
Die Umsiedlungen waren eine Folge des Zweiten Weltkriegs, standen aber auch im Zusammenhang mit älteren ethnischen Konflikten in Ostmitteleuropa. Sowohl Großbritannien als auch die polnischen Kommunisten sahen in einem erzwungenen Bevölkerungsaustausch eine Möglichkeit, Minderheitenkonflikte zu beenden. Ziel war ein möglichst ethnisch homogener polnischer Staat. Die bisher typische Mischung von Nationalitäten und Konfessionen im östlichen Mitteleuropa wurde dadurch weitgehend beseitigt. Polen, Litauer, Weißrussen und Ukrainer sollten jeweils stärker in homogene Nationalstaaten eingeordnet werden.
Grenzverschiebung und Ablauf der Umsiedlung
Die Curzon-Linie spielte eine zentrale Rolle. Sie war bereits am 23. August 1939 in einem geheimen Zusatzprotokoll zum Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt als Grenze der Interessensphären festgelegt worden. Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der sowjetischen Besetzung Ostpolens am 17. September 1939 bildete sie die Grenze zwischen den Machtbereichen Deutschlands und der Sowjetunion. Im Juli 1944 legte Josef Stalin fest, dass die Curzon-Linie mit einigen Abweichungen auch nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland die Grenze zwischen der Sowjetunion und einem wiederhergestellten Polen sein sollte.
Polen verlor durch die Annexion Ostpolens 180.000 km², also 47 % seines Staatsgebietes. Als Ausgleich sollte es 103.000 km² der Ostgebiete des Deutschen Reiches erhalten. Dort hatte größtenteils keine nennenswerte polnische Bevölkerung gelebt. Die Westmächte stimmten diesem Vorhaben im Februar 1945 auf der Konferenz von Jalta zu, ebenso die polnischen Kommunisten.
Die neue Grenze sollte mit der Nationalität der Bevölkerung in Einklang gebracht werden. Im Westen bedeutete das die Aussiedlung fast der gesamten deutschen Bevölkerung und die Ansiedlung von Polen aus dem Osten. Die polnische Staatsgewalt begann bereits am 30. März 1945 mit der Übernahme Ostdeutschlands und Danzigs, also noch vor dem Potsdamer Abkommen. Es entstanden unter anderem die Woiwodschaft Danzig sowie die Verwaltungsbezirke Masuren, Pommern und Schlesien. Seit dem 13. November 1945 unterstanden diese Gebiete einem eigenen Ministerium unter dem stellvertretenden Ministerpräsidenten Władysław Gomułka. Das wichtigste Ziel dieser Behörde war zunächst, die neuen westlichen Staatsteile polnisch zu besiedeln.
Schon Ende 1944 trafen erste Transporte mit polnischen Umsiedlern in den „wiedergewonnenen Gebieten“ ein. Mehrere hunderttausend Ostpolen flohen zudem vor Gewalt der Ukrainischen Aufständischen Armee und der Organisation Ukrainischer Nationalisten, die eine unabhängige Ukraine erzwingen wollten. Für die Jahre 1944–1947 nennt die Tabelle unter anderem 772.564 aus der Ukrainischen SSR nach Polen übersiedelte Personen, 226.315 bis 273.502 aus der Weißrussischen SSR und 171.158 bis 197.156 aus der Litauischen SSR. Hinzu kamen jeweils 300.000 Menschen aus sonstigen Migrationen, etwa Flucht vor der Front oder Mobilisierung in die Berling-Armee, sowie Flucht vor ethnischen Säuberungen ukrainischer Nationalisten. Insgesamt werden 1.770.037 bis 1.843.222 nach Polen übersiedelte Personen genannt.
Begriffe und Bewertung der Benennung
Für die umgesiedelten Menschen aus den ehemals östlichen Gebieten Polens wurde zunächst der polnische Begriff ewakuowany verwendet, also „Evakuierte“. Polnische und sowjetische Behörden sprachen 1944 von „Evakuierung“. Auch die Vertreter der polnischen Regierung in den Aussiedlungsgebieten nannten sich „Evakuierungsbevollmächtigte“. Die Verträge des PKWN, des Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego, mit der Ukrainischen, Litauischen und Weißrussischen Sowjetrepublik aus dem September 1944 hießen Evakuierungsverträge. In ihnen wurde der gegenseitige Austausch ethnischer Bevölkerungsteile beschlossen.
Noch 1944 setzte sich in der Amtssprache für die polnischen Umsiedler aus den ehemaligen Ostgebieten der Begriff repatrianci durch, also „Repatrianten“. Die Umsiedlungen wurden offiziell „Repatriierungen“ genannt. Auch das Staatliche Repatriierungsamt verwendete diese Sprache. In der Forschung gilt diese Bezeichnung als problematisch, weil die Betroffenen nicht in eine alte Heimat zurückkehrten. Viele Familien lebten seit Jahrhunderten östlich des Bug. Der Historiker Philipp Ther lehnt den Begriff ab, weil die Menschen nicht in die „Patria“ zurückgeführt, sondern aus ihrer Heimat entfernt und in ehemals deutsche Ostgebiete vertrieben worden seien. Timothy Snyder bezeichnet den Begriff „Repatrianten“ als Euphemismus; tatsächlich habe es sich um ethnische Säuberung gehandelt.
Gruppen, Transportprobleme und Zwang
Für die polnische Integrationspolitik war es wichtig, verschiedene Gruppen zu unterscheiden. Die sogenannten Repatrianten waren die aus den früheren polnischen Ostgebieten umgesiedelten Menschen. Davon zu unterscheiden waren polnische Reemigranten, also Polen, die aus dem Westen zurückkehrten, etwa Verschleppte oder Kriegsgefangene aus Deutschland oder Arbeiter aus Frankreich. Eine weitere Gruppe waren die Autochthonen. Sie waren meist zweisprachig, deutsch-polnisch, trugen häufig polnische Namen und galten der neuen polnischen Staatsmacht als eigentlich polnisch, aber oberflächlich germanisiert. Ihre Verifizierung als Polen in den Jahren 1945–1946 diente der staatlichen und ethnischen Polonisierung der neu erworbenen Gebiete.
Die eigentlichen Umsiedlungen waren von großen logistischen Schwierigkeiten geprägt. Allein der Transport von 787.000 Menschen im Rahmen der polnisch-sowjetischen Evakuierungsverträge erforderte enorme Transportkapazitäten. Die Verträge sahen vor, dass die Polen Hausrat, Möbel und ihr gesamtes Vieh mitnehmen durften. Die polnische Verwaltung konnte dafür jedoch nicht genügend Eisenbahnwaggons bereitstellen. Viele Umsiedler warteten wochen- oder monatelang an Verladestationen und wurden teils in offenen Waggons abtransportiert.
Als diese Bedingungen bekannt wurden, weigerten sich viele, in den Westen zu ziehen, obwohl sie weiterhin von Gewalt ukrainischer Nationalisten betroffen waren. Der polnische Staat reagierte mit Unterstützung der Roten Armee mit Druck. Der Sicherheitsapparat wurde ausgebaut, und die polnische Volksarmee wurde mit sowjetischer Hilfe verstärkt. Diese Kräfte dienten nicht nur dem Kampf gegen die Ukrainische Aufstandsarmee, sondern auch der Einschüchterung der Bevölkerung und der Steuerung der Umsiedlungen. Ab Herbst 1945 deportierten Behörden zahlreiche Personen ins Landesinnere, beschlagnahmten Wohnungen samt Hausrat und Möbeln, sperrten Lebensmittelkarten oder setzten physische Gewalt ein, um Menschen zur Registrierung für die Ausreise zu zwingen.
Staatliche Haltung und Integrationsziel
Die Haltung des polnischen Staates gegenüber den Umsiedlern war anfangs von Misstrauen geprägt. Viele Betroffene empfanden sich eher als Objekte einer Deportation denn als selbstbestimmte Umsiedler. Auch die Behörden bewerteten sie zunächst negativ: Sie galten als schlechtes oder sogar destruktives Siedlungselement, dem Pioniergeist und Organisationstalent für den Aufbau der neuen Westgebiete abgesprochen wurden.
Hinter dieser Sicht stand die Furcht der polnischen Kommunisten, die Menschen aus Ostpolen könnten Gegner des Realsozialismus und der Sowjetunion sein. Tatsächlich standen viele Umsiedler Sozialismus, Kommunismus und Kollektivierung ablehnend gegenüber. Das hing mit ihrer regionalen Herkunft, ihrer ländlichen Sozialisation und ihren Erfahrungen unter sowjetischer Besatzung zusammen. Auch ihre soziale Herkunft spielte eine Rolle: genannt werden grundbesitzender Adel, Bürgertum und katholisch-konservative Landbevölkerung. Die kommunistische Gesellschaftspolitik wollte bewusst mit den Traditionen der Zweiten Polnischen Republik brechen.
Die Bewertung änderte sich, als viele Siedler aus Zentralpolen die ehemaligen deutschen Provinzen wieder verließen und in ihre alte Heimat zurückkehrten. Nun wurden die verbliebenen Umsiedler aus Ostpolen als dauerhaftes Siedlungselement anerkannt. Ziel blieb jedoch eine schnelle Integration und Assimilierung in eine neue kommunistisch-polnische Gesellschaft. Die Regierung betrachtete diese Integration nicht in erster Linie als staatliche Fürsorgeaufgabe. Vielmehr sollten die ehemaligen Ostpolen durch ihre Anwesenheit die neuen Westgebiete für den polnischen Staat sichern und kulturell polonisieren.
Die Einbürgerung war ein wichtiger erster Schritt. Nach den Evakuierungs- beziehungsweise Repatriierungsverträgen tauschten sowjetische Bürger polnischer oder jüdischer Herkunft, die am 1. September 1939 polnische Staatsbürger gewesen waren und nach der sowjetischen Annexion die sowjetische Staatsbürgerschaft erhalten hatten, automatisch die sowjetische gegen die polnische Staatsbürgerschaft. In Litauen durften sich auch ethnische Polen zur Evakuierung melden, die vor dem Zweiten Weltkrieg litauische Staatsbürger gewesen waren.
Politische Maßnahmen und Staatsangehörigkeit
Die polnische Integrationspolitik war stark national geprägt. Im Vordergrund stand nicht vor allem eine egalitäre Sozialpolitik, wie sie in anderen Ostblockstaaten üblich war, sondern ein spezifisch polnischer Nationalismus kommunistischer Art. Die „wiedergewonnenen Gebiete“ wurden in der Propaganda nicht als neu polonisierte, sondern als „repolonisierte“ Gebiete dargestellt. Damit wurde behauptet, das ganze Gebiet sei früher polnisch gewesen. Die Besiedlung dieser Gebiete galt als nationale Aufgabe und als Pionierdienst an der polnischen Nation.
Ein Grundsatz der praktischen Politik war, dass Repatrianten nicht anders behandelt wurden als andere Umsiedler und Reemigranten. Dadurch wurden materielle Nachteile, die den früheren Bewohnern Ostpolens durch die Umsiedlung entstanden waren, nicht gezielt ausgeglichen. Die Maßnahmen umfassten indirekte und direkte Umverteilung sowie die Neuverteilung von Ressourcen. Die sozialkaritative Politik ermöglichte den Umsiedlern einen bescheidenen Lebensstandard, der aber nicht dem höheren Lebensstandard anderer Teile der Bevölkerung entsprach.
Zunächst standen durch die Enteignung der deutschen Bevölkerung große Vermögenswerte zur Neuverteilung bereit. Diese Möglichkeiten wurden 1946 deutlich kleiner, weil die Regierung den bestehenden Stand der Eigentumsverteilung in den neuen Westgebieten bestätigte. Dennoch gab es 1948 Umsiedler, die aufgrund staatlicher Maßnahmen besser lebten als 1945 in ihrer alten Heimat Ostpolen oder unmittelbar nach der Ankunft im Westen. Mit dem Beginn des Stalinismus in Polen 1948 gingen jedoch viele wirtschaftliche Fortschritte wieder verloren. Die Integrationspolitik verlor zunehmend ihren konstruktiven Charakter und wurde repressiver.
Die Staatsangehörigkeit wurde später gesetzlich geregelt. Schon 1938 war 75.000 polnischen Ausgewanderten, die seit über fünf Jahren im Ausland lebten, großteils Juden, aufgrund des Gesetzes vom 31. März 1938 die polnische Staatsbürgerschaft entzogen worden. Das Gesetz über die polnische Staatsangehörigkeit vom 8. Januar 1951 hob die Wirkung eines solchen Entzugs für Personen auf, die beim Inkrafttreten des Gesetzes in Polen wohnten. Mit dem Gesetz über die polnische Staatsangehörigkeit vom 15. Februar 1962 erwarben schließlich alle Personen, die als Repatrianten nach Polen gekommen waren, kraft Gesetzes die polnische Staatsangehörigkeit.