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Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950
Sie war eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen in Ostmitteleuropa und Südosteuropa während der Zeit des …
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Kern und historischer Rahmen
Die Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa 1945 bis 1950 betraf rund 12 bis 14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Menschen. Gemeint sind Flucht vor der Front, Ausweisung, Zwangsumsiedlung und die spätere Verweigerung der Rückkehr in frühere Wohngebiete. Betroffen waren vor allem die deutschen Ostgebiete des Deutschen Reiches sowie deutschsprachige Bevölkerungsgruppen in Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, den baltischen Staaten und weiteren Regionen.
Die Vorgänge standen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, den deutschen Kriegsverbrechen in Ostmittel- und Südosteuropa und den Gebietsverschiebungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 setzte Josef Stalin die Abtrennung der polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion durch. Polen sollte dafür nach Westen verschoben werden. Damit gerieten frühere deutsche Gebiete östlich von Oder und Neiße unter polnische beziehungsweise sowjetische Verwaltung.
Bereits während des Krieges forderten die polnische und die tschechoslowakische Exilregierung Grenzkorrekturen und die Entfernung der deutschen Bevölkerung. Begründet wurde dies unter anderem mit den Verbrechen der Nationalsozialisten und mit dem Ziel, künftige Konflikte in multinationalen Staaten zu vermeiden. Stalin sah in Vertreibung und Enteignung zugleich ein Mittel, die Sowjetunion als Garantiemacht der neuen Ordnung gegenüber Polen und der Tschechoslowakei zu stärken.
Potsdam, Grenzen und Zwangsaussiedlung
Auf der Potsdamer Konferenz Anfang August 1945 legten die Alliierten die neuen Verhältnisse nur vorläufig fest. Die Gebiete jenseits von Oder und Neiße standen zu diesem Zeitpunkt bereits unter polnischer und sowjetischer Verwaltung. Für Königsberg und das nördliche Ostpreußen wurde eine spätere Unterstützung des sowjetischen Anspruchs angekündigt. Für die polnische Westgrenze hieß es, die endgültige Festlegung solle bis zu einer Friedenskonferenz zurückgestellt werden.
Die Potsdamer Beschlüsse sahen eine „ordnungsmäßige Überführung deutscher Bevölkerungsteile“ aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn vor. Diese Umsiedlungen sollten in „humaner Art“ erfolgen. Tatsächlich entsprachen viele Transporte dieser Vorgabe nicht. Vor der internationalen Kontrolle kam es zu sogenannten wilden Vertreibungen, danach ab Anfang 1946 zu geordneteren, aber weiterhin von Gewalt, Internierung, Zwangsarbeit und Todesfällen begleiteten Zwangsaussiedlungen.
Zu den Vertreibungsgebieten gehörten unter anderem südliches Ostpreußen, Hinterpommern, die Neumark, Schlesien östlich der Oder-Neiße-Linie, Ostsachsen östlich der Lausitzer Neiße, das nördliche Ostpreußen, das Sudetengebiet, deutsche Sprachinseln in Böhmen und Mähren sowie Regionen in Ungarn, Rumänien, Kroatien, Serbien und Slowenien. Unter den Vertriebenen befanden sich auch deutsche Siedler und Verwaltungsbeamte, die erst während der deutschen Eroberungen im Zweiten Weltkrieg in diese Gebiete gekommen waren; Timothy Snyder schätzt ihre Zahl allein unter den aus Polen Vertriebenen auf 1,5 Millionen.
Zahlen und Opfer
Die Gesamtzahl der Betroffenen wird mit etwa 12 bis 14 Millionen Deutschen und deutschstämmigen Angehörigen verschiedener Staaten angegeben. Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten, teils jahrelang, Zwangsarbeit leisten. In den Besatzungszonen Deutschlands waren im Dezember 1947 besonders viele Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen: in der Sowjetischen Besatzungszone 4.379.000, in der amerikanischen 2.957.000, in der britischen 3.320.000 und in der französischen 60.000.
Die Zahl der als „vertrieben“ erfassten Menschen hängt davon ab, wie der Begriff und das Vertreibungsgebiet definiert werden. Etwa die Hälfte der später als Vertriebene bezeichneten Menschen war schon während des Krieges beim Herannahen der Front geflohen. Unklar ist, wie viele aus eigenem Entschluss flohen und wie viele evakuiert wurden. Wichtig war, dass ihnen später die Rückkehr über die Oder-Neiße-Linie verweigert wurde. Die bundesdeutsche Statistik zählte außerdem auch spätere Aussiedler als Vertriebene.
Die Zahl der Todesopfer ist umstritten. Bekannt wurde die Angabe von rund zwei Millionen Toten; Hans-Ulrich Wehler schätzte 1,71 Millionen Tote durch Flucht, Vertreibung oder Zwangsumsiedlung, ohne die Wolgadeutschen einzubeziehen. Andere Forschungen stellten diese hohen Zahlen infrage. Der Kirchliche Suchdienst und das Bundesarchiv kamen 1965 und 1974 durch Einzelfallrecherchen auf 500.000 bis 600.000 bestätigte Tote in unmittelbarer Folge der Verbrechen im Zusammenhang mit der Vertreibung. Für die Tschechoslowakei wurde lange 130.000 angegeben; die deutsch-tschechische Historikerkommission kam dagegen auf 15.000 bis 30.000 Opfer. Der Bund der Vertriebenen hält weiterhin an der Zahl von zwei Millionen oder mehr fest, während Historiker diese Zahl vielfach als methodisch problematisch ansehen.
Neubesiedlung und Motive
Die verlassenen Gebiete wurden neu besiedelt. In den an Polen gefallenen Gebieten wurden unter anderem rund 1,2 Millionen zwangsumgesiedelte Polen aus dem ehemaligen Ostpolen angesiedelt, außerdem viele Menschen aus Zentralpolen. Hinzu kamen etwa 400.000 Ukrainer und kleinere Gruppen von Belarussen. Die innerpolnische Zwangsumsiedlung von Ukrainern und Belarussen nach Westen wurde 1947 als „Aktion Weichsel“ durchgeführt. In der Oblast Kaliningrad, dem früheren nördlichen Ostpreußen mit Königsberg, siedelten vor allem Russen, außerdem Belarussen und Ukrainer; etwa 50 Prozent der Orte wurden nicht wieder besiedelt. Im Sudetengebiet wurden vor allem Tschechen aus dem Landesinneren, Slowaken, Ungarn, griechische Bürgerkriegsflüchtlinge und viele Roma aus der Slowakei angesiedelt.
Die Motive der Vertreibungen waren vielfältig. Deutsche Minderheiten waren vor dem Krieg teilweise für nationalsozialistische Ziele instrumentalisiert worden; die Sudetendeutsche Partei Konrad Henleins betrieb separatistische Politik. Die nationalsozialistische Expansions-, Raub- und Vernichtungspolitik zerstörte die Beziehungen zwischen deutschen Volksgruppen und Mehrheitsbevölkerungen schwer. In den besetzten Gebieten übernahmen deutsche Volksgruppen teils Aufgaben der Besatzung.
Weitere Motive waren die Westverschiebung Polens, die politische Stabilisierung neuer Regierungen, der Wunsch nach national homogeneren Staaten und die Verfügung über enteignetes deutsches Vermögen. In Polen und der Tschechoslowakei spielte auch die Angst vor deutschem Revanchismus eine Rolle; die Sowjetunion trat dabei als Schutzmacht der neuen Nachkriegsordnung auf.
Aufnahme und Integration
Zwischen 1944/45 und 1950 kamen 12 bis 14 Millionen Ost- und Sudetendeutsche nach Westdeutschland, in die Sowjetische Besatzungszone und nach Österreich. Einige Länder und DDR-Bezirke, etwa Mecklenburg, verdoppelten durch die Bevölkerungsverschiebungen ihre Einwohnerzahl. Es entstanden neue Flüchtlingsgemeinden und Siedlungen, zum Beispiel Espelkamp, Waldkraiburg, Traunreut, Geretsried, Trappenkamp und Neugablonz.
Zunächst stand das Überleben im Vordergrund: Nahrung, Wohnraum und Kleidung waren knapp. Bis etwa 1950 gab es wegen Unterernährung und Infektionskrankheiten eine erhöhte Sterblichkeit, besonders bei Älteren, Kleinkindern und gesundheitlich Vorbelasteten. Überschlägige Rechnungen nennen eine zusätzliche Sterblichkeitsrate von 3 bis 3,5 Prozent in fünf Jahren.
Die Integration verlief weder in West- noch in Ostdeutschland reibungslos. Vertriebene wurden teils abgelehnt oder beschimpft, ihre Gewalterfahrungen fanden zunächst wenig Aufmerksamkeit. In der Bundesrepublik organisierten sie sich in Landsmannschaften, die sich 1957/58 im Bund der Vertriebenen zusammenschlossen. Der Gesamtdeutsche Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten erreichte 1953 bei der Bundestagswahl 5,9 Prozent der Zweitstimmen. In der DDR wurden eigenständige Vertriebenenorganisationen unterdrückt; dort sprach man offiziell von „Umsiedlern“ oder „Neubürgern“.
Für die wirtschaftliche Eingliederung waren nach älteren Deutungen das Lastenausgleichsgesetz in der Bundesrepublik und die Bodenreform in der DDR wichtig. Neuere Forschungen betonen stärker die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung: das Wirtschaftswunder im Westen und den Ausbau der Industrie im Osten. Kulturell veränderten die Vertriebenen viele Regionen, etwa durch die Durchmischung von Katholizismus und Protestantismus sowie durch Ehen zwischen Einheimischen und Vertriebenen.
Recht, Begriff und Erinnerung
Das Bundesvertriebenengesetz definiert „Vertriebener“ als deutschen Staatsangehörigen oder deutschen Volkszugehörigen, der seinen Wohnsitz in den ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten oder außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches nach dem Gebietsstand vom 31. Dezember 1937 hatte und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges infolge Vertreibung, besonders durch Ausweisung oder Flucht, verlor. Das Gesetz zählt außerdem unter bestimmten Bedingungen Umsiedler, Aussiedler, Ehegatten und weitere Gruppen dazu.
Der Begriff „Vertreibung“ setzte sich erst Ende der 1940er-Jahre durch und wurde vor allem in der Bundesrepublik zur offiziellen Bezeichnung. Anfangs sprach man häufiger von Flüchtlingen, in der SBZ und DDR von „Umsiedlern“. Seit den späten 1980er-Jahren ist umstritten, wie der Begriff von Flucht, Zwangsmigration, Emigration und Deportation abzugrenzen ist. Einige Historiker verwenden den Oberbegriff „Zwangsmigration“, ohne den besonderen Charakter von Vertreibung aufzugeben. Bundespräsident Richard von Weizsäcker nannte die Vertreibung 1985 eine „erzwungene Wanderschaft“.
Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung veränderte sich nach 1945 mehrfach. In Westdeutschland entstanden Denkmäler, Heimatstuben, Museen, Straßennamen und Vertriebenenverbände; in der DDR wurden solche Aktivitäten stark eingeschränkt. Die These, das Thema sei in der DDR oder seit den 1970er-Jahren auch in der Bundesrepublik tabuisiert worden, ist umstritten, weil Literatur, Museen und politische Debatten das Thema weiterhin behandelten.
Seit 2000 wurde besonders über ein Zentrum gegen Vertreibungen gestritten. 2008 beschloss die Bundesregierung die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung; ihr Dokumentationszentrum wurde 2021 im Berliner Deutschlandhaus eröffnet. Auch die deutsch-tschechische Annäherung machte Schritte: Am 3. Juni 2010 wurde in Postoloprty eine Gedenktafel für das Massaker an der deutschen Bevölkerung im Juni 1945 enthüllt, und im Dezember 2010 besuchte Horst Seehofer als erster bayerischer Ministerpräsident seit 1945 offiziell Tschechien.