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Sowjetische Besetzung Ostpolens

Im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 war eine Demarkationslinie vereinbart worden, die die jeweiligen Interessengebiete …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Vorgeschichte
  2. 2. Hitler-Stalin-Pakt und sowjetischer Einmarsch
  3. 3. Militärische Operationen und Besetzung
  4. 4. Verwaltung, Eingliederung und Repression
  5. 5. Internationale Folgen und Erinnerung

Gegenstand und Vorgeschichte

Die sowjetische Besetzung Ostpolens bezeichnet den Einmarsch der Roten Armee in den Osten Polens vom 17. September 1939 bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941. Sie war Teil des Zweiten Weltkriegs und endete mit einem sowjetischen Sieg. Die besetzten Gebiete wurden in die Sowjetunion eingegliedert; das Wilna-Gebiet wurde an Litauen zurückgegeben.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Polens Ostgrenze zunächst nicht eindeutig festgelegt. Der Oberste Rat der Alliierten verkündete am 8. Dezember 1919 eine provisorische Grenze, die später als Curzon-Linie bekannt wurde. Polen akzeptierte diese Grenze nicht und eroberte während des Polnisch-Sowjetischen Krieges Gebiete östlich davon. Im Frieden von Riga von 1921 verzichtete Sowjetrussland auf die heutige Westukraine und Westbelarus. Diese Gebiete wurden als „Östliche Grenzmarken“ (Kresy Wschodnie) Teil Polens. Am 24. März 1922 annektierte Polen außerdem das Gebiet um Vilnius, das als Mittellitauen bezeichnet wurde.

Polen schloss mehrere Abkommen, um sich gegen Deutschland und die Sowjetunion abzusichern: 1921 ein Verteidigungsbündnis mit Frankreich, 1929 das Litwinow-Protokoll zur vorzeitigen Inkraftsetzung des Briand-Kellogg-Paktes, 1932 den polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakt und 1934 den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt. Die Verträge von Locarno 1925 schwächten jedoch Polens Stellung, weil Frankreich und Deutschland sich gegenseitig ihre Grenzen garantierten, Polen aber ausgeschlossen blieb.

Hitler-Stalin-Pakt und sowjetischer Einmarsch

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei am 15. März 1939 garantierten Großbritannien am 31. März und Frankreich am 6. April die Unabhängigkeit Polens. Verhandlungen zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion scheiterten unter anderem daran, dass Polen der Roten Armee keine Durchmarschrechte gewähren wollte. Am 23. August 1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion den Hitler-Stalin-Pakt. Ein geheimes Zusatzprotokoll teilte Nordost- und Südosteuropa in Interessensphären und legte eine Demarkationslinie durch Polen fest. Der Einmarsch erfolgte damit unter Verletzung des Briand-Kellogg-Paktes, der auf den Verzicht militärischer Gewalt zur Lösung internationaler Streitigkeiten zielte.

Der deutsche Überfall auf Polen begann am 1. September 1939. Deutschland forderte die Sowjetunion am 3. September mehrfach zum Einmarsch auf, damit deutsche Truppen an die Westgrenze verlegt werden konnten. Stalin und Außenminister Wjatscheslaw Molotow warteten jedoch bis zum 17. September. Sie wollten nicht gemeinsam mit Hitler als Aggressor erscheinen, die Reaktionen Großbritanniens und Frankreichs abwarten und zunächst den Fall Warschaus erreichen. Am 15. September beendete ein sowjetisch-japanisches Waffenstillstandsabkommen den Japanisch-Sowjetischen Grenzkonflikt.

Die Sowjetunion rechtfertigte den Einmarsch zunächst mit dem Schutz der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung vor den deutschen Eroberern. Später erklärte Molotow, der polnische Staat habe infolge des Krieges aufgehört zu bestehen; deshalb sei die sowjetische Neutralität gegenüber Polen nicht mehr möglich. Am 17. September kündigte Molotow dem polnischen Botschafter Wacław Grzybowski alle Verträge auf. Die letzten regulären polnischen Einheiten kapitulierten am 6. Oktober 1939.

Die Ziele des sowjetischen Vorgehens sind in der Forschung umstritten. Deutungen reichen von defensiver Realpolitik und dem Schutz vor einem deutschen Machtvakuum bis zu Grenzsicherung, territorialer Expansion und einem offensiven Zusammenwirken mit Deutschland. Sergej Slutsch und Norman Davies bewerten den Einmarsch als Angriff; andere Historiker betonen stärker sicherheits- und machtpolitische Motive.

Militärische Operationen und Besetzung

Die sowjetischen Angriffsvorbereitungen begannen Ende August 1939 unter Generalstabschef Boris Schaposchnikow. Am 3. September befahl Kliment Woroschilow den Truppen in Belarus und der Ukraine Kampfbereitschaft. Am 6. September wurde die Generalmobilmachung ausgerufen; vom 8. bis 13. September wurden die Truppen an die Grenze verlegt und in eine Weißrussische und eine Ukrainische Front gegliedert.

Die Angaben zur sowjetischen Truppenstärke unterscheiden sich je nach Abschnitt: Eine Übersicht nennt 620.000 bis 800.000 Soldaten, 4.700 Panzer und 3.300 Flugzeuge. Für den eigentlichen Einmarsch werden 466.516 Mann, 3.739 Panzer, 380 Panzerwagen und etwa 2.000 Kampfflugzeuge genannt; eine Aufstellung der beiden Fronten kommt auf 617.588 Soldaten und 4.736 Panzer. Auf polnischer Seite standen etwa 20.000 Soldaten des Grenzschutzkorps.

Die Weißrussische Front rückte unter anderem über Wilna, Baranowicze, Grodno, Suwałki und Brest-Litowsk vor. Wilna, Grodno und Brest wurden zwischen dem 20. und 22. September erreicht, Suwałki am 24. September. Die Ukrainische Front stieß unter anderem über Dubno, Łuck, Włodzimierz, Lemberg, Czortków und Kolomea vor. Lemberg wurde am 19. September, Lublin am 28. September erreicht. Am 22. September nahmen Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein in Brest-Litowsk eine gemeinsame deutsch-sowjetische Militärparade ab.

Der sowjetische Vormarsch gelang schnell, weil der Angriff überraschend kam, die polnischen Truppen nicht für einen Angriff aus dem Osten aufgestellt waren und keine eindeutigen Befehle zum Kampf gegen die Rote Armee hatten. Marschall Edward Rydz-Śmigły ordnete am 17. September den allgemeinen Rückzug nach Rumänien und Ungarn an und befahl, mit den Bolschewiki nur bei einem Entwaffnungsversuch oder Angriff zu kämpfen. Deutschland und die Sowjetunion waren Polen außerdem zahlenmäßig und bei Panzern und Kampfflugzeugen deutlich überlegen.

Verwaltung, Eingliederung und Repression

Die sowjetische Besatzung beseitigte die polnischen Staats- und Selbstverwaltungsorgane. Ab dem 3. Oktober 1939 übernahmen Militärkommandanturen in Städten und größeren Orten die oberste zivile und politische Gewalt. Daneben entstanden örtliche „revolutionäre Komitees“. Diese Strukturen entsprachen laut Artikel „in keiner Weise“ der im Völkerrecht vorgesehenen Verwaltung besetzter Länder.

Am 22. Oktober 1939 fanden Wahlen zu Nationalversammlungen der Westukraine und Westbelaruslands statt. Es gab eine vorher festgelegte Einheitsliste, Druck auf die Wähler und strenge Kontrollen. Die offiziellen Kandidaten erhielten in der Westukraine 90,93 % und in Westbelarus 90,67 % Zustimmung. Die Nationalversammlungen beantragten den Beitritt zur Ukrainischen bzw. Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik; am 1. November 1939 wurde diesen Anträgen stattgegeben. Die Belarussische SSR erhielt 108.000 km² hinzu, die Ukrainische SSR 88.000 km². Insgesamt fielen der Sowjetunion 201.000 km² mit 13,2 Millionen Menschen zu, also etwa 52,1 % des polnischen Staatsgebietes.

Die Bevölkerung war ethnisch vielfältig. Knapp 40 % sprachen Polnisch als Muttersprache, 34 % Ukrainisch und Ruthenisch, 15 % Belarussisch und 8,4 % Jiddisch. Andere Angaben nennen für die Gesamtbevölkerung etwa 40 % Polen, 34,2 % Ukrainer, 8,4 % Belarussen sowie Litauer und weitere Gruppen. Der Anteil der Belarussen in Westbelarus ist besonders umstritten: Die polnische Volkszählung von 1931 nannte 21 %, andere Schätzungen 40 %, sowjetische Zahlen von 1939 62 %.

Die Besatzungsmacht enteignete von 1939 bis 1941 den Großgrundbesitz, kollektivierte die Landwirtschaft, verteilte Land an Bauern, verstaatlichte Industrie, Handel und Banken, führte den Rubel sowie das sowjetische Rechts- und Wirtschaftssystem ein. Massenverhaftungen betrafen etwa 110.000 Menschen. Rund 40.000 wurden nach Workuta verschleppt, etwa 7.300 Zivilisten 1940 in Bykiwnja und Kurapaty ermordet; bei der Gefängnisevakuierung im Sommer 1941 wurden weitere etwa 10.000 Menschen getötet.

Zwischen Februar 1940 und Juni 1941 deportierte der NKWD nach Aktenlage in vier Wellen insgesamt 330.000 Menschen nach Sibirien und Zentralasien. Betroffen waren zunächst unter anderem Gutsbesitzer, ehemalige Militärsiedler, Forstbeamte und Polizisten mit ihren Familien, später Lehrer, Beamte, Wirtschaftsträger sowie aus dem Generalgouvernement geflohene Polen und Juden. 63 % der Deportierten waren ethnische Polen; außerdem wurden Juden, Ukrainer und Belarussen deportiert. Ziel war vor allem die Ausschaltung früherer Eliten und die gesellschaftliche Umgestaltung. Die Transporte erfolgten oft ohne ausreichende Versorgung in Güterwaggons; Schätzungen nennen hohe Sterberaten, wobei Stanislaw Ciesielski zufolge nur etwa die Hälfte der Deportierten überlebte.

Mehr als 240.000 polnische Soldaten gerieten in sowjetische Gefangenschaft. Etwa 42.400 einfache Soldaten und Unteroffiziere wurden in den ersten drei Wochen entlassen, weitere 43.000 an die deutsche Wehrmacht überstellt. Im April 1940 wurden 22.000 bis 25.000 Offiziere, Polizisten und andere polnische Staatsbürger erschossen. Ihre Familien wurden nach Kasachstan deportiert. Während der Eroberung ermordete die Rote Armee nach einer Schätzung 2.500 Kriegsgefangene und mehrere Hundert Zivilisten; zu den bekannten Tatorten gehört Katyn.

Internationale Folgen und Erinnerung

Großbritannien und Frankreich reagierten auf den sowjetischen Einmarsch verhalten. Sie führten bereits gegen Deutschland nur einen „Sitzkrieg“ und hielten sich weder für militärisch in der Lage noch aufgrund ihrer Garantieerklärung vom 25. März 1939 zu einem Gegenschlag verpflichtet. Großbritannien protestierte nicht offiziell in Moskau, bekräftigte aber seine Bündnisverpflichtungen und erkannte gemeinsam mit Frankreich rasch die Polnische Exilregierung unter Präsident Władysław Raczkiewicz und Ministerpräsident Władysław Sikorski an.

Deutschland begrüßte den sowjetischen Einmarsch. In Kommuniqués vom 18. und 23. September 1939 wurde eine neue Demarkationslinie entlang der Flüsse Pisa, Narew, Weichsel und San bekanntgegeben. Sie entsprach ungefähr der Curzon-Linie. Am 28. September vereinbarten Deutschland und die Sowjetunion außerdem Umsiedlungen deutschstämmiger Personen in das Deutsche Reich sowie ukrainischer und belarussischer Personen aus dem deutschen Einflussbereich in die Sowjetunion. Wirtschaftsabkommen von 1940 und 1941 regelten umfangreiche sowjetische Rohstoff- und Lebensmittellieferungen an Deutschland gegen Maschinen und Waffen.

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 schloss Sikorski am 30. Juli 1941 das Sikorski-Maiski-Abkommen mit der Sowjetunion. Es nahm diplomatische Beziehungen wieder auf und erklärte die deutsch-sowjetischen Verträge über territoriale Veränderungen in Polen für unwirksam, erkannte aber die polnische Ostgrenze von 1921 nicht an. Die Frage führte zu einer Krise der Exilregierung. Ende 1943 setzte Stalin auf der Konferenz von Teheran die Annexion der früheren polnischen Ostgebiete durch; 1944 eroberte die Rote Armee das Gebiet zurück und ging gegen Strukturen der polnischen Heimatarmee vor.

Die Bewertung bleibt politisch umkämpft. In der Sowjetunion und bis heute in Belarus wird die Eingliederung als Wiedervereinigung Westbelaruslands beziehungsweise als „Befreiungsfeldzug“ dargestellt; in der Ukraine ist vom „Goldenen September 1939“ die Rede. In Polen gilt der Einmarsch wegen des Zusammenwirkens mit Deutschland und des Massakers von Katyn als sowjetische Aggression und Okkupation. Nach dieser Sicht verletzte die Sowjetunion das Kriegsvölkerrecht, weil sie vor Kriegsende annektierte und keine völkerrechtsgemäße Besatzungsverwaltung einrichtete. In Belarus wird der 17. September seit 2021 als „Tag der Einheit des Volkes“ begangen, was in Polen Kritik auslöste.

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