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Schlesien
Bis zur Flucht und Vertreibung infolge des Zweiten Weltkrieges wurde in Schlesien von der ansässigen deutschen Bevölkerung deutsches Schlesisch gesprochen,
Inhalt6 Abschnitte
Raum und natürliche Grundlagen
Schlesien ist eine Region in Mitteleuropa beiderseits des Ober- und Mittellaufs der Oder. Die Region umfasst 40.319 km² und erstreckt sich im Süden entlang der Sudeten und Beskiden. Die größte Stadt und traditionelle Metropole ist Breslau (Wrocław), das an der Oder liegt.
Die Oder bildet das geografische Rückgrat Schlesiens. Die Region umfasst nahezu vollständig das Einzugsgebiet der Ober- und Mitteloder; ausgenommen sind das Quellgebiet der Oder in Mähren sowie Teile des Zuflussgebiets der Bartsch (Barycz) in Großpolen. Wichtige Nebenflüsse sind Olsa (Olza), Glatzer Neiße (Nysa Kłodzka), Lohe (Ślęza), Schweidnitzer Weistritz (Bystrzyca), Weide (Widawa), Bober (Bóbr) und Queis (Kwisa). Die Bober-Queis-Linie grenzt Schlesien gegen die Lausitz ab. In den Schlesischen Beskiden liegt außerdem das Quellgebiet der Weichsel (Wisła).
Im Norden liegt der Trebnitzer Landrücken, eine altglaziale Endmoräne mit Höhen bis zu 270 m n.p.m.; sein Mittelabschnitt heißt Katzengebirge. Das wichtigste Gebirge Schlesiens sind die Sudeten. Im Riesengebirge befindet sich die Schneekoppe, mit 1602 m n.p.m. die höchste Erhebung Schlesiens. Weitere Teilgebirge sind Isergebirge, Waldenburger Bergland, Eulengebirge, Heuscheuergebirge und Glatzer Schneegebirge. Im Süden grenzt Schlesien an Böhmen und Mähren, im Westen an Ober- und Niederlausitz, im Norden an Großpolen und im Osten an Kleinpolen.
Von der Frühzeit zur böhmischen Krone
In der späten Bronzezeit, in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., gehörte Schlesien zur Lausitzer Kultur. Um die Zeitenwende siedelten dort Silingen, Vandalen, Lugier und andere germanische Völker. Nach dem Abzug oder Untergang der Silinger im 5. Jahrhundert besiedelten ab etwa 500 westslawische Stämme die Region erneut, darunter Golensizen, Opolanen, Slensanen, Dedosizen, Trebowanen und Boboranen. Die Herkunft des Namens Schlesien ist umstritten: Er wird entweder auf die Silinger oder auf den Fluss Ślęza beziehungsweise den Berg Ślęża zurückgeführt. Eine in der modernen Forschung vertretene Verbindung besagt, dass der Landschaftsname vom Berg und dessen Name von den Silingern stammt.
Im Jahr 880, nach manchen Quellen bereits vor 879, soll ganz Schlesien unter Svatopluk I. an das Mährerreich angeschlossen worden sein; diese Zuordnung wird unter anderem von Gerard Labuda und Idzi Panic bestritten. Sicher ist, dass die mährischen Einflüsse in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts zunahmen. Nach dem Zerfall des Mährerreichs nach 906 erweiterten die Přemysliden ihre Herrschaft über Schlesien. Herzog Vratislav I. gründete zum Grenzschutz die Burg „Vratislavia“, aus der Breslau hervorging.
Seit dem späten 10. Jahrhundert konkurrierten Böhmen und Polen um Schlesien. Mieszko I. eroberte Mittelschlesien; sein Sohn Bolesław I. der Tapfere gliederte um 990 oder nach anderen Angaben 1012/13 die Gebiete der Opolanen, Golensizen und Wislanen ein. Im Jahr 1000 wurde das Bistum Breslau gegründet. Nach Bolesławs Tod 1025 zerfiel die polnische Herrschaft. Herzog Břetislav I. von Böhmen eroberte Schlesien 1038, doch gelangte es 1054 im Frieden von Quedlinburg wieder an Polen. Der Pfingstfrieden von Glatz von 1137, 1138 bestätigt, legte eine dauerhafte Grenze zwischen Polen sowie Böhmen und Mähren fest. Das Glatzer und das Troppauer Land sowie Teile des Golensizenlandes blieben bei Böhmen beziehungsweise Mähren.
Die polnische Senioratsverfassung von 1138 teilte Polen in mehrere Herzogtümer. Eines davon war das Herzogtum Schlesien unter Władysław II. dem Vertriebenen. Damit begann die Herrschaft der Schlesischen Piasten.
Piasten, deutsche Besiedlung und Böhmen
Nach militärischem Eingreifen des römisch-deutschen Königs Konrad III. und Kaiser Friedrichs I. erhielten Władysławs II. Söhne 1163 Schlesien zurück. Bolesław I. der Lange bekam Mittel- und Niederschlesien mit Breslau, Mieszko IV. die Gebiete Ratibor und Teschen, Konrad I. Glogau. 1201 wurden Mieszkos Gebiete um Oppeln erweitert; daraus entstand der Oppelner Zweig der Schlesischen Piasten. Seit 1249 zerfiel das Herzogtum Schlesien, seit 1281 auch das Herzogtum Oppeln, in zeitweilig mehr als ein Dutzend kleine Herzogtümer.
Der Mongoleneinfall von 1241 verwüstete Schlesien und dezimierte die slawische Bevölkerung nach den Angaben des Artikels auf ein Fünftel. Schon zuvor, besonders aber danach, riefen die Piasten deutsche Siedler ins Land. Diese gründeten mehr als 100 Städte und über 1200 Dörfer nach deutschem Recht sowie Kirchen und Hospitäler. Die Siedlungen beeinflussten Recht, Gesellschaft und Sprache auch der älteren slawischen Orte. Die Bevölkerung wuchs auf mindestens das Fünffache. Die deutschen Siedler kamen überwiegend aus dem ostfränkischen Sprachraum, außerdem aus Sachsen, Ostthüringen, Niederösterreich, dem Glatzer Land, Oberschlesien und der Gegend von Fulda. Der deutsche schlesische Dialekt verband deshalb thüringisch-obersächsische, mittelbairische und hessische Merkmale.
Ab 1289 nahmen schlesische Herzöge die böhmische Lehenshoheit an. 1327 bis 1342 folgten fast alle übrigen Teilherzogtümer; das Herzogtum Schweidnitz gelangte 1368 an Böhmen. Im Vertrag von Trentschin von 1335, bestätigt 1339, verzichtete Kasimir III. von Polen auf Ansprüche der polnischen Piasten auf Schlesien. 1348 gliederte Karl IV. die schlesischen Teilherzogtümer, mit Ausnahme von Schweidnitz-Jauer, in die Länder der Böhmischen Krone ein. Schlesien wurde dadurch mittelbar Teil des Heiligen Römischen Reichs, ohne dass seine Herzöge und der Fürstbischof Reichsstandschaft mit Sitz und Stimme auf Reichstagen erhielten.
Im 15. Jahrhundert setzte sich die Unterscheidung zwischen Ober- und Niederschlesien durch. Die Hussitenkriege trafen Schlesien als katholisch und deutsch geprägtes Nebenland Böhmens schwer. Nach der Eroberung durch Matthias Corvinus 1469 verbesserten sich Verwaltung und Sicherheit. Nach seinem Tod 1490 wurde Schlesien wieder ein Lehen des böhmischen Königs Ladislaus II. aus dem Haus Jagiellonen.
Habsburger, Preußen und Bevölkerungsentwicklung
Nach dem Tod des böhmischen Königs Ludwig II. in der Schlacht bei Mohács kam Schlesien 1526 mit Ferdinand I. an die Habsburger. Bis 1742 waren die Habsburger als böhmische Könige zugleich Herzöge von Schlesien. Die Reformation breitete sich seit 1522 allmählich in fast ganz Schlesien aus; im 16. Jahrhundert wurde das Land fast vollständig protestantisch. Die Gegenreformation nach 1620 wurde durch Toleranzvereinbarungen begrenzt. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Schlesien durch schwedische, sächsische und kaiserliche Heere verwüstet; Seuchen und Epidemien dezimierten die Bevölkerung. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war Schlesien das wirtschaftlich wichtigste Gebiet der Habsburgermonarchie, insbesondere wegen der Textilherstellung.
1740 beendete der Einmarsch Friedrichs II. von Preußen die österreichisch-böhmische Periode. Im Vorfrieden von Breslau und im Frieden von Berlin 1742 musste Österreich Nieder- und Oberschlesien bis zur Oppa, die Grafschaft Glatz und die mährische Enklave Katscher an Preußen abtreten. Preußen erhielt von den 40.625 km² Schlesiens 35.786 km² und Gebiete mit insgesamt etwa 1,2 Millionen Menschen. Friedrich der Große behauptete diesen Besitz im Zweiten und Dritten Schlesischen Krieg; der Erwerb begründete die preußische Großmachtstellung.
Ein kleinerer Teil Oberschlesiens um Troppau, Jägerndorf, Teschen und Bielitz sowie der südliche Teil des Fürstentums Neisse blieb als Österreichisch-Schlesien bis 1918 bei Österreich-Ungarn. Nach dem Wiener Kongress 1815 wurde das preußische Schlesien eine Provinz mit Breslau als Hauptstadt. 1816 kam die nordöstliche Hälfte der Oberlausitz hinzu. Nur dieser preußische Teil wurde 1871 Bestandteil des deutschen Nationalstaates.
Seit dem Hubertusburger Frieden von 1763 führten politische und wirtschaftliche Stabilisierung, Wiederaufbau, friderizianische Kolonisierung und später Industrialisierung zu starkem Bevölkerungswachstum. Im preußischen Schlesien stieg die Einwohnerzahl von etwa 1.100.100 im Jahr 1742 auf 4.942.611 im Jahr 1905; 1939 betrug sie 4.846.333. Österreichisch-Schlesien wuchs von 247.064 Einwohnern 1776 auf 756.949 im Jahr 1910. Um 1900 lebten im preußischen und österreichischen Anteil zusammen 5.623.033 Menschen: 4.045.449 wurden als Deutsch, 1.326.731 als „Polnisch“ und 250.853 als slawisch erfasst. Mit der Industrialisierung wurde besonders Oberschlesien mit seinen Steinkohlebergwerken neben dem Ruhrgebiet zu einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen des Deutschen Reiches.
Sprachen, Teilungen und Zweiter Weltkrieg
Oberschlesien war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein ethnolinguistisches Mischgebiet. Im Regierungsbezirk Oppeln wurden 1910 2.207.981 Menschen gezählt: 884.045 beziehungsweise 40,04 % als deutschsprachig, 1.169.340 beziehungsweise 52,96 % als polnischsprachig und 88.798 beziehungsweise 4,02 % als zweisprachig. Die Sprachverhältnisse unterschieden sich stark nach Kreisen. In Pleß waren 86,04 % polnischsprachig und 13,40 % deutschsprachig, in Kattowitz Stadt dagegen 85,45 % deutschsprachig und 13,36 % polnischsprachig. Von 1819 bis 1910 stieg die Zahl der polnischsprachigen Bevölkerung im Regierungsbezirk Oppeln von 377.100 auf 1.169.340, während die deutschsprachige Bevölkerung von 162.600 auf 884.045 zunahm.
Nach dem Ersten Weltkrieg mussten Deutschland und Österreich-Ungarn schlesische Gebiete an Polen und die Tschechoslowakei abgeben. 1920 fielen mehrere niederschlesische Grenzgebiete ohne Volksabstimmung an Polen. In Oberschlesien fand im März 1921 ein Plebiszit statt: 59,4 % stimmten für den Verbleib beim Deutschen Reich, 40,6 % für Polen; die Wahlbeteiligung betrug 98 %. In 664 Gemeinden gab es eine deutsche, in 597 eine polnische Mehrheit. Nach drei propolnischen Aufständen sprach der Oberste Rat der Alliierten 1922 etwa 70 % des Abstimmungsgebiets Deutschland und etwa 30 % Polen zu, wobei die Teilungslinie nicht immer den lokalen Mehrheiten entsprach. Ostoberschlesien mit wichtigen Industriegebieten kam zu Polen. Das Hultschiner Ländchen und der größte Teil Österreichisch-Schlesiens gelangten zur Tschechoslowakei; das Teschener Gebiet wurde zwischen Polen und der Tschechoslowakei geteilt.
1938 wurden Ober- und Niederschlesien wieder zur Provinz Schlesien vereinigt. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurden die Autonome Woiwodschaft Schlesien und Teile Kleinpolens angeschlossen. 1941 erfolgte erneut eine Teilung in die Gaue Niederschlesien mit Breslau und Oberschlesien mit Kattowitz. Im Gau Oberschlesien lag Auschwitz-Birkenau, das größte Vernichtungslager des NS-Regimes, in dem etwa 1,5 Millionen Menschen, vor allem Juden aus Polen und anderen Teilen Europas sowie nichtjüdische Polen, ermordet wurden. Von 1940 bis 1945 bestand außerdem das Konzentrationslager Groß-Rosen mit zahlreichen Außenlagern.
Nachkriegsordnung und Schlesien heute
Im Frühjahr 1945 eroberte die Rote Armee den größten Teil Schlesiens. Nach der Potsdamer Konferenz wurde das östlich der Oder-Neiße-Linie gelegene Gebiet der polnischen Verwaltung überlassen und in den polnischen Staat eingegliedert. Deutsche Ortsnamen wurden entfernt; die deutsche Bevölkerung wurde größtenteils vertrieben, an der Rückkehr gehindert oder zwangsweise polonisiert. Ein Teil der damals 4,5 Millionen Schlesier floh bereits ab Anfang 1945. Die organisierte Vertreibung begann ab dem Frühsommer 1945 und setzte sich 1946 und 1947 fort. Zurückgebliebene Deutsche waren Einschränkungen und einem Verbot der deutschen Sprache in öffentlichem und privatem Leben, Kirchen und Schulen ausgesetzt.
Etwa 1,2 Millionen Deutsche in Oberschlesien und etwa 150.000 in Niederschlesien entgingen zunächst der Vertreibung. Gründe waren in Oberschlesien die nicht eindeutige nationale Identität und in Niederschlesien vor allem die Bedeutung deutscher Facharbeiter, etwa im Bergbau. Viele Niederschlesier siedelten 1958 bis 1960 in die Bundesrepublik Deutschland oder in die DDR aus. Die Vertreibung forderte nach einer Erhebung von 1964 zahlreiche Tote und ungeklärte Vermisstenfälle. Für ganz Schlesien nennt der Artikel 634.106 geklärte Todes- und ungeklärte Vermisstenfälle; bezogen auf 4.592.700 Einwohner im Jahr 1938 entspricht dies 13,8 %. Die Zahl der Todesopfer ist nicht exakt bekannt.
Im polnischen Teil wurden Polen aus Zentralpolen und den ehemaligen polnischen Ostgebieten angesiedelt. Hinzu kamen unter anderem Ukrainer aus Südostpolen, Polen aus Bosnien, Rumänien und Frankreich, griechische Kommunisten sowie mehr als 100.000 polnische Juden. Im tschechischen Teil wurden nach der Vertreibung der Deutschen unter anderem Tschechen, Slowaken, Ungarn und Roma angesiedelt. Der westlich der Lausitzer Neiße gelegene Teil blieb deutsch und gehört heute im Wesentlichen zu Sachsen.
Das Görlitzer Abkommen von 1950 erkannte die Oder-Neiße-Linie zwischen DDR und Polen als endgültige Staatsgrenze an. Die Bundesrepublik erkannte sie 1970 im Warschauer Vertrag faktisch als „unverletzliche“ Westgrenze Polens an. Mit dem deutsch-polnischen Grenzvertrag kam der östlich der Neiße gelegene Teil des seit 1742 preußischen Schlesiens völkerrechtlich endgültig zu Polen. Heute liegt der größte Teil Schlesiens in den polnischen Woiwodschaften Niederschlesien, Oppeln und Schlesien; kleinere Teile gehören zu Lebus, Großpolen und Kleinpolen. Der tschechische Teil ist auf den Moravskoslezský kraj und den Olomoucký kraj verteilt. Ein kleiner westlicher Teil liegt in Deutschland.
Seit 1990 entwickelte sich das polnische Schlesien wirtschaftlich positiv. Erfolgreich sind unter anderem die Automobilindustrie in Bielsko-Biała und Gleiwitz sowie Investitionen im Raum Breslau. Bedeutende Infrastrukturprojekte umfassen den Ausbau der Autobahnen A4 und weiterer Verkehrswege; Breslau erhielt im März 2012 ein neues internationales Flughafenterminal. In etwa 20 oberschlesischen Gemeinden mit mehr als 20 % deutschsprachiger Bevölkerung sind seit dem Minderheitengesetz von 2005 zweisprachige Ortsbeschilderung und Deutsch als Verwaltungshilfssprache möglich. Im tschechischen Teil führt besonders der Niedergang des Bergbaus zu Strukturwandel. Kulturell bestehen neben Polnisch weiterhin Deutsch und das slawische Schlesisch beziehungsweise Schlonsakisch, das zahlreiche deutsche und tschechische Einflüsse aufweist.
Das Wappen Nieder- beziehungsweise Gesamtschlesiens zeigt einen goldbewehrten schwarzen Adler auf goldenem Grund mit silbernem Halbmond, meist mit Kreuz. Das oberschlesische Wappen zeigt einen goldenen Adler auf blauem Grund, seit dem 15. Jahrhundert mit Krone. Das 1926 angenommene Wappen der preußischen Provinz Oberschlesien verbindet einen halben Adler mit goldener Sense sowie Schlägel und Eisen und verweist damit auf die Teilung von 1922, Landwirtschaft und Bergbau.