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Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt
Hitler-Stalin-Pakt bekannt, September 1939 begann Hitler den 28. Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz. Position 2888–2899.
Inhalt6 Abschnitte
Kern und Inhalt des Pakts
Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt, offiziell „Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“, wurde am 24. August 1939 in Moskau unterzeichnet, trug aber das Datum 23. August 1939. Unterzeichner waren Joachim von Ribbentrop für das Deutsche Reich und Wjatscheslaw Molotow für die Sowjetunion, in Anwesenheit Josef Stalins. Der Vertrag wird auch Molotow-Ribbentrop-Pakt oder Hitler-Stalin-Pakt genannt.
Der Pakt garantierte dem Deutschen Reich die Neutralität der Sowjetunion für den geplanten Angriff auf Polen und für den Fall, dass Großbritannien und Frankreich in den Krieg eintreten würden. Der öffentliche Vertrag hatte fünf Artikel: Beide Seiten verzichteten auf Gewalt gegeneinander, versprachen Neutralität im Kriegsfall, vereinbarten Konsultationen bei Meinungsverschiedenheiten, schlossen die Teilnahme an gegen den Vertragspartner gerichteten Bündnissen aus und wollten Konflikte „freundschaftlich“ beilegen. Die Laufzeit betrug zehn Jahre. Wichtig war, dass anders als in anderen sowjetischen Nichtangriffsverträgen keine Klausel enthalten war, nach der der Vertrag bei einem Angriff auf einen Drittstaat automatisch außer Kraft trat. Dadurch hatte Deutschland freie Hand gegen Polen.
Das geheime Zusatzprotokoll teilte für den Fall einer „territorial-politischen Umgestaltung“ Ostmitteleuropa in deutsche und sowjetische Interessensphären. Finnland, Estland, Lettland, Ostpolen und Bessarabien wurden der sowjetischen Sphäre zugeordnet, der größte Teil Polens und Litauen zunächst der deutschen. Polen sollte entlang der Flüsse Narew, Weichsel und San geteilt werden; ob ein unabhängiger polnischer Staat bestehen bleiben sollte, wurde offengelassen. Das Protokoll musste „streng geheim“ behandelt werden.
Vorgeschichte und Verhandlungen
Die Vorgeschichte war durch das Scheitern der europäischen Sicherheitsordnung geprägt. Beim Münchner Abkommen vom 29. September 1938 hatten Frankreich und Großbritannien mit Deutschland verhandelt, ohne die Sowjetunion einzubeziehen. Nach der deutschen Besetzung der „Rest-Tschechei“ am 15. März 1939 wurde deutlich, dass die Appeasement-Politik gegenüber Hitler gescheitert war. Großbritannien und Frankreich gaben am 31. März 1939 eine Garantie für die Unabhängigkeit Polens ab.
Gleichzeitig versuchten die Westmächte und die Sowjetunion, über ein Bündnis gegen Deutschland zu verhandeln. Streitpunkte waren vor allem die Garantie für die baltischen Staaten, die sowjetische Forderung nach Schutz vor „indirekter Aggression“ und die Frage, ob die Rote Armee im Kriegsfall durch Polen und Rumänien marschieren dürfe. Polen verweigerte solche Durchmarschrechte aus Furcht, sowjetische Truppen würden das Land nicht wieder verlassen. Die britisch-französische Militärdelegation reiste zudem langsam und ohne ausreichende Vollmachten nach Moskau. Die Verhandlungen gerieten am 17. August 1939 in eine Sackgasse.
Parallel dazu nahm Deutschland Kontakt zur Sowjetunion auf. Hitler stand wegen des geplanten Angriffs auf Polen unter Zeitdruck. Am 19. August 1939 wurde ein deutsch-sowjetischer Wirtschaftsvertrag abgeschlossen: Deutschland gewährte der Sowjetunion einen Kreditrahmen von 200 Millionen Reichsmark, die Sowjetunion sollte Rohstoffe im Wert von 180 Millionen Reichsmark liefern. Am 20. August schrieb Hitler an Stalin und verwies auf die „unerträglich“ gewordene Spannung mit Polen. Stalin sah in einem Vertrag mit Deutschland nun offenbar größere Vorteile als in einem Abkommen mit den Westmächten. Am 23./24. August wurde der Pakt unterzeichnet.
Polen und Neuordnung Osteuropas
Am 1. September 1939 begann Deutschland den Überfall auf Polen. Die Sowjetunion blieb zunächst offiziell neutral. Stalin wartete unter anderem ab, wie Frankreich und Großbritannien reagieren würden, und wollte propagandistisch nicht sofort als Aggressor erscheinen. Am 17. September 1939 marschierte die Rote Armee in Ostpolen ein, noch vor der Kapitulation Warschaus am 28. September. Die sowjetische Begründung lautete, man müsse die ukrainischen und weißrussischen „Brüder“ schützen und das polnische Volk aus dem Krieg befreien.
Am 28. September 1939 schlossen Deutschland und die Sowjetunion den Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag. Er bestätigte und veränderte die Aufteilung Polens: Die neue Grenze verlief im Wesentlichen entlang der Curzon-Linie beziehungsweise am Bug. Deutschland erhielt unter anderem die gesamte Woiwodschaft Lublin und weitere Teile der Woiwodschaft Warschau; die Sowjetunion erhielt Litauen in ihre Interessensphäre. In geheimen Absprachen vereinbarten beide Seiten auch ein gemeinsames Vorgehen gegen polnischen Widerstand. Außerdem wurden Umsiedlungen beschlossen: Volksdeutsche sollten „Heim ins Reich“ gebracht werden, Ukrainer und Weißrussen in den sowjetischen Machtbereich.
Der Pakt ermöglichte eine weitgehende Neuordnung Osteuropas. Die baltischen Staaten mussten 1939 Beistandsverträge mit der Sowjetunion schließen und sowjetische Truppen zulassen; 1940 wurden Estland, Lettland und Litauen eingegliedert. Gegen Finnland führte die Sowjetunion ab dem 30. November 1939 den Winterkrieg. Im Frieden von Moskau vom 12. März 1940 verlor Finnland 10 % seines Territoriums und 400.000 Finnen wurden vertrieben, behielt aber seine Unabhängigkeit. Rumänien musste am 26. Juni 1940 Bessarabien und die Nordbukowina abtreten; daraus entstanden unter anderem die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik und Gebietsgewinne der Ukraine.
Terror, Wirtschaft und internationale Folgen
In den besetzten Gebieten folgten schwere Repressionen. Im deutschen Machtbereich traf der Terror besonders die polnische Elite und die jüdische Bevölkerung. Das am 12. Oktober 1939 eingerichtete Generalgouvernement diente als Arbeitskräftereservoir, Abschiebeort und Raum für Besatzungspolitik. Bis Mitte März 1941 wurden nach Berechnungen etwa 460.000 Menschen, darunter etwa 100.000 Juden, aus eingegliederten Gebieten ins Generalgouvernement deportiert. Über 30.000 politische Gegner sowie tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder des polnischen Widerstands wurden bis Frühjahr 1940 ermordet.
Auch die Sowjetunion deportierte und verfolgte viele Menschen in den annektierten Gebieten. Das NKWD verschleppte bis zu 325.000 ehemalige polnische Staatsbürger nach Kasachstan, Sibirien, in Sonderansiedlungen und Gulag-Lager. Betroffen waren unter anderem polnische Kriegsveteranen, Kirchenvertreter, Staatsdiener, Landbesitzer, Umsiedler und Flüchtlinge. Beim Massaker von Katyn erschoss das NKWD etwa 22.000 polnische Soldaten, Offiziere und Reservisten.
Die Wirtschaftsbeziehungen waren ein wichtiger Teil des Pakts. Am 11. Februar 1940 verpflichtete sich die Sowjetunion, innerhalb eines Jahres Rohstoffe wie Futtergetreide, Erdöl, Baumwolle, Chromerz und Platin im Wert von 500 Millionen Reichsmark zu liefern. Deutschland lieferte Industriegüter und Kriegsgerät. 1940 bezog Deutschland aus der Sowjetunion unter anderem 74 % seiner importierten Phosphate, 67 % seines Asbests, 64 % seines Chromeisens, 55 % seines Mangans, 40 % seines Nickels und 34 % seines Rohöls. In der Forschung wird unterschiedlich bewertet, wie stark diese Lieferungen die deutsche Kriegsführung ermöglichten.
International hatte der Pakt weitreichende Folgen. Großbritannien und Frankreich erklärten Deutschland nach dem Angriff auf Polen am 3. September 1939 den Krieg. Japan sah den Pakt als Verletzung des Antikominternpakts, das Kabinett Hiranuma trat zurück. In Westeuropa löste der Kurswechsel der Sowjetunion bei vielen Kommunisten Entsetzen und Verunsicherung aus; in Frankreich wurde die Kommunistische Partei Frankreichs am 26. September 1939 verboten.
Verschlechterung und Bruch
Nach den deutschen Siegen in West- und Nordeuropa 1940 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion. Stalins Sorge wuchs, als Frankreich schnell kapitulierte und Deutschland seine Machtstellung ausbaute. Gleichzeitig besetzte die Sowjetunion 1940 weitere Gebiete in Ost- und Südosteuropa, darunter die baltischen Staaten sowie Bessarabien und die Nordbukowina.
Im November 1940 verhandelten Hitler und Molotow in Berlin. Hitler wollte die Sowjetunion in einen größeren Pakt mit Deutschland, Italien und Japan einbinden und ihr Expansion in Richtung Asien, besonders Indien, nahelegen. Molotow sprach dagegen europäische Konflikte an: die deutsche Militärhilfe für Finnland und die deutsch-italienische Garantie für Rumänien widersprachen sowjetischen Interessen. Die Gespräche scheiterten im Kern daran, dass beide Seiten unterschiedliche Ziele verfolgten.
Schon vor dem Scheitern dieser Gespräche war Hitler zum Krieg gegen die Sowjetunion entschlossen. Am 22. Juni 1941 brach das Deutsche Reich mit dem Überfall auf die Sowjetunion den Nichtangriffspakt. Der Angriff war machtpolitisch, wirtschaftlich, kolonial-imperialistisch und rassenideologisch motiviert. Historiker diskutieren, wie Stalin mit den Warnungen vor dem Angriff umging. Nach einer älteren Deutung ließ er sich von Hitler täuschen; neuere Deutungen betonen, dass Stalin Warnungen kannte, aber den deutschen Angriff abwarten musste, um Hitler keinen Vorwand für einen angeblichen Verteidigungskrieg zu liefern.
Bewertung, Nichtigkeit und Erinnerung
Die historische Bewertung des Paktes ist umstritten. Zur sowjetischen Außenpolitik fragen Historiker, ob Stalin ernsthaft ein Bündnis mit den Westmächten suchte, ob er von Anfang an ein Bündnis mit Hitler bevorzugte oder ob er vor allem Zeit gewinnen und die Sowjetunion aus einem Krieg heraushalten wollte. Einigkeit besteht weitgehend darin, dass Stalin eine feindliche Einkreisung durch kapitalistische Staaten annahm und einen Krieg so lange wie möglich vermeiden wollte. Zugleich brachte der Pakt der Sowjetunion große territoriale Gewinne. Die deutsche Außenpolitik verfolgte vor allem das Ziel, Polen angreifen zu können und einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Hitler sah den Pakt als taktisches Mittel, obwohl er ideologisch gegen die Sowjetunion gerichtet blieb.
Das geheime Zusatzprotokoll wurde von der Sowjetunion jahrzehntelang geleugnet. Während der Nürnberger Prozesse wurde es erwähnt, aber die sowjetische Anklage bestritt seine Existenz. Erst in den späten 1980er Jahren wurde die Anerkennung politisch unausweichlich. Am 24. Dezember 1989 erklärte der zweite Volksdeputiertenkongress der Sowjetunion das Zusatzprotokoll vom Zeitpunkt der Unterzeichnung an für null und nichtig. Deutschland erklärte den Vertrag 1990 ex tunc, also rückwirkend, für nichtig.
Der Pakt wirkte stark auf den Zerfall der Sowjetunion. Die Leugnung eines freiwilligen Beitritts der baltischen Staaten wurde unhaltbar, und Estland, Lettland und Litauen forderten ihre staatliche Souveränität zurück. Am 23. August 1989 bildeten etwa eine Million Menschen eine rund 600 km lange Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius, den Baltischen Weg. Der 23. August wurde 2009 auf Initiative ostmitteleuropäischer Staaten zum europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus erklärt; der Bundestag beschloss 2013, ihn als Europäischen Tag der Erinnerung für die Opfer des Totalitarismus zu begehen.