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Curzon-Linie
Die Curzon-Linie (benannt nach dem damaligen britischen Außenminister George Curzon) war nach dem Ersten Weltkrieg am 8. Dezember 1919 in Paris unter …
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Bedeutung und Grundidee
Die Curzon-Linie war ein nach dem Ersten Weltkrieg vorgeschlagener Verlauf für eine polnisch-russische Grenze. Die Westalliierten verkündeten sie am 8. Dezember 1919 in Paris als vorläufige Demarkationslinie, also als Trennlinie, zwischen Sowjetrussland und der Zweiten Republik Polen. Ihr Grundprinzip war die Muttersprache der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung: Die Ostgrenze Polens sollte möglichst einer ethnographischen Grenze folgen.
Benannt wurde die Linie erst im Juli 1920 nach dem britischen Außenminister Lord Curzon. Er schlug sie im Protokoll von Spa während der Waffenstillstandsverhandlungen im Polnisch-Sowjetischen Krieg als Waffenstillstandslinie vor. Die heutige Ostgrenze Polens stimmt weitgehend mit der 1919 vorgeschlagenen Curzon-Linie überein.
Offene Ostgrenze und polnisch-sowjetischer Krieg
Nach der Wiedergründung Polens 1918 war seine Ostgrenze zunächst ungeklärt. Die Grenze zu Deutschland war größtenteils im Versailler Friedensvertrag geregelt; über Ostpreußen und Oberschlesien sollten Volksabstimmungen entscheiden. Für die Grenze zu Sowjetrussland erschien das Selbstbestimmungsrecht der Völker als wichtiges Kriterium. Der Politiker Roman Dmowski hatte eine Grenzziehung nach Sprachmehrheiten gefordert, während Józef Piłsudski ein Föderationskonzept, Międzymorze, verfolgte: Es sollte an Polen-Litauen in den Grenzen vor den Teilungen anknüpfen und eine polnisch-litauisch-belarussisch-ukrainische Föderation schaffen.
Piłsudskis Konzept stieß auf nationale Interessen und Nationalismus in Litauen, Belarus und der Ukraine sowie auf die Interessen von Großrussen und auf Lenins Konzept der Weltrevolution. Polen akzeptierte die Curzon-Linie daher nicht und verschob seine Ostgrenze bis 1923 weit nach Osten: Ostgalizien wurde 1919, Wolhynien 1921 und das Wilna-Gebiet 1920/22 wiedererobert. Am 17. Juli 1920 schlug Sowjetrussland Polen sogar eine günstigere Grenze östlich der Curzon-Linie vor und erklärte, die Curzon-Linie sei teilweise unter Druck polenfeindlicher imperialistischer Forderungen russischer „Weißer“ festgelegt worden.
Der Polnisch-Sowjetische Krieg von 1919 bis 1921 endete mit dem Frieden von Riga. Weder Polen noch Sowjetrussland erreichten ihre Kriegsziele: Sowjetrussland konnte seine Einflusssphäre nicht erneut nach Westen ausdehnen; Polen stellte Polen-Litauen in den Grenzen vor den Teilungen durch Preußen, Österreich-Ungarn und Russland nicht wieder her. Laut Artikel wurde die Grenze aufgrund der Verhandlungssituation nach den Konflikten östlich der Curzon-Linie festgelegt.
Bevölkerung und Varianten der Linie
Die Gebiete jenseits der Curzon-Linie waren ethnisch und religiös gemischt. In den zurückeroberten Gebieten, die bis 1772 beziehungsweise 1795 zum polnisch-litauischen Staat gehört hatten, befand sich die Bevölkerung mit polnischem Selbstverständnis nach Massendeportationen und Vertreibungen von Polen im 19. Jahrhundert in deutlicher Minderheit. Im russischen Gouvernement Wilna betrug der polnische Anteil 1897 8,2 %, der belarussische 61,2 %, der litauische 17,6 % und der jüdische 12,8 %. In Wolhynien waren 6,2 % Polen, 73,7 % Russen, überwiegend Belarussen, 13,2 % Juden und 5,7 % Deutsche. In Galizien machten Polen 1900 54,75 % und Ruthenen 42,20 % aus; in Westgalizien überwogen Polen, in Ostgalizien Ruthenen.
Die A-Linie verlief ungefähr vom Südende des Wystiter Sees nach Südosten, nahe Hrodna nach Süden, dann am Bug entlang und schließlich nach Südwesten bis zu den Bieszczady nahe dem Lupkapass. Der Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag von 1939 orientierte sich daran, mit Abweichungen zugunsten der Sowjetunion in der Region Białystok.
Die B-Linie verlief ähnlich, ließ aber Lemberg und Drohobycz auf der polnischen Seite; Roosevelt schlug sie 1945 als polnische Ostgrenze vor. Westlich der Linie dominierten in Zentralpolen Polen, doch zwischen Warschau und Lublin lebten etwa 1,5 Millionen Ukrainer. Östlich der Linie stellten Ukrainer und Belarussen die Mehrheit, daneben lebten viele Polen: laut polnischer Volkszählung von 1919 etwa 25 %, nach Piłsudskis Amtszeit 1936 etwa 36 % der Bevölkerung. In Städten gab es viele Bürger jüdischen Glaubens; die Landbevölkerung war überwiegend russisch- oder ukrainisch-orthodox.
Zweiter Weltkrieg und Neuordnung Polens
Nach dem deutschen Überfall auf Polen besetzte die Sowjetunion 1939 die Gebiete östlich der Linie und gliederte sie in ihr Territorium ein. Die Teilungslinie des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags vom 28. September 1939 entsprach ungefähr der Curzon-Linie. Großbritannien vertrat während des Zweiten Weltkriegs durchgehend die Auffassung, Polens Ostgrenze solle nach dem Krieg auf dieser Grundlage festgelegt werden. Churchill und Roosevelt stimmten Stalins Forderung auf der Konferenz von Teheran zu.
Auf der Konferenz von Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 vereinbarten Franklin D. Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin neue Grenzen für Polen. Als Gegenleistung für das Versprechen freier Wahlen sollte die Ostgrenze mit einigen Vergünstigungen für Polen annähernd der Curzon-A-Linie folgen. Polen erhielt dafür deutsche Ostgebiete; dies wird als „Westverschiebung“ bezeichnet. Weder die Londoner polnische Exilregierung noch die prosowjetische Lubliner Regierung nahm an der Konferenz teil.
Nach Darstellung des Artikels sicherte Stalin damit Polens Abhängigkeit von der Sowjetunion, weil nur die sowjetische Militärmacht die Westgrenze gegen ein wiedererstarktes Deutschland schützen konnte. Die Folgen waren umfangreiche Bevölkerungsverschiebungen: Das kommunistische Polen wurde von Deutschen und die Sowjetunion von Polen „gesäubert“; Deutsche zogen in ein westlicheres Deutschland, Polen in ein westlicheres Polen. Nach einer Schätzung von The Times aus dem Jahr 1944 lebten 1931 in den Kresy östlich der Curzon-Linie 2,2 bis 2,5 Millionen Polen. Davon sollen nach dem Zweiten Weltkrieg 2,1 Millionen nach Westen gezogen sein; zwei Drittel siedelten sich in den „neuen Gebieten“ an.