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Zur Judenfrage

↑ Zitiert nach Peter Longerich: Antisemitismus: Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. Siedler, München 2021, ISBN 978-3-8275-0067-0, S …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Werk und Entstehung
  2. 2. Theoretischer Hintergrund
  3. 3. Politische und menschliche Emanzipation
  4. 4. Judentum und umstrittene Deutungen

Werk und Entstehung

„Zur Judenfrage“ ist eine 34 Seiten lange Rezension, die Karl Marx zwischen Oktober und Dezember 1843 schrieb. Sie setzt sich mit Bruno Bauers 1843 erschienenen Texten „Die Judenfrage“ und „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden“ auseinander. Marx schrieb zunächst in Kreuznach und ab Oktober 1843 in Paris.

Erstmals erschien der Aufsatz im Februar 1844 in Paris in der einzigen veröffentlichten Ausgabe der von Marx und Arnold Ruge herausgegebenen „Deutsch-Französischen Jahrbücher“. Eine französische Übersetzung von Hermann Ewerbeck folgte 1850. Später wurde der Text wiederholt politisch instrumentalisiert: Wilhelm Hasselmann versuchte ihn für antisemitische Zwecke zu nutzen. 1923 druckte die KPD-Zeitung „Die Rote Fahne“ einen Auszug mit einem nicht von Marx stammenden Untertitel ab; Olaf Kistenmacher deutet dies als Fehldeutung, mit der die KPD sich selbst judenfeindlich darstellen wollte.

Theoretischer Hintergrund

Die Schrift gehört zu Marx’ frühen Arbeiten. Nach seiner Tätigkeit als Chefredakteur der „Rheinischen Zeitung“ ab Oktober 1842 beschäftigte er sich stärker mit materiellen Interessen, besonders mit der klassischen Nationalökonomie, Feuerbachs Materialismus sowie sozialistischen und kommunistischen Bewegungen. Nach dem erzwungenen Ende der Zeitung im März 1843 plante er mit Arnold Ruge die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“.

„Zur Judenfrage“ richtet sich vor allem gegen den theologischen Idealismus der Junghegelianer. Marx will diesem die wirkliche Gesellschaft gegenüberstellen. Wichtige spätere Bestandteile seiner Theorie sind darin schon angelegt, aber noch nicht ausgearbeitet: eine historisch-materialistische Theorie, seine Kritik der politischen Ökonomie und zentrale Begriffe späterer Werke fehlen noch. Im Mittelpunkt steht jedoch bereits eine Frage, die Marx lange beschäftigte: unter welchen Bedingungen menschliche Emanzipation möglich ist.

Politische und menschliche Emanzipation

Marx untersucht den Unterschied zwischen politischer und menschlicher Emanzipation. Politische Emanzipation bedeutet, dass Menschen als Staatsbürger gleiche Rechte erhalten und der Staat sich von einer Religion lösen kann. Menschliche Emanzipation wäre darüber hinaus die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, durch die Menschen tatsächlich frei werden.

Bruno Bauer verlangte nach Marx, dass Juden und der Staat sich von Religion lösen müssten, damit politische Emanzipation möglich sei. Marx kritisiert, Bauer untersuche nur den „christlichen Staat“, nicht den „Staat schlechthin“, und übersehe das Verhältnis politischer zu menschlicher Emanzipation. Als Beispiel nennt Marx die Vereinigten Staaten: Dort könne die Trennung von Staat und Religion bestehen, obwohl Religion weiterhin verbreitet und wirksam sei. Deshalb sei Religion für ihn nicht die Ursache, sondern ein „Phänomen der weltlichen Beschränktheit“.

Marx beschreibt einen allgemeinen Gegensatz zwischen politischem Staat und bürgerlicher Gesellschaft. Im Staat erscheinen Menschen als Gleiche; in der Gesellschaft bleiben sie jedoch ungleich. Politische Gleichheit kann soziale Ungleichheit daher fortbestehen lassen. Die politische Emanzipation ist für Marx zwar ein wichtiger Fortschritt und die letzte Form menschlicher Emanzipation „innerhalb der bisherigen Weltordnung“, aber nicht deren Vollendung.

Daran knüpft seine Kritik der Menschenrechte an. Das Recht auf Freiheit versteht er in der bürgerlichen Gesellschaft vor allem als Recht auf Privateigentum: als Recht, „ohne Beziehung auf andre Menschen“ über Vermögen zu verfügen. Das Recht auf Sicherheit sichere nach ihm die Person, Rechte und das Eigentum und damit den Egoismus der Mitglieder dieser Gesellschaft. Die bürgerliche Revolution habe zwar feudale Stände, Korporationen und Privilegien beseitigt, zugleich aber die Trennung zwischen dem privaten Individuum der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staatsbürger geschaffen.

Menschliche Emanzipation sei erst erreicht, wenn der wirkliche individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger „in sich zurücknimmt“, seine „forces propres“ („eigene Kräfte“) als gesellschaftliche Kräfte erkennt und organisiert und gesellschaftliche Kraft nicht mehr als politische Kraft von sich trennt. Marx formuliert dies auch als: „Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst.“

Judentum und umstrittene Deutungen

Marx stammte aus einer jüdischen Familie. Sein Vater konvertierte zum protestantischen Christentum, weil er als Jude nicht als Rechtsanwalt arbeiten durfte; Karl Marx wurde am 26. August 1824 evangelisch getauft. Marx wandte sich später von jeder Religiosität ab und kritisierte Religion grundsätzlich. Sein Verhältnis zum Judentum und einzelne Formulierungen in „Zur Judenfrage“ werden bis heute kontrovers diskutiert.

Besonders umstritten ist die Aussage: „Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“ In der Forschung besteht keine einheitliche Bewertung. Hannah Arendt und Edmund Silberner bezeichneten Marx wegen der Schrift als antisemitisch beziehungsweise als Vertreter eines „Antisemitismus der Linken“. Lars Fischer widerspricht: Marx habe nicht das Judentum angreifen wollen, sondern Kapitalismuskritik und gesellschaftliche Emanzipation behandelt. Matthias Vetter urteilt, Marx verfolge keine antisemitischen Vergleichskonstruktionen, Sprache, Vergleiche und Absichten seien aber antisemitisch. Detlev Claussen kritisiert den Text zudem als „unmaterialistisch und unwissenschaftlich“, weil er bei Waren- und Geldzirkulation verharre.

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