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Dorf

In der Geografie bezeichnet Dorf eine ländliche Gruppensiedlung ab einer Größe von etwa 100 Einwohnern bzw. 20 Höfen oder Gebäudekomplexen. ... Als Dörfer werden …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff und Abgrenzung
  2. 2. Größe, Dauer und Rechtsstellung
  3. 3. Entstehung und Dorfformen
  4. 4. Dörfliches Leben im Wandel
  5. 5. Gegenwart, Gemeinschaft und Sicherung

Grundbegriff und Abgrenzung

Ein Dorf ist eine Gruppensiedlung im ländlichen Raum, also eine ländliche Siedlung aus mehreren Wohn- und Wirtschaftsstellen. In der deutschen siedlungsgeographischen Typisierung werden Einzelsiedlungen und Gruppensiedlungen unterschieden; als Dorf gilt nur eine Gruppensiedlung bestimmter Größe. Diese Größe ist regional verschieden und oft historisch bedingt. In der Geografie wird ein Dorf ungefähr ab 100 Einwohnern oder etwa 20 Höfen beziehungsweise Gebäudekomplexen angesetzt. Als Dörfer werden nur Siedlungen des ländlichen Raums bezeichnet.

Traditionell waren Dörfer stark von der Landwirtschaft geprägt. Viele Bewohner waren Bauern oder landwirtschaftliche Beschäftigte, die Bauweise bestand vor allem aus Bauernhäusern, und die Siedlung stand eng mit Ackerland, Flur und Flurformen in Verbindung. Daneben gab es auch landwirtschaftsnahe Gewerbe und spezielle Gewerbedörfer, zum Beispiel Fischerdörfer, Flößer- und Wanderhändlerdörfer, Weberdörfer oder Töpferdörfer. In heutigen mitteleuropäischen Dörfern ist der Anteil der landwirtschaftlich Beschäftigten meist gering. Auch der Bevölkerungsanteil in ländlichen Siedlungen sank stark: Im Deutschen Reich lebten 1900 noch fast die Hälfte der Bevölkerung in ländlichen Siedlungen, nämlich 46 Prozent; in der Bundesrepublik Deutschland waren es 2015 etwa ein Viertel, nämlich 23 Prozent.

Kleinere Gruppensiedlungen heißen regional Weiler oder Bauerschaft. Streusiedlungen werden in manchen Gegenden nicht als Dorf bezeichnet, sondern etwa in Nordwestdeutschland als Bauerschaft oder am Niederrhein als Honnschaft. Wohnplätze mit nur einem oder zwei Haushalten gelten als Einzelsiedlung, Einzelgehöft, in Süddeutschland und in den deutschsprachigen Alpenländern auch als Einöde oder Einödshof.

Größe, Dauer und Rechtsstellung

Dörfer können Dauersiedlungen oder saisonal genutzte Siedlungen sein. Dauersiedlungen sind ständig bewohnte Ansiedlungen im Dauersiedlungsraum der Erde, der Ökumene. Seit dem Beginn der Landwirtschaft bestanden solche Dörfer überwiegend aus festen Behausungen. In klimatisch schwierigeren Gebieten, die nur zeitweise als Feld oder Weide nutzbar sind, gibt es dagegen Sommer- oder Winterdörfer. Sie können aus festen Häusern bestehen, die zeitweise leer stehen, oder aus mobilen Behausungen wie Zelten oder Jurten. Häufig sind feste Winterdörfer der Hauptwohnsitz, während im Sommer mobile Lager genutzt werden; als Beispiel nennt der Artikel transhumante Lebensweisen mit Yailas in Anatolien sowie feste Sommer- und Winterdörfer samischer Rentierhüter in Lappland.

Für die Größe eines Dorfs werden verschiedene Maßstäbe verwendet: Einwohnerzahl, Zahl der Häuser, Wohneinheiten oder Hofstätten sowie die überbaute Fläche. Als Grenze zwischen Einzel- und Gruppensiedlung wurde ein Abstand der Häuser von etwa 150 Metern vorgeschlagen. Oft wird grob mit vier bis fünf Einwohnern pro Hausstätte gerechnet, wobei Mehrfamilienhäuser dabei nicht berücksichtigt sind. Viele Fachleute halten eigentlich die Ausstattung mit Infrastruktur und Funktionen für wichtiger, doch die Einwohnerzahl ist leichter messbar und wird deshalb häufig als Hilfsgröße genutzt.

Nach einer verbreiteten Terminologie hat ein Weiler 10 bis 20 Hausstätten und bis zu 100 Einwohner. Ein kleines Dorf liegt darüber, aber unter 100 Haus- oder Hofstätten und unter 500 Einwohnern. Ein normales Dorf hat unter etwa 400 Haus- und Hofstätten und etwa 2000 Einwohner. Größere Siedlungen werden als Großdorf oder Stadtdorf eingeordnet. Die Abgrenzung bleibt jedoch abhängig vom jeweiligen Autor. In Österreich gilt zu statistischen Zwecken eine geschlossene Ortschaft mit 10 oder mehr Gebäuden als Dorf.

Rechtlich war das Dorf traditionell als Gemeinde der Bauern eine politische Einheit. Vor den Gemeinderäten des 19. Jahrhunderts gab es im deutschsprachigen Raum Ämter wie Schultheiß, Bürgermeister, Ortsvorsteher und Dorfschulze. Durch Gebietsreformen der 1970er bis 1990er Jahre sind Dörfer in Deutschland meist keine eigenen Gebietskörperschaften mehr, sondern wurden zu ländlichen Gemeinden zusammengefasst oder in Städte eingemeindet. In Bayern gilt grundsätzlich jede Ansiedlung mit zehn oder mehr Wohngebäuden, die keine Stadt ist, als Dorf. Größere Dörfer mit stärkerer Arbeitsteilung und einzelnen städtischen Funktionen heißen in Süddeutschland oft Markt, in Norddeutschland Flecken und in Hessen Marktflecken. In Frankreich, der Schweiz und Namibia sind viele Dörfer dagegen eigene Gebietskörperschaften.

Entstehung und Dorfformen

Archäologisch sind seit dem Frühneolithikum Siedlungen bekannt, die aus einer Ansammlung gleichzeitiger Häuser, gemeinsamer landwirtschaftlicher Grundlage und gemeinsamen Einrichtungen bestanden. Nach einer solchen Definition ist das Dorf eine grundlegende Siedlungsform der Agrarkultur. Vorläufer waren Wohnplätze von Jägern und Sammlern, die teils nur saisonal genutzt wurden. In Vorgeschichte und Mittelalter veränderten sich Dörfer stark. Für Mitteleuropa ist besonders die Frage wichtig, wann die heutigen Siedlungsformen entstanden, die sogenannte Dorfgenese. Ältere Auffassungen sahen das Dorf als typisch germanische Siedlungsform; archäologische Befunde zeigen jedoch, dass das ländliche Siedlungsgefüge bis weit ins Mittelalter erheblich umgestaltet wurde. Viele klassische mitteleuropäische Dorfformen entstanden erst durch Konzentration, Verlagerung, Zusammenlegung von Einzelhöfen oder innere Umstrukturierung älterer Siedlungen. Die Gemeindebildung wird in schriftlichen Quellen vor allem ins 12. und 13. Jahrhundert datiert.

Dörfer werden nach Grundriss, Lage, sozialökonomischer Funktion und Wirtschaftsweise klassifiziert. Man unterscheidet ungeregelte und geregelte Dorfanlagen; geregelte Anlagen entstehen meist durch geplante Kolonisation. Zu den häufigsten Formen gehören Haufen-, Reihen- und Straßendörfer. Reine Formen sind selten, eine Ausnahme bilden Rundlinge.

Geschlossene Dorfformen sind dichter bebaut. Ein Haufendorf hat unregelmäßige Grundstücke und oft verschieden große Höfe; es entstand häufig ungeplant und steht oft mit der mittelalterlichen Gewanneflur in Zusammenhang. Ein Kompaktdorf ist ein besonders eng gebautes Haufendorf, vor allem in romanischsprachigen Teilen der Alpen. Ein Straßendorf ist linear und meist doppelzeilig: Häuser oder Gehöfte säumen dicht eine Straße. Beim Angerdorf liegt in der Mitte ein Anger, also ein gemeindeeigener, länglich-runder Platz, oft mit Teich oder Brunnen. Ein Straßenangerdorf verbindet Straßendorf und Angerdorf, indem sich die Dorfstraße stellenweise zu einem Anger erweitert.

Ein Rundling, Rundplatzdorf oder Rundweiler ist rund angelegt und kommt besonders im früheren deutsch-slawischen Grenzraum westlich und östlich von Saale und Elbe vor, zum Beispiel im Hannoverschen Wendland. Der mittlere Platz war ursprünglich meist nur über einen Weg erreichbar, darum lagen wenige Bauernhöfe, anschließend eine Streifengemengeflur. Ob die Rundform aus Sicherheitsgründen oder wegen Viehwirtschaft entstand, ist ungeklärt. Wurtendörfer sind eine besondere Form: Ihre Gehöfte liegen auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel, der vor Sturmflut oder Hochwasser schützen sollte, vor allem an Marschenküsten und Flussläufen.

Offene Dorfformen haben lockerere Bebauung. Eine Streusiedlung besteht aus weit auseinanderliegenden Bauernhöfen und Weilern ohne eigentlichen Ortskern; typische Gebiete sind westliches Niedersachsen, Schwarzwald sowie voralpiner und alpiner Raum. Hufendörfer sind besondere Formen des Reihendorfs, etwa Waldhufen-, Moorhufen-, Marschhufen- oder Hagenhufendörfer. Hier erhielt jeder Bauer häufig eine zusammenhängende Fläche, die Hufe. Manche Siedlungen entstanden außerdem an Kristallisationspunkten: Kirchdörfer um eine Kirche, Marktflecken an erlaubten Marktorten und Eisenbahnsiedlungen an Eisenbahnhaltepunkten vor allem vom späten 19. bis frühen 20. Jahrhundert.

Dörfliches Leben im Wandel

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts prägten Landwirtschaft und Kleinhandwerk das Dorfleben. Viele Bewohner lebten von Ackerbau, Viehzucht und Hausgärten, die Gemüse und Obst lieferten. Noch bis in die 1960er Jahre standen in manchen Dörfern eigene Erträge aus Nutzgarten und Acker im Vordergrund; wer einen Stall hatte, hielt etwa Schweine, Hühner, Kaninchen oder Ziegen. Zugekauft wurden unter anderem Salz, Zucker, Mehl, Kaffee, Essig, Speiseöl und Gewürze. Mahlzeiten richteten sich nach Jahreszeiten, Familienereignissen und Erntezeiten.

Beim Hausbau wurden regionale Materialien wie Holz, Bruchstein und Ziegel verwendet. Vom Hochmittelalter bis ins 19. Jahrhundert waren in vielen deutschen Gebieten Fachwerkbauten verbreitet. Wohn- und Wirtschaftsbereiche lagen oft dicht beieinander oder unter einem Dach, etwa im Einhaus. Meist wurde nur die Küche beheizt, weshalb sie im Winter als Wohnraum diente. Im Dorf gab es gewöhnlich die Berufe, die für Alltag und Dienstleistungen nötig waren. Pfarrer und Dorflehrer hatten wegen ihrer Stellung ein hohes Ansehen.

Das soziale Leben war stark gemeinschaftlich organisiert. Arbeit bestimmte den Alltag, auch Kinder im Grundschulalter halfen etwa bei der Ernte. Schulunterricht in kleinen Orten fand oft für alle Kinder in einem Raum statt und wurde an landwirtschaftliche Abläufe angepasst; Ferien richteten sich nach Heu-, Getreide- und Kartoffelernte. Sonn- und Feiertage, Hochzeiten und Beisetzungen unterbrachen den Alltag und stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstanden auf den Dörfern Vereine, zum Beispiel Kriegervereine, Gesangvereine, Schützenvereine, später Sportvereine und Freiwillige Feuerwehren.

Der Erste Weltkrieg war eine starke Zäsur, weil viele jüngere Männer Kriegsdienst leisten mussten und verletzt oder gar nicht zurückkehrten. Reparaturen und Baumaßnahmen wurden vernachlässigt, das Wirtschafts- und Alltagsleben litt. In der NS-Zeit griffen Blut-und-Boden-Ideologie, Reichsnährstand, Abgabenpflichten und ab dem Zweiten Weltkrieg Zwangsbewirtschaftung stark in das dörfliche Leben ein. Frauen, Alte, Kriegsversehrte und Kinder trugen erneut viel Verantwortung. Kriegsgefangene wurden als Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt. Denunziation und politische Sozialkontrolle schadeten den Dorfgemeinschaften langfristig.

Nach 1945 veränderten Flüchtlinge und Vertriebene viele Dörfer, weil in unzerstörten ländlichen Siedlungen Wohnraum gesucht wurde. Notunterkünfte entstanden, Einwohnerzahlen stiegen, und Dörfer wurden Ziel von Hamsterfahrten und Tauschhandel. In der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR griff die Bodenreform in Eigentumsverhältnisse ein; es kam zu entschädigungslosen Enteignungen, Neusiedlerstellen und später zur Kollektivierung der Landwirtschaft. In der Bundesrepublik förderten Programme wie das Lastenausgleichsgesetz den Wohnungsbau. Neue Häuser entstanden oft am Rand der Dorfkerne. Mit Währungsreform und Wirtschaftswunder wuchsen Arbeitsplätze in Industrie, Bergbau und Dienstleistung; Pendeln in Städte und Landflucht nahmen zu.

Gegenwart, Gemeinschaft und Sicherung

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts änderten Verkehrsausbau, Verwaltungsreformen und Rationalisierung der Landwirtschaft die Dörfer grundlegend. Straßen wurden ausgebaut und verbreitert, was oft in das Dorfgefüge eingriff, Dörfer zerschnitt und Lärm verstärkte. Viele Orte wurden zu Auspendlergemeinden, wenn es vor Ort zu wenig Arbeit gab. Landwirtschaftliche Betriebe siedelten aus engen Dorflagen an Ortsränder aus; in Dorfmitten entstanden Leerstände. Im Umland von Ballungsräumen verlor die Landwirtschaft für viele Dörfer an Bedeutung.

In der Bundesrepublik führte die Gemeindegebietsreform nach 1969 zu neuen Verwaltungs- und Gemeindestrukturen, die gewachsene Sozialstrukturen aufbrechen konnten. In der DDR wurden ebenfalls Gebietsreformen durchgeführt. Seit den 1970er Jahren nahm das Wohnen auf dem Land zu: leerstehende Bauernhäuser wurden zu Wohnhäusern umgebaut, in attraktiven Mittelgebirgslagen entstanden Zweitwohnungssiedlungen. Zuzug von Städtern und seit den 1960er Jahren auch von Gastarbeitern führte teils zu neuen sozialen Spannungen. Der Artikel betont, dass der „dörfliche Charakter“ vieler Gemeinden heute oft eher historisch ist.

Eine Dorfgemeinschaft umfasst soziale Beziehungen wie Nachbarschaft, feste Normen, Sitten, Brauchtum, Feste und Vereinswesen, aber auch ländliche Architektur, Kleidung oder Nahrung. Früher war die Bevölkerungsentwicklung stark an verfügbare Nutzfläche gebunden, was in engen Siedlungsräumen wie dem Alpenraum Konflikte auslösen konnte. Ein Gleichgewicht entstand unter anderem dadurch, dass Menschen keine Familien gründeten oder auswanderten. Mit der Industrialisierung kamen zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten hinzu, etwa Heimarbeit oder außerlandwirtschaftliche Arbeitsplätze in kleineren Industriebetrieben. Heute ist das rein landwirtschaftlich geprägte Bauerndorf die Ausnahme.

Dörfer stehen gegenwärtig unter starkem strukturellem Wandel. Durch das Aussterben kleinbäuerlicher Dorfkultur entfällt besonders in abgelegenen Orten ein Teil der Landschaftspflege. Viele Dorfbewohner verdienen ihr Einkommen als Pendler in nahe gelegenen Ballungsgebieten; in der Schweiz stieg die Zahl der Pendler von 1990 bis 2016 um 38 Prozent. Zur Sicherung und Entwicklung von Dörfern gibt es Maßnahmen wie Dorferneuerungsprogramme, den Europäischen Dorferneuerungspreis und den Bundeswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Sie sollen Bürgerengagement fördern und Lebensqualität sowie Landschaftsbild erhalten oder verbessern.

Der Begriff Dorf wird heute auch für neue Siedlungen oder Einrichtungen verwendet, um Überschaubarkeit oder Abgrenzung zur Großstadt zu betonen. Genannt werden etwa Töpferdorf, Glasmacherdorf, Ökodorf, Storchendorf, Schachdorf, Kinderdorf, Studentendorf, Olympisches Dorf, Feriendorf, Containerdorf, Museumsdorf und Wüstung.

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