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Gleichschaltung
Seit den 1930er Jahren bezeichnet das Wort den Prozess der Abschaffung des Föderalismus und der Vereinheitlichung des gesamten gesellschaftlichen und …
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Kernbegriff und Bedeutung
Gleichschaltung bezeichnet die erzwungene Eingliederung aller sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kräfte in die einheitliche Organisation einer Diktatur. Diese Organisation vereinnahmt und kontrolliert die betroffenen Bereiche ideologisch. Seit den 1930er Jahren steht der Begriff besonders für die Abschaffung des Föderalismus und die Vereinheitlichung des gesellschaftlichen und politischen Lebens während der Machteroberungsphase des Nationalsozialismus.
Ziel der nationalsozialistischen Gleichschaltung war es, bis 1934 den als „Zerrissenheit“ verstandenen Pluralismus in Staat und Gesellschaft aufzuheben. Pluralismus bedeutet, dass verschiedene Parteien, Verbände, Meinungen und gesellschaftliche Gruppen nebeneinander bestehen und politisch wirken können. Gleichschaltung zählt zu den Formen des autoritären Korporatismus, also einer staatlich gelenkten Ordnung, in der gesellschaftliche Gruppen nicht frei handeln, sondern in ein autoritäres System eingebunden werden.
Funktionsweise im Nationalsozialismus
Mit der Gleichschaltung sollten Politik, Gesellschaft und Kultur nach nationalsozialistischen Vorstellungen reorganisiert werden. Viele bestehende Organisationen wurden in NS-Verbände eingegliedert. Für Organisationen, die weiter bestehen durften, bedeutete Gleichschaltung im Wesentlichen drei Dinge: die Beseitigung demokratischer Strukturen zugunsten des „Führerprinzips“, die Einführung antisemitischer Grundsätze durch Entfernung oder Ausschluss von Juden aus leitenden Positionen oder ganzen Organisationen, sowie ein vollständiger oder teilweiser Führungswechsel zugunsten von Anhängern des NS-Regimes.
Das Führerprinzip bedeutete, dass Entscheidungen nicht demokratisch getroffen wurden, sondern von einer hierarchisch übergeordneten Führungsperson ausgingen. Die politische Willensbildung sollte schließlich allein durch Adolf Hitler erfolgen. Nach nationalsozialistischer Vorstellung verkörperte sein Wille den „wahren Volkswillen“.
Gleichschaltung konnte durch direkte Anweisung geschehen. Sie konnte aber auch als „Selbstgleichschaltung“ erfolgen: Organisationen passten sich aus eigenem Antrieb oder aus vorauseilendem Gehorsam an, etwa der Deutsche Hochschulverband oder der Deutsche Richterbund. Andere Verbände lösten sich unter dem Druck selbst auf und beendeten ihre Tätigkeit.
Grundsätzlich war Gleichschaltung mit der Einschränkung oder dem Verlust von Unabhängigkeit, Mündigkeit und Freiheit verbunden. Später wurde der Begriff deshalb auch auf andere historische Situationen angewendet, in denen Gruppen oder Institutionen durch Druck auf eine einheitliche Linie gebracht wurden.
Gesetze und politische Schritte
Wichtige Ausgangspunkte waren zwei Gleichschaltungsgesetze. Das Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933 und das Zweite Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 7. April 1933 nahmen den Ländern ihre politische Selbständigkeit. Das Gesetz vom 31. März 1933 ermächtigte Landesregierungen, selbst Gesetze zu erlassen, auch wenn diese gegen die jeweilige Landesverfassung verstießen. Landtage, Bürgerschaften, Kreistage und Gemeinderäte wurden aufgelöst und nach den Mehrheitsverhältnissen der Reichstagswahl vom März 1933 neu zusammengesetzt; die Mandate der KPD verfielen.
Das Gesetz vom 7. April 1933 setzte in den Ländern Reichsstatthalter mit diktatorischen Befugnissen ein. Sie standen über den Landesregierungen, konnten deren Mitglieder sowie höhere Beamte und Richter entlassen und übernahmen Gesetzgebungskompetenzen. Das Amt des Staatspräsidenten in Baden und Württemberg wurde abgeschafft. In Preußen wurde kein Reichsstatthalter eingesetzt, weil der Preußenschlag vom 20. Juli 1932 die Selbstständigkeit Preußens gegenüber dem Reich bereits beseitigt hatte. Der Historiker Jörg Echternkamp bezeichnete ihn deshalb als „Vorreiter“ der Gleichschaltung der Länder.
Mit dem Gesetz über den Neuaufbau des Reichs vom 30. Januar 1934 wurde der Entzug der Hoheitsrechte der Länder vollendet. Im Februar 1934 wurde auch der Reichsrat abgeschafft. Die Regelung der deutschen Staatsangehörigkeit, bis dahin Ländersache, wurde durch die Verordnung vom 5. Februar 1934 zentralisiert: „Es gibt nur noch eine deutsche Staatsangehörigkeit (Reichsangehörigkeit).“
Weitere zentrale Schritte betrafen den Staat, die Parteien und den öffentlichen Dienst. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 diente der Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes. Am 14. Juli 1933 erklärte das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien die NSDAP zur einzigen politischen Partei in Deutschland. Mit dem Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933 wurde der Einparteienstaat errichtet. Die NSDAP wurde als „Trägerin des deutschen Staatsgedankens“ beschrieben und mit dem Staat unlöslich verbunden.
Eine wichtige Grundlage vieler Maßnahmen war das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Es verschaffte Hitler gesetzgeberische und vertragliche Vollmachten, die zur weiteren Beseitigung von Demokratie und Pluralismus eingesetzt wurden. Außerdem wurde das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers in der Person Adolf Hitlers verschmolzen.
Gesellschaft, Kultur und Medien
Gleichschaltung erfasste nicht nur Staat und Parteien, sondern auch Vereine, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Jugendorganisationen, Sport und Medien. An sich unpolitische Bereiche wurden ideologisch beeinflusst, zum Beispiel Kraftfahrer im Nationalsozialistischen Kraftfahrer-Korps (NSKK). Reit- und Fahrvereine wurden im Nationalsozialistischen Reiterkorps zusammengefasst. Der „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ wurde 1934 gleichgeschaltet. Studentenverbindungen wurden entweder aufgelöst oder als „Kameradschaften“ dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) angegliedert.
In Vereinen wurde Mitte 1933 das Führerprinzip umgesetzt. Formal zeigte sich das etwa daran, dass ein Vereinsvorsitzender „entsprechend der Gleichschaltung neugewählt“ wurde. Seine Vertreter ernannte er anschließend selbst, wobei dies der Genehmigung höherer Stellen unterlag. Der Vorsitzende nannte sich danach nicht mehr „Vorsitzender“, sondern „Führer“.
Auch Universitäten passten sich weitgehend durch Selbstgleichschaltung an. Am 3. März 1933 unterzeichneten 300 Hochschullehrer eine Erklärung zur Unterstützung Hitlers und der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen. Jüdische Professoren verloren Ämter und Lehrbefugnis. Am 11. November 1933 folgte ein Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler, unterzeichnet von etwa 900 Hochschullehrern. Am 1. Mai 1934 wurde ein Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung eingerichtet; Bildung war bis dahin Ländersache. Eine neue Hochschulverfassung vom April 1935 schaffte die akademische Selbstverwaltung weitgehend ab und bestimmte den Rektor als „Führer der Hochschule“.
Die pluralistische Gesellschaft wurde weiter beseitigt, indem Gewerkschaften in die Deutsche Arbeitsfront aufgelöst und Agrarverbände zwangsweise im Reichsnährstand vereinigt wurden. Mit Joseph Goebbels als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ab dem 13. März 1933 begann durch die Reichskulturkammer die Gleichschaltung des kulturellen Lebens.
Ein wichtiger Bereich war die Gleichschaltung der Massenmedien, besonders Zeitungen und Zeitschriften. Die Pressefreiheit wurde aufgehoben. Mit dem Schriftleitergesetz vom Oktober 1933 wurde die Rolle der Presse formal neu geregelt. Die Reichsschrifttumskammer vergab das „Recht zur weiteren Berufsausübung“ an Schriftsteller; „Nichtarier“ wurden ab 1934 konsequent ausgeschlossen. Literatur wurde auf Themen wie Blut-und-Boden-Ideologie, Krieg, soldatisches Heldentum und Volksgemeinschaft ausgerichtet. Bücher, die diesen Vorgaben nicht entsprachen, wurden aus Bibliotheken entfernt. Am 10. Mai 1933 wurden in der „Aktion wider den undeutschen Geist“ der Deutschen Studentenschaft zehntausende Bücher öffentlich verbrannt.
Weitere Beispiele für die Durchdringung der Gesellschaft waren die Hitler-Jugend als einzige anerkannte Jugendorganisation, der Bund Deutscher Mädel, die Organisation Kraft durch Freude und der Nationalsozialistische Reichsbund für Leibesübungen. Im Sport bedeutete Gleichschaltung nicht nur den Ausschluss von Sozialisten und jüdischen Sportorganisationen, sondern auch eine Neuordnung der Sportorganisationen nach Gebietskörperschaften und ab 1938 nach den NSDAP-Gauen.
Begriffliche Problematik und spätere Verwendung
Der Begriff Gleichschaltung ist problematisch, weil er zur Sprache des Nationalsozialismus gehört. Imanuel Geiss bezeichnete ihn als „verharmlosende Umschreibung für die faktische Unterwerfung aller Organe und relevanten Gruppen unter die NS-Herrschaft“. Der Begriff beschreibt also nicht nur Verwaltungsvorgänge, sondern auch Druck, Ausschluss, Entrechtung, ideologische Kontrolle und Terror.
Nach 1945 wurde Gleichschaltung pejorativ verwendet, also abwertend. Damit wurde ausgedrückt, dass verschiedene Phänomene durch Druck auf eine einheitliche Linie gebracht werden. In der wissenschaftlichen Literatur zur Zeit des Ost-West-Konflikts wird der Begriff zum Beispiel für Vorgänge in der SBZ/DDR und in anderen Staaten des Ostblocks verwendet: demokratische Parteien wurden in Blockparteien umgewandelt, Massenorganisationen, Verwaltungen, Justiz und Medien wurden den Regimen unterstellt.
Der Begriff wurde später auch in politischen und medialen Debatten verwendet, etwa im Zusammenhang mit Aussagen von Eva Herman 2007, Günter Grass 2012 und Thilo Sarrazin 2014. Außerdem bezeichneten unter anderem Klaus von Beyme und Ulrich Schmid die zunehmende Kontrolle Wladimir Putins über die Medien Russlands ab dem Jahr 2000 als Gleichschaltung. Ab 2016 wurde der Begriff auch für politische Vorgänge in der Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan verwendet; in einer vertraulichen Einschätzung des Auswärtigen Amtes von 2020 wurden türkische Print- und TV-Medien als „nahezu vollständig gleichgeschaltet“ beschrieben. Auch im Zusammenhang mit dem Chinesischen Sicherheitsgesetz für Hongkong wurde von Gleichschaltung gesprochen.
Der Artikel enthält zudem einen Abschnitt zu aktuellen Entwicklungen in den USA während der zweiten Amtszeit Donald Trumps und zur Umsetzung von Project 2025. Dort wird berichtet, dass in Teilen der internationalen Presse, von deutschen Politikern und aus der Politikwissenschaft der Vorwurf einer Gleichschaltung erhoben werde, teils mit Vergleichen zur historischen Gleichschaltung in Deutschland nach 1933. Der Abschnitt ist ausdrücklich als aktuelles Ereignis gekennzeichnet; die Informationen können sich rasch ändern, und Teile gelten laut Artikel seit Oktober 2025 als möglicherweise nicht mehr aktuell.